{"id":208,"date":"2011-04-20T11:56:31","date_gmt":"2011-04-20T09:56:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.vordenker.de\/blog\/?p=208"},"modified":"2011-07-14T21:05:11","modified_gmt":"2011-07-14T19:05:11","slug":"spackeria-infomationelle-selbstgestaltung-vs-inkontinenz","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.vordenker.de\/blog\/208\/spackeria-infomationelle-selbstgestaltung-vs-inkontinenz\/","title":{"rendered":"Spackeria: infomationelle Selbstgestaltung vs. Inkontinenz?"},"content":{"rendered":"<p>Vom Standpunkt des Web 2.0 aus betrachtet bin ich ein alter Sack.<\/p>\n<p>Herrje, ich war F\u00fcnf, als meine Eltern ihren ersten Fernseher kauften. Meine erste Email habe ich 1988 verschickt, da sind die Menschen von der <a title=\"WebSite - Datenschutzkritische Spackeria\" href=\"http:\/\/spackeria.wordpress.com\/\" target=\"_blank\">Spackeria<\/a> noch <!--more--> mit dem Tr\u00f6mmelchen um den elterlichen Christbaum gerannt \u2026 \ud83d\ude09 Meine Spur im Netz ist so breit, wie der Santa Monica Freeway &#8211; unter meinem Realname. Einziger Vorteil ist, dass er recht h\u00e4ufig vorkommt, selbst mit Titel. Der 123Peoplefinder belustigt mich immer wieder, ich stelle mir vor, welchen Aufwand es macht, &#8222;h\u00e4ndisch&#8220; herauszufinden, was da im Netz zu welcher Identit\u00e4t geh\u00f6rt. Man kann also sagen, ich operiere unter dem Tarnschirm einer multiplen Pers\u00f6nlichkeit \u2013 wer bin ich, und wenn ja, wieviele ;-)? Allerdings, ohne mir Illusionen \u00fcber die Leistungsf\u00e4higkeit automatischer Systeme zu machen.<\/p>\n<p>Wenn man sich\u2019s also genau \u00fcberlegt, mache ich eigentlich schon das, was die Post-Privacy-Apologeten jetzt unter diesem Begriff verstanden wissen wollen, jedoch selbst nicht tun. Nicht leicht rauszufinden: Wer ist Fasel im Reallife? Welchen Beruf\/Ausbildung hat C. Heller\/plomlompom? Einige Dinge jedoch tue ich nicht, dazu sp\u00e4ter mehr. Dar\u00fcber hinaus waren mir \u00fcberengagierte, \u00fcbermotivierte Extrem-Datensch\u00fctzer, die Daten sch\u00fctzen wollen vor Menschen und vor sich selbst, bis hin zum Preis der schieren Nichtexistenz der Daten, schon immer suspekt, das habe ich ebenfalls vielleicht mit den Post-Privacy-Leuten gemeinsam. Ein Datum ist schlie\u00dflich nur dann ein Datum, wenn jemand davon wei\u00df.<\/p>\n<h3>Was soll also die ganze Kirmes?<\/h3>\n<p>Ist es nur ein Medien-Hack, das \u00e4u\u00dferst billige Bedienen einer gierenden Aufmerksamkeits\u00f6konomie, das Herumspielen am Skandalon, ggf. zur Vorbereitung einer eigenen Karriere\/ Prominenz? Heller hat ja ein Buch angek\u00fcndigt. Ein mediales Aufmotzen des eigenen, vielleicht allzu langweiligen Lebens? Oder ist es der tiefer begr\u00fcndete Ausdruck eines Denkfails, einer Krise des Denkens an sich, der\/die wieder und wieder gebetsm\u00fchlenartig die Kulturpessimismus\/ Technikeuphorie-Variante bedient, diese uralte, \u00fcber 2000-j\u00e4hrige Dichotomie, dieser billige in einen Schwarz-Wei\u00df-Manich\u00e4ismus \u2013 ein Pleonasmus, ich wei\u00df \ud83d\ude09 \u2013 m\u00fcndende Digitalismus, es gibt nix au\u00dfer 0 und 1? (Selbst in der dem Digitalismus folgenden Technik sind wir schon weiter, Stichwort <a title=\"wikipedia  - Memristor\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Memristor\" target=\"_blank\">Memristor<\/a> \u2026)<\/p>\n<p>Ja und ja.<\/p>\n<p>Und was ist in, sagen wir, 10 Jahren? Jetzt wird die Frage nach der konsequenten Preisgabe der eigenen Eink\u00fcnfte seitens der Spackeria mit dem Umst\u00fclpen der leeren Hosentaschen bedient, wer aus dem studentischen Milieu kommt, kann sich das immer leisten, er gibt ja nicht wirklich etwas preis. Und in 10 Jahren, wenn man ein bisschen zu Finanzmitteln gekommen ist, und sich an die typisch deutsche Verhaltensweise des &#8222;Wir reden nicht \u00fcber Geld&#8220; angepasst hat, hei\u00dft es dann als Antwort auf dieselbe Frage, was interessiert mich mein Geschw\u00e4tz von gestern?<\/p>\n<h3>Polemik beiseite.<\/h3>\n<p>In den Neunzigern war ich im Usenet sehr aktiv. Diverse Rants und Shitstorms, damals nannte man das noch Flamewar, in diversen Usenet-Gruppen. Dann kam 1995 Dejanews, ein Service, der Newsposts archivierte und recherchierbar machte und 2001 an Google verkauft wurde, heute zu finden unter groups.google.com. Nat\u00fcrlich gab es auch den Befehl X-noarchive-yes. Dennoch, ich \u00e4nderte mein Verhalten in Richtung zur Vorsicht, also weitgehendes Befolgen der Netiquette, H\u00f6flichkeit, Vermeiden von ad-hominem-Angriffen und das Entwickeln der Kunst des Sich-nicht-provozieren-Lassens, was \u00fcbrigens Spass macht. Kurz, ich habe mir bewusst gemacht, dass ich mich in einer gewissen \u00d6ffentlichkeit bewege, die gerade im Zeitfenster der 90er immer breiter wurde. Ich habe also mein Verhalten dem mir bewussten Teil meines Relationenfeldes im Usenet angepasst. Diese M\u00f6glichkeit ist mir heute in der Form nicht immer gegeben, da Social Networks wie Facebook in der Backline Algorithmen einsetzen, die mein Kommunikations-Relationen-Feld manipulieren, meine Timeline ver\u00e4ndern, ohne dass ich davon wei\u00df. Facebook nutzen hei\u00dft, eine kommunikative Entm\u00fcndigung zulassen, vermittels Algorithmen, die Lernprozesse behavioral auslagern in die Maschine. Behaviorales oder konditioniertes Lernen \u2013 richtig, Pavlov! &#8211; ist \u00fcbrigens das einzige Lernen, das Maschinen bis heute k\u00f6nnen. Kurz: Facebook entm\u00fcndigt. Ich nutze Facebook nicht.<\/p>\n<p>Auf der Post-Privacy-Diskussion der Piratenpartei in D\u00fcsseldorf am 16.04.2011 assoziierte der der Spackeria nahestehende mspr0 &#8211; die meisten sind da scheint\u2019s eh nur &#8222;nahestehend&#8220; \u2013 zu meiner Usenet-Anekdote unmittelbar die obligatorischen Ausrutscher-Alkfotos von Sch\u00fclerVZ, Facebook und Co, und dass er nichts von Lebenslauf-Design und angepasstem Verhalten halte, gleichwohl solle ich das nicht pers\u00f6nlich nehmen. Das tue ich auch nicht, an meinem Lebenslauf, der ja schon ein ganzes St\u00fcck &#8222;gelaufen&#8220; ist, gibt\u2019s sowieso nichts mehr zu designen und zu einer retrospektiven zu-Guttenberg-Pirouette fehlt\u2019s mir sowohl an Ehrgeiz als auch an Notwendigkeit.<\/p>\n<p>Lieber mspr0, allein diese Assoziation nur auf die Reaktion des Users im Netz als single-point-of-controversy sowie die Filtersouver\u00e4nit\u00e4t des jeweils Anderen bezogen demonstriert eindrucksvoll die ganze Schw\u00e4che einer Schieflage, einer monopolaren, nur auf den Einzelnen und sein Verhalten gerichteten Diskussion des Post-Privacy-Gedankens. Sie ist mehr als arm und verkennt das Problem. Es offenbart nicht nur eine d\u00fcnne theoretische Basis, sondern auch ein eingeengtes Blickfeld auf das Faktische, n\u00e4mlich, dass Userdaten vermittels vorstellbarer IT-Power von Datensammlern zu neuen Daten verkn\u00fcpft werden, zu denen der User sich eben nicht mehr verhalten kann, weil ihm entweder das Wissen um diese Verkn\u00fcpfungen vorenthalten wird, oder er das Verm\u00f6gen dazu nicht hat. Selbstverst\u00e4ndlich kann ich nicht verhindern, dass ich auf der Stra\u00dfe von meinen Mitmenschen gesehen werde, hier hat informationelle Selbstbestimmung ihre nat\u00fcrliche Grenze. F\u00fcr vieles im Netz, etwa eine Homepage, gilt dasselbe. Dieses &#8222;Wissen um&#8220; ist aber eher belanglos. Die Verkn\u00fcpfungen von Useraktionen jedoch sind es nicht, denn sie bedeuten zuallererst einen geldwerten Vorteil f\u00fcr den Datenerheber. Und zweitens stellt sich die Frage nach einem Gleichgewicht der Macht, vor allem dann, wenn es sich bei dem Datensammler um den Staat handelt.<\/p>\n<h3>Post-Privacy ist eine Innovationsbremse<\/h3>\n<p>Die vollst\u00e4ndige Interferenz aller Relationenfelder im Netz \u2013 alle k\u00f6nnen im Prinzip an alles Wissen \u00fcber alle gelangen &#8211; ist totalit\u00e4r. Julia Schramm gibt selbst die Antwort: &#8222;Die Hoheit ist mir sehr wohl gegeben, sie hat nur eine Menge negativer Effekte \u2013 z.B. Nicht-Beteiligung (am Netz).&#8220;<br \/>\n[Korrektur: (am Netz) ist falsch. Tats\u00e4chlich bezog Julia Schramm diesen Satz auf Social Networks und nicht auf das Internet an sich. Sorry.]<\/p>\n<p>Auch diese Antwort ist totalit\u00e4r, da sie allzuschnell aufgibt und nicht einmal versucht, die Bedingungen der M\u00f6glichkeit von Alternativen in den Blick zu nehmen. Hier entpuppt sich der Post-Privacy-Gedanke als echte Innovationsbremse. Denn setzt man dies voraus, akzeptiert man implizit, dass ein privates Leben im Netz \u2013 also unter Miteinbeziehung der telematischen M\u00f6glichkeiten, \u00fcber geographische Gegebenheiten hinweg \u2013 gar nicht m\u00f6glich ist. Ich will aber die M\u00f6glichkeit haben, und zwar ebenso, wie ich die M\u00f6glichkeit habe, \u00fcber eine \u00f6ffentliche Stra\u00dfe zu gehen, ohne angefahren zu werden. Ich will im Netz private Dinge tun, private Relationenfelder pflegen, Freundschaften schlie\u00dfen und Allianzen bilden k\u00f6nnen, und nat\u00fcrlich ebenso, Dinge \u00f6ffentlich machen, etwas preisgeben. Kann ich dies nicht, dann beraube ich das Konzept der Privatsph\u00e4re der Chance einer echten kulturellen Transformation ins Netz. Die Folge w\u00e4ren angstbesetzte Vermeidungsstrategien, ein Verh\u00e4rten der Privatsph\u00e4rengrenzen in der Offline-Welt, wie man sie aus totalit\u00e4ren Regimes kennt oder von Menschen, die sich l\u00e4nger in Gefangenschaft befunden und daher schizoide Verhaltensprofile entwickelt haben, deren Kernelement das Mi\u00dftrauen gegen\u00fcber der Umgebung ist.<\/p>\n<h3>Privatsph\u00e4ren, Institutionen oder biologisch-kulturelle Determinanten<\/h3>\n<p>Im <a title=\"on3 - Datenschleuder vs. Datensch\u00fctzer\" href=\"http:\/\/on3.de\/element\/10296\/republica-2011-post-privacy-datenschleuder-vs-datenschuetzer#\/element\/10296\/republica-2011-post-privacy-datenschleuder-vs-datenschuetzer\" target=\"_blank\">Video des BR<\/a> \u2013 dem &#8222;Dialog&#8220; mit Rena Tangens &#8211; bezeichnet Christian Heller Privatsph\u00e4re als eine Institution. Das ist schlichtweg falsch. Institutionen wird zu Recht die Eigenschaft einer gewissen Starrheit zugesprochen. Institution wie Organisation sind im <a title=\"wikipedia: Anatol Rapoport\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Anatol_Rapoport\" target=\"_blank\">Rapoport<\/a>\u2019schen Sinne gefrorene Information.<\/p>\n<p>F\u00fcr eine offene, freie Pers\u00f6nlichkeit jedoch ist Privatsph\u00e4re ein durchaus dynamischer Bereich, eher eine \u00dcberlappung von Bereichen mit vielen graduellen und qualitativen Unterschieden, deren Umgrenzungen durch Membranen gebildet werden, die eine eigene Kulturgeschichte haben. Unsere letzte und innerste Grenze ist die zwischen Innen und Au\u00dfen, also die Haut. Da wir aber als Menschen &#8222;Kulturtiere&#8220; sind, geh\u00f6rt dazu, dass wir unsere Membranen zum &#8222;Drau\u00dfenhalten von Welt&#8220; \u2013 anders w\u00e4ren wir gar nicht in der Lage, die Signale der Welt zu prozessieren &#8211; erweitern und um uns herum weitere Membranen und Grenzen ganz wie die Schalen einer Zwiebel ziehen, die auch Teile unseres Relationenfeldes umfassen. Diese Membranen k\u00f6nnen sich \u00fcberlappen und durchdringen, weswegen das Beispiel mit den Zwiebelschalen etwas hinkt. Nun sind alle h\u00f6heren, i.e. komplexeren Lebewesen immer einer mehr oder weniger ausgepr\u00e4gten <a title=\"wikipedia - Neotenie\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Neotenie#Neotenie_beim_Menschen\" target=\"_blank\">Neotenie<\/a> unterworfen. D.h. wir sind gezwungen, den Uterus zur Vervollst\u00e4ndigung der Entwicklung des Nachwuchses nach drau\u00dfen in die Wiege und die Wohnung zu verlagern, da unsere Nachkommen nach der Geburt noch nicht alleine lebensf\u00e4hig sind, eine Art Conditio cultura.<\/p>\n<h3>\u00d6ffentliche Schei\u00dfe und private Wissenschaft<\/h3>\n<p>Das l\u00e4\u00dft sich bereits an Gorilla-Familien beobachten, die sich durch den Urwald bewegen. Hier bilden die jungen M\u00e4nnchen die lebendigen Palisadenz\u00e4une um die Weibchen und die Kinder herum, die sp\u00e4ter beim Menschen duch die Holzpalisaden des Dorfes ersetzt sind. Dies ist die Privatheit der Familie und des Stammes. Noch im Mittelalter und in l\u00e4ndlichen Regionen sogar in der fr\u00fchen Neuzeit haben M\u00e4nner und Frauen die Tagesereignisse rekapitulierend gemeinsam auf dem Donnerbalken gesessen und in den Dorfgraben geschissen. Die Privatheit des Individuums, die sp\u00e4ter zum Fanal der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft wurde, war hier lediglich dem Blutadel und den M\u00f6nchen in den Lese- und Singzellen der Kl\u00f6ster vorbehalten, wo letztere sich nach und nach anstatt vor Gott \u00fcber die Dinge beugten, die allm\u00e4hliche Geburt der Wissenschaft im Abendland. Neuzeitliche Wissenschaft, Privatheit und \u00d6ffentlichkeit sind in ihrem Entstehungsprozess unaufl\u00f6slich miteinander verkn\u00fcpft in dem Sinne, dass die wissenschaftliche Denk- und Experimentier-Anstrengung des Autors, das Prozessieren von Welt in der gefilterten Privatheit des Studierzimmers eine gewisse Ergebnis- und Erlebnisqualit\u00e4t erreicht, bevor man damit nach drau\u00dfen tritt und das Erarbeitete durch Pr\u00e4sentationen rekapitulierend noch einmal \u00f6ffentlich in einer Inszenierung prozessiert und damit dem kritischen Urteil einer \u00d6ffentlichkeit unterwirft. Die fr\u00fchen Humanisten etwa, Erasmus, Beatus Rhenanus, sowie die Gro\u00dfen des 17. Jahrhunderts von Descartes \u00fcber Spinoza bis Newton und Leibniz sind hier gute Beispiele. Das hei\u00dft, die Grenze zwischen Privatheit und \u00d6ffentlichkeit ist eine Membran, dessen Durchl\u00e4ssigkeit dem Willen des Urhebers unterworfen ist, wirtschaftliche Zw\u00e4nge einmal au\u00dfen vor, bestimmt allein er, wann er womit an die \u00d6ffentlichkeit tritt. Ist aber etwas einmal \u00f6ffentlich, dann ist es auch \u00f6ffentlich.<\/p>\n<h3>Membranen, Prozesse und Ver\u00e4nderungen<\/h3>\n<p>Wir brauchen diese Membranen, denn Pers\u00f6nlichkeit von au\u00dfen gesehen, so sagt man, ist ein Zeitstrom erfolgreicher Gesten, optisch-kinaesthetischer und akustischer in der physischen Pr\u00e4senz z.B. einer Rede sowie schriftlicher und weiterer in medialen Produktionen. Im heutigen Normalfall wird ein Individuum seine Gesten immer der jeweiligen von der aktuellen Membran umschlossenen Gruppe, dem Kontext, dynamisch anpassen, sich also an den Konventionen seiner Zielgruppe orientieren, wobei mit eben diesen Konventionen auch kreativ &#8211; evolutiv und\/oder revolution\u00e4r &#8211; gespielt werden kann, um sie Ver\u00e4nderungen zu unterwerfen. Das produziert eine Vielfalt von Verhaltensweisen und Spielr\u00e4umen, die im Falle einer Post-Privacy einem Gleichschaltungsdruck unterworfen w\u00e4ren. Wollen wir das? Oder wollen wir vielmehr eine reiche Netzkultur, die vor Vielfalt, Ideen und kulturellen Konzepten nur so strotzt?<\/p>\n<p>Die \u00d6ffentlichkeit im klassischen Sinne, die Agora-\u00d6ffentlichkeit, ist auch offline stark auf dem R\u00fcckmarsch begriffen, wie Richard Sennett schon im auslaufenden 20. Jahrhundert eindrucksvoll belegte. Post-Privacy w\u00e4re also auch Post-Public. Warum sagt man das dann nicht laut? Weil die argumentative Selbstunterwerfung unter nur einen Pol dieser Dichotomie \u00f6ffentlichkeitswirksamer und daher (sic!) einfacher zu kommunizieren ist. Das ist \u2013 in diesem Kontext &#8211; die Krise des Denkens. Hannah Arendt und Niklas Luhmann in diesem Zusammenhang als Kronzeugen anzurufen, reduziert die genannten nicht nur unzul\u00e4ssig, es verkommt zu blo\u00dfem Name-Dropping, seht her, ich kann auch auf intellektuell, weil ich die Namen kenne. Andererseits ein relativ sicherer Weg in die Feuilletons der Print-Dom\u00e4ne ;-). Womit nichts, rein gar nichts, \u00fcber die Qualit\u00e4t der Feuilleton-Diskurse ausgesagt ist.<\/p>\n<p>Wir haben aktuell die Situation, dass zu den strong ties der Offline-Welt, die f\u00fcr den Einzelnen vielleicht jeweils zwei Dutzend Menschen umfassen, nun auch die von Mark Granovetter erstmal so benannten <a title=\"Granovetter - Paper zu Weak Ties\" href=\"http:\/\/www.stanford.edu\/dept\/soc\/people\/mgranovetter\/documents\/granstrengthweakties.pdf\" target=\"_blank\">weak ties<\/a> kommen, die um ein vielfaches zahlreicher sein k\u00f6nnen. Die Leistungsf\u00e4higkeit dieser weak ties auch im politischen Raum hat sich j\u00fcngst in der arabischen Welt eindrucksvoll gezeigt. Hier sind Verschiebungen von Membranen und Sph\u00e4ren im Gange, die das nie wirklich exisitiert habende Gleichgewicht von den auferlegten, z.T. angeborenen Bindungen hin zu gew\u00e4hlten Bindungen verschieben \u2013 ok, hab ich von <a title=\"wikipedia - Vil\u00e9m Flusser\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Vil\u00e9m_Flusser\" target=\"_blank\">Flusser<\/a> geklaut ;-), dank des weltumspannenden elektromagenetischen Feldes, ein Aspekt von Freiheit. Und ich will, dass es hier eine Vielfalt von Membranen, Sph\u00e4ren und Zugeh\u00f6rigkeiten gibt, die zu sch\u00fctzen sind, und die sich aus sich selbst heraus dynamisch ver\u00e4ndern k\u00f6nnen \u2013 ohne einem homogenisierenden Verfl\u00fcssigungsdruck von au\u00dfen unterworfen zu sein. Letzeres w\u00e4re informationelle Inkontinenz. Nehmen wir &#8211; gewollte Exhibition au\u00dfen vor &#8211; z.B. den Sex, der ist eine \u00f6ffentliche Angelegenheit, bei Fischen. Nicht bei uns. Wir leben nicht im Wasser.<\/p>\n<p>Privatsph\u00e4re und Datenschutz einerseits sowie Post-Privacy andererseits stehen auf dem Boden desselben Menschenbildes. Dieses ist ein Kollateralschaden der Dominanz hierarchischer Strukturen, die <a title=\"Hierarchie vs. Heterarchie - zum Begriff der Heterarchie\" href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/heterarchy\/het_intro_ger.htm\" target=\"_blank\">an anderer Stelle<\/a> schon kritisch hinterfragt wurden.<\/p>\n<p>Es gilt, den Teppich wegzuziehen und den Blick auf unsere Membranen, unsere Grenzen zu richten. Das m\u00fcssen wir diskutieren und ggf. neu gestalten. Ein Totalverzicht auf Membranen im Netz, angesichts der Allgegenwart von Teraflops, n\u00fctzt eben genau jene Teraflops nicht aus &#8211; im Sinne einer Kulturtechnik.<\/p>\n<h3>Eine Bemerkung am Rand<\/h3>\n<p>Oben war noch von einer grunds\u00e4tzlicheren Krise des Denkens die Rede. Es gibt viele Beispiele, etwa das von der Finanzkrise und ihrer unverstandenen Komplexit\u00e4t. Ein weiteres, tiefer liegendes Symptom zeigt sich in &#8222;Zukunft&#8220; projezierenden Publikationen, die meist aus den USA stammen oder nach dem US-amerikanischen Prinzip des Story-Telling in popul\u00e4rwissenschaftlichen B\u00fcchern verfasst sind. Womit ich gegen das Story-Telling an sich oder gegen die USA als Kulturnation &#8211; Hail, hail, Rock\u2019n Roll! &#8211; nichts gesagt haben will. Bei uns fehlt es ein wenig an Leuten mit Mut zur vision\u00e4ren Gro\u00dferz\u00e4hlung. Frappierend f\u00fcr mich ist nur manchmal die Betriebsblindheit, nehmen wir dazu das Beispiel Transhumanismus und dort den Upload, den Gedanken, menschliche Bewusstseine in einen Supercomputer hochzuladen, um prinzipielle Unsterblichkeit zu erlangen. Dazu, so die Spekulation, m\u00fcssten die Rechner nur gen\u00fcgend Flops haben, eine superschnelle Turing-Maschine reiche dazu also aus. Halten wir fest, vor 50 Jahren war noch vom Elektronengehirn die Rede, heute reden wir von unserem Gehirn als einem biologischen Computer. Die Metaphernbildungsrichtung hat sich also um 180 Grad gedreht. Das f\u00fchrt dazu, dass die Upload-Spekulanten zum einen von einem recht kruden Materialismus fern von jeder Dialektik ausgehen, sich auf der anderen Seite aber mit der Upload-Hardware-Software-Dichotomie die klassische Leib-Seele-Zweiheit durch die Hintert\u00fcr wieder einhandeln, ohne das zu merken! Eine Verunbewusstung der Leiblichkeit, die vor Schmerzen schreit.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Entwicklung klarer Visionen geh\u00f6rt der Blick auf nicht- oder vorsprachliche Strukturen, das Denken in Strukturen und Prozessen und eben nicht in Zust\u00e4nden, reine Erz\u00e4hlung \u2013 unh\u00f6flicher, Geschw\u00e4tz &#8211; reicht da nicht aus, sondern endet in einem ex principio unerf\u00fcllbaren Heilsversprechen. Die Menschheitsgeschichte ist voll davon.<\/p>\n<p>Spack-ex, das war\u2019s. Wenden wir uns Wichtigerem zu. Zun\u00e4chst raus an die Sonne.<\/p>\n<p>Nick H.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vom Standpunkt des Web 2.0 aus betrachtet bin ich ein alter Sack. Herrje, ich war F\u00fcnf, als meine Eltern ihren ersten Fernseher kauften. 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