{"id":68,"date":"2010-08-22T13:04:39","date_gmt":"2010-08-22T11:04:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.vordenker.de\/blog\/?p=68"},"modified":"2020-06-16T09:55:33","modified_gmt":"2020-06-16T07:55:33","slug":"offener-brief-an-gunter-grass","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.vordenker.de\/blog\/68\/offener-brief-an-gunter-grass\/","title":{"rendered":"Offener Brief an G\u00fcnter Grass"},"content":{"rendered":"<h4>Zu den Kulturtechniken des Schreibens<\/h4>\n<p>Sehr geehrter Herr Grass,<\/p>\n<p>Sie gelten als ein Intellektueller und prominenter Meinungspr\u00e4gender in der Kultur- und Feuilletonwelt der BRD, der sich zudem aktiv politisch engagiert. In Ihrem <a title=\"Spiegel-Gespr\u00e4ch mit G\u00fcnter Grass, erster Teil\" href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/spiegel\/0,1518,711869,00.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Interview im Spiegel Nr. 33<\/a>, 2010, S. 118-122, treffen Sie Aussagen \u00fcber die Praktiken des Mediengebrauchs und \u00fcber die Produktionsweisen j\u00fcngerer Kollegen, die nicht unwidersprochen bleiben d\u00fcrfen.&nbsp; So sagen Sie zum Thema<!--more--> digitaler Leseangebote:<\/p>\n<blockquote><p>Grass: Ich w\u00fcrde diese Entwicklung hin zum Lesen auf Computern gern aufhalten, aber das kann offenbar niemand. Dabei werden die M\u00e4ngel des elektronischen Verfahrens bereits beim Erstellen des Manuskripts offenkundig. Die meisten jungen Autoren schreiben direkt in den Computer, ver\u00e4ndern und arbeiten in ihren Dateien. In meinem Fall dagegen existieren zahlreiche Vorstufen: eine handschriftliche Fassung, zwei, die ich selbst mit meiner Olivetti-Schreibmaschine getippt habe, und schlie\u00dflich mehrere Ausdrucke von Fassungen, die meine Sekret\u00e4rin in den Computer eingegeben und ausgedruckt hat und in die ich jeweils zahlreiche handschriftliche Korrekturen eingearbeitet habe. Solche Arbeitsg\u00e4nge gehen verloren, wenn man gleich am Computer schreibt.<\/p>\n<p>SPIEGEL: Kommen Sie sich mit Ihrer Olivetti nicht altmodisch vor?<\/p>\n<p>Grass: Nein. Im Computer sieht ein Text immer irgendwie fertig aus, auch wenn er es l\u00e4ngst nicht ist. Das verf\u00fchrt. Ich schreibe die erste, handschriftliche Fassung meist in einem Guss, und wenn mir etwas nicht einf\u00e4llt, lasse ich eine L\u00fccke.<br \/>\nIn der Olivetti-Fassung f\u00fclle ich diese L\u00fccken, und durch die Gr\u00fcndlichkeit setzt sich in den Text auch eine gewisse Umst\u00e4ndlichkeit. Bei den folgenden Fassungen bem\u00fche ich mich, das Urspr\u00fcngliche der ersten mit der Genauigkeit der zweiten zu verbinden. Bei diesem langsamen Vorgehen ist die Gefahr geringer, dass sich Gl\u00e4tte und Beliebigkeit einschleichen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Ich erinnere mich an eine Podiumsdiskussion Ende der Neunziger in D\u00fcsseldorf mit dem Medienkritiker Claus Eurich, in der er &#8211; aus einer deutlich kulturpessimistischen Perspektive &#8211; eine der Ihren \u00e4hnliche Sichtweise zum Besten gab.<\/p>\n<p>Wie kommen Sie nun dazu? Haben Ihnen junge, mit Computern arbeitende Autoren erz\u00e4hlt, wie sie arbeiten? Haben Sie sie beim Schreiben beobachtet?<\/p>\n<p>Ich kenne au\u00dfer meiner Person eine ganze Reihe zeitgen\u00f6ssischer Autoren und Lektoren, auf die Ihre Diagnose in keiner Weise zutrifft. Mehrere Versionen eines Textes, ob Prosa, ob Essay, ob wissenschaftlcher Text, ob Lyrik, im Computer auch \u00fcber die publizierte Version hinaus zur Verf\u00fcgung zu halten, ist f\u00fcr uns obligatorisch. Bei mir beginnt dies mit ersten Ideen, die ich mit einem mp3-Recorder aufnehme und anschlie\u00dfend verschriftliche, so wie sie gesprochen worden sind. Sogar diese Audioaufnahmen hebe ich auf. Die Ausarbeitung der Texte erfolgt dann \u00fcber &#8211; je nach Text &#8211; bis zu 5 Stufen, die ich ebenfalls archiviere.<\/p>\n<p>Diese neuen Kulturtechniken des Schreibens stellen im Gegensatz zu Ihrer Auffassung und der von Ihnen gelebten Verfahrensweise sogar eine Befreiung dar, da es nun auch nicht hauptberuflich t\u00e4tigen Autoren m\u00f6glich, bzw. wesentlich erleichtert ist, Autorenschaften und Publikationen zu realisieren. Ihre Warte scheint mir&nbsp; &#8211; bei allem Respekt &#8211; vielmehr aus der Elfenbeinturm-Position eines hauptberuflichen und erfolgreichen Literaten gewonnen zu sein, der &#8211; folgt man der Kulturkritik eines Vil\u00e9m Flusser &#8211; ebenso wie der reine K\u00fcnstler, der Wissenschaftler und der Techniker ein &#8222;Produkt&#8220; der Industriegesellschaft ist.<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Die Industriegesellschaft hat die Tatsache verleugnet, da\u00df &#8222;Kunst&#8220; ein Synonym von &#8222;Technik&#8220; ist und von &#8222;Methode&#8220;, von &#8222;Know how&#8220;, von &#8222;Wertung&#8220;. Indem sie die Kunst verg\u00f6ttert hat, hat sie sie entwertet und in ein Ghetto getrieben. Darum ist die Industriegesellschaft die einzige Gesellschaft, die H\u00e4\u00dfliches, zum Beispiel die Industriest\u00e4dte des neunzehnten Jahrhunderts, hergestellt hat.&#8220;[1]<\/p><\/blockquote>\n<p>Ist Ihnen wirklich nie die Idee gekommen, im R\u00fcckgang auf Platons Kritik der Schriftlichkeit im Phaidros zu fragen, ob diese medienkritischen Positionen seit Platon nicht einem historischen Muster der Wiederholung folgen, die eine medienkritische Sichtweise als die eines &#8222;Fr\u00fcher war alles besser&#8220; demaskiert? Und zwar als ein Repetitionsmuster, dass das Neue immer und grunds\u00e4tzlich zun\u00e4chst als eine blo\u00dfe Technologie der Verf\u00fchrung abkanzelt?<\/p>\n<p>Sie befinden sich &#8211; das kann nicht verschwiegen werden &#8211; mit ihrer im Spiegelgespr\u00e4ch ge\u00e4u\u00dferten Position ja wirklich in geradezu erlesener Gesellschaft. Auch Shakespeare war ein erkl\u00e4rter Kritiker des technisch Neuen, in seinem Fall war dies Gutenbergs Buchdrucktechnik. Er kritisierte vor allem, dass nahezu jedermann die Druckerpresse als Unsterblichkeitsmaschine missdeutet.<\/p>\n<p>Allerdings bin ich mir sicher, dass zumindest Platon sich der Ambiguit\u00e4t seiner Schriftkritik bewusst gewesen ist, sonst h\u00e4tte er sie nicht aufgeschrieben. Und prominenten deutschen Literaturschaffenden st\u00fcnde es sehr gut zu Gesicht, sich ebenfalls einer gewissen platonischen Gelassenheit zu beflei\u00dfigen, insbesondere im Hinblick auf die neuen und spannenden kulturtechnischen Praktiken der Schreibproduktion. Niemand macht Ihnen Ihre Arbeitsweise strittig. Es ist die eines Literaten der Industriegesellschaft.<br \/>\nDie Literaten der postindustriellen Gesellschaften werden andere Arbeitsweisen etablieren.<\/p>\n<p>Und es ist gut, dass es niemand gelingt, diese Entwicklung aufzuhalten.<br \/>\nAch \u00fcbrigens, ich habe die \u00fcber den 2001-Verlag erh\u00e4ltliche Digitalversion von &#8222;Das Deutsche W\u00f6rterbuch von Jakob und Wilhelm Grimm&#8220; seit Jahren auf meinem PC fest installiert. Das Buch ist mein st\u00e4ndiger Begleiter.<\/p>\n<p>Mit freundlichen Gr\u00fc\u00dfen,<\/p>\n<p>Nick H.<\/p>\n<h4>Quellenangaben:<\/h4>\n<p>[1] Flusser, Vil\u00e9m; Unsere Schule, Essay aus: Nachgeschichte, S. 109-114, Fischer TB, Frankfurt a.M., 1997, Dt. Erstver\u00f6ffentlichung (leicht gek\u00fcrzt) in: Vil\u00e9m Flusser, Nachgeschichten. Essays, Vortr\u00e4ge, Glossen, Hrsg. Volker Rapsch, D\u00fcsseldorf 1990 (Bollmann Verlag);<br \/>\nGeschrieben 1981, Ver\u00f6ffentlichung der portugiesischen Fassung unter dem Titel &#8222;P\u00f3s-hist\u00f3ria&#8220; 1982 bei Duas Cidades, S\u00e3o Paulo<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zu den Kulturtechniken des Schreibens Sehr geehrter Herr Grass, Sie gelten als ein Intellektueller und prominenter Meinungspr\u00e4gender in der Kultur- und Feuilletonwelt der BRD, der sich zudem aktiv politisch engagiert. 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