{"id":1786,"date":"2017-07-03T22:19:39","date_gmt":"2017-07-03T20:19:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.vordenker.de\/blog\/?p=1786"},"modified":"2021-11-23T10:29:35","modified_gmt":"2021-11-23T09:29:35","slug":"glaubwuerdige-digitalisierungskritik-muss-praezise-sein","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.vordenker.de\/blog\/1786\/glaubwuerdige-digitalisierungskritik-muss-praezise-sein\/","title":{"rendered":"Glaubw\u00fcrdige Digitalisierungskritik muss pr\u00e4zise sein"},"content":{"rendered":"<p><strong>\u00dcber die zuweilen stumpfe Argumentations-\u201cLogik\u201c in der Digitalisierungskritik<\/strong><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1791 aligncenter\" src=\"http:\/\/www.vordenker.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/board-2007351__480-300x200.jpg\" alt=\"\" width=\"455\" height=\"303\" srcset=\"http:\/\/www.vordenker.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/board-2007351__480-300x200.jpg 300w, http:\/\/www.vordenker.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/board-2007351__480.jpg 720w\" sizes=\"auto, (max-width: 455px) 100vw, 455px\" \/><\/p>\n<p>~ 14 min Lesezeit<\/p>\n<p><strong>Publizistische Vorbemerkung:<\/strong> Dieser Beitrag wurde am Montag den 26. Juni 2017 erstver\u00f6ffentlicht auf <a href=\"https:\/\/www.rubikon.news\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">rubikon.news<\/a> unter diesem <a href=\"https:\/\/www.rubikon.news\/artikel\/glaubwurdige-digitalisierungskritik-muss-prazise-sein\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Link<\/a>. Heute gegen 16 Uhr bemerkte ich, dass der Beitrag nicht mehr abrufbar war. Auf meine telefonische Nachfrage teilte man mir mit, dass meine Kritik allzu harsch und ad personam sei, ich solle etwas \u00e4ndern, dann w\u00fcrde man ihn wieder online stellen.<\/p>\n<p>Stimmt, ich habe im Beitrag einige Aussagen des Hochschullehrers Ralf Lankau \u00f6ffentlich sehr hart kritisiert, sowohl polemisch als auch unter Hinzuziehung von Quellen, Aussagen, die Lankau selbst \u00f6ffentlich und mehrfach &#8211; in Wort und Schrift &#8211; get\u00e4tigt hat. So etwas nennt man auch Debatte oder Diskurs. Mich jetzt einfach so und offensichtlich ohne es n\u00f6tig zu haben, mir das vorher mitzuteilen, zu depublizieren, weil irgendwas irgendjemand &#8211; aus was f\u00fcr Gr\u00fcnden auch immer &#8211; nicht so recht passt, das mag ich irgendwie gar nicht. Aber ich hab&#8216; ja gl\u00fccklicherweise nen eigenen Blog &#8230;.<\/p>\n<p>Nun aber zum Text, m\u00f6gen sich die geneigten LeserInnen selbst ein Urteil bilden &#8230;<!--more--><\/p>\n<p>Bezogen auf die galoppierenden technologischen Entwicklungen scheint aktuell nichts wichtiger als eine profunde und scharfe Reflexion und Kritik der erwartbaren und spekulierten Auswirkungen der Digitalisierung auf nahezu s\u00e4mtliche gesellschaftlichen Bereiche. Unter den gesellschaftlichen Gruppen und Interessenverb\u00e4nden nimmt die Wissenschaft in der \u201eDebatte Digital\u201c zweifellos eine Sonderrolle ein, da sie f\u00fcr sich gern eine gr\u00f6\u00dfere Reflexionstiefe in Anspruch nimmt. Eine darauf basierende Kritik geh\u00f6rt gewisserma\u00dfen zum \u201eKerngesch\u00e4ft\u201c von Wissenschaft \u00fcberhaupt. Hierin d\u00fcrften sich viele kritische Geister einig sein. Man darf also etwas erwarten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Und Reflexion und Kritik \u2013 sofern sie an der Gestaltung von Zukunft teilhaben wollen &#8211; sollten insbesondere die aus dem Silicon Valley heraus propagierten Visionen und Heilslehren samt ihrer turboneoliberalen Verschr\u00e4nkungen als auch ihre direkten und indirekten Einfl\u00fcsse auf \u2013 hier z.B. die deutsche Bildungspolitik &#8211; in den Blick nehmen.<\/p>\n<p>Um sich selbst argumentativ zu bereichern, sich zu munitionieren, die eigene Position gegenzuchecken, ist es nat\u00fcrlich sinnvoll, kritischen Kollegen aufmerksam zu lauschen und selbstverst\u00e4ndlich auch die eigenen Blickwinkel in die \u00f6ffentliche gesellschaftliche Debatte einzubringen. Daher besuchte ich am 07.06.2017 eine Vortragsveranstaltung der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, GEW, in Leverkusen mit Prof. Dr. phil. Ralf Lankau zum Thema \u201eBildung 4.0 \u2013 Heilserwartungen an die \u201eDigitalisierung der Bildung\u201c und ihre Profiteure\u201c.<\/p>\n<p>Ich wurde bitter entt\u00e4uscht.<\/p>\n<p>Aber stopp, es gab auch Positives, das gleich mal vorne weg. Ralf Lankau, Hochschullehrer in Offenburg, sagte in seinem Beitrag Vieles, dem nicht nur ich ohne weiteres zustimmen kann. So pflegt er im Rahmen seiner eigenen Lehrt\u00e4tigkeit einen durchaus vertrauensw\u00fcrdigen und differenzierten Einsatz digitaler Instrumente, insbesondere bei konsequentem Verzicht auf propriet\u00e4re Software der IT-Multis Microsoft und Apple und ihrer Satelliten.<\/p>\n<p>Und er vertritt eine Sichtweise auf p\u00e4dagogische Prozesse, die ich voll und ganz teilen kann: Die Didaktik soll f\u00fchren und nicht die Technik. Ein Satz, der speziell politischen Entscheidungstr\u00e4gern ins Stammbuch geschrieben geh\u00f6rt. Denn Politik sitzt nur allzu gern mit vor Wachstumshoffnungen leuchtenden Augen entsprechend unkritisch der landauf, landab gepflegten Innovationstrompeterei, diesen Marketing-Jubel-Sprechblasen auf, von denen z.B. \u201eIndustrie 4.0\u201c nur eine ist. Eine neue Technik darf aber andererseits durchaus auch neue didaktische Ideen stimulieren.<\/p>\n<p>In der Mitte seines Vortrags wollte Lankau jedoch grunds\u00e4tzlich werden und zeigte eine Folie, auf der er als Eckpunkte eines Dreiecks die seiner Sichtweise nach drei \u00dcbel unserer Zeit benannte. Eins sprang mir sofort ins Auge und hielt mich \u2013 aus pers\u00f6nlichen Gr\u00fcnden \u2013 auch emotional gefangen. An die beiden anderen kann ich mich daher \u2013 ich bitte um Verst\u00e4ndnis &#8211; nur vage erinnern, da war irgendwas mit Neoliberalismus, Markt und Politik.<\/p>\n<p>Dieses eine \u00dcbel jedoch wurde bezeichnet mit [Kybernetik\/Behaviorismus], genau so, wie es hier steht, d.h. die beiden Begriffe, lediglich getrennt durch einen Schr\u00e4gstrich. In seinem recht suggestiv vorgetragenen Wortbeitrag dazu bemerkte er sinngem\u00e4\u00df, dass die von Norbert Wiener und Kollegen entwickelte Kybernetik neben milit\u00e4rischen Anwendungen die Steuerung und Programmierung! von Gesellschaften zum Ziel habe. Den Begriff Programmierung verwendete er im Sinn des konditionierten Reflexes, den wir alle ja aus den Pavlovschen Hundeversuchen kennen. In diesem Zusammenhang fiel auch der Begriff Systemtheorie und der Name des Soziologen Niklas Luhmann. Des Weiteren sagte Lankau, die Kybernetik vertrete ein deterministisches Menschenbild.<\/p>\n<p>Damit dies nicht als blo\u00dfes H\u00f6rensagen abgetan werden kann, zitiere ich eine andere Passage aus einem im Web verf\u00fcgbaren Text des Vortragenden:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eEs sind zum anderen auto- und technokratische Denkschulen der Nachkriegszeit. Dazu z\u00e4hlen seit den 1940er Jahren die Kybernetiker. Dazu geh\u00f6ren, in den 1950er Jahren in den USA, zu Beginn der 1960er Jahre in Europa, die Behavioristen mit ihrem (schon damals falschen) \u201eprogrammierten Lernen\u201c, das im \u201edigitalen Lernen\u201c aufersteht, aber eher als Dressur und Drill bezeichnet werden muss. (Lernen wird \u00fcber extrinsische Reize, d.i. Belohnung, gesteuert wie bei Tierversuchen.) Dazu geh\u00f6ren die neoliberalen Modelle, bei denen das Individuum sich als Produkt definiert, das sich durch entsprechende Aktivit\u00e4ten f\u00fcr einen Arbeits- oder Personalmarkt selbst optimiert. Es sind heute die Digitalisten aus dem Silicon Valley, die glauben machen wollen, die ganze Welt mit Software neu programmieren zu k\u00f6nnen.\u201c[1]<\/p><\/blockquote>\n<p>Es ist \u00fcbrigens m.W. das zweite Mal, dass in der Debatte im deutschsprachigen Raum jemand so explizit \u201edie Kybernetik\u201c auf\u2018s Korn nimmt. Das erste Mal war es Sascha Lobo in seiner Kolumne auf Spiegel online in einem Beitrag zur \u00dcberwachung.[2]<\/p>\n<p>Sowohl im genannten Wortvortrag Lankaus als auch in obigem Textbeispiel geht so Vieles durcheinander, dass es schon eine Herausforderung ist, das aufzudr\u00f6seln. Eine Dekonstruktion der hier kritisierten intellektuellen Verknotungen kann sogar mit einer erheblichen philosophischen Tiefe durchgef\u00fchrt werden, die jedoch den Rahmen dieses Beitrags sprengen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Eine Exkursbemerkung dazu sei aber gestattet. So lie\u00dfe sich Ralf Lankau z.B. problemlos der Vorwurf machen, er unterstelle den von ihm abgelehnten Verfahren z.B. des konditionierten Lernens auf Dauer eine gewisse historische Erfolgswahrscheinlichkeit im \u201eProgrammieren\u201c von Gesellschaften. Schlussendlich w\u00fcrde er aber damit behaupten, dass die Anwendbarkeit dieses Verfahrens in gewisser Weise zur Natur des Menschen geh\u00f6rt. Sein Menschenbild entspr\u00e4che folglich genau dem der turboneoliberalen Markt- und Konditionierungsgl\u00e4ubigen, die so eine \u201eGesellschaftsprogrammierung\u201c m\u00f6glicherweise beabsichtigen. Dem kann ich nur vehement widersprechen.<\/p>\n<p>Im Folgenden will ich mich jedoch auf eine Kritik hart an den Begriffen sowie den wissenschafts- und technikhistorischen Fakten beschr\u00e4nken.<\/p>\n<p>Der Behaviorismus &#8211; bei Lankau lediglich durch einen Schr\u00e4gstrich von der Kybernetik getrennt &#8211; hat mit der Kybernetik in etwa so viel zu tun wie Tennis mit Fu\u00dfball, n\u00e4mlich rein gar nichts. Er geht auf die Arbeiten des US-Psychologen John B. Watson zur\u00fcck und entstand zu Beginn des 20. Jh. Eine seiner Kernthesen sagt, dass Verhalten, engl. Behavior, sich grunds\u00e4tzlich als Reflex nach dem Schema Reiz &#8211; Reizverarbeitung \u2013 Reaktion als serielle Ereigniskette verstehen l\u00e4sst, die in gewissem Sinne \u201eprogrammiert\u201c werden kann, wie Ivan Pavlov in seinen ber\u00fchmten Hundeversuchen zum konditionierten Reflex nachwies. Die vornehmlich in den USA einflussreiche behavioristische Schule der Psychologie wurde in den 50ern durch Burrhus F. Skinner noch einmal radikalisiert und ist heute gl\u00fccklicherweise als allgemeines Beschreibungs- und Erkl\u00e4rungsschema von Verhalten l\u00e4ngst abgehakt. Der Psychologe Julian Jaynes war sogar der Ansicht, dass der einzige wesentliche Sinn des Behaviorismus ein eher wissenschaftspolitischer war, eine Art Hausputz, ein Kehraus in den philosophischen Fakult\u00e4ten der Universit\u00e4ten, der dazu f\u00fchrte, dass die Psychologie sich von der Philosophie abnabeln und fortan eigene Fakult\u00e4ten betreiben konnte.[3]<\/p>\n<p>Dennoch, das, was heute unter KI, unter k\u00fcnstlicher Intelligenz \u2013 hier auf der Basis computersimulierter neuronaler Netze &#8211; als deep learning bezeichnet wird, ist ganz pr\u00e4zise eine Simulation konditionierter Reflexe. Es ist das trivialste Lernverfahren und gleichzeitig auch das einzigste, das sich bislang \u00fcberhaupt algorithmisieren und damit maschinell implementieren l\u00e4sst. Das \u201edeep\u201c in \u201edeep learning\u201c hat nichts mit Intelligenz oder gar einer Form der Erkenntnistiefe zu schaffen sondern sagt hier nur, dass es sich um \u201etiefe\u201c Netze mit mehreren Layern, also mehreren Schichten aus simulierten Neuronen handelt. Das ist alles. Es l\u00e4sst sich also mit Recht sagen, dass der Kern des Behaviorismus und damit der Behaviorismus selbst \u201emaschinisierbar\u201c ist. Insofern kann man Lankau noch zustimmen.<\/p>\n<p>Bei der Kybernetik jedoch \u00fcberschlagen sich seine Fehlgriffe und Missinterpretationen. So bezeichnet er die Kybernetik ebenso wie den Behaviorismus als eine \u201eauto- und technokratische Denkschule der Nachkriegszeit\u201c. Das ist nicht nur grundfalsch, es ist auch diskriminierend.<\/p>\n<p>Wahr ist lediglich die allgemein bekannte Tatsache, dass gegen Ende des 2. Weltkrieges der aus dem Milit\u00e4r stammende Wunsch bestand, Ziel- und Abschussvorrichtungen zu automatisieren. Eine auch an Kybernetiker herangetragene Frage lautete z.B.: \u201eUnter welchem Vorhaltewinkel muss ein FLAK-Gesch\u00fctz ausgerichtet werden, um ein angreifendes Flugzeug zielsicher treffen zu k\u00f6nnen, unter Ber\u00fccksichtigung verschiedener Parameter wie Richtung und Geschwindigkeit des Flugzeuges, Fluggeschwindigkeit des Geschosses, Windgeschwindigkeit, usw. usf.\u201c<\/p>\n<p>Die Wissenschaftler, die die Kybernetik begr\u00fcndeten, wie der Physiologe Warren S. McCulloch, der Mathematiker Norbert Wiener und andere nahmen jedoch wesentlich grunds\u00e4tzlichere an Biologie und Medizin orientierte Fragen in den Fokus. Wie \u201efunktioniert\u201c Hom\u00f6ostase? Wie schafft es ein Lebewesen, dass beispielsweise seine K\u00f6rpertemperatur selbst bei wechselnden Umweltbedingungen konstant bei 37\u00b0C bleibt?<\/p>\n<p>In seinem Grundlagenwerk \u201eEinf\u00fchrung in die Kybernetik\u201c stellt W. Ross Ashby unmissverst\u00e4ndlich klar:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eKybernetik untersucht alle Ph\u00e4nomene in Unabh\u00e4ngigkeit ihres Materials, so sie regelgeleitet und reproduzierbar sind.\u201c[4]<\/p><\/blockquote>\n<p>In diesem Zitat ist implizit der Kern einer neuen wissenschaftlichen Denkschule enthalten, die den klassischen Methodendualismus zwischen den Geistes- oder Humanwissenschaften und den sui generis subjektlosen Naturwissenschaften in Frage stellt. Daher ist diese Denkschule weder auto- noch technokratisch zu nennen, wie Lankau behauptet. Sie hebt vielmehr ab auf Unabh\u00e4ngigkeit vom Material, auf Regelgeleitetheit von Prozessen und kritisiert zudem die Subjektlosigkeit der Naturwissenschaften!<\/p>\n<p>Kybernetisches Denken pr\u00e4sentiert sich somit als eine wissenschaftliche Geste, die sich gegen die bestehenden \u2013 wissenschaftlichen und gesellschaftlichen &#8211; Verh\u00e4ltnisse richtet!<\/p>\n<p>Insofern enth\u00e4lt sie gleich auch die Selbstthematisierung, Selbsthinterfragung, denn mit der Kybernetik zweiter Ordnung, der Kybernetik der Kybernetik \u2013 der Regelung der Regelung bringt Heinz von Foerster genau jene seltsame Schleife, die \u201estrange loop\u201c, ins Spiel, die Hom\u00f6ostase \u2013 als regelnde Verschr\u00e4nkung eines (lebenden) Systems mit seiner Umgebung &#8211; \u00fcberhaupt erst erm\u00f6glicht.<\/p>\n<p>So wurde das Subjekt &#8211; als Handelndes und als Beobachter \u2013 immer wieder thematisiert. Kybernetisches Denken in der Praxis f\u00fchrt uns Heinz von Foerster u.v.a. an folgenden beiden Aussagen, bzw. Anekdoten vor, die hier gerafft wiedergegeben sind.<\/p>\n<p>Betrachtet sei erstens ein milit\u00e4rischer Trupp von z.B. zehn Soldaten, der vom Offizier auf einem Bahnhof den Befehl erh\u00e4lt: \u201eAbmarsch, einsteigen in den Zug, es geht zum Kampfeinsatz nach Nicaragua!\u201c Neun befolgen nun den Befehl und steigen in den Zug, nur einer protestiert und wendet sich ab. Im Fall der Neun, so von Foerster, bezeichnen wir das als Signal\u00fcbertragung, im Fall des Einen beobachten wir hingegen das Entstehen von Information!<\/p>\n<p>Zweitens nahm von Foerster in seinen Vortr\u00e4gen immer wieder die klassische subjektlose Naturwissenschaft aufs Korn, und das ausgerechnet am Beispiel der Pavlovschen Hundeversuche zum konditionierten Reflex! So berichtete er gern \u00fcber ein Experiment des polnischen Psychologen Jerzy Konorski, der die Pavlovschen Versuchsreihen samt ihrer Bedingungen akribisch wiederholte.[5]<\/p>\n<p>Pavlov hat einem Hund in der Trainigsphase jedesmal sein Futter zusammen mit dem Klingeln einer Glocke verabreicht. In der Testphase ergab sich, dass der Hund auch dann Speichel f\u00fcrs Fressen erzeugt, wenn er nur die Glocke h\u00f6rt. Er nannte dies Konditionierung. Der geniale Versuch Konorskis jedoch zeigte, wer wirklich konditioniert wurde. Das Pavlovsche Setting wurde exakt wiederholt. Aber in der Testphase wurde dem Laborassistenten ohne sein Wissen der Kl\u00f6ppel aus der Glocke entfernt, die so nat\u00fcrlich keine Ger\u00e4usche verursachte. Der Hund erzeugte trotzdem Fressspeichel! Mit Konorski schlie\u00dft von Foerster daraus: Das L\u00e4uten der Glocke war das Signal f\u00fcr Pavlov und nicht f\u00fcr den Hund! Der Beobachter also sieht Zusammenh\u00e4nge, die der Beobachtete nicht sieht. Dass der Pavlovsche Hund ausschlie\u00dflich auf das Glockenger\u00e4usch reagiert, ist eine Projektion von Pavlov.<\/p>\n<p>Das ist kybernetisches Denken! Mit Schwejkschem Charme und fast schon kabarettistisch zu nennender Subversion gemahnt uns einer der V\u00e4ter der Kybernetik, Heinz von Foerster, Wirkzusammenh\u00e4nge zu hinterfragen, und zwar, bevor man sie interpretiert. Von Technokratie keine Spur, eher vom Witz und von der Souver\u00e4nit\u00e4t eines dialektisch \u2013 dialegesthai &#8211; durch die Dinge hindurch &#8211; bewusst argumentierenden und nach echter Erkenntnis strebenden Individuums.<\/p>\n<p>Hom\u00f6ostase als komplexer Regelungsvorgang, der in einen stabilen Prozessmodus f\u00fchrt, z.B. den der konstanten K\u00f6rpertemperatur, erm\u00f6glichte es in der Evolution des Lebens auf unserem Planeten den S\u00e4ugetieren und V\u00f6geln, Lebensr\u00e4ume zu erobern, die wechselwarmen Tieren nicht zug\u00e4nglich sind.<\/p>\n<p>Abstrahiert man einmal davon, dann ist Hom\u00f6ostase eine Erweiterung des M\u00f6glichkeitsraums, eine notwendige Voraussetzung f\u00fcr Freiheit! Und Kybernetik wird damit zu einer Denkschule, die Freiheit erm\u00f6glichen will. Und das ist im Grunde das Sensationelle. Ein Teil dieser Freiheit ist als fester Bestandteil in unserer Physiologie, unserer Biologie verankert.<\/p>\n<p>Damit ist auch der Behauptung, die Kybernetik vertrete ein deterministisches Menschenbild, jegliche Grundlage entzogen. Gotthard G\u00fcnther schreibt dazu in seinem \u201ekybernetischen\u201c Aufsatz \u201eErkennen und Wollen\u201c:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eAn dieser Stelle soll hervorgehoben werden, dass es eigentlich nicht richtig ist, von zwei Kausalketten zu sprechen \u2013 eine entsprungen im unbelebten Objekt und die andere im Lebendigen \u2013 und zwar deshalb, weil alle lebendigen Systeme urspr\u00fcnglich aus eben der Umwelt aufgetaucht sind, von der sie sich dann selbst abgeschirmt haben. In der Tat gibt es nur eine Kausalkette, entsprungen aus und sich ausbreitend durch die Umwelt und zur\u00fcckreflektiert in diese Umwelt durch das Medium des lebenden Systems. Das Gesetz der Determinierung dr\u00fcckt sich dabei jedoch in zwei unterschiedlichen Modalit\u00e4ten aus. Wir m\u00fcssen zwischen irreflexiver und reflexiver Kausalit\u00e4t unterscheiden. Damit meinen wir, dass die Kausalkette auf ihrem Weg durch ein lebendes System eine radikale Ver\u00e4nderung ihres Charakters erf\u00e4hrt.\u201c[6]<\/p><\/blockquote>\n<p>Das ist Freiheit!<\/p>\n<p>Nicht ohne Grund nannte der Kybernetiker und Managementlehrer Stafford Beer eines seiner Werke \u201eDesigning Freedom\u201c! In der Sp\u00e4tzeit der Allende-Regierung in Chile arbeitete er an einem kybernetischen Projekt namens Cybersyn, dass die Wirtschaftsleistung Chiles steigern und die Versorgung der Bev\u00f6lkerung mit Grundnahrungsmitteln verbessern sollte. Erste positive Ergebnisse wurden mit dem faschistischen Putsch Pinochets hinweggefegt.<\/p>\n<p>Ihn und andere Kybernetiker wie z.B. Gregory Bateson, den Autor von \u201e\u00d6kologie des Geistes\u201c und \u201eGeist und Natur\u201c oder Heinz von Foerster mit seiner KybernEthik implizit als Vertreter einer autokratischen Denkrichtung zu bezeichnen, wie Lankau dies getan hat, grenzt schon an Diffamierung und Geschichtsklitterung.<\/p>\n<p>Nach Beendigung seines Vortrags stimmte Lankau mir auf meinen am Saalmikrofon ge\u00e4u\u00dferten Einwand hin zu. Ich h\u00e4tte wohl recht, aber eine differenzierte Betrachtung w\u00fcrde zu weit f\u00fchren.<\/p>\n<p>Ja was soll denn das?! Unterstellen wir mal, dass uns neoliberale, \u00f6konomistische Missbr\u00e4uche kybernetischer Erkenntnisse ins Haus stehen, was, so sie denn m\u00f6glich sein sollten, gar nicht so unwahrscheinlich ist, dann h\u00e4tte er auch Ross und Reiter nennen k\u00f6nnen, also konkrete Namen, statt eine ganze Denkschule und ihre Urheber zu versuchen zu diskreditieren. Missbrauch der Wissenschaft ist schlie\u00dflich nahezu an der Tagesordnung, man schaue sich nur an, was heutzutage so alles als \u201eStudie\u201c daherkommt.<\/p>\n<p>M\u00f6glicherweise sind kybernetische Kontexte aber auch die Arenen der politischen Auseinandersetzungen der Zukunft. Und m\u00f6glicherweise skizziert eine kybernetische Betrachtung global relevanter Kontexte diese Arenen der Zukunft wesentlich besser als andere Verfahren. Kybernetik w\u00fcrde damit zum Werkzeug der Erkenntnis und zum Element politischen Widerstandes!<\/p>\n<p>Schon Vil\u00e9m Flusser nutzt den kybernetischen Begriff der R\u00fcckkopplung in einem politisch-gesellschaftlichen Kontext. Es seien die kybernetischen R\u00fcckkopplungen, die fehlen, um gro\u00dfe Systeme zu einem stabilen Verhalten zu f\u00fchren. Frau\/Mann k\u00f6nnte auch sagen, die demokratischen R\u00fcckkopplungen fehlen.<\/p>\n<p>Flusser sieht f\u00fcr die Zukunft zwei m\u00f6gliche \u201eSchaltpl\u00e4ne\u201c, der eine, die aktuell vorherrschende \u201eVerb\u00fcndelung der Massenmedien\u201c f\u00fchre zu einer \u201egleichgeschalteten totalit\u00e4ren Massengesellschaft\u201c.[7] Ok, der Weg dahin ist \u00fcberdeutlich zu sehen, wobei man Flusser zugute halten muss, dass er nichts von dem Entzug gemeinschaftlicher \u00f6ffentlicher Reflexionsr\u00e4ume, der Fraktalisierung in Filterblasen und Echokammern innerhalb der sogenannten \u201esocial\u201c media wie Facebook usw. wissen konnte. Verb\u00fcndelung, B\u00fcndel, hei\u00dft auf Lateinisch Fascis. Was das auch bedeuten k\u00f6nnte, mag jeder selbst assoziieren &#8230;<\/p>\n<p>Den anderen Schaltplan nennt er \u201eNetzschaltplan\u201c, er installiert die gesellschaftlich fehlenden kommunikativen und demokratischen R\u00fcckkopplungen und m\u00fcsste laut Flusser in die Informationsgesellschaft f\u00fchren, Vernetzung statt Verb\u00fcndelung. Das war seine Hoffnung.<\/p>\n<p>Von einem Hochschullehrer wie Herrn Lankau sollte man erwarten k\u00f6nnen, dass er seine Hausaufgaben macht und sauber recherchiert und argumentiert. Geschichtsklitterung sollte vielmehr Denjenigen \u00fcberlassen werden, die das schon zur Gen\u00fcge und aus Gr\u00fcnden des Machterhalts tun.<\/p>\n<p>Eine allzu leicht diskreditierbare Kritik ist kontraproduktiv und spielt den \u00f6konomischen Missbrauchsversuchen geradezu in die H\u00e4nde. Eine solche Argumentation verbleibt ohne Tiefgang und wissenschaftliche Korrektheit hoffnungslos an der Nutzeroberfl\u00e4che. Wischkompetenz!<\/p>\n<p>Dabei brauchen wir unbedingt eine profunde Digitalisierungskritik. Das Denken und Argumentieren gef\u00e4llt sich bei Lankau in der Falle der Polarit\u00e4t.<\/p>\n<p>Wir d\u00fcrfen jedoch dieser tumben Polarit\u00e4t von Technologieeuphorie und Kulturpessimismus nicht das letzte Wort \u00fcberlassen. Das w\u00e4re erstens undialektisch und f\u00fchrt uns zweitens nicht zu einer souver\u00e4nen Haltung.<\/p>\n<p>Was wir hingegen anstreben sollten ist eine Position der Souver\u00e4nit\u00e4t, und zwar jenseits von Euphorie und Entsetzen. Diese muss erst konstruiert werden, man findet sie \u2013 leider &#8211; nicht bei Ralf Lankau und schon gar nicht bspw. bei J\u00f6rg Dr\u00e4ger von der Bertelsmann-Stiftung.<\/p>\n<p>\u00dcbrigens, das \u201eControl\u201c im Titel von Norbert Wieners Grundlagenwerk \u201eCybernetics: or Control and Communication in the Animal and the Machine\u201c ist mit dem deutschen Wort \u201eKontrolle\u201c eher schlecht \u00fcbersetzt.<\/p>\n<p>Control leitet sich her vom Anglo-Franz\u00f6sischen \u201econtreroller\u201c aus dem fr\u00fchen 14. Jh., der mittelalterlichen \u00dcberpr\u00fcfung einer Rechnung durch ein doppeltes Register. Schauen wir ins Lateinische, dann haben wir contra, gegen und rotulus, das R\u00f6llchen, also Gegenrolle. Auch das darf ein Hochschullehrer durchaus wissen.<\/p>\n<p>Kybernetik ist im Kern subversiv. Punkt.<\/p>\n<p>Das musste mal sein. Bestes, Nick H. aka Joachim Paul<\/p>\n<p><strong>Quellen:<\/strong><\/p>\n<p>[1] Ralf Lankau; Bildung 4.0: Per Algorithmus automatisch klug?; in: Akademie 2016\/2, Frankfurt a.M. 2016; online: <a href=\"https:\/\/www.vwa-akademie-online.de\/wissenschaft-und-praxis\/bildung-4-0-per-algorithmus-automatisch-klug\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/www.vwa-akademie-online.de\/wissenschaft-und-praxis\/bildung-4-0-per-algorithmus-automatisch-klug\/<\/a><\/p>\n<p>[2] Sascha Lobo; S.P.O.N. &#8211; Die Mensch-Maschine &#8211; Was wirklich hinter der massenhaften \u00dcberwachung steckt; Spiegel Online 02.04.2014; online: <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/netzwelt\/netzpolitik\/ueberwachung-und-kontrollwahn-dahinter-steckt-kybernetik-a-978704.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.spiegel.de\/netzwelt\/netzpolitik\/ueberwachung-und-kontrollwahn-dahinter-steckt-kybernetik-a-978704.html<\/a><\/p>\n<p>[3] Julian Jaynes; Der Ursprung des Bewusstseins durch den Zusammenbruch der bikameralen Psyche; Reinbek 1988, S. 26f<\/p>\n<p>[4] W. Ross Ashby; Einf\u00fchrung in die Kybernetik; Frankfurt a.M. 1985, S.7<\/p>\n<p>[5] von Foerster, Heinz; Vortrag vor der ASC, American Society for Cybernetics; online: <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=E-J35j2jGeo\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=E-J35j2jGeo<\/a><\/p>\n<p>[6] Gotthard G\u00fcnther; Erkennen und Wollen; in: Das Bewusstsein der Maschinen; Hrsg. Goldammer, Eberhard von &amp; Paul, Joachim; Baden-Baden 2002, S. 244 \u2013 online: <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/ggphilosophy\/e_und_w.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.vordenker.de\/ggphilosophy\/e_und_w.pdf<\/a><\/p>\n<p>[7] Vil\u00e9m Flusser; &#8218;Verb\u00fcndelung oder Vernetzung?&#8216; in: Kursbuch Neue Medien, Bollmann Verlag, Mannheim 1995, S. 15-23<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber die zuweilen stumpfe Argumentations-\u201cLogik\u201c in der Digitalisierungskritik ~ 14 min Lesezeit Publizistische Vorbemerkung: Dieser Beitrag wurde am Montag den 26. Juni 2017 erstver\u00f6ffentlicht auf rubikon.news unter diesem Link. Heute gegen 16 Uhr bemerkte ich, dass der Beitrag nicht mehr abrufbar war. 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