{"id":1485,"date":"2016-08-09T20:26:45","date_gmt":"2016-08-09T18:26:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.vordenker.de\/blog\/?p=1485"},"modified":"2023-09-15T17:18:39","modified_gmt":"2023-09-15T15:18:39","slug":"rudolf-kaehr-1942-2016-versuch-eines-nachrufs","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.vordenker.de\/blog\/1485\/rudolf-kaehr-1942-2016-versuch-eines-nachrufs\/","title":{"rendered":"Rudolf Kaehr (1942 \u2013 2016) \u2013 Versuch eines Nachrufs"},"content":{"rendered":"<p>(geb. 20.02.1942 in Biel, Schweiz &#8211; verstorben 04.07.2016 in Glasgow, Schottland)<\/p>\n<p>Dieser Beitrag ist Rudolf Kaehr gewidmet, seiner Lebensgef\u00e4hrtin, seiner Familie, seinen Freundinnen und Freunden, seinen Bekannten, seinen Kolleginnen und Kollegen, die ihn sch\u00e4tzen und lieben und die in Trauer miteinander verbunden sind.<\/p>\n<p>Am 4. Juli 2016 verstarb Dr. Rudolf Kaehr pl\u00f6tzlich und unerwartet in seiner Wohnung in Glasgow. Er wurde mitten aus seiner Arbeit gerissen.<\/p>\n<p>Manchmal dauert es eine kleine Weile, bevor \u00fcberhaupt realisiert werden kann, <strong>wer<\/strong> da gerade von uns gegangen ist. Der Verlust des Freundes schockt und wirkt unmittelbar und umso schwerer wenn nicht gar unm\u00f6glich ist es, dem Menschen Rudolf Kaehr und seinem au\u00dfergew\u00f6hnlichen Leben in einem Nachruf \u00fcberhaupt gerecht werden zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: center;\"><iframe loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/SIpVMgHIIEE\" width=\"445\" height=\"250\" frameborder=\"0\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\"><\/iframe><br \/>\nAusschnitte (16 min) aus FREISTIL VIII oder Die Seinsmaschine &#8211;<br \/>\nMitteilungen aus der Wirklichkeit &#8211; von Thomas Schmitt &#8211; TAG\/TRAUM \/ WDR \/ 1991 \/ 44 Min.<\/h5>\n<p>Wir haben einen gro\u00dfen, warmherzigen Menschen und brillianten Wissenschaftler verloren, einen herausragenden und dabei ausnahmslos dialektischen Denker des 20. und 21. Jahrhunderts.<!--more--><\/p>\n<p>Rudolf Kaehr studierte u.a. an der FU Berlin Psychologie, Linguistik, insb. Philosophie, mathematische Logik (in M\u00fcnster bei Herbert Stachowiak) und Mathematik und promovierte bei dem Logiker, Philosophen und Grundlagenforscher der Kybernetik, Gotthard G\u00fcnther (Biological Computer Laboratory, Urbana, USA) in Hamburg mit summa cum laude.<\/p>\n<figure id=\"attachment_1501\" aria-describedby=\"caption-attachment-1501\" style=\"width: 200px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1501 size-full\" src=\"http:\/\/www.vordenker.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/ggkae-sh.jpg\" alt=\"ggkae-sh\" width=\"200\" height=\"278\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1501\" class=\"wp-caption-text\">Rudolf Kaehr und Gotthard G\u00fcnther<\/figcaption><\/figure>\n<p>Noch als wissenschaftlicher Hilfsassistent vertrat er 1968 den Philosophen Paul Feyerabend bei seinen <a href=\"http:\/\/www.thinkartlab.com\/Feyerabend\/Feyerabend-Telegram.htm\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Seminaren an der FU Berlin<\/a>, der in London gerade mit den Beatles in einer Bar versackt war.[1]<\/p>\n<p>Ab 1972 organisierte Kaehr an der FU Berlin <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/rk\/rk_comp_meta.htm\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Vortr\u00e4ge von Gotthard G\u00fcnther<\/a>, der zu dieser Zeit von den USA nach Hamburg \u00fcbersiedelte und begleitete den Philosophen zu weiteren Vortr\u00e4gen an die Akademie der Wissenschaften der DDR nach Ostberlin.[2] Die Zusammenarbeit resultierte in einem Promotions-verh\u00e4ltnis.<\/p>\n<p>Sein Doktorvater Gotthard G\u00fcnther schreibt \u00fcber ihn in einem Brief an Heinz von Foerster am 25.07.1978:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Zu dem, was Mieke (Anm.: Marie, die Ehefrau G\u00fcnthers) \u00fcber Kaehr geschrieben hat, will ich noch einiges hinzuf\u00fcgen. Kaehr ist ein crackpot von astronomischen Gr\u00f6\u00dfenma\u00dfen. (&#8222;crackpot&#8220;, engl.: Spinner, Verr\u00fcckter, Irrer, Anm. JP) Aber er kann etwas. Er hat die proemielle Relation, die Dir aus meiner Arbeit \u201e<a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/ggphilosophy\/e_und_w.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Cognition and Volition<\/a>\u201c bekannt sein sollte, genommen und auf ihrer Basis eine mehrwertige Logik mit Morphogrammen aufgebaut. Das ist im Wesentlichen auf der Basis meines Buches \u201eIdee und Grundriss einer nicht-aristotelischen Logik\u201c geschehen. [\u2026.] Jedenfalls ist bei Kaehr \u2013 wenn er geruht, sich mit Dir in Verbindung zu setzen, was ich nicht wei\u00df, Neues zu finden.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<figure id=\"attachment_1502\" aria-describedby=\"caption-attachment-1502\" style=\"width: 445px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1502 size-full\" src=\"http:\/\/www.vordenker.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/hvf-kae445.jpg\" alt=\"hvf-kae445\" width=\"445\" height=\"376\" srcset=\"http:\/\/www.vordenker.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/hvf-kae445.jpg 445w, http:\/\/www.vordenker.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/hvf-kae445-300x253.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 445px) 100vw, 445px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1502\" class=\"wp-caption-text\">Rudolf Kaehr und Heinz von Foerster<\/figcaption><\/figure>\n<p>Damit w\u00fcrdigt G\u00fcnther die Entwicklung wesentlicher formaler Anteile seiner Polykontexturalen Logik als Leistung von Rudolf Kaehr. Mehr noch, er ehrte seinen Promovenden zus\u00e4tzlich, indem er Kaehrs Dissertation <em>\u201eMaterialien zur Formalisierung der Dialektischen Logik und der Morphogrammatik 1973-1975\u201c<\/em>[3] in die 2. Auflage seines Werkes <em>\u201eIdee und Grundriss einer nicht-aristotelischen Logik\u201c<\/em> als Anhang mit hinein nahm. Kaehr war es letztlich auch, der herausfand, dass es neben der von G\u00fcnther entwickelten offenen Proemialrelation auch noch eine geschlossene Form geben muss.<\/p>\n<p>1985 besuchte Eberhard von Goldammer Rudolf Kaehr in seiner Wohnung in der Goethestra\u00dfe in Berlin. Laut Rolfs glaubhaft-humorvoller Versicherung war Eberhard, <em>\u201eder einzige Mann, der mir jemals einen Strau\u00df Blumen mitgebracht hat\u201c<\/em>. Von Goldammer \u00fcberzeugte Kaehr, die Leitung des Instituts f\u00fcr theoretische Biowissenschaften an der Universit\u00e4t Witten\/Herdecke (1987 \u2013 1990) zu \u00fcbernehmen.<\/p>\n<p>1987 bis 1993 waren wissenschaftlich und menschlich sehr fruchtbare Jahre, es entstanden lange dar\u00fcber hinaus andauernde Freundschaften, Kooperationen und nicht zuletzt auch ein ganzes B\u00fcndel <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/vgo\/vgo_ein-ungeliebtes-forschungsprojekt.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">an innovativen Publikationen<\/a> [4]. Jedoch, und das muss hier ganz unverhohlen gesagt werden, warf die ideologisch motivierte Universit\u00e4tsleitung Rudolf Kaehr und Eberhard von Goldammer immer wieder Kn\u00fcppel zwischen die Beine. Der damalige Pr\u00e4sident der UWH, Konrad Schily, bemerkte Kaehr gegen\u00fcber einmal, seine Logik sei ihm, Schily, <em>&#8222;zu kristallin&#8220;. <\/em>Dies f\u00fchrte letztlich zum Ende beider Institute von Kaehr und von Goldammer und ihrer Arbeitsgruppen, nicht jedoch zum Ende ihrer Zusammenarbeit.<\/p>\n<p>Es folgten Projekte an der Kunsthochschule f\u00fcr Medien in K\u00f6ln zu den Themen anthropomorpher Schnittstellen und Kreativit\u00e4t, eine Gastprofessur f\u00fcr Philosophie an der St\u00e4delschule Frankfurt sowie zahlreiche Seminare und Vortr\u00e4ge. Ende der 90er Jahre \u00fcbersiedelte er nach Glasgow, Schottland. Mit Ausnahme einer Gastprofessur an der Goldsmith University London war er in seinem &#8222;Thinkartlab&#8220; als freier Grundlagenforscher t\u00e4tig. In dieser Zeit entwickelte er auch die Diamond Theory, eine formal-applikative Umsetzung der Proemialrelation, die dar\u00fcber hinaus auch als eine polykontexturale Erweiterung des Tetralemma-Verfahrens (Catu\u1e63ko\u1e6di) verstanden werden kann.<\/p>\n<p>Rudolf Kaehr war frei von jeglicher doktoraler oder professoraler Arroganz und ertrug in seinen Seminaren mit H\u00f6flichkeit und Engelsgeduld noch die allerbl\u00f6deste Zwischenfrage: im Gegenteil, oft nutzte er Zwischenfragen, um sich in andere Kontexte tragen zu lassen und den gerade zu erl\u00e4uternden Sachverhalt aus einem neuen Blickwinkel zu beleuchten.<\/p>\n<p>Seine didaktische Virtuosit\u00e4t bestand u.a. auch darin, seinen Gegen\u00fcber aus seinem geistigen Zuhause &#8211; bei mir war das Mitte der 80er ein dezenter, gleichwohl noch recht unreflektierter Physikalismus \u2013 in eine andere Denkwelt zu katapultieren und ihn den Weg nach Hause allein finden zu lassen. Hatte man den Weg dann endlich gefunden, musste man feststellen, dass sich das Zuhause inzwischen ver\u00e4ndert hatte. Diese Vorgehensweise kann auch kritisiert werden, jedoch l\u00e4sst sie dem Gegen\u00fcber immer die individuelle Freiheit, sich darauf einzulassen &#8211; oder auch nicht. Diejenigen, die sich darauf einlie\u00dfen, erfuhren in der Kommunikation mit ihm ein zunehmendes Ma\u00df an eigener Freiheit im Denken und Handeln, an Inspiration und eigenen M\u00f6glichkeiten.<\/p>\n<p>Auf meine Frage, was denn sein eigentliches wissenschaftliches Ziel sei, antwortete er mir einmal in seiner humorvoll-lakonischen Art, mit Letztfragen umzugehen: <em>\u201eMein Ziel ist die Erweiterung des Nichts\u201c<\/em>. Ich habe 10 Jahre gebraucht, um zu kapieren, was er damit sagen wollte.<\/p>\n<p>Anderen ging es offenbar \u00e4hnlich. So schrieb Hans-J\u00f6rg Rheinberger, damals Executive Director des Max-Planck-Institutes f\u00fcr Wissenschaftsgeschichte in Berlin, als <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/rk\/hj_rhein-kommentar.htm\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Kommentar zu Rudolf Kaehrs Beitrag<\/a> <em>&#8222;<a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/rk\/rk_stoerung.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Zur Verst\u00f6rung des (H)ortes der Zerst\u00f6rung<\/a>&#8222;<\/em> [5,6]:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eIch vermag nur zu ahnen, was sich in Rudolfs Text abspielt, worauf er hinaus will. Das war ja schon damals, vor \u00fcber drei\u00dfig Jahren &#8222;Auf dem Grat&#8220;, sein vergebliches Bem\u00fchen, Leuten wie mir die mehrwertige Logik von Gotthard G\u00fcnther nahezubringen. &#8222;Das Novum der Kenogrammatik gegen\u00fcber der Semiotik&#8220;, hei\u00dft es in seinem Essay, &#8222;besteht darin, dass die transzendentalen Voraussetzungen der Semiotik, d.h. die kognitiven Prozesse der Abstraktionen der Identifizierbarkeit und der Iterierbarkeit, also die Bedingungen ihrer M\u00f6glichkeit in einen innerweltlichen, d.h. konkret-operativen Zusammenhang gebracht werden.&#8220; Dennoch meine ich, etwas hinter diesem ungeheueren Satz vermuten zu k\u00f6nnen. Identifikation und Iteration als konkret-operativer, innerweltlicher Zusammenhang? Ja! Da stellt sich ein Bild ein. So ungef\u00e4hr stelle ich mir den Prozess der experimentellen Erkenntnisgewinnung vor, den material-vermittelten Forschungsvorgang. Auch er ist im Prinzip unabschlie\u00dfbar und hat keinen sinnvoll angebbaren singul\u00e4ren Ausgangspunkt. Das hei\u00dft, dass es ihn nur gibt in der ihm eigenen Rekursivit\u00e4t, in seiner Getriebenheit durch seine eigene Bewegung. Er l\u00e4uft in sich zur\u00fcck aufgrund einer konstitutiven Identit\u00e4tsverfehlung, und das ist genau das, was ihn im Gang h\u00e4lt. Der Semiosis der Forschung kommt man weder auf klassisch erkenntnistheoretischem noch auf klassisch logischem Wege bei.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Rekursivit\u00e4t und Selbstreferenz als wesentliche Themen und Beweger des eigenen Denkens, Forschens und Schreibens stellen Kaehr ebenso wie seinen Doktorvater Gotthard G\u00fcnther \u2013 und andere &#8211; au\u00dferhalb eines wissenschaftlichen Mainstreams, der lediglich auf die positivsprachlichen Aspekte unseres Denkens zur\u00fcckgreift, in denen Rekursion ganz zwangsl\u00e4ufig immer wieder auf das simple Feedback zur\u00fcckf\u00e4llt.<\/p>\n<p>Gleichwohl genie\u00dft Rudolf Kaehr innerhalb der wissenschaftlichen Szene h\u00f6chstes Ansehen und gro\u00dfe Wertsch\u00e4tzung. Der Soziologe Dirk Baecker bewundert ihn f\u00fcr seine Unbestechlichkeit und Pr\u00e4zision. Friedrich Kittler empfand Zeit seines Lebens gr\u00f6\u00dften Respekt f\u00fcr Rudolf Kaehr und seine Arbeit, obwohl Kaehr Kittlers medienphilosophischen Ansatz als <em>\u201eetwas zu milit\u00e4risch gepr\u00e4gt\u201c<\/em> kritisierte.<\/p>\n<p>Dieses \u201eAu\u00dferhalb\u201c ist simultan dazu auch ein \u201eMittendrin\u201c &#8211; wie etwa auf der\/den Seite(n) eines M\u00f6biusbandes f\u00fcr diejenigen, die eine \u201eeher graphische Metapher\u201c bevorzugen &#8211; denn Kaehr hielt mit seiner Kritik sowohl am FuE-Mainstream als auch an der kontinentalen sowie an der analytischen Philosophie keineswegs hinter dem Berg. In seinem Aufsatz <em>\u201e<a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/ggphilosophy\/kaehr_einschr-in-zukunft.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Einschreiben in Zukunft<\/a>\u201c <\/em>[7] sagt er:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eDass in der positivsprachlichen Konzeption von Operativit\u00e4t, Strukturalit\u00e4t, Prozessualit\u00e4t usw. das exakte und operative Denken und Handeln \u00fcberhaupt zu seinem konzeptionellen Abschluss ge\u00adkommen sei, es kann dabei auf die Limitationstheoreme von G\u00f6del-Rosser\u2011Church\u2011Markov hingewiesen werden\u00a0 und dass daher das einzige non\u2011restriktive Medium einer Dekonstruktion der abendl\u00e4ndischen Metaphysik die Dichtung sei, da nur sie ohne Referenz auf eine vorgegebene Pr\u00e4senz sich voll\u00adziehe, ist ein seit Hegels Attacken gegen den Formalismus in der Philosophie ge\u00adl\u00e4ufiger Topos, der nichtsdestotrotz ohne Beweis geblieben ist.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Bringt man dies zusammen mit den einleitenden Worten zu seinen <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/rk\/rk_dortmund.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Dortmunder Betrachtungen zu Selbstreferentialit\u00e4t und Kalk\u00fcl<\/a> [8], in denen er auf eine ernste Warnung Heinz von Foersters zur\u00fcckgreift:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eHeinz von Foerster hat immer wieder darauf hingewiesen, dass die neuen Bewegungen des Denkens, der \u00dcbergang etwa von der Selbstorganisationstheorie zur Autopoiese, der Paradigmawechsel, den der Radikale Konstruktivismus beansprucht, eines operativen Organons bedarf, wenn sie sich nicht wieder in der Inflation des Geredes aufl\u00f6sen sollen.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>&#8211; dann wird deutlich, dass es Kaehr seine ganze wissenschaftliche Vita hindurch um eben jene Entwicklung eines Organons geht, das eine formale Einschreibung von Selbstreferentialit\u00e4t erm\u00f6glicht.<\/p>\n<p>Mehr noch, <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/ggphilosophy\/kaehr_tdstruktur_maschine_kenogr.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">er bringt die kenogrammatischen Strukturen in Bezug zu sprachtheoretischen Ans\u00e4tzen<\/a>, etwa der differ\u00e1nce von Jacques Derrida.[9]<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-1503 size-medium\" src=\"http:\/\/www.vordenker.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/rudolf445-224x300.jpg\" alt=\"rudolf445\" width=\"224\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.vordenker.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/rudolf445-224x300.jpg 224w, http:\/\/www.vordenker.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/rudolf445.jpg 445w\" sizes=\"auto, (max-width: 224px) 100vw, 224px\" \/>Und es war diese <em>\u201eInflation des Geredes\u201c<\/em>, von der er Heinz von Foerster sprechen l\u00e4sst, die ihn in seinen letzten beiden Lebensjahrzehnten immer mehr von der zeitgen\u00f6ssischen philosophischen \u201ePoetik\u201c abstie\u00df. Auf meine Frage nach neueren medienphilosophischen Ans\u00e4tzen, etwa dem Bernhard Stieglers, antwortete er mir am Telefon aus dem fernen Glasgow: <em>\u201eJochen, ich mag das ganze Zeugs gar nicht mehr lesen.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Gleichwohl haben wir alle es seiner ihm eigenen Ambiguit\u00e4t zu verdanken, dass er f\u00fcr den Dialog, auch den philosophischen, immer offen war und ich verdanke ihm ganz pers\u00f6nlich, dass er mich zum \u2013 auch philosophischen \u2013 Schreiben ermutigt und geradezu aufgefordert hat.<\/p>\n<p>Er wendet sich nunmehr formalen und technischen Aspekten zu, das von Leon Chua 1971 erstmals geforderte passive elektronische Bauelement \u201eMemristor\u201c, des Widerstandes, der sich \u201ean den Strom erinnert, der zuletzt durch ihn geflossen ist\u201c, und dessen technische Realisierung durch Hewlett-Packard inspirieren ihn zur Memristik, einer Theorie der memristiven Systeme.<\/p>\n<p>Gleichwohl setzt er dem aufkommenden Hype um den neuen elektronischen Baustein eine Kritik entgegen, in der er sich gegen die in der Informatik vorherrschende Konzeption von Lernen wendet. Er weist auf zwei bislang in der Informatik \u00fcbersehene Probleme hin: das der Selbstreferentialit\u00e4t und das sog. Lokalisierungsproblem.<\/p>\n<p>Die Memristik, die formal auf der Polykontexturalit\u00e4tstheorie aufbaut, steht damit auch in einem scharfen Gegensatz zu den modernen Unternehmungen einer Artificial Life Bewegung und den Bestrebungen zum Quantum Computing.<\/p>\n<p>Wenn nun die Hardware anstatt der Software \u201elernen\u201c soll, so wie dies von Jianhua Yang von HP angek\u00fcndigt ist, dann muss der Lernprozess, so Kaehr, seinen materialen Ort, seine eigene Raum-\/Zeit-Struktur haben. Dem widerspricht aber jegliches klassisch herk\u00f6mmliche Konzept von \u201esoftware\u201c, das prinzipiell keinen Ort kennt.[<a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/rk\/Why-Not.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">10<\/a>]<\/p>\n<blockquote><p>\u201eThe learning matter (or the materiality of learning) is not a bowl of porridge. The \u2018materiality of learning\u2019 has its own time\/space-structure. Hence any behavioral pattern, like a logical implication, in such a system is marked by the place it takes. Any design of a \u2018cognitive\u2019 pattern in a memristive system has to be addressed by the place it takes. The structural laws are designed by the memristive matter and not by a program of a theoretical formal system from the outside.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<figure id=\"attachment_1514\" aria-describedby=\"caption-attachment-1514\" style=\"width: 445px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1514 size-full\" src=\"http:\/\/www.vordenker.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/rk-vgo-jp-20100718.jpg\" alt=\"rk-vgo-jp-20100718\" width=\"445\" height=\"230\" srcset=\"http:\/\/www.vordenker.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/rk-vgo-jp-20100718.jpg 445w, http:\/\/www.vordenker.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/rk-vgo-jp-20100718-300x155.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 445px) 100vw, 445px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1514\" class=\"wp-caption-text\">v.r.n.l. Rudolf Kaehr, Eberhard von Goldammer, Joachim Paul, Treffen anl\u00e4sslich eines Kolloquiums am ZKM, Karlsruhe, &#8222;Was wird denken hei\u00dfen?&#8220; am 18. Juli 2010 &#8211; Foto: Oliver Bandel<\/figcaption><\/figure>\n<p>Zuletzt arbeitet er an der Konstruktion zellul\u00e4rer Automaten auf Basis der Morphogrammatik mit Hilfe der in Stephen Wolframs Programmpaket <em>Mathematica<\/em> enthaltenen Programmiersprache. Diese Simulationen zellul\u00e4rer Automaten verm\u00f6gen als <a href=\"https:\/\/soundcloud.com\/morphicalgorithms\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Output Pixelfelder und Klangsequenzen<\/a> zu produzieren, die weit \u00fcber das hinausgehen, was von herk\u00f6mmlichen zellul\u00e4ren Automaten bekannt ist. Einige der Audiopatterns erinnerten ihn an die <a href=\"https:\/\/soundcloud.com\/morphicalgorithms\/machinesoundmnp71-11\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Spielweise des Jazzpianisten Cecil Taylor<\/a>.<\/p>\n<p>Rudolf Kaehr lehnte Personenkulte \u2013 beispielweise die um Internet-\u201cGurus\u201c wie Jaron Lanier \u2013 strikt ab als r\u00fcckw\u00e4rtsgewandte und die lebendige Auseinandersetzung blockierende Kulturelemente. Es ist daher lediglich eine Frage der Fairness und der Vollst\u00e4ndigkeit, wenn seinem Geviert der Weltmodelle an Position 4 sein Name hinter dem G\u00fcnthers eingef\u00fcgt wird.<\/p>\n<blockquote><p>\u201eZwischen Welt und Logik-Kalk\u00fcl gibt es in der Graphematik prinzipiell nur vier Stellungen:<br \/>\n1. eine Welt\/eine Logik (Tarski, Scholz),<br \/>\n2. eine Welt\/viele Logiken (Grosseteste, Wilson),<br \/>\n3. viele Welten\/eine Logik (Leibniz, Kripke) und<br \/>\n4. viele Welten\/viele Logiken (G\u00fcnther, Kaehr, Derrida).<br \/>\nNach dieser Schematik regelt sich das Verh\u00e4ltnis von Realit\u00e4t(en) und Rationalit\u00e4t(en).\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Rudolf Kaehr bereicherte das Leben Vieler. Und ich bin dankbar, einer dieser Vielen zu sein.<\/p>\n<p>Joachim Paul, Neuss, den 09. August 2016<\/p>\n<h3>Quellennachweise<\/h3>\n<p>[1] http:\/\/www.thinkartlab.com\/Feyerabend\/Feyerabend-Telegram.htm<\/p>\n<p>[2] Kaehr, Rudolf; Computation and Metaphysics; in: ARIFMOMETR &#8211; An Archaeology of Computing in Russia; Georg Trogemann, Alexander Nitussov, Wolfgang Ernst (Eds.), Vieweg 2001 <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/rk\/rk_comp_meta.htm\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.vordenker.de\/rk\/rk_comp_meta.htm<\/a><\/p>\n<p>[3] Kaehr, Rudolf; Materialien zur Formalisierung der Dialektischen Logik und der Morphogrammatik 1973-1975; in: G\u00fcnther, Gotthard; Idee und Grundriss einer nicht-Aristotelischen Logik; 2. Aufl., Hamburg 1978, Anhang mit eigener Nummerierung<\/p>\n<p>[4] Goldammer, Eberhard von; Historischer R\u00fcckblick und Anmerkungen zu einem Projekt, das an einer Privat-Universit\u00e4t unerw\u00fcnscht war \u2026; www.vordenker.de 2007; <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/vgo\/vgo_ein-ungeliebtes-forschungsprojekt.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.vordenker.de\/vgo\/vgo_ein-ungeliebtes-forschungsprojekt.pdf<\/a><\/p>\n<p>[5] Rheinberger, Hans-J\u00f6rg; Kommentar zu: &#8222;Zur Verst\u00f6rung des (H)ortes der Zerst\u00f6rung&#8220; von Rudolf Kaehr; in: K\u00fcmmel, Sch\u00fcttpelz (Hsg.), Signale der St\u00f6rung, W. Fink-Verlag, Paderborn 2003; <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/rk\/hj_rhein-kommentar.htm\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.vordenker.de\/rk\/hj_rhein-kommentar.htm<\/a><\/p>\n<p>[6] Kaehr, Rudolf; Zur Verst\u00f6rung des (H)ortes der Zerst\u00f6rung; in: K\u00fcmmel, Sch\u00fcttpelz (Hsg.), Signale der St\u00f6rung, W. Fink-Verlag, Paderborn 2003; <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/rk\/rk_stoerung.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.vordenker.de\/rk\/rk_stoerung.pdf<\/a><\/p>\n<p>[7] Kaehr, Rudolf; Einschreiben in Zukunft, publiziert in: ZETAH 01, Zukunft als Gegenwart, Rotation Zukunft, Berlin 1982, <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/ggphilosophy\/kaehr_einschr-in-zukunft.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.vordenker.de\/ggphilosophy\/kaehr_einschr-in-zukunft.pdf<\/a><\/p>\n<p>[8] Kaehr, Rudolf; Kalk\u00fcle f\u00fcr Selbstreferentialit\u00e4t oder selbstreferentielle Kalk\u00fcle?; in: Forschungsberichte 288, S.16-36, FB Informatik, Universit\u00e4t Dortmund 1990 &#8211; <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/rk\/rk_dortmund.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.vordenker.de\/rk\/rk_dortmund.pdf<\/a><\/p>\n<p>[9] Khaled, Sandrina; Kaehr, Rudolf; \u00dcber Todesstruktur, Maschine und Kenogrammatik &#8211; Rudolf Kaehr im Gespr\u00e4ch mit Sandrina Khaled; Information Philosophie, 21.Jahrgang, Heft 5, Dez 1993, L\u00f6rrach;<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/ggphilosophy\/kaehr_tdstruktur_maschine_kenogr.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.vordenker.de\/ggphilosophy\/kaehr_tdstruktur_maschine_kenogr.pdf<\/a><\/p>\n<p>[10] Kaehr, Rudolf; Memristics: Why memristors won\u2019t change anything \u2013 Remarks to Todd Hoff\u2019s \u201cHow will memristors change everything?\u201c Thinkartlab 2010 &#8211; <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/rk\/Why-Not.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.vordenker.de\/rk\/Why-Not.pdf<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(geb. 20.02.1942 in Biel, Schweiz &#8211; verstorben 04.07.2016 in Glasgow, Schottland) Dieser Beitrag ist Rudolf Kaehr gewidmet, seiner Lebensgef\u00e4hrtin, seiner Familie, seinen Freundinnen und Freunden, seinen Bekannten, seinen Kolleginnen und Kollegen, die ihn sch\u00e4tzen und lieben und die in Trauer miteinander verbunden sind. 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