{"id":1945,"date":"2018-01-07T20:09:07","date_gmt":"2018-01-07T18:09:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.vordenker.de\/blog\/?p=1945"},"modified":"2018-01-07T20:56:04","modified_gmt":"2018-01-07T18:56:04","slug":"peter-sloterdijk-und-die-kuenstliche-intelligenz-oder-goetterdaemmerung-und-antimoderne-hysterie","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.vordenker.de\/blog\/1945\/peter-sloterdijk-und-die-kuenstliche-intelligenz-oder-goetterdaemmerung-und-antimoderne-hysterie\/","title":{"rendered":"Peter Sloterdijk und die K\u00fcnstliche Intelligenz, oder: G\u00f6tterd\u00e4mmerung und antimoderne Hysterie"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-1947 size-full\" src=\"http:\/\/www.vordenker.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/cybcut445.jpg\" alt=\"\" width=\"445\" height=\"297\" srcset=\"http:\/\/www.vordenker.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/cybcut445.jpg 445w, http:\/\/www.vordenker.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/cybcut445-300x200.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 445px) 100vw, 445px\" \/><\/p>\n<p>Anl\u00e4sslich seines 70. Geburtstags erschien im Suhrkamp-Verlag 2017 ein weiterer Band von Peter Sloterdijk mit dem Titel \u201eNach Gott\u201c, eine Sammlung von Vortr\u00e4gen und Aufs\u00e4tzen.<\/p>\n<p>Der erste, neu verfasste Beitrag titelt mit \u201eG\u00f6tterd\u00e4mmerung\u201c und befasst sich mit den \u201eVerst\u00e4ndnissen\u201c unserer \u201eGegenwart als Zeit wachsender Komplexit\u00e4ten und Kompliziertheiten\u201c.[1] Es darf bemerkt werden, dass Sloterdijk zu einer Minderheit geh\u00f6rt, die <!--more-->zwischen Kompliziertheit und Komplexit\u00e4t eine scharfe Unterscheidung trifft. Denn sonst h\u00e4tte ihm \u2013 wie vielen anderen &#8211; einer der beiden Begriffe gereicht.<\/p>\n<p>Gleichwohl gilt der Philosoph als umstritten. Das gilt aber im Grunde f\u00fcr Jeden, dessen Denken in Texten mit einer gewissen Komplexit\u00e4t kondensiert. Kritiker haben hier immer die M\u00f6glichkeit, das zu einfacheren Interpretationen herunterzubrechen. Und oft tun sie das auch, aus politischen Motiven, aus Motiven der philosophischen Konkurrenz oder aus Weiterem, \u00fcber das die H\u00f6flichkeit gebietet, sich hier Spekulationen zu enthalten.<\/p>\n<p>Zwei Zeitgenossen, die ihn verteidigen, m\u00f6chte ich vorab nennen. Siegfried Zielinski, sein Nachfolger im Amt der Leitung der Hochschule f\u00fcr Gestaltung in Karlsruhe, bescheinigt ihm missverstanden worden zu sein.[2] Und der Philosoph Slavoj \u017di\u017eek nennt ihn in einem Beitrag zu Sloterdijks 70stem in DIE ZEIT \u201eIm Herzen ein Kommunist\u201c.[3]<\/p>\n<p>Was mich betrifft, so gebe ich freim\u00fctig zu, dass mir seine Einlassungen vor einigen Jahren zur \u201egebenden Hand\u201c zu Staat und Steuern, \u00fcberhaupt nicht gefallen haben. Aber das muss auch nicht sein.<\/p>\n<p>In Sloterdijks Texten ereignet sich eine Selbstfeier der Sprache sowie des eigenen Verm\u00f6gens zur Sprache, die sowohl technisch als auch lyrisch-poetisch gepr\u00e4gten Geistern aufsto\u00dfen kann. Seine \u00fcppig \u00fcberbordende Metaphorik, seine komplexen Vernetzungen und Bez\u00fcge hinein ins Textgef\u00fcge unserer Welt fordern nicht selten Belesenheit &#8211; im Verbund mit Zeit und Mu\u00dfe, jedoch zumindest die Bereitschaft und die F\u00e4higkeit, nachschlagen oder nachlesen zu k\u00f6nnen. Zumindest letzteres sollte in Zeiten des Internet problemlos m\u00f6glich sein.<\/p>\n<p>Viele seiner Texte gaben mir etwas. Stellvertretend f\u00fcr so Einiges m\u00f6chte ich hier \u201eNicht gerettet \u2013 Versuche nach Heidegger\u201c anf\u00fchren, das schon im Titel Bezug auf Heideggers letztes Interview im Spiegel nimmt und seinen Satz: \u201eNur noch ein Gott kann uns retten\u201c.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich best\u00e4tigt Peter Sloterdijk recht eindrucksvoll die These des Psychologen Julian Jaynes:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eIn Wahrheit und Wirklichkeit ist die Sprache ein Wahrnehmungsorgan und nicht einfach nur ein Kommunikationsmittel.\u201c[4]<\/p><\/blockquote>\n<p>Sprache als Wahrnehmung. Sloterdijks Stil und seine sprachlichen Wahrnehmungen evozieren bei so einigen Kritikern den Eindruck einer gewissen Arroganz. Des weiteren liebt er die gro\u00dfe B\u00fchne. Es steht mir nicht zu, das zu bewerten. Jedoch m\u00f6gen diese Feststellungen auch ein Indiz f\u00fcr eine gewisse Getriebenheit sein, aus \u201eVerzweiflung \u00fcber die mangelnde Kraft der philosophischen Gegenwart zu echter Zeitgenossenschaft\u201c. Diese Formulierung habe ich von Erich H\u00f6rl raubkopiert, der sie in seinem Aufsatz \u201eDas kybernetische Bild des Denkens\u201c auf den Philosophen Gotthard G\u00fcnther bezog.[5]<\/p>\n<p>Denn in Sloterdijks, den Band \u201eNach Gott\u201c einleitendem Aufsatz \u201eG\u00f6tterd\u00e4mmerung\u201c \u201eg\u00fcnthert\u201c es gewaltig. Er feiert den Philosophen der Kybernetik geradezu. Und startet gleich mit einem Zitat aus G\u00fcnthers Aufsatz \u201eSeele und Maschine\u201c:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eAllen G\u00f6tterwelten folgt eine G\u00f6tterd\u00e4mmerung\u201c.[6]<\/p><\/blockquote>\n<p>Aktuell erweisen sich angesichts des Themas der k\u00fcnstlichen Intelligenz so einige renommierte Wissenschaftler, Unternehmer und auch Philosophen weder wissenschaftlich noch argumentativ-philosophisch als satisfaktionsf\u00e4hig. Technische Singularit\u00e4t und Superintelligenz sind hier die Stichworte. Ich schrieb dazu im Blog und im philosophischen Wirtschaftsmagazin agora42.[7,8]<\/p>\n<p>Zu diesen Prominenzen geh\u00f6ren u.a. der Physiker Stephen Hawking und der Historiker Yuval Noah Harari (Homo Deus), beides Bestseller-Autoren.<\/p>\n<p>Nun, im Werk Gotthard G\u00fcnthers hegelt es gewaltig und des \u00f6fteren wird gespenglert, aber immer \u2013 implizit \u2013 geleibnizt. Und Sloterdijk \u2013 wie schon erw\u00e4hnt &#8211; g\u00fcnthert ganz gern. Zeit also f\u00fcr mich, mal zu sloterdijken.<\/p>\n<p>Denn der Philosoph reflektiert in \u201eG\u00f6tterd\u00e4mmerung\u201c entlang der urspr\u00fcnglichen Argumentationslinie Gotthard G\u00fcnthers noch einmal das Thema der menschlichen Reflexion und geht hernach geradezu elegant mit den oben erw\u00e4hnten Prominenzen um [1]:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eM\u00fcssen wir uns wirklich mit der Suggestion befassen, die Erfinder der K\u00fcnstlichen Intelligenz h\u00e4tten sich in die freigewordene Position des Macher-Gottes gedr\u00e4ngt? Folglich sollten sie wie dieser mit dem Aufstand ihrer Kreaturen rechnen? Gibt es eine Erbs\u00fcnde der Maschinen? Sollen Maschinen an ihren Menschen glauben, oder wird es einen Ahumanismus der Robots geben?<\/p>\n<p>Was sollen wir den seit Jahrhunderten aufflammenden antimodernen Hysterien antworten, die unterstellen, der Mensch m\u00f6chte \u201ewerden wie Gott\u201c?<\/p>\n<p>[\u2026] Die Konsequenzen des immer rascheren Abflie\u00dfens von Menschenreflexionen in Maschinenreflexionen sind unabsehbar. Gegenbewegungen bezeugen ihren Protest. Man wird Staud\u00e4mme bauen gegen die Fluten externalisierter Intelligenz.<\/p>\n<p>[\u2026] Nicht wenige der kl\u00fcgsten unter den geistig virulenten Zeitgenossen \u2013 nennen wir Hawking und Hariri anstelle von einigen Nennenswerten \u2013 dr\u00fccken ihre spirituellen Sorgen in der Vision von der \u00dcberw\u00e4ltigung der Menschen durch ihre digitalen Golems aus.<\/p>\n<p>Lassen wir das vorerst letzte Wort dem Denker, der das Ph\u00e4nomen der k\u00fcnstlichen Intelligenz fr\u00fcher und durchdringender als alle Zeitgenossen reflektiert hatte. Gotthard G\u00fcnther schreibt am Ende seines Aufsatzes \u201eSeele und Maschine\u201c 1956:<\/p>\n<p><strong>&#8222;Die Kritiker, die beklagen, da\u00df die Maschine uns unsere Seele &#8222;raubt&#8220;, sind im Irrtum. Eine intensivere, sich in gr\u00f6\u00dfere Tiefen erhellende Innerlichkeit st\u00f6\u00dft hier mit souver\u00e4ner Geb\u00e4rde ihre gleichg\u00fcltig gewordenen, zu blo\u00dfen Mechanismen heruntergesunkenen Formen der Reflexion von sich ab, um sich selber in einer tieferen Spiritualit\u00e4t zu best\u00e4tigen. Und die Lehre dieses geschichtlichen Prozesses? Wieviel das Subjekt von seiner Reflexion auch an den Mechanismus abgibt, es wird dadurch nur reicher, weil ihm aus einer unersch\u00f6pflichen und bodenlosen Innerlichkeit immer neue Kr\u00e4fte der Reflexion zuflie\u00dfen.\u201c<\/strong>[6]<\/p><\/blockquote>\n<p>Soweit Peter Sloterdijk. Er f\u00fcgt seinem Zitat G\u00fcnthers nichts mehr hinzu. Dem k\u00f6nnte ich nun folgen.<\/p>\n<p>Ich schlage dennoch als folgerichtige Erg\u00e4nzung einen in der Sendung Freistil ausgesprochenen Satz von Rudolf Kaehr vor:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eDer Tod Gottes wird auch die Arithmetik ver\u00e4ndern. Und ich denke, das ist zu leisten.\u201c[9]<\/p><\/blockquote>\n<p>Wenn es mir als Kybernetiker gel\u00e4nge, eine polykontexturale KI, die den Namen KI auch verdient, zu konstruieren, bspw. zur Dekonstruktion des abendl\u00e4ndischen philosophischen Textwissens, ich w\u00fcrde sie Sloterdijk nennen.<\/p>\n<p>Habt Spa\u00df, Nick H. aka Joachim Paul<\/p>\n<h3>Quellenangaben:<\/h3>\n<p>[1] Peter Sloterdijk, G\u00f6tterd\u00e4mmerung, in: Nach Gott, Frankfurt a. M. 2017, S. 7 \u2013 30<\/p>\n<p>[2] Siegfried Zielinski \u00fcber Sloterdijk &#8211; Sloterdijk ist missverstanden worden <a href=\"http:\/\/www.deutschlandfunkkultur.de\/siegfried-zielinski-ueber-seinen-vorgaenger-sloterdijk-ist.1013.de.html?dram:article_id=345003\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.deutschlandfunkkultur.de\/siegfried-zielinski-ueber-seinen-vorgaenger-sloterdijk-ist.1013.de.html?dram:article_id=345003<\/a><\/p>\n<p>[3] Slavoj \u017di\u017eek \u00fcber Sloterdijk \u201eIm Herzen ein Kommunist\u201c<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2017\/26\/peter-sloterdijk-70-geburtstag\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.zeit.de\/2017\/26\/peter-sloterdijk-70-geburtstag<\/a><\/p>\n<p>[4] Julian Jaynes, Der Ursprung des Bewusstseins durch den Zusammenbruch der bikameralen Psyche, Reinbek 1988, S. 67 &#8211; orig. The Origin of Consciousness in the Breakdown of the Bicameral Mind; Houghton Mifflin, Boston 1976<\/p>\n<p>[5] Erich H\u00f6rl, Das kybernetische Bild des Denkens, in: Die Transformation des Humanen, Michael Hagner &amp; Erich H\u00f6rl, (Eds), Frankfurt am Main 2008, S. 163-195, S. 195<\/p>\n<p>[6] Gotthard G\u00fcnther, Seele und Maschine, Erstver\u00f6ffentlichung in: Augenblick Bd. 3, 1955, Heft 1, S. 1-16, abgedruckt in: &#8222;Beitr\u00e4ge zu einer operationsf\u00e4higen Dialektik&#8220;, Band 1, p.75-90, Felix Meiner Verlag, Hamburg, 1976. Online: <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/ggphilosophy\/gg_seele-maschine.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.vordenker.de\/ggphilosophy\/gg_seele-maschine.pdf<\/a><\/p>\n<p>[7] Joachim Paul, Wer hat Angst vor der Superintelligenz? Wer hat Angst vor M\u00e4rchen? WTF!<br \/>\nNeuss, September 4, 2016, Online: <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/blog\/?p=1530\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.vordenker.de\/blog\/?p=1530<\/a><\/p>\n<p>[8] Joachim Paul, \u00dcber Monster und Kurzschl\u00fcsse der Erkenntnis &#8211; Oder: Keine Angst vor k\u00fcnstlicher Intelligenz, in: agora 42 &#8211; Das philosophische Wirtschaftsmagazin, Stuttgart, 2017\/2, 30.03.2017 \u2013 S. 64 \u2013 67, www.agora42.de<\/p>\n<p>[9] FREISTIL, oder die Seinsmaschine &#8211; Mitteilungen aus der Wirklichkeit, Audioausz\u00fcge aus einer Sendung des WDR 3, produziert und konzipiert von Thomas Schmitt http:\/\/www.tagtraum.de &#8211; Regie Thomas Schmitt, Text Rudolf Kaehr (Zitat im Transkript nicht enthalten.) Online: <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/rk\/rk_Freistil-oder-die-Seinsmaschine_2000.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.vordenker.de\/rk\/rk_Freistil-oder-die-Seinsmaschine_2000.pdf<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anl\u00e4sslich seines 70. Geburtstags erschien im Suhrkamp-Verlag 2017 ein weiterer Band von Peter Sloterdijk mit dem Titel \u201eNach Gott\u201c, eine Sammlung von Vortr\u00e4gen und Aufs\u00e4tzen. 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