{"id":1732,"date":"2017-03-06T18:09:28","date_gmt":"2017-03-06T16:09:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.vordenker.de\/blog\/?p=1732"},"modified":"2017-03-06T18:09:28","modified_gmt":"2017-03-06T16:09:28","slug":"privatsphaere-service-oder-grundrecht-eine-vielleicht-die-leitfrage-des-21-jahrhunderts","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.vordenker.de\/blog\/1732\/privatsphaere-service-oder-grundrecht-eine-vielleicht-die-leitfrage-des-21-jahrhunderts\/","title":{"rendered":"Privatsph\u00e4re, Service oder Grundrecht? Eine, vielleicht DIE Leitfrage des 21. Jahrhunderts"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-1733\" src=\"http:\/\/www.vordenker.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/geheimnis-300x173.jpg\" width=\"455\" height=\"263\" srcset=\"http:\/\/www.vordenker.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/geheimnis-300x173.jpg 300w, http:\/\/www.vordenker.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/geheimnis.jpg 450w\" sizes=\"auto, (max-width: 455px) 100vw, 455px\" \/><\/p>\n<p>tl,dr; Mit Sicherheit wird sich die Frage nach der Privatsph\u00e4re des Individuums im Netz und auch offline als eine der entscheidenden politischen Fragen des 21. Jahrhunderts herauskristallisieren. Was wird in Zukunft als Service verf\u00fcgbar gemacht, wof\u00fcr m\u00fcssen wir zahlen, und wenn ja, womit? Und was k\u00f6nnen und d\u00fcrfen wir noch als Grundrecht beanspruchen, als Grundrecht, das politisch und gesellschaftlich gesch\u00fctzt wird?<\/p>\n<p>Am 3. Februar 2017 besuchte ich meiner aktuellen Rolle als Abgeordneter des Landtages von NRW den Gr\u00fcndungsfestakt des CAIS, des \u201e<a href=\"http:\/\/www.cais.nrw\/\" target=\"_blank\">Center for Advanced Internet Studie<\/a>s\u201c, in Bochum. <!--more-->Einer der geladenen Festredner war <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Evgeny_Morozov\" target=\"_blank\">Evgeny Morozov<\/a>, politisch-kritischer Internet-Vordenker und Autor von \u201eThe Net Delusion\u201c und \u201eSmarte neue Welt\u201c.<\/p>\n<p>Sicher, solcherart Mitmenschen gibt es heute so einige. Was aber Morozov wirklich auszeichnet, ist die F\u00e4higkeit zur umfassenden gesellschaftspolitischen Analyse sowie das Verm\u00f6gen, auch gehaltvollere Zusammenh\u00e4nge plakativ herunterzubrechen, auf den sprichw\u00f6rtlichen Punkt zu bringen, ohne dass der Sinn verloren geht. Dazu reicht es ja heute schon, wenn man mehr als einen Blickwinkel auf ein Thema ausleuchten kann.<\/p>\n<p>Damit hebt er sich jedoch wohltuend ab von den Legionen der politischen und \u00f6konomischen Dummschw\u00e4tzer, die zur Zeit in nahezu allen Medien, online und offline und finanziert durch entsprechende Lobbygruppen ihr Unwesen treiben. Morozov hat wirklich etwas zu sagen. Das ist anzuerkennen, auch wenn man nicht in jeder Beziehung seiner Ansicht sein muss.<\/p>\n<p>Zwei wesentliche Aspekte, die er in seiner Rede kurz anriss, m\u00f6chte ich herausgreifen, zum einen die Frage nach der zuk\u00fcnftigen Bedeutung und Ausgestaltung des Begriffs Privatsph\u00e4re, zum anderen die Frage nach der Entlohnung derjenigen Menschen, die Daten produzieren und damit die K\u00fcnstlichen Intelligenzen der gro\u00dfen Internet-Monopolisten trainieren.<\/p>\n<p>Im Folgenden nehme ich Google &#8211; geh\u00f6rt zur Alphabet-Konzerngruppe &#8211; mal als Beispiel und als Platzhalter Gxxgle f\u00fcr jeden weiteren bereits existierenden (Facebook, Arvato?!) oder zuk\u00fcnftigen Dienstleister (Hmmpf, Dideldum, Fxxkoogle), der mit Nutzerdaten und durch Nutzer generierten Daten umgeht.<\/p>\n<p>Letzteres zuerst, Google stellt uns jede Menge n\u00fctzliche Services zum Auffinden von Informationen bereit f\u00fcr die wir \u2013 z.B. mit unseren Such-, unseren Anfrage- und Nutzungsverhalten selbst Daten produzieren und mit diesen Daten die Suchservices \u2013 in einer Form des Tauschgesch\u00e4fts bezahlen, das in den AGBs, den allgemeinen Gesch\u00e4ftsbedingungen festgelegt ist, die wir aber in der Regel nicht gelesen haben.<\/p>\n<p>Im Grunde sitzen Gxxgle und auch andere hinter einer gigantischen Paywall, die wir aber nicht sp\u00fcren, nicht sp\u00fcren m\u00fcssen. Daher ist diese Paywall f\u00fcr die Nutzer scheinbar nicht existent, f\u00fcr Gxxgle schon. Als Beweis kann hier der aktuelle B\u00f6rsenwert von Google dienen ;-&gt;.<\/p>\n<p>Vielleicht kann der Nutzer sich damit so gerade noch einverstanden erkl\u00e4ren, er bekommt ja n\u00fctzliche Dienstleistungen.<\/p>\n<p>Wenn wir uns jedoch vor Augen f\u00fchren, was Gxxgle mit den Nutzereingaben macht, bekommt das Ganze noch eine besondere Note. Gxxgle trainiert damit n\u00e4mlich die eigene KI, oder besser Mehrzahl, die eigenen k\u00fcnstlichen Intelligenzen. Denn es befinden sich zur Zeit mehrere algorithmische Verfahren sowie Kombinationen davon in der Erprobung. Und neue Hardwareentwicklungen kommen ebenfalls zum Einsatz, Googles <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Tensor_Processing_Unit\" target=\"_blank\">TPUs<\/a> (Tensor Processing Units) und IBMs <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/TrueNorth\" target=\"_blank\">TrueNorth<\/a>-Chips, um mal zwei zu nennen.<\/p>\n<p>Nun l\u00e4sst sich \u00fcber k\u00fcnstliche Lernverfahren sicher heftig streiten, fest steht jedoch, dass z.B. das aktuell mit \u201edeep learning\u201c bezeichnete Verfahren f\u00fcr neuronale Netze eine Art Lernen nach dem konditionierten Reflex darstellt. Die Leistungsf\u00e4higkeit eines solchen Systems h\u00e4ngt wesentlich von der Stichprobe, d.h. von der Zahl der Nutzereingaben ab. Jede Eingabe, ob mit Gxxgle-Account oder anonym \u00fcber entsprechende Browser \u2013 z.B. TOR \u2013 get\u00e4tigt, macht die Performance des Algorithmus ein kleines bisschen besser.<\/p>\n<p>Das hei\u00dft, wir trainieren die KI von Gxxgle. Und daf\u00fcr werden wir nicht bezahlt. Wir sind also unbezahlte Lehrkr\u00e4fte, hier f\u00fcr eine k\u00fcnstliche Intelligenz. Nun kann man seitens des Unternehmens ja sicher argumentieren, dass dadurch die Services noch besser w\u00fcrden und wir alle im Endeffekt auch wieder etwas davon haben.<\/p>\n<p>Dem steht jedoch entgegen, dass erstens dieser Deal mit dem User explizit nicht gemacht wurde und zweitens, dass Google und andere innerhalb der Europ\u00e4ischen Union nicht anst\u00e4ndig Steuern zahlen. (Letzteres ist aber auch die Schuld der EU, die so bl\u00f6de ist, dort Steuerkonkurrenz zuzulassen). N\u00e4heres hierzu findet man unter dem Stichwort \u201e<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Double_Irish_With_a_Dutch_Sandwich\" target=\"_blank\">Double Irish with a Dutch Sandwich<\/a>\u201c.<\/p>\n<p>Der zweite Punkt ist noch ein Bit wesentlicher, die Frage nach der Privatsph\u00e4re. Folgt man Morozov, dann k\u00f6nnen wir davon ausgehen, dass die Internet-Multis wie Gxxgle auf die Idee kommen werden, Privatsph\u00e4re als \u2013 h\u00f6chstwahrscheinlich \u2013 nicht kostenlosen Service anbieten.<\/p>\n<blockquote><p>Gxxgle: Ihre Datenspur im Netz ist so breit wie die A3 kurz vor Frankfurt? Kein Problem. Nennen Sie uns doch, ob wir sie auf einen Feldweg schrumpfen oder ganz verschwinden lassen sollen. Wir bieten da mehrere Breiten f\u00fcr Ihre Datenspur an und haben die passende Software und elektronische Tarnkappen f\u00fcr Sie in verschiedenen Ausstattungsvarianten. Und vergessen Sie nicht, bei UNS in der CLOUD sind IHRE Daten sicher.<\/p><\/blockquote>\n<p>Damit w\u00fcrde Privatsph\u00e4re im Netz und au\u00dferhalb &#8211; sofern es das noch gibt &#8211; zum Gesch\u00e4ftsmodell. Kaufen Sie doch ihr Recht. Wenn Sie es sich leisten k\u00f6nnen \u2026<\/p>\n<p>Also faktisch:<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Grundrecht oder Gesch\u00e4ftsmodell?<\/strong><\/p>\n<p>Eine klassisch bin\u00e4re Entscheidung, bis jetzt. Further suggestions anyone?<\/p>\n<p>Das Grundrecht zu erhalten, schreit nach Vergesellschaftung der Internet-Multis. Zumindest nach demokratischer Kontrolle. Doch in welchen Staat vergesellschaften? Womit sich ein weiteres Mal die Frage nach den Nationalstaaten stellt, die ja nur das geographische Territorium kennen \u2026.<\/p>\n<p>Ich pers\u00f6nlich freue mich jetzt schon auf die Debatte dazu, insbesondere innerhalb der FDP. Die h\u00e4tte was von Spaltpilz. Sofern es noch eine relevante B\u00fcrgerrechtsfraktion innerhalb der Freidemokraten gibt. Sie ist ja die einzige Partei mit einer eher undialektischen Tradition in der innerparteilichen Willensbildung.<\/p>\n<p>Schon jetzt deutet sich in NRW-Landtagsdebatten an, dass diese Partei in mancher Hinsicht Datenschutzbestimmungen lockern will, da sie nach Parteiauffassung Gesch\u00e4ftsmodellen entgegen stehen. So erkl\u00e4rt sich auch diese auf den ersten Blick typisch anmutende Schwammigkeit der FDP-Aussagen zum Thema. Die hat wie gezeigt einen tieferen Grund \u2026<\/p>\n<p>So long, Nick H. aka Joachim Paul<\/p>\n<div id=\"ext_searchPromptBtn\" style=\"top: 1321px; left: 70px; z-index: auto;\"><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>tl,dr; Mit Sicherheit wird sich die Frage nach der Privatsph\u00e4re des Individuums im Netz und auch offline als eine der entscheidenden politischen Fragen des 21. Jahrhunderts herauskristallisieren. Was wird in Zukunft als Service verf\u00fcgbar gemacht, wof\u00fcr m\u00fcssen wir zahlen, und wenn ja, womit? 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