{"id":1878,"date":"2017-11-12T18:49:26","date_gmt":"2017-11-12T16:49:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.vordenker.de\/blog\/?p=1878"},"modified":"2017-11-12T19:06:34","modified_gmt":"2017-11-12T17:06:34","slug":"digitalisierung-schaedigt-unser-gedaechtnis-und-unseren-verstand","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.vordenker.de\/blog\/1878\/digitalisierung-schaedigt-unser-gedaechtnis-und-unseren-verstand\/","title":{"rendered":"Digitalisierung sch\u00e4digt unser Ged\u00e4chtnis und unseren Verstand &#8230;."},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-1879 size-full\" src=\"http:\/\/www.vordenker.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/book_445.jpg\" alt=\"\" width=\"445\" height=\"241\" srcset=\"http:\/\/www.vordenker.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/book_445.jpg 445w, http:\/\/www.vordenker.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/book_445-300x162.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 445px) 100vw, 445px\" \/>Verfolgen wir einfach mal eine fast typische Diskussion zwischen einem Digitalisierungsbef\u00fcrworter, einem Technologiefreund \u2013 sagen wir aus dem Silicon Valley, genannt B, und einem Digitalisierungskritiker, hier K f\u00fcr Kritik, die in Deutschland auch schon mal Kulturpessimisten genannt werden:<\/p>\n<p>B: Die Digitalisierung wird uns insgesamt kl\u00fcger und ged\u00e4chtnisreicher machen, diese Erfindung dient sowohl unserem Verstand als auch unserem Ged\u00e4chtnis.<\/p>\n<p>K: Das muss man differenzierter sehen. Eine Person vermag vielleicht zu beurteilen, was zu den wirklich heute ben\u00f6tigten F\u00e4higkeiten geh\u00f6rt, eine andere, was f\u00fcr Schaden einerseits und Vorteil andererseits es denjenigen bringt, die die Digitalisierung benutzen. Und Du hast gerade als Erfinder und aus blo\u00dfer Begeisterung das Gegenteil dessen gesagt, was <!--more-->die Digitalisierung bewirken wird. Denn sie wird bei den Lernenden das Vergessen bewirken, da sie nun ihr Ged\u00e4chtnis vernachl\u00e4ssigen werden. Denn sie werden auf die Digitalisierung vertrauen, da ja dort schon alles gespeichert ist, anstatt sich selbst und unmittelbar die Wissensinhalte anzueignen. Deine Erfindung dient lediglich der blo\u00dfen Speicherung, nicht aber dem Ged\u00e4chtnis. Und die Lernenden lernen nur einen sch\u00f6nen Schein, nicht aber die Sachen selbst und deren Verst\u00e4ndnis. Und sie werden \u2013 nunmehr ohne LehrerInnen &#8211; glauben, dass sie Vieles wissen, sie sind jedoch in Wirklichkeit unwissend, da das innere Verst\u00e4ndnis fehlt. Sie d\u00fcnken sich kompetent, was aber herauskommt ist blo\u00df D\u00fcnkel, die Einbildung, kompetent zu sein.<\/p>\n<p>B: Aber die Digitalisierung wird Vieles klarer machen, sie wird uns dabei helfen, Dinge und Prozesse zu strukturieren, und wir m\u00fcssen unsere K\u00f6pfe nicht mehr damit f\u00fcllen und k\u00f6nnen uns im Gegenteil Wesentlicherem zuwenden.<\/p>\n<p>K: Das Schlimme an der Digitalisierung, und darin unterscheidet sie sich nur wenig von anderen Technologien wie z.B. dem Druck \u2013 das Schlimme ist, ihre Inhalte suggerieren sowohl Lebhaftigkeit als auch Pr\u00e4senz, die sich aber als Trug erweisen, denn wenn man digitalisierte Inhalte, egal ob Schrift, Bild, Film oder Ton etwas fragen will, so erz\u00e4hlen sie doch wieder nur dasselbe. Und ihre Inhalte sind jedermann zug\u00e4nglich. Sie verm\u00f6gen von sich aus nicht zu sagen, f\u00fcr wen sie bestimmt sind und f\u00fcr wen nicht.<\/p>\n<p>Soweit der Ausschnitt aus einer f\u00fcr unsere Tage mehr oder weniger typischen Debatte auf einer x-beliebigen Podiumsdiskussion irgendwo in Deutschland mit Vertretern von Unternehmerverb\u00e4nden, oder LehrerInnen, oder PolitikerInnen &#8211; oder, die sind echt neu, InfluencerInnen!!!<\/p>\n<p>Der Punkt ist nur, ich habe mir erlaubt, die obigen Dialogfetzen leicht umzuschreiben, sie sind \u00fcber 2000 Jahre alt und stammen aus dem Phaidros-Dialog von Platon, in dem Platon Sokrates nat\u00fcrlich nicht die Digitalisierung kritisieren lie\u00df &#8211; woher auch -, sondern die Erfindung der Buchstaben und der Schrift!<\/p>\n<p>Ein Text vermag nicht zu sagen, woher er stammt und f\u00fcr wen er bestimmt ist \u2013 die Schrift sch\u00e4digt unser Ged\u00e4chtnis, weil wir uns Dinge nun nicht mehr merken m\u00fcssen, usw.<\/p>\n<p><strong>Und woher wissen wir das?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Uaaah. Weil Platon das aufgeschrieben hat!<\/strong><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-1880\" src=\"http:\/\/www.vordenker.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/platon_445-300x184.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"184\" srcset=\"http:\/\/www.vordenker.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/platon_445-300x184.jpg 300w, http:\/\/www.vordenker.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/platon_445.jpg 445w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/p>\n<p>Unten das Original aus der \u00dcbersetzung von Schleiermacher. Wer mir nicht glaubt, kann auch <a href=\"http:\/\/gutenberg.spiegel.de\/buch\/platons-werke-erster-theil-7316\/5\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier nachschlagen<\/a>.<\/p>\n<p>Meine \u00dcberzeugung? Wir brauchen eine neue Qualit\u00e4t in der Debatte um Digitalisierung und nicht dieses \u00fcber 2000 Jahre alte Muster.<\/p>\n<p>Sch\u00f6nen Sonntag noch, Nick H. aka Joachim Paul<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Phaidros, Auszug:<\/h3>\n<p><strong>Sokrates:<\/strong>\u00a0Ich habe also geh\u00f6rt, zu Neukratis in \u00c4gypten sei einer von den dortigen alten G\u00f6ttern gewesen, dem auch der Vogel, welcher Ibis hei\u00dft, geheiliget war, er selbst aber der Gott habe Theuth gehei\u00dfen. Dieser habe zuerst Zahl und Rechnung erfunden, dann die Me\u00dfkunst und die Sternkunde, ferner das Brett- und W\u00fcrfelspiel, und so auch die Buchstaben. Als K\u00f6nig von ganz \u00c4gypten habe damals Thamus geherrscht in der gro\u00dfen Stadt des oberen Landes, welche die Hellenen das \u00e4gyptische Thebe nennen, den Gott selbst aber Ammon. Zu dem sei Theuth gegangen, habe ihm seine K\u00fcnste gewiesen, und begehrt sie m\u00f6chten den andern \u00c4gyptern mitgeteilt werden. Jener fragte, was doch eine jede f\u00fcr Nutzen gew\u00e4hre, und je nachdem ihm, was Theuth dar\u00fcber vorbrachte, richtig oder unrichtig d\u00fcnkte, tadelte er oder lobte. Vieles nun soll Thamus dem Theuth \u00fcber jede Kunst daf\u00fcr und dawider gesagt haben, welches weitl\u00e4ufig w\u00e4re alles anzuf\u00fchren. Als er aber an die Buchstaben gekommen, habe Theuth gesagt: Diese Kunst, o\u00a0K\u00f6nig, wird die \u00c4gypter weiser machen und ged\u00e4chtnisreicher, denn als ein Mittel f\u00fcr den Verstand und das Ged\u00e4chtnis ist sie erfunden. Jener aber habe erwidert: O\u00a0kunstreichster Theuth, Einer wei\u00df, was zu den K\u00fcnsten geh\u00f6rt, ans Licht zu geb\u00e4ren; ein Anderer zu beurteilen, wieviel Schaden und Vorteil sie denen bringen, die sie gebrauchen (275) werden. So hast auch du jetzt als Vater der Buchstaben aus Liebe das Gegenteil dessen gesagt, was sie bewirken. Denn diese Erfindung wird der Lernenden Seelen vielmehr Vergessenheit einfl\u00f6\u00dfen aus Vernachl\u00e4ssigung des Ged\u00e4chtnisses, weil sie im Vertrauen auf die Schrift sich nur von au\u00dfen vermittelst fremder Zeichen, nicht aber innerlich sich selbst und unmittelbar erinnern werden. Nicht also f\u00fcr das Ged\u00e4chtnis, sondern nur f\u00fcr die Erinnerung hast du ein Mittel erfunden, und von der Weisheit bringst du deinen Lehrlingen nur den Schein bei, nicht die Sache selbst. Denn indem sie nun vieles geh\u00f6rt haben ohne Unterricht, werden sie sich auch vielwissend zu sein d\u00fcnken, da sie doch unwissend gr\u00f6\u00dftenteils sind, und schwer zu behandeln, nachdem sie d\u00fcnkelweise geworden statt weise.<\/p>\n<p><strong>Phaidros:<\/strong>\u00a0O Sokrates, leicht erdichtest du uns \u00e4gyptische und was sonst f\u00fcr ausl\u00e4ndische Reden du willst.<\/p>\n<p><strong>Sokrates:<\/strong>\u00a0Sollen doch, o\u00a0Freund, in des Zeus dodon\u00e4ischem Tempel einer Eiche Reden die ersten prophetischen gewesen sein. Den damaligen nun, weil sie eben nicht so weise waren als ihr J\u00fcngeren, gen\u00fcgte es in ihrer Einfalt auch der Eiche und dem Stein zuzuh\u00f6ren, wenn sie nur wahr redeten. Dir aber macht es vielleicht einen Unterschied, wer der Redende ist und von wannen. Denn nicht darauf allein siehst du, ob sich so oder anders die Sache verh\u00e4lt.<\/p>\n<p><strong>Phaidros:<\/strong>\u00a0Mit Recht hast du mich gescholten. Auch d\u00fcnkt mich mit den Buchstaben es sich so zu verhalten, wie der Theb\u00e4er sagt.<\/p>\n<p><strong>Sokrates:<\/strong>\u00a0Wer also eine Kunst in Schriften hinterl\u00e4\u00dft, und auch wer sie aufnimmt, in der Meinung da\u00df etwas deutliches und sicheres durch die Buchstaben kommen k\u00f6nne, der ist einf\u00e4ltig genug, und wei\u00df in Wahrheit nichts von der Weissagung des Ammon, wenn er glaubt, geschriebene Reden w\u00e4ren noch sonst etwas als nur demjenigen zur Erinnerung, der schon das wei\u00df, wor\u00fcber sie geschrieben sind.<\/p>\n<p><strong>Phaidros:<\/strong>\u00a0Sehr richtig.<\/p>\n<p><strong>Sokrates:<\/strong>\u00a0Denn dieses Schlimme hat doch die Schrift, Phaidros, und ist darin ganz eigentlich der Malerei \u00e4hnlich; denn auch diese stellt ihre Ausgeburten hin als lebend, wenn man sie aber etwas fragt, so schweigen sie gar ehrw\u00fcrdig still. Eben so auch die Schriften. Du k\u00f6nntest glauben sie spr\u00e4chen als verst\u00e4nden sie etwas, fragst du sie aber lernbegierig \u00fcber das Gesagte, so enthalten sie doch nur ein und dasselbe stets. Ist sie aber einmal geschrieben, so schweift auch \u00fcberall jede Rede gleicherma\u00dfen unter denen umher, die sie verstehen, und unter denen, f\u00fcr die sie nicht geh\u00f6rt, und versteht nicht, zu wem sie reden soll, und zu wem nicht. Und wird sie beleidiget oder unverdienterweise beschimpft, so bedarf sie immer ihres Vaters H\u00fclfe; denn selbst ist sie weder sich zu sch\u00fctzen noch zu helfen im Stande.<\/p>\n<p><strong>Phaidros:<\/strong>\u00a0Auch hierin hast du ganz recht gesprochen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Verfolgen wir einfach mal eine fast typische Diskussion zwischen einem Digitalisierungsbef\u00fcrworter, einem Technologiefreund \u2013 sagen wir aus dem Silicon Valley, genannt B, und einem Digitalisierungskritiker, hier K f\u00fcr Kritik, die in Deutschland auch schon mal Kulturpessimisten genannt werden: B: Die Digitalisierung wird uns insgesamt kl\u00fcger und ged\u00e4chtnisreicher machen, diese Erfindung dient sowohl unserem Verstand als [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[247,60,231,338],"tags":[776,630,782,777,781,780,774,775,779,778],"class_list":["post-1878","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-medien","category-philosophie","category-wirtschaftspolitik","category-zitate","tag-buchstaben","tag-digitalisierung","tag-digitalisierungsdebatte","tag-gedaechtnis","tag-mediendebatte","tag-phaidros","tag-platon","tag-schrift","tag-sokrates","tag-verstand"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.vordenker.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1878","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.vordenker.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.vordenker.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.vordenker.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.vordenker.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1878"}],"version-history":[{"count":5,"href":"http:\/\/www.vordenker.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1878\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1885,"href":"http:\/\/www.vordenker.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1878\/revisions\/1885"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.vordenker.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1878"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.vordenker.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1878"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.vordenker.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1878"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}