{"id":587,"date":"2012-10-25T11:17:18","date_gmt":"2012-10-25T09:17:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.vordenker.de\/blog\/?p=587"},"modified":"2012-10-25T11:21:21","modified_gmt":"2012-10-25T09:21:21","slug":"der-shitstorm-als-waffe-des-protests","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.vordenker.de\/blog\/587\/der-shitstorm-als-waffe-des-protests\/","title":{"rendered":"Der &#8222;shitstorm&#8220; als Waffe des Protests"},"content":{"rendered":"<p><span>Der &#8222;Shitstorm&#8220; als Waffe des Protests<\/span> &#8211; Beitrag aus der FAZ vom 18.10.2012, S. 6, Rubrik Staat und Recht &#8211; so wie abgedruckt.<br \/>\nWer vom Netz und seinen Wellen spricht, muss sich auch \u00fcber die Finanzwellen emp\u00f6ren &#8211; eine Erwiderung auf Han \/ Von Joachim Paul;<\/p>\n<p>Wenn Byung-Chul Hans Aufsatz (&#8222;Staat und Recht&#8220; vom 4. Oktober) als philosophischer Beitrag zur Krisenanalyse der repr\u00e4sentativen Demokratie, der Repr\u00e4sentation in <!--more-->Journalismus und Autorenschaft, der Repr\u00e4sentation schlechthin gesehen werden soll, muss er sich selbst dem im Aufsatz bem\u00fchten Kriterium der Qualit\u00e4t stellen. Der weitgehend synonyme Gebrauch der Termini &#8222;digitaler Habitus&#8220;, &#8222;shitstorm&#8220; und &#8222;Piratenpartei&#8220; l\u00e4sst jedoch den Eindruck entstehen, als sei die Textproduktion lediglich Selbstzweck. Zur Analyse der Krise der Repr\u00e4sentation ist es au\u00dferdem unzureichend, sich lediglich einer T\u00e4ter-Opfer-Logik zu beflei\u00dfigen und ausschlie\u00dflich die Sichtweise des &#8222;Fr\u00fcher war alles besser&#8220; zu bedienen. Denkfehler sind die Folge.<\/p>\n<p>So wird die Ursache der Krise der repr\u00e4sentativen Demokratie wesentlich im &#8222;digitalen Habitus&#8220; verortet. Auf die Idee, dass dieses Netzb\u00fcrger-Bewusstsein im Verein mit der Piratenpartei &#8211; und als internationale Bewegung &#8211; vielmehr der Versuch einer politischen und kulturellen Antwort auf ebenjene Krise sein k\u00f6nnte, kommt der Autor nicht. Denn unsere Repr\u00e4sentationsverh\u00e4ltnisse sind bislang nicht \u00fcber eine parlamentarisch beschr\u00e4nkte Demokratie hinausgekommen. Speziell auf kulturellem und wirtschaftlichem Feld existieren demokratische Leerstellen, die durch Kollektivmonarchien der Qualit\u00e4tsbewertung und des Friedman-Fisherschen Monetarismus besetzt werden. Souver\u00e4n ist dort aktuell derjenige, der betriebswirtschaftlich kontaminiertes Denken am effizientesten umsetzen kann, der \u00fcber Geld und Geldsch\u00f6pfung verf\u00fcgt und in der Lage ist, Marktzug\u00e4nge zu kontrollieren. Das gilt auch f\u00fcr den Journalismus und die Autorenschaft. Die M\u00f6glichkeit des Selbstverlegens ist hier ein Segen, auch wenn es den &#8222;L\u00e4rmpegel&#8220; erh\u00f6ht. Das m\u00fcssen wir aushalten.<\/p>\n<p>Wer vom Netz und seinen Emp\u00f6rungswellen spricht, muss ebenfalls von Finanzwellen und unged\u00e4mpften Geldstr\u00f6men sprechen und sich dort emp\u00f6ren. Auch sie geh\u00f6ren zur Ph\u00e4nomenologie des Internets und sind ebenso zu kritisieren. Hier ist der &#8222;shitstorm&#8220; als legitimes Mittel des politischen Protests, als digitaler Ausdruck des Zornb\u00fcrgers sogar zu begr\u00fc\u00dfen. Ihn als blo\u00dfes Mobbing zu deklassieren ist undialektisch und beleuchtet nur die dunkle Seite des Begriffs. Gleichwohl haben wir dort noch zu lernen.<\/p>\n<p>Wir leben im Zeitalter der Blasen. Finanzblasen werden mit postmodernen Sprechblasen beantwortet, auch mit solchen von Ratingagenturen, die lediglich die Bonit\u00e4t von Unternehmen bewerten und sich nun aufschwingen, ganze Staaten zu bewerten &#8211; nach betriebswirtschaftlichen Kriterien. Die Komplexit\u00e4t von Staat, Gesellschaft und Kultur wird so ausschlie\u00dflich den Regeln der \u00d6konomisierbarkeit unterworfen. Dass versucht wird, Handlungsschemata aus Regelwerken zu gewinnen, ist nicht grunds\u00e4tzlich abzulehnen, dass die \u00d6konomie hier jedoch als einziges Schema Anwendung findet, ist die eigentliche Katastrophe.<\/p>\n<p>Nationalstaaten in der Hitparade, die Macht der Serie, der Kette, der Liste, der Hierarchie. Und das Ausblenden all jener Relationen, die sich nicht \u00fcber \u00f6konometrische Zusammenh\u00e4nge erfassen und beschreiben lassen. Geschieht dieses Ausblenden eher unbewusst, kann von Dilettantismus und Inkompetenz gesprochen werden, andernfalls haben wir es mit ungez\u00fcgelter Gier und krimineller Energie zu tun, der &#8222;Politik&#8220; des Pavianh\u00fcgels. Das ist das vielleicht deutlichste Symptom der Krise des Denkens, die damit auch zu einer Krise des politischen Handelns wird. Aber die Zeit der blo\u00dfen Hierarchien, der Vorherrschaft des Seriellen, der heiligen und heroischen Herrschaften ist endg\u00fcltig vor\u00fcber. Es funktioniert nicht mehr.<\/p>\n<p>Netzwerk und Prozess &#8211; beide schon lange in Gang &#8211; sind entdeckt. Wir sollten uns dem stellen. Die Welt ist vernetzt. Sie war es schon immer. Jedoch ist Konstruktion vermittels Technik ein wesentlicher Bestandteil dessen, was wir Verstehen nennen. &#8222;Wir m\u00fcssen erst entdecken, was wir da erfunden haben&#8220;, sagte der auch von Herrn Han bem\u00fchte Vilem Flusser. Dass die Erfindung eines neuen Mediums zu politischen und kulturellen Verwerfungen f\u00fchrt, wissen wir schon. Der Buchdruck hatte es vorgemacht. Uns allen gemein ist die Erkenntnis, dass die Buchdrucktechnik zu den Erm\u00f6glichungsbedingungen des Nationalstaates und der repr\u00e4sentativen Demokratie geh\u00f6rt. Einer kritischen Philosophie angemessen w\u00e4re die Frage, wof\u00fcr denn das weltweite Datennetz Erm\u00f6glichungsbedingung sein k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Doch die zeitgen\u00f6ssische Philosophie bleibt weit hinter ihrem Anspruch zur\u00fcck, im Reflektieren auf das Innere ihrer eigenen Geschichte sieht sie die Linearit\u00e4t nicht, &#8222;die nicht der Verlust noch die Abwesenheit, sondern die Verdr\u00e4ngung des mehrdimensionalen symbolischen Denkens ist&#8220; [Jaques Derrida, Grammatologie, Frankfurt a. M., 1974, S. 153] Derjenige Teil der Philosophie, der sich &#8222;analytisch&#8220; nennt und von jeher Dialektik in das Reich der Esoterik verbannte, entdeckt gerade den Hegel, ein kleiner Hoffnungsschimmer. Die anderen &#8222;richtigen&#8220; Philosophen arbeiten sich an Klassikern wie Heidegger ab. Sinnstiftung und Trost in der Poesie. Nicht, dass die Besch\u00e4ftigung mit Heidegger unerquicklich w\u00e4re! Aber sie reicht nicht! Eine konstruktive und verantwortlich reflektierende Philosophie sollte in der Lage sein, strenges Denken, wie es Heidegger nennt, gleichzeitig exaktes Denken sein zu lassen. Bislang kennen wir nur das exakte Denken der Mathematik und der Naturwissenschaften, das jedoch nicht streng ist, im Gegensatz zu philosophischem, eben dialektischem Denken, dass, wie Gotthard G\u00fcnther es ausdr\u00fcckt, zu fr\u00fch von der Exaktheit dispensiert.<\/p>\n<p>Das Denken der zeitgen\u00f6ssischen Philosophie jedoch klammert sich an die Vorg\u00e4ngigkeit des Dialektischen und h\u00e4lt dort inne. Man traut sich nicht, Zusammenh\u00e4nge, Relationen in den Raum des Formalen, in den Raum des politischen und technischen Handelns zu entlassen.<br \/>\nDie sogenannte Unhintergehbarkeit von Sprache und Schrift wird damit zum Fetisch der Philosophie.<br \/>\nSelbstventilation statt Selbstreferenz. Postmoderne Sprachspiele eben.<\/p>\n<p>Dr. Joachim Paul ist Vorsitzender der Piratenfraktion im Landtag Nordrhein-Westfalens.<\/p>\n<p>So long, Nick H. aka Joachim Paul<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der &#8222;Shitstorm&#8220; als Waffe des Protests &#8211; Beitrag aus der FAZ vom 18.10.2012, S. 6, Rubrik Staat und Recht &#8211; so wie abgedruckt. Wer vom Netz und seinen Wellen spricht, muss sich auch \u00fcber die Finanzwellen emp\u00f6ren &#8211; eine Erwiderung auf Han \/ Von Joachim Paul; Wenn Byung-Chul Hans Aufsatz (&#8222;Staat und Recht&#8220; vom 4. 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