{"id":2013,"date":"2018-08-07T21:58:39","date_gmt":"2018-08-07T19:58:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.vordenker.de\/blog\/?p=2013"},"modified":"2018-08-07T22:56:49","modified_gmt":"2018-08-07T20:56:49","slug":"zum-ursprung-der-kybernetik","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.vordenker.de\/blog\/2013\/zum-ursprung-der-kybernetik\/","title":{"rendered":"Zum Ursprung der Kybernetik"},"content":{"rendered":"<p>Gastbeitrag von Ulrich Kramer<\/p>\n<figure id=\"attachment_2015\" aria-describedby=\"caption-attachment-2015\" style=\"width: 445px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-2015 size-full\" src=\"http:\/\/www.vordenker.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/Ptuj_Castle_Ouroboros_445.jpg\" alt=\"\" width=\"445\" height=\"272\" srcset=\"http:\/\/www.vordenker.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/Ptuj_Castle_Ouroboros_445.jpg 445w, http:\/\/www.vordenker.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/Ptuj_Castle_Ouroboros_445-300x183.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 445px) 100vw, 445px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-2015\" class=\"wp-caption-text\">Ouroboros, Burg von Ptuj, Slovenien \/\/ Foto: Johann Jaritz<\/figcaption><\/figure>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vordenker.de\/ukramer\/uk_kybernetik_ursprung.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">PDF-Download des Beitrags<\/a><\/p>\n<p>Editorische Einleitung: In den Medien und im Netz feiern so einige Oxymora fr\u00f6hliche Urst\u00e4nd. Gemeint sind Begriffe, die pl\u00f6tzlich ihre Erg\u00e4nzung durch das f\u00fchrende Adjektiv \u201ekybernetisch\u201c erfahren, als reichen die Begriffe selbst nicht aus, um ihre Bedrohungspotentiale gen\u00fcgend zum Ausdruck zu bringen. Da muss die b\u00f6se, \u201eanti-aufkl\u00e4rerische Kriegswissenschaft Kybernetik\u201c (Precht) f\u00fcr eine dramatische Verst\u00e4rkung der Gefahr herhalten. Von kybernetischem Kapitalismus ist da die Rede, von kybernetischer \u00dcberwachung, gar von kybernetischer Diktatur. Und das Silicon Valley pflege ein kybernetisches Menschenbild. Schw\u00e4rzer kann man den Schimmel nicht mehr machen. Der wirklich anti-aufkl\u00e4rerische Effekt ist, dass <!--more-->ganze Interpretationsr\u00e4ume zum Begriff der Kybernetik einfach abgeschnitten werden. Die Verwendung als Adjektiv in den genannten Kombinationen schl\u00e4gt auf den Begriff selbst zur\u00fcck. Er wird diskreditiert. Und die sprachliche Pr\u00e4zision, die Strenge des Denkens, die Sprache gerade als Mittel der Aufkl\u00e4rung ist beim Teufel, ein Armutszeugnis f\u00fcr die so argumentierenden, meist Geisteswissenschaftler.<\/p>\n<p>Ich hatte dazu reichlich ver\u00e4rgert aber sachlich geschrieben, <a href=\"https:\/\/www.vordenker.de\/blog\/?p=1997\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/blog\/?p=1958\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a> und auf <a href=\"https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/Anti-Aufklaerung-Kriegstechnologie-4049821.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Telepolis<\/a>. Und Reaktionen erhalten, positive wie negative. Unter den negativen Reaktionen m\u00f6chte ich nur die erw\u00e4hnen, die sagten, dass das Adjektiv und der Begriff doch eher randst\u00e4ndig seien und bestenfalls f\u00fcr eine Fussnote zur Fussnote reichten, es ginge doch um etwas Anderes.<\/p>\n<p>Hmm, ja. \u00d6kologie ohne Kybernetik? Nachhaltiges Wirtschaften ohne Kybernetik? Erkenntnistheorie ohne Kybernetik? No way.<\/p>\n<p>Aber lassen wir das. Kybernetik ist eine Wissenschaft und gerade deshalb keine Heilslehre. Stattdessen m\u00f6chte ich einen der wichtigeren Protagonisten kybernetischen Denkens in den Zeugenstand rufen, den Kybernetiker Gregory Bateson:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Ich glaube, die Kybernetik ist der gr\u00f6\u00dfte Bissen vom Baum der Erkenntnis, den die Menschheit in den letzten zweitausend Jahren zu sich genommen hat. Die meisten Bisse von diesem Apfel haben sich jedoch als ziemlich unverdaulich erwiesen \u2013 meistens aus kybernetischen Gr\u00fcnden. [\u2026] Soviel ist aber sicher, dass in der Kybernetik auch das Mittel angelegt ist, eine neue und vielleicht menschliche Weltanschauung zu erreichen, ein Mittel, unsere Philosophie der Macht zu ver\u00e4ndern, und ein Mittel, unsere eigenen Dummheiten in einer gr\u00f6\u00dferen Perspektive zu sehen.&#8220;<br \/>\nGregory Bateson, \u00d6kologie des Geistes, 7. Aufl., Frankfurt a.M. 1999, S. 612f<\/p><\/blockquote>\n<p>Unter den konstruktiv-kritischen Reaktionen war auch die eines Ingenieurs. Ulrich Kramer leitete lange Jahre das Autolab an der Hochschule Bielefeld. Ein erster Kontakt entstand \u00fcber das Institut f\u00fcr Kybernetik und Systemtheorie bereits in den Neunzigern. Er \u00fcbersandte mir eine ganze Aufsatzsammlung zur Ver\u00f6ffentlichung \u201eMi\u00e4 L\u00e4\u00e4waafn \u2013 Ungehaltene Reden aus nichtigem Anlass\u201c. Mi\u00e4 L\u00e4\u00e4waafn ist ein Ausdruck aus dem \u201eFr\u00e4nggischn\u201c und bedeutet in etwa soviel wie \u201eMein Leergerede\u201c. Wie leer dieses Gerede wirklich ist, davon k\u00f6nnen sich die gesch\u00e4tzten Leser*innen im Folgenden \u00fcberzeugen. Zum Einstieg gibt es hier einen Auszug aus der Aufsatzsammlung als Beitrag im Blog f\u00fcr schnelle Leser sowie als <a href=\"https:\/\/www.vordenker.de\/ukramer\/uk_kybernetik_ursprung.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">PDF zum Download mit dem Titel \u201eZum Ursprung der Kybernetik\u201c<\/a>. Der Beitrag stellt die Kybernetik in philosophische und wissenschaftshistorische Bez\u00fcge, die so manchen \u00fcberraschen m\u00f6gen. Mehr soll hier nicht verraten werden. Die gesamte Aufsatzsammlung \u201e<a href=\"https:\/\/www.vordenker.de\/ukramer\/uk_ML.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Mi\u00e4 L\u00e4\u00e4waafn<\/a>\u201c inklusive s\u00e4mtlicher Literaturverweise steht ebenfalls <a href=\"https:\/\/www.vordenker.de\/ukramer\/uk_ML.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a> zur Verf\u00fcgung.<\/p>\n<p>Und nun, viel Spa\u00df beim Lesen, Ihr Joachim Paul (Hg.)<\/p>\n<h3>Zum Ursprung der Kybernetik<\/h3>\n<p style=\"text-align: right;\">Exitus acta probat.<br \/>\n(Ovid, Heroides)<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Das Endziel, was immer es sei,<br \/>\nist mir nichts, die Bewegung alles.<br \/>\n(Eduard Bernstein, 1898)<\/p>\n<p>Es gibt eine Wissenschaft, die sich mit Vorliebe solch krauser Probleme wie des Radfahrens annimmt: die Kybernetik. Allerdings bekommt man auf die Frage, was Kybernetik genau sei, mindestens ebenso viele Antworten wie man Experten befragt. Auf der Internetseite der US-amerikanischen Gesellschaft f\u00fcr Kybernetik werden nicht weniger als siebzig davon aufgez\u00e4hlt. Die bekannteste stammt von dem Mathematiker Norbert Wiener, dem Begr\u00fcnder der Kybernetik, selbst. Im Titel seines gleichnamigen Buches von 1948 hei\u00dft es b\u00fcndig: Kybernetik oder Regelung und Nachrichten\u00fcbertragung in Tieren und Maschinen.<\/p>\n<p>Dem Vorwort dieses Buches entnehmen wir, womit sich Wiener in den Kriegsjahren vor der Ver\u00f6ffentlichung haupts\u00e4chlich zu besch\u00e4ftigen hatte, n\u00e4mlich mit der Verbesserung der Fliegerabwehrkanonen. Die Flugzeuge erreichten bereits damals im Vergleich zu den Geschossen der Kanonen betr\u00e4chtliche Geschwindigkeiten. Wollte man treffen, mussten die Geschosse zu einem Punkt gef\u00fchrt werden, den die Flugzeuge in der Zeit w\u00e4hrend des Geschossfluges voraussichtlich erreichen w\u00fcrden. Das hei\u00dft, die Feuerleiteinrichtungen ben\u00f6tigten einen erheblichen Vorhalt, der zum einen von den Bewegungen von Flugabwehrkanone und Flugzeug, zum anderen aber auch von den Aktivit\u00e4ten des Piloten im feindlichen Flugzeug und den Fertigkeiten des Richtkanoniers abhing. Es war also wichtig, die Charakteristiken jener \u201emenschlichen Komponenten\u201c zu kennen und in die mathematische Beschreibung der Ger\u00e4te einflie\u00dfen zu lassen, wollte man die Trefferquote erh\u00f6hen.<\/p>\n<p>Angeblich soll sein Sch\u00fcler Claude Shannon, der Erfinder der Informationstheorie, Wiener geradezu gedr\u00e4ngt haben, sich f\u00fcr den Begriff Kybernetik als Bezeichnung dieser neuen wissenschaftlichen Disziplin zu entscheiden: \u201eNorbert, nimm doch Kybernetik; da wei\u00df niemand, was du meinst, und das bringt dir in Diskussionen nur Vorteile\u201c. Der franz\u00f6sische Mathematiker Andr\u00e9-Marie Amp\u00e8re, auf den Wiener bei seiner etymologischen Quellensuche f\u00fcr das Wort Kybernetik stie\u00df, beschrieb 1834 in einer Untersuchung die \u201ecybern\u00e9tique\u201c als die Kunst des Regierens von Menschen.<\/p>\n<p>In dieser Spannbreite zwischen Technik, Biologie und Gesellschaft bewegen sich auch all die unterschiedlichen Interpretationen und Denkans\u00e4tze von Wieners Epigonen. Eine merkenswerte stammt von dem marxistischen Philosophen Georg Klaus; er definierte Kybernetik als Theorie m\u00f6glicher Verhaltensweisen allgemeiner Maschinen, oder auch als Theorie der Zusammenh\u00e4nge m\u00f6glicher selbstregulierender Systeme mit ihren Untersystemen. Hiervon wird noch zu sprechen sein.<\/p>\n<p>Dabei fing eigentlich alles ganz harmlos an. Zu Beginn, vor bald f\u00fcnfundsiebzig Jahren, im Oktober des Jahres 1943, erschien in der Zeitschrift \u201ePhilosophy of Science\u201c ein Artikel von Norbert Wiener, den er zusammen mit dem Physiologen Roberto Rosenblueth und dem Ingenieur Julian Bigelow unter dem Titel \u201eBehavior, purpose, and teleology\u201c verfasst hatte. In ihm \u00e4u\u00dferte er sich erstmals \u00f6ffentlich zu Gemeinsamkeiten im Verhalten von Lebewesen und Maschinen. Inmitten des Zweiten Weltkriegs, in dem es wie in jedem Krieg (und auf allen Seiten) um Vaterland, Ehre, Tapferkeit und Ruhm gehen sollte, musste eine solche Fragestellung reichlich frivol erscheinen.<\/p>\n<p>Unter Verhalten verstanden die drei Wissenschaftler von MIT und Harvard jedwede beobachtbare Ver\u00e4nderung eines beliebigen Objekts in Abh\u00e4ngigkeit von dessen jeweiliger, mit geeigneten Sensoren erfassbaren Umgebung. Mit einem solchen Ansatz l\u00f6sten die Herren einige Irritation aus, weil sie, von der als uneinnehmbar geglaubten Bastion des Behaviorismus ausgehend, den Begriff Verhalten kurzerhand von der Binnenwelt der Psychologie in die Au\u00dfenwelt der Maschinen \u00fcbertrugen. Damit nicht genug: um die Verhaltensweisen von Lebewesen, inklusive derer des Menschen, klassifizieren zu k\u00f6nnen, adaptierten sie in umgekehrter Richtung gewisse Eigenschaften wie die der Zweckm\u00e4\u00dfigkeit, die nach damaligem g\u00e4ngigem Verst\u00e4ndnis eigentlich als spezifische Aspekte von Maschinen h\u00e4tten gelten sollen. Sie wollten damit ganz allgemein Verhaltensweisen oder Handlungen kennzeichnen, die auf ein Ziel hin gerichtet sind. Unter unzweckm\u00e4\u00dfigem Verhalten verstanden sie dementsprechend Handlungen, die nicht zielgerichtet sind.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-2016\" src=\"http:\/\/www.vordenker.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/verh_rwb_1943_1000.jpg\" alt=\"\" width=\"445\" height=\"241\" srcset=\"http:\/\/www.vordenker.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/verh_rwb_1943_1000.jpg 1000w, http:\/\/www.vordenker.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/verh_rwb_1943_1000-300x162.jpg 300w, http:\/\/www.vordenker.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/verh_rwb_1943_1000-768x415.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 445px) 100vw, 445px\" \/><\/p>\n<p>Wiener und seine Koautoren widersprachen ganz entschieden der Auffassung, alle Maschinen seien zweckm\u00e4\u00dfig. Sie begr\u00fcndeten dies zum einen damit, dass durchaus Maschinen, das Roulette etwa, denkbar seien, die grunds\u00e4tzlich nicht zielgerichtet und somit auch nicht zweckm\u00e4\u00dfig sind, ja noch nicht einmal so konzipiert sein d\u00fcrfen, sollen sie ihrer Bestimmung gem\u00e4\u00df funktionieren. Zum anderen behaupteten sie, selbst wenn man einen Mechanismus f\u00fcr einen bestimmten Zweck konstruieren w\u00fcrde, sei es denkbar, dass die sich hieraus ergebende Maschine bei Ausf\u00fchrung dieses Zwecks keinem bestimmten Endzustand zustrebe und deshalb nicht als zielgerichtet gelten k\u00f6nne. Es handele sich dann im Umkehrschluss auch nicht um eine zweckm\u00e4\u00dfige Maschine. Die Uhr sei daf\u00fcr ein besonders weit verbreitetes Beispiel.<\/p>\n<p>Ferner gebe es Maschinen, beispielsweise Gewehre, die zwar daf\u00fcr vorgesehen seien, ein Ziel zu treffen, denen aber dieser Zweck, sofern er nicht fest eingebaut sei, abgesprochen werden m\u00fcsse, weil man damit ebenso gut ziellos in der Gegend herumschie\u00dfen k\u00f6nne. Mit anderen Worten, Maschinen verhielten sich zweckm\u00e4\u00dfig im engeren Sinne nur dann, wenn ihnen ein zielf\u00fchrender Mechanismus innewohne und in ihnen wirksam sei, mit dem sie sich selbstt\u00e4tig in ein Ziel steuern k\u00f6nnen. Als Beispiele f\u00fcr diese Kategorie Maschinen f\u00fchrten Wiener und seine Koautoren Torpedos an. In diesem Sinne d\u00fcrfe man nat\u00fcrlich auch Lebewesen zweckm\u00e4\u00dfiges Verhalten attestieren, soweit dieses zielgerichtet ist.<\/p>\n<p>Zur Erl\u00e4uterung des dritten Begriffs in der \u00dcberschrift des Artikels, der Teleologie, muss ich etwas weiter ausholen. Obgleich die Teleologie als philosophischer Begriff erst relativ sp\u00e4t, n\u00e4mlich 1728, von Christian Wolff eingef\u00fchrt worden ist, geh\u00f6rt er zu jener Klasse von Kategorien, in denen gewisserma\u00dfen die gesamte zweieinhalbtausendj\u00e4hrige europ\u00e4ische Philosophiegeschichte aufscheint. In ihm konzentrieren sich vor allem die Kontroversen zwischen Mechanismus und Vitalismus, bei denen es um die Abgrenzung belebter von unbelebter Materie geht, also darum, worin Lebewesen sich von toter Materie unterscheiden. Wohingegen es gerade erkl\u00e4rtes Ziel des besagten Artikels war, Gemeinsamkeiten im Verhalten von Lebewesen und aus toter Materie hergestelltem technischen Ger\u00e4t herauszuarbeiten.<\/p>\n<p>Bis ins 17. Jahrhundert hinein galt die von Aristoteles, dem Urheber des teleologischen Prinzips, stammende und durch die Kirche sanktionierte Doktrin, Leben sei der von der Form gepr\u00e4gte Stoff. Das formende Prinzip des Lebens nannte Aristoteles Entelechie (<em>entel\u00e9s<\/em> vollst\u00e4ndig, <em>\u00e9chein<\/em> besitzen), um auszudr\u00fccken, dass das Leben sein Ziel vollst\u00e4ndig in sich trage. Das stoffliche Prinzip bezeichnete er als <em>d\u00fdnamis<\/em>, als M\u00f6glichkeit des Stoffes n\u00e4mlich, Einwirkungen zu erleiden; <em>energe\u0129a<\/em> (lat. Actus) stand in diesem Zusammenhang f\u00fcr die Einwirkung als Ver\u00e4nderung des M\u00f6glichen in die von der Entelechie vorgegebenen Richtung.<\/p>\n<p>Mechanische Materialisten des 17. Jahrhunderts wie Pierre Gassendi oder Thomas Hobbes wollten in der gesamten Natur als Ver\u00e4nderungen nur mechanische Bewegungen gelten lassen, die durch Wirkursachen hervorgerufen werden: Corpus non moveri nisi impulsum a corpore contiguo et moto. Hiergegen wandten sich die Vitalisten, allen voran die Cambridger Neuplatoniker Henry More und Ralph Cudworth, die f\u00fcr Ver\u00e4nderungen in der belebten Natur besondere Lebenskr\u00e4fte und plastische Naturen verantwortlich machten.<\/p>\n<p>In der Auseinandersetzung mit ihnen wies Gottfried Wilhelm Leibniz die beiden sich bek\u00e4mpfenden, weil einander ausschlie\u00dfenden Erkl\u00e4rungsans\u00e4tze f\u00fcr Ver\u00e4nderungen, den Vitalismus wie den Materialismus, zur\u00fcck. Er hielt nichts von der von Vitalisten behaupteten Allbeseeltheit der Welt, die selbst Felsbrocken oder Wasser noch eine Seele zuzusprechen gewillt waren. Aber er erachtete auch die Argumentation der Materialisten als unvollst\u00e4ndig und zu grobschl\u00e4chtig. Vielmehr wies er darauf hin, dass die Monaden als seelische Substanzen in all ihren Abstufungen \u00fcberall verteilt seien und mit den g\u00e4nzlich unbeseelten Substanzen in pr\u00e4stabilierter Harmonie existierten, in der sie trotz ihrer unterschiedlichen Qualit\u00e4ten \u2013 nach Art synchron laufender Uhren verschiedener Bauart \u2013 gleichwohl alle denselben Ver\u00e4nderungen unterworfen seien. Auf dieser Grundlage f\u00e4llte er in seinen \u201eBetrachtungen \u00fcber die Lebensprinzipien und \u00fcber die plastischen Naturen\u201c von 1705 sein wahrhaft salomonisches Urteil:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eEs sind gewisserma\u00dfen zwei Reiche vorhanden, das der wirkenden und das der Zweckursachen, von denen jedes f\u00fcr sich und als wenn das andere gar nicht existierte, gen\u00fcgt, um im Einzelnen von allem Rechenschaft zu geben. Aber keines von beiden gen\u00fcgt f\u00fcr sich allein, wenn man auf ihren allgemeinen Ursprung sieht; denn beide gehen aus einer Quelle hervor, in der sich die Macht, die die wirkenden Ursachen zustande bringt, und die Weisheit, die die Zweckursache regelt, vereinigt finden.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Immanuel Kant wollte dies so nicht gelten lassen und charakterisierte in der \u201eKritik der Urteilskraft\u201c (1790) Zielstrebigkeit und Zweckm\u00e4\u00dfigkeit als lediglich \u201eregulative Prinzipien\u201c der reflektierenden Urteilskraft. Als \u201ekonstitutive Prinzipien\u201c, mit denen ihre Produkte aus ihren Ursachen abgeleitet werden k\u00f6nnten, fielen sie ohnehin nicht mehr unter die reflektierende, sondern unter die bestimmende Urteilskraft. Eine \u00e4u\u00dfere Zweckm\u00e4\u00dfigkeit k\u00f6nne man nur unter der Bedingung annehmen, dass etwas f\u00fcr sich selbst Zweck der Natur ist. Dies aber lie\u00dfe sich allein auf der Grundlage von Naturbeobachtungen nicht erschlie\u00dfen.<\/p>\n<p>Andererseits berechtige die relative Zweckm\u00e4\u00dfigkeit zu keinem absoluten teleologischen Urteil. Als Naturzweck k\u00f6nne ein Ding nur existieren, wenn es von sich selbst Ursache und Wirkung w\u00e4re, was hie\u00dfe, ein organisches Produkt der Natur sei das, in welchem alles Zweck und wechselseitig auch Mittel ist (Teleologie als System). In der Existenz der Natur als ganzer aber einen Zweck suchen zu wollen sei abzulehnen, weil dies \u00fcber die Natur hinaus ins Metaphysische f\u00fchre, auf das Kant gar nicht gut zu sprechen war.<\/p>\n<p>Im Jahre 1807 erschien die \u201ePh\u00e4nomenologie des Geistes\u201c von Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Er pflichtete zun\u00e4chst der Auffassung von Kant bei und best\u00e4tigte, f\u00fcr das beobachtende Bewusstsein sei der Zweckbegriff nur jene \u00e4u\u00dferliche, teleologische Beziehung, von der auch Kant spricht. Aber:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eIndem es (das Organische) sich in der Beziehung auf Anderes selbst erh\u00e4lt, ist es eben dasjenige nat\u00fcrliche Wesen, in welchem die Natur sich in den Begriff reflektiert, und die an der Notwendigkeit auseinandergelegten Momente einer Ursache und einer Wirkung, eines T\u00e4tigen und eines Leidenden, in eins zusammengenommen.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Kurz gesagt, der Zweckbegriff k\u00f6nne nicht einfach wegdiskutiert werden, sondern geh\u00f6re bei einer umfassenden Weltbetrachtung ganz einfach mit dazu.<\/p>\n<p>In der zwischen 1812 und 1816 erschienenen \u201eWissenschaft der Logik\u201c wie auch in der \u201eEnzyklop\u00e4die der philosophischen Wissenschaften\u201c von 1817 f\u00fchrte Hegel den Zweck neben Mechanismus und Chemismus als etwas Drittes ein, das mit jenen beiden anderen die objektive Welt ausmache. Der Zweck habe eine objektive, mechanische und chemische Welt vor sich, auf die sich seine T\u00e4tigkeit als auf ein Vorhandenes beziehe. Er sei innerhalb der Sph\u00e4re der Objektivit\u00e4t anzusiedeln, wenngleich immer noch \u201evon der \u00c4u\u00dferlichkeit als solcher affiziert\u201c. Hiervon ausgehend gelangte Hegel zu der revolution\u00e4ren Einsicht, dass es die menschlichen T\u00e4tigkeiten seien, die mechanische und chemische Technik n\u00e4mlich, durch die der Zweck zum objektiven Faktum werde. Denn der Zweck schlie\u00dfe sich durch ein Mittel mit der Objektivit\u00e4t und in dieser mit sich selbst zusammen. Das Mittel aber sei die \u00e4u\u00dferliche Mitte des Schlusses, welcher die Ausf\u00fchrung des Zweckes ist. Im Griechischen hei\u00dft m\u00e9chos Mittel, derer sich der Mensch dabei bedient, indem er Werkzeuge, Ger\u00e4te, Apparate, Maschinen verfertigt. Der Begriff Maschine h\u00e4ngt eng mit diesem griechischen Wort zusammen.<\/p>\n<p>In der Enzyklop\u00e4die schreibt Hegel im Paragraphen 209: damit \u201eder subjektiv gesetzte Zweck sich au\u00dfer den Prozessen, worin das Objektive sich aneinander abreibt und aufhebt, halten und das in ihnen sich Erhaltende bleiben k\u00f6nne\u201c, sei die \u201eList der Vernunft\u201c vonn\u00f6ten. Weil das Wichtigste bei Hegel oft in den kommentierenden Zus\u00e4tzen steht, soll dieser (nicht in allen Enzyklop\u00e4die-Ausgaben abgedruckte) Zusatz vollst\u00e4ndig wiedergegeben werden:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eDie Vernunft ist ebenso listig als m\u00e4chtig. Die List besteht \u00fcberhaupt in der vermittelnden T\u00e4tigkeit, welche, indem sie die Objekte ihrer eigenen Natur gem\u00e4\u00df aufeinander einwirken und sich aneinander abarbeiten l\u00e4sst, ohne sich unmittelbar in diesen Proze\u00df einzumischen, gleichwohl nur ihren Zweck zur Ausf\u00fchrung bringt.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Man muss sich vergegenw\u00e4rtigen: diese \u00dcberlegungen sind Bestandteil einer Logik, wenngleich der Hegelschen Logik. Es mutet zun\u00e4chst befremdlich an, zweckm\u00e4\u00dfiges Handeln des Menschen als logisches Schlie\u00dfen, also als Teil einer subjektiv geistigen Leistung pr\u00e4sentiert zu bekommen. Denn tats\u00e4chlich soll es sich Hegel zufolge um einen Prozess handeln, der den \u201edistinkt als Begriff existierenden Begriff\u201c in die Objektivit\u00e4t \u00fcbersetzt. Hegel, f\u00fcr den das Zusammenfallen des Begriffs mit dem Objekt identisch mit der Idee der Wahrheit ist, gelangt, provokant formuliert, vom subjektiven Begriff und vom subjektiven Zweck zur objektiven Wahrheit.<\/p>\n<p>Mit Blick auf diese Merkw\u00fcrdigkeit notierte Wladimir Iljitsch Lenin in seinem 1914 verfassten \u201eKonspekt zu Hegels Wissenschaft der Logik\u201c jedenfalls hocherfreut:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eZur Idee als Wahrheit kommt Hegel \u00fcber die praktische, zweckm\u00e4\u00dfige T\u00e4tigkeit des Menschen. Ganz nahes Herankommen daran, dass der Mensch durch seine Praxis die objektive Richtigkeit seiner Ideen, Begriffe, Kenntnisse, seiner Wissenschaft beweist.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Doch kehren wir ins Jahr 1943 zur\u00fcck. In ihrem Aufsatz klassifizierten Wiener, Rosenblueth und Bigelow das Verhalten beliebiger Entit\u00e4ten wie im eingangs gezeigten Diagramm angedeutet. Als \u201eteleologisch\u201c charakterisierten sie zweckm\u00e4\u00dfig kontrolliertes Verhalten eines aktiven Systems mit R\u00fcckkopplung (feedback), nicht ohne hervorzuheben, sie h\u00e4tten dabei mit den klassischen Konnotaten der Teleologie wie \u201ezweckgef\u00fchrte Kausalit\u00e4t\u201c, \u201eDeterminiertheit\u201c, \u201eFreiheit und Notwendigkeit\u201c usw. nichts im Sinn. Vielmehr w\u00fcrden sie damit die Vorstellung verbinden, dass es sich um zweckm\u00e4\u00dfige Reaktionen handele, die durch einen Mechanismus zur Fehlerkorrektur (negatives feedback) zu jeder Zeit auf einen gew\u00fcnschten Endzustand hin, interpretiert als das Ziel des Vorgangs, gesteuert w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Bravo, ist man versucht zu rufen: nicht anders beschrieb Hegel, wie vor ihm bereits Kant, wenn er von der teleologischen T\u00e4tigkeit sagt, dass in ihr das Ende der Anfang, die Folge der Grund, die Wirkung die Ursache ist, auf dass sie ein \u201eWerden des Gewordenen\u201c sei. Man muss kein Genie sein oder \u00fcber besondere detektivische F\u00e4higkeiten verf\u00fcgen, um darin recht unverhohlen in sich geschlossene Wirkschleifen r\u00fcckgekoppelter Regelkreise beschrieben zu sehen.<\/p>\n<p>Kann aber als Genie gelten, wer die Philosophiegeschichte der letzten paar hundert Jahre kurzerhand ignoriert?<\/p>\n<p>Ja, das geht. Norbert Wiener ging als Urheber der Kybernetik in die Annalen der Geschichte ein. In seinem gleichnamigen Buch erkor er Leibniz zum Schutzpatron seiner sch\u00f6nen neuen Wissenschaft, offenbar nicht ahnend, dass dessen Philosophie um weit mehr kreiste als nur um die beiden von ihm zitierten, miteinander engverwandten Begriffe einer universellen Symbolik und des Kalk\u00fcls der Vernunft. Niemand anderer als Leibniz hatte, wie gezeigt, tats\u00e4chlich die bis Anfang des 20. Jahrhunderts immer wieder aufgew\u00e4rmte und letztlich auch von Wiener aufgegriffene Kontroverse zwischen Materialismus und Vitalismus fast zweihundertf\u00fcnfzig Jahre davor bereits \u201eto the limbo of badly posed questions\u201c verwiesen.<\/p>\n<p>Aber erst Kant und Hegel haben es verstanden, das Wesen der Selbstorganisation lebendiger Organismen sowie das Zusammenwirken von Mensch und Maschine auf den Punkt zu bringen. Sie waren die eigentlichen Begr\u00fcnder von Wieners Kybernetik &#8211; und wieder mal hat\u2019s keiner gemerkt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gastbeitrag von Ulrich Kramer &nbsp; PDF-Download des Beitrags Editorische Einleitung: In den Medien und im Netz feiern so einige Oxymora fr\u00f6hliche Urst\u00e4nd. Gemeint sind Begriffe, die pl\u00f6tzlich ihre Erg\u00e4nzung durch das f\u00fchrende Adjektiv \u201ekybernetisch\u201c erfahren, als reichen die Begriffe selbst nicht aus, um ihre Bedrohungspotentiale gen\u00fcgend zum Ausdruck zu bringen. 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