{"id":1799,"date":"2017-07-24T19:59:00","date_gmt":"2017-07-24T17:59:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.vordenker.de\/blog\/?p=1799"},"modified":"2019-10-03T16:53:04","modified_gmt":"2019-10-03T14:53:04","slug":"cyber-voodoo","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.vordenker.de\/blog\/1799\/cyber-voodoo\/","title":{"rendered":"Cyber-Voodoo?"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-1800\" src=\"http:\/\/www.vordenker.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/cbvood250.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"283\" srcset=\"http:\/\/www.vordenker.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/cbvood250.jpg 250w, http:\/\/www.vordenker.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/cbvood250-212x300.jpg 212w\" sizes=\"auto, (max-width: 200px) 100vw, 200px\" \/>~7 min Lesezeit,<br \/>\nakustische Untermalung gew\u00fcnscht? Tipp: Jimi Hendrix, Voodoo Child (Slight Return)<\/p>\n<p>Es geh\u00f6rt zur Symptomatik unserer Zeit, dass fast t\u00e4glich irgendwo auf der Welt der Rubikon \u00fcberschritten wird, aber ebenso, dass wir davon wissen k\u00f6nnen. \u00dcberschreitungen neben offensichtlichen L\u00fcgen und Klitterungen auch in Form von postmodernen Sprachspielen, Dehn- ungen, Stauchungen, Verzerrungen bis hin zu Beschw\u00f6rungen.<\/p>\n<p>Im gleichnamigen Online-Magazin <a href=\"http:\/\/rubikon.news\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">rubikon.news<\/a> tummeln sich Beitr\u00e4ge zum Zeitgeschehen, die eine gro\u00dfe qualitative Bandbreite zeigen. Eher am oberen Ende dieser Bandbreite angesiedelt sind Texte von Matthias Burchardt.<\/p>\n<p>In einem Beitrag von Matthias Burchardt mit dem meiner Auffassung nach vertretbaren kritischen Titel \u201e<a href=\"https:\/\/www.rubikon.news\/artikel\/digitalisierung-von-bildung-als-neoliberales-projekt\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Digitalisierung von Bildung als neoliberales Projekt<\/a>\u201c [1] vom 21.07.2017 wird quasi im schreibenden Vorbeigehen der Begriff des milit\u00e4risch-kybernetischen Komplexes eingeschlichen. Das n\u00e4here textliche Umfeld dieses Begriffs besteht u.a. aus dem Text-Term \u201eInteressen der IT-Lobby\u201c sowie einem Zitat des neuen alten NRW-Ministers Pinkwart, der eigenen Aussagen zufolge \u201e<a href=\"http:\/\/www.rp-online.de\/nrw\/landespolitik\/andreas-pinkwart-ich-bin-digital-im-kopf-aid-1.6925268\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">digital im Kopf<\/a>\u201c ist.[2]<\/p>\n<p>Ich widerstehe hier der Versuchung, n\u00e4her auf die ohne Zweifel aufschlussreiche ministeriale Auskunft zur eigenen intellektuellen Hohlraumversiegelung einzugehen.<\/p>\n<p>Stattdessen frage ich mich, was dieser Burchardtsche Text-Term \u201emilit\u00e4risch-kybernetischer Komplex\u201c f\u00fcr eine Bedeutung haben k\u00f6nnte. Ganz eindeutig abgeleitet ist er <!--more-->vom <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Milit%C3%A4risch-industrieller_Komplex\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Eisenhower-Wort vom milit\u00e4risch-industriellen Komplex<\/a>.[3] In seiner Abschlussrede als US-Pr\u00e4sident machte er den Begriff popul\u00e4r, als Warnung.<\/p>\n<p>Vielleicht wird deshalb aus dem sattsam bekannten milit\u00e4risch-industriellen Komplex ein milit\u00e4risch-kybernetischer Komplex, weil das jetzt neue B\u00f6se auch einen neuen Namen braucht. \u201eIndustriell\u201c allein reicht nicht mehr. Allerdings, die Formulierungen milit\u00e4risch-informationeller oder milit\u00e4risch-informationstechnologischer Komplex h\u00e4tten es inhaltlich um einiges besser getroffen.<\/p>\n<p>Warum also kybernetisch? Warum wird hier seitens der \u2013 und ich kann das nur betonen &#8211; sinnvollen Digitalisierungs- und Turboneoliberalismuskritik auf eine wissenschaftliche Querschnittsdisziplin Bezug genommen, aus deren reichhaltigem Textkorpus einem geradezu haufenweise verb\u00fcndete Argumente zur Kritik am Bestehenden entgegen springen? Warum schie\u00dft man sich ins eigene Knie? Warum diskreditiert, ja entwaffnet man sich selbst?<\/p>\n<p>Was wird angestrebt, und um welchen Preis, etwa so was wie Diskurshoheit?<\/p>\n<p>Und Burchardt ist nicht der einzige, auch Ralf Lankau sieht in der Kybernetik ein \u00dcbel der Zeit [4] \u2013 <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/blog\/?p=1786\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">ich schrieb dar\u00fcber<\/a>. Und ich bef\u00fcrchte, es gibt noch einige mehr.<\/p>\n<p>Eben dort in meiner Kritik an Lankau sagte ich, Kybernetik sei im Kern subversiv \u2013 <a href=\"https:\/\/kybernethik.com\/?p=567\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">prompt warf mir ein ehemaliger Parteifreund \u2013 augenzwinkernd &#8211; Cyberfetischismus vor<\/a>.[5]<\/p>\n<p>Schon 1945, ein Jahr vor Beginn der sogenannten Macy-Konferenzen, bricht der Physiologe Warren McCulloch, der kurz zuvor zusammen mit dem Mathematiker Walter Pitts in einem Aufsatz die Neuroinformatik begr\u00fcndet hatte, mit dem Alleinanspruch der Hierarchie als Ordnungsschema \u2013 am Beispiel der platonischen Begriffspyramide, quasi der Mutter aller Hierarchien \u2013 <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/ggphilosophy\/mcculloch_heterarchy.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">und stellt ihr die Heterarchie als \u201egleichberechtigtes\u201c Komplement\u00e4rprinzip an die Seite<\/a>.[6] Subversiver geht es wirklich nicht mehr.<\/p>\n<p>Seit \u00fcber 30 Jahren fristete die Kybernetik, die nie ganz zu einer eigenen wissenschaftlichen Disziplin werden konnte, jedoch mit einem geradezu revolution\u00e4ren und ungleich umfassenderen Erkenntnisanspruch als die Informatik antrat, ein Randdasein eben neben jener Informatik, die ihr, basierend auf der Informationstheorie von Shannon und Weaver, gewisserma\u00dfen den Rang abgelaufen und es inzwischen zu eigenen Fakult\u00e4ten gebracht hatte.<\/p>\n<p>Und nun, wo sp\u00e4testens nach dem Snowden-Schock die dunklen Seiten des Datennetzes auch in breiteren gesellschaftlichen Debatten deutlicher zutage treten, taucht dieser Begriff wieder auf. Im Zuge von Big Data, k\u00fcnstlicher Intelligenz, kurz KI, den neuen Erfolgen computersimulierter neuronaler Netze, Stichwort \u201edeep learning\u201c, Robotik, Drohnen, \u00dcberwachung, five eyes alliance, usw.<\/p>\n<p>M\u00f6glicherweise fungiert hier der Begriff der Kybernetik, dem bisweilen auch der Nimbus des Gef\u00e4hrlichen, des kalten Technischen und Seelenlosen zugesprochen wird, als eine Art Leerstelle, als Suppentopf, in den sich all diese o.g. Dinge hineintun und zu einem Begriffsbrei verr\u00fchren lassen.<\/p>\n<p>Gregory Bateson h\u00e4tte vermutlich dazu ge\u00e4u\u00dfert, dass der Mythos eines Begriffs wesentlich korrumpierender wirkt, als der Begriff selbst.[7]<\/p>\n<p>Oder als Projektionsfl\u00e4che. Dehn- und zerrbar in alle Richtungen, damit Dies, Das und Jenes auch noch drauf passt. Die Textkomposition Burchardts l\u00e4sst das annehmen.<\/p>\n<p>\u201ePolitisches Handeln, das auf dieser Welle\u201c (Anm.: Digitalisierung) \u201eschwimmt\u201c, sei \u201eper se legitimiert\u201c, so Burchardt. \u201eSkeptiker und Kritiker\u201c k\u00e4men \u201egegen die Macht der gro\u00dfen Erz\u00e4hlung kaum an\u201c, hei\u00dft es weiter in seinem Beitrag. In der Tat, dem kann man zustimmen. Aber rechtfertigt das Dehnungen und Zerrungen eines Begriffs bis hin zur Unertr\u00e4glichkeit? Ist das \u00fcberhaupt &#8211; strategisch gesehen &#8211; ein richtiges Mittel gegen diese \u201eMacht der gro\u00dfen Erz\u00e4hlung\u201c?<\/p>\n<p>Mehr noch, der schon inflation\u00e4r \u2013 fast lustvoll gruselnd &#8211; zu nennende Gebrauch des Pr\u00e4fixes \u201ecyber-\u201c, 30mal und meist als Kompositum \u201ecyberspace\u201c \u2013 das Zitieren des Cyberspace-Manifestes von John Perry Barlow allein rechtfertigt diese Wiederholungen nicht \u2013 hat eher etwas von einer Beschw\u00f6rung. Diese Vorgehensweise \u00e4hnelt \u00fcbrigens zahlreichen denkbefreiten Sprechakten der gro\u00dfen Erz\u00e4hlung, <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=uFEBXiElXwk\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">z.B. Stichwort \u201eIndustrie 4.0\u201c<\/a> [8] und kann vielleicht gar als ihr Komplement bezeichnet werden.<\/p>\n<p>Nochmal, ist das das rechte Mittel im Diskurs? Ein Text, der vielleicht mal eine Er\u00f6rterung sein sollte, mutiert zu einer Beschw\u00f6rung. Man l\u00e4dt die Kybernetik entsprechend auf und steckt ein paar Nadeln rein? Und was ist mit der Verantwortung des Wissenschaftlers?<\/p>\n<p>Was also tun? Sich mit Beschw\u00f6rungen bewaffnet an den Strand stellen und auf die Konquistadoren warten? Wir wissen doch, wie das ausgegangen ist.<\/p>\n<p>Oder lieber dorthin gehen, wo sich Technik und Dialektik treffen sollten, ohh pardon, schon einmal getroffen haben? Und wo ist das? M\u00f6glicherweise im <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/ggphilosophy\/gg_heidegger-weltgeschichte-nichts.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">\u201eVorhof\u201c<\/a> [9] der Technik von morgen.<\/p>\n<p>Hmm. Welchen Namen dieser Vorhof wohl haben k\u00f6nnte?<\/p>\n<p>Der Begriff \u201eKybernetik\u201c taugt nicht als Fetisch, weder so noch so. Das wird klar, wenn man sich damit nur etwas eingehender auseinandersetzt.<\/p>\n<p>Vielleicht muss auch endlich mal die \u2013 ja Unversch\u00e4mtheit! &#8211; ketzerische Frage gestellt werden, was, liebe Leute, habt ihr denn an kybernetischen <strong>Prim\u00e4rquellen <\/strong>\u2013 ich fordere hier einfach mal das Autopsie-Prinzip der Wikipedia, nachdem nur das zitiert oder erw\u00e4hnt wird, was man als Quelle auch selbst in Augenschein genommen hat \u2013 bspw. der Autoren Gregory Bateson, Heinz von Foerster, Warren McCulloch, Norbert Wiener, Gotthard G\u00fcnther, Gordon Pask, Lars L\u00f6fgren, Humberto Maturana, W. Ross Ashby, Stafford Beer, Ranulph Glanville, Paul Pangaro usw. eigentlich gelesen?<\/p>\n<p>Ich f\u00fcrchte, die Antwort f\u00e4llt eher mau aus. Im 19. Jahrhundert w\u00e4re man damit &#8211; z.B. in einer Philosophiepr\u00fcfung &#8211; durchgefallen. Aber heute scheint\u2019s reichen ja postmoderne Sprachspiele, Aufladungen oder Beschw\u00f6rungen.<\/p>\n<p>Und beim flei\u00dfigen Begriffe-Dehnen und Beschw\u00f6ren entgeht einem so ganz nebenbei mal wieder, was US-IT-Monopolisten \u2013 besonders im Bereich Hardware \u2013 in der Zwischenzeit so alles f\u00fcr Patente angemeldet haben \u2026.<\/p>\n<p>Was sagte der Kybernetiker Gordon Pask doch gleich auf die Frage eines Studenten, welche der vier Auswahlm\u00f6glichkeiten er w\u00e4hle? \u201eIch ziehe Nr. 5 vor.\u201c Student: \u201eAber die ist doch gar nicht da!\u201c Pask: \u201eJa genau, weil sie nicht da ist!\u201c<\/p>\n<p>Habt Spa\u00df. Trotzdem.<\/p>\n<p>Nick H. aka Joachim Paul<br \/>\nder nach wie vor das M\u00fchen um die Aletheia \u00fcber die doxa stellt.<\/p>\n<p>Quellen:<\/p>\n<p>[1] <a href=\"https:\/\/www.rubikon.news\/artikel\/digitalisierung-von-bildung-als-neoliberales-projekt\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/www.rubikon.news\/artikel\/digitalisierung-von-bildung-als-neoliberales-projekt<\/a><\/p>\n<p>[2] <a href=\"http:\/\/www.rp-online.de\/nrw\/landespolitik\/andreas-pinkwart-ich-bin-digital-im-kopf-aid-1.6925268\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">http:\/\/www.rp-online.de\/nrw\/landespolitik\/andreas-pinkwart-ich-bin-digital-im-kopf-aid-1.6925268<\/a><\/p>\n<p>[3] <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Milit%C3%A4risch-industrieller_Komplex\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Milit%C3%A4risch-industrieller_Komplex<\/a><\/p>\n<p>[4] <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/blog\/?p=1786\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">http:\/\/www.vordenker.de\/blog\/?p=1786<\/a><\/p>\n<p>[5] Cemo, Dr. Seditious oder wie ich lernte, die Kybernetik zu lieben, 09.07.2017 &#8211; <a href=\"https:\/\/kybernethik.com\/?p=567\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/kybernethik.com\/?p=567<\/a><\/p>\n<p>[6] Warren S. McCulloch, &#8218;A Heterarchy of Values Determined by the Topology of Nervous Nets&#8216;, Bull. Math. Biophys., 7, 1945, p. 89-93, Abdruck in: Embodiments of Mind, Warren S. McCulloch, MIT Press, Cambridge Mass., 1970, online: <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/ggphilosophy\/mcculloch_heterarchy.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">http:\/\/www.vordenker.de\/ggphilosophy\/mcculloch_heterarchy.pdf<\/a><\/p>\n<p>[7] Gregory Bateson, Geist und Natur. Eine notwendige Einheit, Frankfurt a.M., 1982, S. 272<\/p>\n<p>[8] Andreas Syska, Videomitschnitt zum Vortrag von Prof. Dr. Andreas Syska auf dem V. Symposium \u201eChange to Kaizen\u201c in Mannheim, 07.11.2016, <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=uFEBXiElXwk\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=uFEBXiElXwk<\/a><\/p>\n<p>[9] Gotthard G\u00fcnther, Martin Heidegger und die Weltgeschichte des Nichts; In: U. Guzzolini (Hrsg.), Nachdenken \u00fcber Heidegger, Hildesheim 1980; sowie in G\u00fcnther, Gotthard; Beitr\u00e4ge zur Grundlegung einer operationsf\u00e4higen Dialektik, Bd. 3, Hamburg 1980, S. 260-296; online: <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/ggphilosophy\/gg_heidegger-weltgeschichte-nichts.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">http:\/\/www.vordenker.de\/ggphilosophy\/gg_heidegger-weltgeschichte-nichts.pdf<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>~7 min Lesezeit, akustische Untermalung gew\u00fcnscht? 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