{"id":847,"date":"2014-05-06T16:42:09","date_gmt":"2014-05-06T14:42:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.vordenker.de\/blog\/?p=847"},"modified":"2014-05-06T16:46:23","modified_gmt":"2014-05-06T14:46:23","slug":"sitzungen-parteitage-partizipation-und-folter","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.vordenker.de\/blog\/847\/sitzungen-parteitage-partizipation-und-folter\/","title":{"rendered":"Sitzungen, Parteitage, Partizipation und Folter &#8230;."},"content":{"rendered":"<p>Am vergangenen Samstag fuhr ich im Rahmen des NRW-Kommunalwahlkampfs nach Recklinghausen zu einem Piraten-Infostand. Hey, dachte ich, beim Richard Sennett, Zusammenarbeit, fehlt noch das letzte F\u00fcnftel, das hast Du noch nicht gelesen, das w\u00e4re doch was f\u00fcr die Zugfahrt. OK, Buch in den Rucksack und los.<\/p>\n<p>So etwa zwischen Duisburg und Gelsenkirchen <!--more-->sto\u00dfe ich auf folgenden Absatz:<\/p>\n<blockquote><p>So wichtig blo\u00dfe Andeutungen und Schweigen auch sein m\u00f6gen, kommt es bei der Kooperation letztlich doch eher auf aktive Beteiligung als auf passive Anwesenheit an. Dieser Auffassung folgte Tocqueville, als er die B\u00fcrger- und Vereinsversammlungen in den St\u00e4dten Neuenglands idealisierte, auf denen jeder etwas zu sagen hatte. Diese rosige Aussicht wird allerdings oft zu einer Tortur, wenn zwanzig Leute endlos \u00fcber eine Entscheidung diskutieren, f\u00fcr die ein Einzelner nur eine Minute ben\u00f6tigte. Zudem wissen geschickte Folterer genau, wann sie das Killerargument anzubringen oder den &#8222;eigentlichen Sinn der Versammlung&#8220; zusammenzufassen haben, einen Konsens, dem die anderen dann nur aus Ersch\u00f6pfung zustimmen. In solchen F\u00e4llen mag jemand mit Denis Diderot ausrufen: &#8222;Der Gef\u00fchlsmensch folgt den nat\u00fcrlichen Impulsen und vermag nur den Schrei seines Herzens genau wiederzugeben &#8211; in dem Augenblick, da er diesen Aufschrei mildert oder verst\u00e4rkt, ist er es nicht mehr selbst.&#8220;<br \/>\nDie Herausforderung bei der Partizipation liegt darin, dass sie auch die darauf verwendete Zeit wert sein sollte. Bei Versammlungen oder Sitzungen h\u00e4ngt alles von deren Strukturierung ab. W\u00e4ren sie wie die Werkstatt der Geigenbauer strukturiert, gelangte man dort durch k\u00f6rperliche Gesten zu einem Konsens. W\u00e4ren sie wie ein Labor strukturiert, k\u00e4me man durch ein offenes Vorgehen zu einem Ergebnis, wobei man zwischen der Skylla eines festen Arbeitsplans und der Charybdis eines ziellosen Umherschweifens hindurchsteuern m\u00fcsste. Eine interessante Sitzung w\u00fcrde wie bei der Reparaturform des Umbaus die Leiden und M\u00fchen anerkennen, welche die Menschen an den Verhandlungstisch gef\u00fchrt haben, und sie w\u00fcrde die Illusion vermeiden, die Dinge ein f\u00fcr alle Mal regeln zu k\u00f6nnen. In allen Versammlungen oder Sitzungen dieser Art w\u00fcrden die Teilnehmer auf dem \u00fcblichen Wege der Ausbildung von Fertigkeiten Rituale entwickeln, die es ihnen erm\u00f6glichen, besser und ausf\u00fchrlicher miteinander zu reden.<br \/>\nDas klingt gut. Aber ist es nicht eine Illusion? Wir m\u00f6chten wissen, ob und wie es in der Praxis Realit\u00e4t werden kann. Dazu m\u00fcssen wir uns mit einem scheinbar langweiligen Gegenstand befassen &#8211; Formelle und informelle Treffen &#8230;.<\/p><\/blockquote>\n<p>Also irgendswie kommt mir das bekannt vor. Und die Tatsache, dass Alexis de Tocqueville feststellen musste, dass die Neuengl\u00e4nder das Problem auch schon hatten, beruhigt mich jetzt nicht wirklich.<br \/>\nNotieren wir das mal unter Lernschmerzen.<\/p>\n<p>Nick H.<\/p>\n<p>Quelle: Sennett, Richard; Zusammenarbeit &#8211; Was unsere Gesellschaft zusammenh\u00e4lt; orig.: Together: The Rituals, Pleasures and Politics of Cooperation; dt., Berlin, M\u00fcnchen 2012, S. 312f<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am vergangenen Samstag fuhr ich im Rahmen des NRW-Kommunalwahlkampfs nach Recklinghausen zu einem Piraten-Infostand. Hey, dachte ich, beim Richard Sennett, Zusammenarbeit, fehlt noch das letzte F\u00fcnftel, das hast Du noch nicht gelesen, das w\u00e4re doch was f\u00fcr die Zugfahrt. OK, Buch in den Rucksack und los. 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