{"id":1324,"date":"2016-03-21T15:15:22","date_gmt":"2016-03-21T13:15:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.vordenker.de\/blog\/?p=1324"},"modified":"2016-05-09T23:52:12","modified_gmt":"2016-05-09T21:52:12","slug":"top-2-17-03-2016-lt-nrw-kulturelle-vielfalt-als-wirtschaftlichen-erfolgsfaktor-nutzen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.vordenker.de\/blog\/1324\/top-2-17-03-2016-lt-nrw-kulturelle-vielfalt-als-wirtschaftlichen-erfolgsfaktor-nutzen\/","title":{"rendered":"TOP 2, 17.03.2016 &#8211; LT NRW &#8211; Kulturelle Vielfalt als wirtschaftlichen Erfolgsfaktor nutzen"},"content":{"rendered":"<p>Meine Rede zu TOP 2 am 17.03.2016, Kulturelle Vielfalt als wirtschaftlichen Erfolgsfaktor nutzen &#8211; Antrag der Fraktion der SPD und der Fraktion B\u00dcNDNIS 90\/DIE GR\u00dcNEN &#8211; Drucksache 16\/11427<br \/>\n<iframe loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/zBOqS62VSM4\" width=\"445\" height=\"250\" frameborder=\"0\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\"><\/iframe><\/p>\n<p>Vizepr\u00e4sident Eckhard Uhlenberg: Vielen Dank, Herr Kollege Hafke. \u2013 F\u00fcr die Fraktion der Piraten spricht Herr Dr. Paul.<!--more--><\/p>\n<p>Dr. Joachim Paul (PIRATEN): Vielen Dank. \u2013 Herr Pr\u00e4sident! Sehr geehrte Damen und Herren! Liebe Menschen mit Migrationshintergrund!<\/p>\n<p>Man muss sich das ab und zu vor Augen f\u00fchren; denn eigentlich sind wir alle Afrikaner. Vor 7.000 bis 8.000 Jahren \u2013 das haben neuere Untersuchungen ergeben; ich verfolge so etwas gern \u2013 hatten wir alle noch eine dunkle Hautfarbe. Das m\u00f6chte ich vorwegschicken.<\/p>\n<p>Wohlstand und Zufriedenheit werden geschaffen, wenn jeder Mensch sein volles Potenzial in die Gesellschaft einbringen kann, egal, ob er oder sie Lisa, Tarek oder Dunja hei\u00dft. Ich denke, das ist die gemeinsame Auffassung von uns allen zu diesem Antrag.<\/p>\n<p>Der gesellschaftliche Pluralismus wird auch im 21. Jahrhundert leider noch immer nicht von allen Menschen akzeptiert. Das machen nicht zuletzt die letzten Wahlerfolge deutlich. Ich m\u00f6chte an der Stelle anf\u00fcgen: Kulturelle Isolation hat zu keinem Zeitpunkt und nirgendwo auf der Welt zu irgendetwas Sinnvollem gef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Innovation hatte immer drei Voraussetzungen. Erstens: Unterschiedliche Identit\u00e4ten begegnen einander und kommunizieren miteinander. Zweitens: eine relative wirtschaftliche Sicherheit. Und drittens: Bildung.<\/p>\n<p>Darum geht es jetzt auch, denke ich. Ich m\u00f6chte das zumindest gern aus dem Subtext dieses rot-gr\u00fcnen Antrags herauslesen k\u00f6nnen. Jeder Jeck ist anders. Diese Einsicht tut weder weh noch ist sie eine Bedrohung der eigenen Identit\u00e4t. Sie kann vielmehr das Leben in einer Gesellschaft kulturell und nat\u00fcrlich auch wirtschaftlich bereichern. Heute geh\u00f6ren Menschen mit Migrationshintergrund zu einer Minderheit. Etwa 25 % sind es in Nordrhein-Westfalen. Nach Angaben des j\u00fcngsten Teilhabe- und Integrationsberichts besitzt bei den Ein- bis Zweij\u00e4hrigen aber bereits mehr als jedes zweite Kind in NRW einen Zuwanderungshintergrund. Kulturelle Vielfalt ist also schon heute Realit\u00e4t und wird in Zukunft noch viel selbstverst\u00e4ndlicher sein. Und das ist gut so.<\/p>\n<p>Ich frage Sie: Warum sollte der n\u00e4chste Habermas, der n\u00e4chste Peter Gr\u00fcnberg oder der n\u00e4chste Werner von Siemens keinen zun\u00e4chst fremdl\u00e4ndisch klingenden Namen tragen? \u2013 Viele junge motivierte Menschen ziehen zu uns nach Deutschland. Lassen Sie uns dieses Potenzial bitte nicht brachliegen. Lassen Sie uns vor allem aus den Fehlern der Vergangenheit lernen, als man noch von Gastarbeitern sprach, die nur einfache T\u00e4tigkeiten in der Industrie ausf\u00fchrten und danach wieder in ihre Heimatl\u00e4nder zur\u00fcckkehren sollten.<\/p>\n<p>Kulturelle Vielfalt setzt auch Kreativit\u00e4t frei. Das ist wichtiger denn je; denn in der heutigen Wissens\u00f6konomie z\u00e4hlen die K\u00f6pfe und weniger die Beine. Schon heute studieren an der Universit\u00e4t Duisburg-Essen \u2013 um ein Beispiel zu nennen \u2013 Menschen aus \u00fcber 140 Herkunfts-l\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Der vorliegende Antrag von Rot-Gr\u00fcn fordert jetzt also die Regierung auf, F\u00f6rder- und Beratungsangebote aufzubauen, um die Gr\u00fcndungs- und \u00dcbergabeaktivit\u00e4ten von Menschen mit Migrationshintergrund zu erleichtern und ihre Repr\u00e4sentation in den Kammern zu st\u00e4rken. Solch ein Programm kann in der Tat dort Erfolge zeigen, wo es wirklich migrantenspezifische H\u00fcrden gibt. Dazu haben Sie selbstverst\u00e4ndlich unsere Zustimmung.<\/p>\n<p>Ich bin allerdings auch der Auffassung, dass es in vielen F\u00e4llen v\u00f6llig egal ist, ob jemand aus dem Ausland kommt oder nicht, wenn er oder sie vor dem Dickicht aus Vorgaben, H\u00fcrden und b\u00fcrokratischen Abl\u00e4ufen steht, der in Deutschland regelt, wer welche T\u00e4tigkeit aus\u00fcben oder ein Unternehmen in welchen Bereichen gr\u00fcnden darf.<\/p>\n<p>Doch anstatt diese H\u00fcrden abzubauen, wollen Sie weitere Fortbildungs- und Informationsprogramme aufbauen und so noch mehr Dickicht im F\u00f6rderdschungel schaffen. Das ist genau der falsche Weg. Da w\u00fcrde ich mir gerade von Rot-Gr\u00fcn mehr Mut w\u00fcnschen.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem m\u00f6chte ich noch auf einen Punkt hinweisen. Sie wollen kulturelle Vielfalt als Erfolgsfaktor nutzen. Nur 1,4 % der Migrantinnen und Migranten sind als Beamte t\u00e4tig, aber 7,2 % der Menschen ohne Migrationshintergrund. Die haben eigentlich auch einen; ich habe das eingangs gesagt. Dieses Missverh\u00e4ltnis war bereits des \u00d6fteren Thema im Landtag. Ein Durchbruch ist aber bislang noch nicht erreicht worden. Also auch hier gibt es im Sinne aller Menschen mit Migrationshintergrund noch viel zu tun.<\/p>\n<p>Zudem kommt eines in Ihrem Antrag leider zu kurz. Bei den Unternehmensgr\u00fcndungen z\u00e4hlt Qualit\u00e4t und nicht Quantit\u00e4t. Wenn man sich die Zahlen anschaut, dann wird ersichtlich, dass der Selbstst\u00e4ndigenanteil unter den Erwerbst\u00e4tigen mit Migrationshintergrund bei 9,6 % und damit nur geringf\u00fcgig unter dem von Menschen ohne Migrationshintergrund mit 10,3 % liegt. Das stammt aus dem Teilhabe- und Integrationsbericht 2016. Das brachliegende Potenzial liegt also in erster Linie bei wissens- und technologiebasierten Gr\u00fcndungen und nicht darin, dass die Masse an Gr\u00fcndungen fehlt, wie Ihr Antrag impliziert.<\/p>\n<p>Wir d\u00fcrfen am Ende nicht vergessen \u2013 das ist die traurige Wahrheit \u2013, dass Menschen mit Migrationshintergrund noch immer den Weg in die Selbstst\u00e4ndigkeit gehen m\u00fcssen, weil ihre Qualit\u00e4ten auf dem Arbeitsmarkt nicht anerkannt werden. Die Selbstst\u00e4ndigkeit ist also oft aus der Not heraus geboren. Das liegt zum einen daran, dass die Abschl\u00fcsse der Migranten nicht anerkannt werden. So ergeht es \u2013 laut Mikrozensus 2014 \u2013 30 % der Migranten, die aus diesem Grund einen anderen als ihren erlernten Beruf aus\u00fcben m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Wir leben leider immer noch in einem Land, in dem eben nicht gefragt wird: \u201eWas kannst du?\u201c, sondern: \u201eWelches Zeugnis hast du in der Tasche?\u201c Das macht es den Migranten besonders schwer und stellt der Integration weitere unn\u00f6tige H\u00fcrden in den Weg.<\/p>\n<p>Aber auch Diskriminierung spielt eine Rolle. Untersuchungen zeigen, dass sich Jugendliche mit Migrationshintergrund sehr viel h\u00e4ufiger bewerben und entsprechend viele Ablehnungen bekommen. Rund 60 % der ausbildenden Betriebe haben noch immer keine Auszubildenden mit Migrationshintergrund. Damit bin ich nicht zufrieden, und damit k\u00f6nnen auch Sie nicht zufrieden sein. Hier ist noch viel Arbeit zu erledigen.<\/p>\n<p>Wir stimmen der \u00dcberweisung in die Fachaussch\u00fcsse selbstverst\u00e4ndlich zu.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte Ihnen zum Abschluss noch etwas erz\u00e4hlen, was mich vor einigen Jahren \u2013 2001 war das, glaube ich \u2013 sehr beeindruckt hat: ein Essay von Thomas Kleine-Brockhoff mit dem f\u00fcr mich etwas ungl\u00fccklich klingenden Titel \u201eWenn Rassenruhe ausbricht\u201c. Er schildert dort eine Vorstadtsiedlung in einer gr\u00f6\u00dferen Stadt, in der Menschen aus 177 Herkunftsl\u00e4ndern friedlich zusammenleben. Die Fragen sind: Was sind die Voraussetzungen daf\u00fcr? Was muss passieren, damit so etwas geht?<\/p>\n<p>Ich hatte es gesagt, und ich m\u00f6chte es noch einmal verst\u00e4rken: Diesen Menschen gemein sind unterschiedliche Identit\u00e4ten, die zu Kreativit\u00e4t f\u00fchren, sowie eine gewisse wirtschaftliche Sicherheit und Bildung. \u2013 Es handelt sich bei dieser Vorstadtsiedlung \u00fcbrigens um einen Vor-ort von San Jos\u00e9 im Silicon Valley. Das Silicon Valley kann man aus anderen Gr\u00fcnden sicherlich kritisieren, aber wir k\u00f6nnen nicht bestreiten, dass dort Innovation entsteht. \u2013 Vielen Dank.<\/p>\n<p>(Beifall von den PIRATEN)<\/p>\n<p>Vizepr\u00e4sident Eckhard Uhlenberg: Vielen Dank, Herr Dr. Paul. \u2013 F\u00fcr die Landesregierung spricht Herr Minister Duin.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Meine Rede zu TOP 2 am 17.03.2016, Kulturelle Vielfalt als wirtschaftlichen Erfolgsfaktor nutzen &#8211; Antrag der Fraktion der SPD und der Fraktion B\u00dcNDNIS 90\/DIE GR\u00dcNEN &#8211; Drucksache 16\/11427 Vizepr\u00e4sident Eckhard Uhlenberg: Vielen Dank, Herr Kollege Hafke. \u2013 F\u00fcr die Fraktion der Piraten spricht Herr Dr. Paul.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[42,299,375,288,231],"tags":[443,441,442,433,444],"class_list":["post-1324","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-bildungspolitik","category-piratenfraktion-nrw","category-plenarrede-landtag-nrw","category-sozialpolitik","category-wirtschaftspolitik","tag-foerderung","tag-gruenderkultur","tag-kulturelle-vielfalt","tag-nrw","tag-selbststaendigkeit"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.vordenker.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1324","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.vordenker.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.vordenker.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.vordenker.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.vordenker.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1324"}],"version-history":[{"count":5,"href":"http:\/\/www.vordenker.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1324\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1375,"href":"http:\/\/www.vordenker.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1324\/revisions\/1375"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.vordenker.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1324"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.vordenker.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1324"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.vordenker.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1324"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}