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Prolog
Liebe Preisträger, liebe Freunde, meine
Damen und Herren,
In Anbetracht des Faktums, dass diese Preisverleihung zum ersten Mal
stattfindet, war es mir wichtig, etwas Grundlegendes zunächst im Hinblick
auf den Status, die Position, die die Kunst für uns heute im 21.
Jahrhundert einnimmt, zu sagen.
In der Annahme, dass Kunst, der Künstler generell, das Verhältnis von
Mensch und Welt problematisiert, erfolgt von diesem Standpunkt aus
innerhalb eines größeren Zusammenhangs eine Zuordnung und Würdigung des
Werkes unserer Preisträgerin.
Aber fangen wir an, lassen wir uns auf das Erlebnis Literatur ein, besser
gesagt, beginnen wir mit Poesie...
Laudatio
Allein : du mit den Worten
und das ist wirklich allein
Clairons und Ehrenpforten
sind nicht in diesem Sein.
Du siehst ihnen in die Seele
nach Vor-und Urgesicht,
Jahre um Jahre- quäle
dich ab, du findest nicht.
Und drüben brennen die Leuchten
in sanftem Menschenhort,
von Lippen, rosigen, feuchten
perlt unbedenklich das Wort.
Nur deine Jahre vergilben
in einem anderen Sinn
bis in die Träume : Silben –
doch schweigend gehst du hin. [1]
Gottfried Benn, „Worte“ (1955), in :
Gottfried Benn, Gedichte, In der Fassung der Erstdrucke, hg.v. Bruno
Hillebrand, Frankfurt a. Main 1988, S. 466.
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
Diese poetischen Zeilen eines
Literaten, der angesichts der großen, weltumspannenden Katastrophen im 20.
Jahrhundert hinsichtlich des Themas der Sprache und der daraus
resultierenden Problematik der sogenannten Sprachkrise, einen Meilenstein
in der Literatur der Moderne darstellt, skizzieren in künstlerischer Form
den eigentlichen Grund unserer heutigen Zusammenkunft sehr treffend.
Bei dem Autor handelt es sich um
Gottfried Benn (1886-1956) und die Zeilen, die ein gestörtes Verhältnis
zum unbefangenen Gebrauch, den Verlust des Vertrauens in das Welt
definierende, von Ideologien missbrauchte Wort problematisieren,
kennzeichnen letztlich die Idee, aus der heraus der diesjährige, zum
ersten Mal vergebene Kunst- und Literaturpreis „Das Hungertuch“,
konstituiert wurde.
Warum diese Neueinführung eines
künstlerischen Preises angesichts einer Fülle bereits existierender
Auszeichnungen auf dem Kunst- u. Literatursektor ? Lassen Sie mich dazu
kurz etwas ausholen.
Die Titulierung „Hungertuch“ erscheint
mir in diesem Zusammenhang aufschlussreich zu sein.
Assoziationen aus dem ursprünglich
religiösen Kontext, in dem der Begriff das mittelalterliche Fastentuch
definiert, was den Altar in der Kirche während der Fastenzeit verhüllte
und auf diese Weise dem Anblick der Gläubigen entzog, stellen sich ebenso
ein wie Anklänge an Kafkas „Hungerkünstler“(1924) im literarischen
Bereich. Da nimmt der Gedanke Gestalt an, dass der Text - in seiner
originären, lateinischen Bedeutung verstanden – ein Gewebe ist, eine
kunstvolle Verflechtung von Sprache.
Allgemeiner gesagt : Jede künstlerische Äußerung, ob in der Literatur,
Musik oder der bildenden Kunst, gestaltet ein Gewirk mit einer bestimmten
Struktur – der Maler Paul Klee (1879-1940) spricht in diesem Zusammenhang
vom Prozess des „Zerwirkens“ - deren Sinn es zu decodieren und damit zu
verstehen gilt.
In der Annahme, dass das menschliche Verhältnis zur Welt, als ein
Bezugsgeflecht aufzufassen ist, versucht der Künstler gerade eben dieses
Netz von Kontexten und voneinander dependenten Relationen in einen
künstlerischen Mikrokosmos zu transformieren. „Wir sehen ein kompliziertes
Netz von Ähnlichkeiten, die einander übergreifen und kreuzen“, wie es der
Sprachphilosoph Ludwig Wittgenstein (1889-1951) formuliert. [2]
Der
Kunstschaffende wird zu einem Demiurgen, der ein Abbild von Welt, eine
Transfiguration von Sein erschafft. Dementsprechend sagte der Künstler
Balthus (1908-2001) einmal : „ Quand je peins, je n’essaie pas de
m’exprimer, mais plutôt d’exprimer le monde.“ [3] Das
Kunstwerk der Moderne - in seinem höchsten Anspruch einen Status von
universaler Gültigkeit aufzuweisen – wird zu einem Träger von Wahrheit, in
Substitution einer Wahrheit, die früher der Gläubige unter Bedingungen
eines geschlossenen Weltbildes im Heil der Religion fand.
Was bedingt dies aber seitens des Künstlers ?
Er muss zum Seismographen und
Übersetzer existentieller Vorgänge werden und eine Sprache der
selbstlosen, uneitlen Angemessenheit entwickeln.
Dem wahrhaftigen Kunstschaffenden ist dies eine Angelegenheit von großem
Ernst, weil es bedingt, dass man fernab von schnelllebigen Moden, Trends
und jeglicher Effekthascherei einen Ausdruck der Authentizität, der
Aufrichtigkeit lebt und in der Kunst realisiert, den man vor sich selbst
verantworten kann, weil er einem Ideengehalt Gestalt verleiht, der frei
von der Konvention, vom Missbrauch durch Ideologien und materielle
Instrumentalisierung besteht. In Anlehnung an den Kafkaschen
„Hungerkünstler“(1924) hinsichtlich der Ausrichtung des Lebensprozesses
nach dem Absolutheitsanspruch der Kunst, wird deutlich, dass dieses Ringen
nach Wahrhaftigkeit im Ausdruck ein die Anstrengung aller Kräfte
erforderndes, von Askese geprägtes Unterfangen darstellt.
Als Ersatz
für die Deutung von Welt, die der von existentiellem Seelenhunger
gepeinigte Mensch früher in der Religion und ihren Gott verherrlichenden
Werken erblickte, schlüpft der Künstler der Moderne in die Rolle des „homo
novus“ und wird zu einem Schillerschen Jüngling, der in seinem Schöpfertum
den Schleier der Wahrheit vom verhüllten Bild zu Sais lüftet. Damit wird
die sakrale Dimension, die die Kunst als Substitut innerhalb einer
materiellen, profanisierten Welt in Form von Transformation ewiger,
unveränderlicher Lebensprozesse übernimmt, angedeutet. Unweigerlich wird
in diesem Zusammenhang der berühmte Satz des André Derain (1880-1954)
lebendig: „Nous ne peignons aujourd’hui que pour retrouver les secrets
perdus.“ [4]
Dabei entfällt angesichts einer
komplexen Daseinserfahrung, die als Fragment erlebt wird, der Anspruch der
Ganzheitlichkeit, auf allgemein verbindliche Wahrheiten. Kunst als
Metamorphose einer entzauberten, aber nichts desto trotz für den Menschen
verwirrenden Realität, wird zu einem Analogon, zu einer Transskription von
Aspekten von Welt, indem sie abbreviaturartig, essentielle Fragen des
Seins aufwirft, in der heutigen Zeit erscheint dies sogar notwendiger denn
je zu sein.
Soviel – meine Damen und Herren - zu
dem Assoziationsfeld des Titels der Auszeichnung, die letztlich die
Intention der Preisvergabe klärt.
In Kongruenz mit dem bisher Dargelegten handelt es sich bei den
Preisträgern um Kunstschaffende, die auf ihrem Sektor - leichtlebigen
Zeitgeist und Trends, materiell-kommerziellen Zwängen, institutionellem –
sowie in gleichem Maße – Erfolgsdruck widerstehend - versucht haben, sich,
ihre Idee, ihre Art der Welterfahrung ehrlich und authentisch in ihren
Werken zu realisieren. Zur Förderung dieser still und rastlos tätig im
Schatten des Ruhmes wirkenden Avantgarde, die eingedenk des Schillerschen
Ausspruches an der Wiener Sezession „Der Zeit ihre Kunst, der Kunst ihre
Freiheit“ zeigen, dass – unter Betonung von Liberalismus und eigener
Autonomie - künstlerische Produktion auch jenseits von Vereinnahmung,
Manipulation und Funktionalisierung gedeihen kann, ist diese Ehrung
kreiert worden.
Für das Verdienst eines
verantwortungsvollen künstlerischen Umgangs mit Sprache, der die Freude am
Experiment, das Ausloten von neuen Grenzen und Gesetzmäßigkeiten
miteinschließt, sowie der Aufgabe der Sprache im 21. Jahrhundert eine neue
Qualität verleiht - eine Position übrigens, die dem eingangs zitierten
Gottfried Benn (1886-1956) für das 20. Jahrhundert zuzuerkennen ist - wird
heute erstmalig die Autorin Barbara Ester (geb. 1958) mit dem
Künstlerpreis ausgezeichnet.
So möchte ich Ihnen – meine Damen und
Herren – die Person und das Werk Barbara Esters, für die ich hier als
Laudator stehe, ein wenig näher bringen.
Natürlich könnte ich Ihnen jetzt Daten der Vita der gebürtigen
Wanne-Eickelerin, wesentliche Werke wie 1992 die unter dem Titel
“Tunnelarbeiten“ in der WAZ veröffentlichten Gedichte und Kurzprosa, die
1993 mit dem Hörspiel „Mörder“ beginnenden Projekte für den WDR, die 1997
mit dem Gedichtzyklus „dame in blau“ und dem 1998 in Kooperation mit A.
Weigoni produzierten Kinderhörspiel „Die zauberhafte Rabenfee“
weitergeführt wurden, sowie das ebenfalls 1998 entstandene Kurzhörspiel
„Missing Medea“ auf der CD „Ohryeure“ und den jüngst 2001 entstandenen
Cranger Cirmes-Crimi „Massaker“ ebenso aufzählen, wie die 1994 und 2000
erlangten Hörspielstipendien der Filmstiftung NRW oder die 1998 von der
Literaturzeitschrift „Passagen“ ausgezeichnete Kurzprosa „Maria lachte“.
Was dabei als Resultat herauskommt, ist eine endlose Aneinanderreihung von
Fakten, die Sie – verehrte Zuhörer – ermüdet und Ihnen die Person der
Autorin in keinster Weise näher bringt. Mir war es daher daran gelegen –
da ich Barbara persönlich kenne – Ihnen Ihre künstlerische Qualität
erfahrbar zu machen, indem ich das scheinbar tote Datenmaterial
funktionalisiere und Ihnen Aspekte, die meines Erachtens für das
Werkverständnis wesentlich sind, vorstelle. Da dies natürlich eine
subjektive Ansicht darstellt, sind Sie in diesem Zusammenhang herzlich
eingeladen durch ihre private Lektüre sich ein eigenes Bild von der
besprochenen Literatur zu machen.
Neben der
breiten Varietät auf der Palette der Ausdrucksmöglichkeiten und der
Arbeit mit Sprache in Form von Epik, Lyrik und einer anderen Art der
Auseinandersetzung mit Dramatik in Gestalt des Hörspiels, sollte nicht
unerwähnt bleiben, dass es sich bei der Autorin um jemanden handelt, die
sich autodiktatisch dem Schreiben zugewandt hat. Mal abgesehen davon, dass
ich sowieso nicht davon überzeugt bin, dass künstlerisches Können
unbedingt auf der Akademie erworben werden muss, ist die Titulierung
„autodidaktisch“ in keinster Weise abqualifizierend gemeint. Im Gegenteil,
ohne Weihen einer akademischen Vorbildung und somit auch in einer gewissen
Weise „Verbildung“ des Geistes – da sie von einem Lesekanon ausgeht und
damit für einen schöpferischen Menschen durchaus eher behindernd als
förderlich sein kann – geht Ester mit dem, was sie aus der vielfältigen
Bandbreite ihres privaten Leseinteresses an Stoffen für sich als relevant
erachtet, in einer Form spontan-intuitiver Neugier an die Beschäftigung
neuer literarischer Themen heran.
In einem Gespräch sagte sie mir einmal dem Sinngehalt entsprechend :
„Weißt du, sobald ich auf die Straße trete und mir Menschen begegnen,
kommen gleichzeitig unweigerlich und automatisch Geschichten auf mich zu,
die ich am liebsten sofort verarbeiten würde.“ [5] Und
aus einem anderen Zusammenhang zitiere ich sie sinngemäß, um zu zeigen,
was den eigentlichen „furor poeticus“ des schöpferisch-kreativen Menschen
an ihr ausmacht : „Im Laufe eines Tages entstehen so viele Ideen für
Projekte, die ich – angesichts der Tatsache, dass eine Menge brauchbarer
Entwürfe noch in meinen Schubladen ruhen – gar nicht alle realisieren
kann. Aber ich will und muss weiterarbeiten, weil das, was ich in mir
trage, einfach hinaus muss, mittels der Sprache in eine künstlerische Form
der Aussage transponiert werden muss.“ [6]
Wesentlich an diesen Aussagen wird der
unablässige gestalterische Drang Esters, Themen des Alltags literarisch zu
verarbeiten. Dementsprechend sind ihre Figuren „Normalos“, Leute wie du
und ich, die sich nur in besonderem Maße dadurch auszeichnen, dass bei
ihnen ein Einbruch in die scheinbar regulären Strukturen der Normalität
des täglichen Lebens stattgefunden hat, was insbesondere der Untertitel
„der sanfte schrecken der normalen verhältnisse“ des Gedichtzyklus „dame
in blau“(1997) deutlich macht.
Unmerklich ist da etwas aus dem Lot
geraten, die Relationen zur Umwelt empfindlich gestört, das eingangs
beschriebene Bezugsgeflecht, mit dem der Mensch in Beziehung zur Welt
steht, derart brüchig, löchrig und locker geworden, dass er sich von
dieser entfremdet hat und einsam auf sich zurückgeworfen ist. Man täuscht
sich über diese Situation hinweg, wie in der 1993 entstandenen
Kurzgeschichte „Clarissa“, indem nur noch eingespielte Floskeln,
mechanische Gesten und repetierte Alltagsbanalitäten den eigentlichen
existentiellen Schock einer Frau über die Totgeburt ihres Kindes
verwischen, auf diese Weise die Anforderungen und Rituale des täglichen
Lebens ohne Verarbeitung überhaupt ertragbar machen und so das
zwischenmenschliche Verhältnis der Personen als steril-kalte Interaktion
zwischen Marionetten aufdecken, die in ihrem Schicksal erstarrt sind,
eingelegt und konserviert in Formaldehyd wie der Embryo.
Im Spannungsfeld dieser fragilen Gebrochenheit des Individuums zum Dasein
wird das entscheidende Element der menschlichen Verbindung zur Welt und
seiner Situierung in ihr relevant: Das Scheitern ergibt sich aus einer
Disfunktionalität der Sprache, aus der Unfähigkeit des richtigen
Gebrauches von ihr als des alleinigen Faktors Welterfahrung überhaupt zu
konstituieren und mit der Umwelt zu kommunizieren. Fehlt dieses Fundament
des sprachlichen Ausdrucks, wird der Mensch zur Referenz seiner Selbst,
verharrt im begrenzten Kreis des eigenen Ich.
Hannah Arendt (1906-1975) hat dies einmal sehr anschaulich in ihrer
Schrift „Vita activa“(1967) formuliert, was auf Esters Protagonisten
durchaus anwendbar ist :
„...viel
schwerwiegender ist, dass sie sich überhaupt in einer Welt bewegen, in
der die Sprache ihre Macht verloren hat, die der Sprache nicht mächtig
ist. Denn was immer Menschen tun, erkennen, erfahren oder wissen, wird
sinnvoll nur in dem Maß, in dem darüber gesprochen werden kann. Es mag
Wahrheiten geben, die jenseits des Sprechenden liegen, und sie mögen für
den Menschen, sofern er auch im Singular, d.h. außerhalb des politischen
Bereichs im weitesten Verstand, existiert, von größtem Belang sein. Sofern
wir im Plural existieren, und das heißt, sofern wir in dieser Welt leben,
uns bewegen und handeln, hat nur das Sinn worüber wir miteinander oder
wohl auch mit uns selbst sprechen können, was im Sprechen einen Sinn
ergibt.“ [7]
Dementsprechend existieren im Krimi „Massaker”(2001) die Figuren unter
folgendem Fazit ihrer Existenz : „Frei davon sich Gedanken zu machen.
Sprache transportierte für sie keine Inhalte mehr, nur noch Grooves in
einem gehetzten Rhythmus, Rappelreime oder Rock’n Roll. Wer konnte das
noch unterscheiden ? Wen interessierte eigentlich überhaupt noch Sinn?“ [8]
In der Annahme, meine Damen und
Herren, – eingedenk der Sprechakttheorie – dass Kommunikation immer auch
sprachliches Handeln bedingt, existieren Esters Figuren ohne ihre
existentiell sie bedrohenden, emotionalen Probleme artikulieren zu können,
im weitesten Sinne abgeschnitten von den Wurzeln ihres Menschsseins.
Erkennbar wird dies anhand einer starken Dominanz parataktischer
Satzstrukturen, die gleichsam in der Betonung der Sparsamkeit, des
abbreviaturartigen Charakters, die Handlungsarmut, die sich nur mehr in
sukzessiv aufeinander folgenden, einzelnen, in sich selbst kreisenden
Tätigkeitsakten konkretisiert, vor Augen führt.
Wo latent unterdrückte Probleme des
Menschen, die seine materielle Welt als allgegenwärtiges Abstraktum
unauflösbar überschatten, weil bestimmte Seinsschichten – literarisch als
Sehnsuchtsgefühl konstituiert - seiner Existenz zu Tage treten, über die
er mangels Welterfahrung die Kontrolle verliert, kulminieren, entsteht
Gewalt, die sich zunächst in der Brutalität des Verbalen manifestiert und
in einem weiteren Schritt der Hilflosigkeit sich in der Konkreation des
Tötungsaktes selbst realisiert.
Gewalt als kommunikativer Zweck, um die existentielle Einsamkeit und
Leere des menschlichen Daseins, sein eigenes Versagen und Ausgesetztsein
unheimlicher, weil nicht durchschaubarer Vorgänge des Lebens in einer
scheinbar von der Wissenschaft und Technik ausgedeuteten Welt, zu
überwinden. Dieses Moment findet sich bei Ester in der schillernden
Gestalt der Massenmörderin Jaqueline des in Kooperation mit A. Weigoni
geschaffenen „Massaker-Crimis“(2001), die „voll die Peilung verloren hat“
[9], ebenso wie in den verschiedenen Typologien von
augenscheinlich geistig verwirrten Mördern im gleichnamigen
Hörspiel(1993), deren Tötungssituation durch ein latentes Leiden an der
Unerträglichkeit einer bestimmten Lebenssituation provoziert wurde, so
dass sie nur durch die Vernichtung sich des Faktums erwehren können, sich
wie eine „Ratte“ [10] zu fühlen und auf diese Weise
einen letzten Teil ihres Menschseins, ihrer Selbstachtung bewahren.
Ebenso heißt es
von Jaqueline in „Massaker“(2001) : „In einer gefühlsentleerten Welt, in
der es allein um Fassaden und Objekte ging, konnte sie sich nur durch
einen ultimativen Akt wie das Töten heraussprengen. Ihr blieb nur mehr
eine Chance, in einer aus den Fugen geratenen Welt, einen Rest Würde zu
bewahren.“ [11]
Die
Befindlichkeit dieser Figuren stellt die Autorin im Hörspiel
„Mörder“(1993) unter das aufschlussreiche Motto Alexander Puschkins : „Vor
mir ist kein Ziel : das Herz ist leer, der Verstand müßig und mit
Sehnsucht quält mich der eintönige Lärm des Lebens.“[12]
Nur in dem Moment des Tötungsaktes
selbst, erwachen sie für einen Augenblick aus ihrer apathischen Lethargie,
werden über das Handeln zu Herren ihres Selbst, ihres eigenen Schicksals
und setzen sich auf diese Weise für die Dauer der Handlung außerhalb
jeglicher Fatalität.
Ester
schildert uns eine brutale, kalt–berechnende, materielle Welt, in der
ehrliche Gefühle tiefer Innerlichkeit, des Mitgefühls und Mitleidens als
Ausdruck von „humanitas“ schlechthin nicht mehr existieren, sondern in dem
Wissen, dass „Aufklärung eine Erfindung ist, damit wir uns sicher fühlen“
[13] sämtliche scheinbare Errungenschaften derselben
umgestoßen werden und gemäß der alten Hobbesschen These „die Menschen als
des Menschen Wolf“, sich besitzergreifend, untereinander misstrauend,
gnadenlos belauern. Ich verweise nur auf das zweite Gedicht der „dame in
blau“ (1997), in dem es heißt :
„sicher ist nur
der ausdruck seiner augen :
lauernd, gefährlich.“ [14]
Diese
Befindlichkeit der Gesellschaftssituation analysiert Ester nüchtern
und kalt in „Massaker“(2001) : „Grausamkeit ist Teil der menschlichen
Natur. Sie ist nicht zu trennen von den größten Dingen, die wir als
Menschen erreicht haben...Es müssen Maßstäbe her, die im Lauf des 20.
Jahrhundert gewonnen worden sind... Mir ist diese Erbarmungslosigkeit
entsetzlich, aber sie gehört zutiefst zur Signatur dieser Zeit, elementare
Kräfte kommen darin zum Ausdruck. Man muss das klar sehen. Muss logisch
denken.“ [15]
Es ist dies
– verehrte Zuhörer - die moderne Welt im 21. Jahrhundert des
Massenkonsums, der Marktwirtschaft mit ihren eigenen Mechanismen der
Korruption, der stark in die menschlichen Lebensstrukturen eingreifenden
Innovation des Internets, der Telekommunikation, die in Form des „immer
und überall Kommunizierens“ angeblich das Heil in der weltumspannenden
Verbrüderung aller Menschen bringen sollen, letztendlich in realiter aber
schleichend angesichts einer Abkapselung in der Illusion virtueller Räume
die zunehmende Entfremdung, Vereinsamung, Gefühlskälte und Brutalität im
gegenseitigen Umgang sowie die Sprachlosigkeit des Einzelnen fördern.
Dementsprechend wird diese Lebenswirklichkeit in „Massaker“(2001)
analysiert : „Die Welt war politisch korrekt geworden. Niemand durfte mehr
etwas sagen, niemand wagte es, den Mund aufzumachen. Hier mochte man
Menschen nicht, die gelitten haben, man bedauerte sie. Man mochte auch die
Verrückten nicht, man bedauerte sie. Man wollte keine Irrenanstalt in der
Nachbarschaft haben. Alle hatten Angst vor allen...Litten unter einer
gewaltigen Repression, hassten diesen Zustand, aber sie hatten zu viel
Angst, ihn zu verändern. Lebten in einer heimlichen Diktatur, waren Opfer
einer massenpsychologischen Verschwörung. Durften das Unsagbare nicht mehr
sagen.“ [16]
Wo Realität
nur noch visuell in einer beliebig manipulierbaren Masse eines nicht mehr
verarbeitbaren Bildersalates konsumiert wird, noch schlimmer, wo fiktive
Realität zu einem wahllosen Konstrukt der eigenen unerfüllbaren Wünsche
und Phantasien wird, findet die stetig wachsende Entfremdung des Menschen
von der Wirklichkeit, das Absterben seiner ihm ureigensten Bedingungen des
Menschseins statt : „Alles an ihnen ist eingefroren : Gefühle,
Gesichtszüge, der Körper...Es interessierte niemanden, wohin die Menschen
gingen. Sie liefen doch alle nur im Kreis, liefen einen Parcours ab, ohne
wirkliche Hürden zu nehmen.“ [17]
Symptomatisch
wird dies für eine Generation, die durch einen „klaustrophobischen
Subjektivismus“ [18] gekennzeichnet ist, der „die
Ziellosigkeit zum Lebenssinn erklärt hat.“ [19]
Wir sind mit diesen technischen
Entwicklungen an einem neuen Punkt angelangt, wo wir, unser Leben und das,
was wir außer materiellem Konsum daraus ziehen wollen, hinterfragen
müssen, wenn wir uns als Menschen nicht noch weiter voneinander entfernen
und in zukünftiger Vision als genmanipulierte, ferngesteuerte Roboter, die
nach bipolaren Gesetzmäßigkeiten funktionieren, gefühllos dahinvegetieren
wollen.
Die Welt einer überbordenden
Faktizität und Informationsflut, in der wir leben, ist weitgehend von den
Errungenschaften der Technik erobert, erschlossen und kontrollierbar
gemacht worden. Scheinbar ist alles so einfach, das Leben in seiner
Simplizität schon fast erschreckend : Ein Knopfdruck führt uns zu der
gewünschten Information, zu dem benötigten Erklärungsansatz des Problems
auf sachlicher Ebene.
Nur sobald wir mit uns selbst, mit
Fragen, die existentielle Dinge des Lebens betreffen, konfrontiert werden,
suchen wir vergebens nach kompatiblen Lösungen. Unsere Zeit heute gaukelt
uns vor, dass sie Lösungspatente und – richtlinien für alles und jeden
bereithält, dass Lebensmuster transparent und durchschaubar geworden sind.
Alles von der Norm abweichende ist scheinbar durch gezielte Analyse der
Einzelteile, durch Austausch der kranken Partien wieder reparabel.
Wie
formuliert einer der Täter am Ende des Hörspiels „Mörder“(1993) im
Therapiedialog mit der Psychologin so treffend diese Mentalität : „Sie,
mit Ihrem Tonband. So wollen Sie mich verstehen ? Mich ? Einen Mörder ?
Herauskitzeln ? Den Menschen knacken wie eine Nuss. Und dann liegen zwei
Nussgehirnhälften vor Ihnen. Weiter sind Sie dann sowieso nicht. Mit zwei
Nussgehirnhäften kann man keine Mörder verstehen. Mörder sind anders.
Taube Nüsse ? Oder angefüllt mit Unglück?“ [20]
Man ist
geneigt, der in dieser Metaphorik zum Ausdruck gelangenden,
desillusionierenden Pragmatik im Hinblick auf das rätselhafte Phänomen
Mensch, den Ausspruch des Sprachphilosophen Ludwig Wittgenstein(1889-1951)
gegenüberzustellen : „Seltsamer Zufall, dass alle die Menschen, deren
Schädel man geöffnet hat, ein Gehirn hatten.“ [21]
Nein, für die komplexe Situation des
menschlichen Wesens, die sich in der Psyche offenbart, existieren keine
allgemein verbindlichen Patentlösungen, an die man sich halten könnte.
Genau die dunklen Seiten der menschlichen Existenz, die unsere
analgetische Lach- und Spassgesellschaft eskapistisch ignoriert, ausspart
und unterdrückt, werden von Esters Mördern mit den Tötungsdelikten auf den
Plan gerufen und die Auseinandersetzung mit Furcht, Qual, Trauer, Leid,
Schmerz, Trieb und Trauma bewusst wie in einem Befreiungsschlag und
triumphierender Überwindung der Tabuzone gesucht.
So wird
die Mörderin Jaqueline im „Massaker-Krimi“(2001) als ein
Gesellschaftsphänomen charakterisiert : „Jaqueline war gar nicht so weit
von ihnen entfernt. Sie ist der Schatten in uns allen. Die dunkle Seite in
uns selbst, die tödliche, die kreative, verführerische, die sexuell
attraktive Seite. Für Männer und Frauen gleichermaßen. All das, was in
einer demokratischen Gesellschaft gern verdrängt wird, das, was
unausgesprochen bleibt.“ [22]
Wenn wir
ehrlich sind, müssen wir uns eingestehen, dass der Mensch des 21.
Jahrhunderts trotz vermeintlicher Sicherheiten, wie dem Leben in
rechtsstaatlichen Demokratien mit dem Auffangnetz eines Sozialsystems,
noch nie so unbehaust, so ungesichert und dem Schicksal so ausgesetzt war,
wie im Moment (auch angesichts der jüngsten Ereignisse).
Dementsprechend heißt es in „Massaker“(2001) illusionslos: „Das Leben ist
nicht eingeschnürt in Gedankenmodelle, auch wenn wir es zu unserer
vermeintlichen Sicherheit glauben wollen...Lauter Einzelteile und kein
Ganzes mehr.“ [23]
Evident wird dabei, dass zwar
Wissenschaft und Technik mit ihren Datenhighways in Ergründung des Daseins
aus wirtschaftlichen Interessen das Universum erobert und damit
entmystifiziert haben, dem Menschen aber in Wahrheit nie Antworten auf
seine Fragen nach dem Rätsel des Seins zuteil wurden.
Ebenfalls mit Referenz auf „Massaker“(2001) wird dieser Zustand dort
wie folgt analysiert : „Er...wollte die Teilsysteme verstehen: das Hören,
Sehen, Fühlen, Schmecken. Das Gedächtnis, das Raum-und Zeitgefühl, die
Fähigkeit des Assoziierens, Bewertens und Erinnerns. Suchte nach einer
Theorie vom Ganzen, die erklären könnte, wie alle diese Funktionen
zusammenlaufen und wie er es fertig brachte, schlüssig zu denken und zu
handeln.“ [24]
Was bleibt dem Menschen jedoch dann
als Korrelat der Welterklärung angesichts immer schwächer werdender
Religionen, angesichts keiner fest verbindlichen, immer schneller sich
wandelnden Ethik- und Moralvorstellungen ? Woran kann sich das Individuum
in existentieller Angst, auf der Suche nach Erkenntnis des Daseins
klammern ?
Die Realität sieht so aus: Der Mensch
findet sein Heil, seinen Idealismus in dem marktwirtschaftlichen System
der materiellen Dinge: Sie werden zu Ikonen, über die er sich definiert
und mit denen er sich umgibt. Die Gegenstände in ihrer Art der Anordnung,
sowie Form der Plazierung und Konstellation zueinander konstituieren
seinen endlichen Raum des Diesseits, ein Terrain, auf dem er sich sicher
bewegt.
Fragen an die Transzendenz existieren nicht, wenn man sie nicht
stellt.
So wird die Verankerung des Individuums mittels des Bewusstseins innerhalb
der Wirklichkeit im Krimi „Massaker“(2001) wie folgt beschrieben :
„Mintfarbene Decke, Holzstühle, Theke grau marmoriert, Lampen in einer
Reihe unter der Decke..., repetierte Giancarlo hastig in Gedanken, um sich
auf die sichere Seite der Realität zu wiegen.“ [25]
Angesichts dieser aktuellen Situation ist es notwendig, in diesem Stadium
auch den Status der Sprache neu zu überdenken.
Meine Damen und Herren –
ebenso wie Gottfried Benn (1886-1956) im 20. Jahrhundert versucht hat,
eine neue Sprachwertigkeit zu konstituieren, ist es das Verdienst Barbara
Esters sich dieser neuen Funktion von Sprach- und damit Welterfahrung der
Ausprägungen des Internetzeitalters in ihren Werken an der Schnittstelle
zweier Jahrhunderte annähern zu wollen, indem sie die ursprüngliche
Qualität des Erzählens in einen neuen Kontext mit aktuellen Themen stellt.
Dementsprechend sieht die Autorin ihre
eigene Position als eine künstlerische Infragestellung von Realität, von
der scheinbaren Simplizität im Umgang mit der komplexen Lebenswirklichkeit
durch den heutigen Menschen, wie sie es in Gedicht 4 der „dame in
blau“(1997) formuliert :
„ich treibe auf einem sehr fremden meer
ich rede mit mir sehr fremden menschen.
ich bin ihnen gefolgt
ihre straßen entlang
und in ihre häuser
und in ihre zimmer und in die nacht ihrer betten
und ich habe darauf gewartet, dass sie sich lieben und darauf gewartet,
dass sie sprechen
und wenn sie am ende sprechen
höre ich ihre letzte zuflucht
aber ich habe nichts mehr zu sagen über die wirklichkeit und
wie sie anzusehen sei und anzuhörn.
es ist gerade so als hätte mich die see ausgespien
wie ein lebendiges fragezeichen, das hineinäugt in die verwirrungen des
daseins“ [26]
In einer Zeit, in der es keine
allgemein verbindlichen Lösungen mehr gibt, sieht es die Autorin nicht als
ihre Aufgabe an, Ausdeutungen der Realität über die alles bereits gesagt
wurde, also in gewisser Weise Ersatzideologien, in ihrer Literatur zu
offerieren.
Barbara Ester
versucht wesentliche, verschüttete Teile der menschlichen Existenz,
scheinbar hinderliche Dinge wie die Erinnerung, die Phantasie, das
Träumen, die Reflexion, die Kreativität, die jedoch in entscheidenden
Situationen die Erhebung über das Bewusstsein der eigenen Sterblichkeit
überhaupt erst möglich und ertragbar machen, aus ihrem Dornröschenschlaf
innerhalb einer trockenen Faktenwelt zu erwecken, eine neue Sensitivität
dafür zu aktivieren, so wie die Figur des Giancarlo im
„Massaker-Krimi“(2001) „verträumt auf die Lichtlinien in der Nacht sah,
als wären es Botschaften aus einer anderen Welt.“ [27]
Sie tut das in der ursprünglichen Form
und Funktion von Sprache, indem sie dem Menschen Geschichten vom Menschen
schenkt. Geschichten aus dem Alltag, aus den Verwirrungen des Daseins, die
metaphorisch auf Problemstellungen verweisen, eine geschilderte Welt in
ihrer Daseinsberechtigung in Frage stellen und den Leser dazu anregen, in
eigenverantwortlicher Autonomie selbstreflexiv tätig zu werden.
In dem gemeinsam mit A. Weigoni
produzierten poetisch-fantastischen Kinderhörspiel „Die zauberhafte
Rabenfee“(1998) – meine Damen und Herren – gelingt es Ester den Jüngsten
wenigstens das Ideal einer funktionierenden Welt als Orientierung
aufzuzeigen, die nur auf dem Fundament einer in die Praxis umgesetzten
Humanität in Gestalt von „sympatheia“, Toleranz, Freundschaft, Liebe,
Solidarität, das bedingungslose Eintreten für die Gemeinschaft, Respekt
vor Andersartigkeit und das Wissen gerade daraus eine Bereicherung ziehen
zu können, Bestand hat.
Nur diese
Ideen der „humanitas“ erzeugen in der kleinen Räbin die Kraft, die
Stärke, die Selbsterkenntnis und –gewissheit durch ihr aktives Handeln die
„bunte Welt“ [28] mit ihrer Vielfalt, deren Schönheit
man erst durch das richtige, bewusste Sehen gewahr wird, vor der Tod und
Vernichtung ausstrahlenden, dunklen Gegenwelt des blinden Flugdrachen zu
retten. Auch hier klingt das Thema des Ausgesetztseins gegenüber der
Fatalität in den Worten der weisen Eule an: „Niemand kann den Lauf des
Schicksals aufhalten...“ [29]
Nein, aber
man braucht auch nicht zu verzweifeln, man kann sich ihm, wie es die
Räbin vollzieht, mutig entgegenstellen, handelnd Widerstand leisten. Der
Lohn, die Hoffnung der Anstrengung, die in den Worten : „Du musstest
deinen Weg gehen.“ [30] zum Ausdruck kommt, ist die
Erkenntnis, der Aufschluss über die eigene Position, den Standort in der
Welt.
Auf diese Weise – meine Damen und
Herren – gelingt es Barbara Ester mit ihrem literarischen Schaffen die
gegenwärtige „condition humaine“ in Frage zu stellen, was parallel mit dem
Wissen und der Forderung einhergeht, das Mysterium des Seins als ein
Geheimnis zu leben.
Sprache gewinnt bei Ester zum einen
die Aufgabe eines elementaren Indikators, der, wo sie versagt, hinter der
glatten Oberfläche der scheinbar reibungslos ablaufenden Beziehungen die
Disfunktion und Destabilität der Struktur des wechselseitigen Dialogs von
Mensch und Welt aufdeckt. Zum anderen verleiht sie der Macht der Sprache
eine neue Qualität von Magie in ihrer Dimension weltverändernd,
weltkonstituierend wirken zu können.
Sie löst in ihren metaphorischen Geschichten als Abbild von Dasein einen
wesentlichen hermeneutischen Prozess mittels der Sprache aus : Der Mensch
soll sich – jenseits einer Identifikation - in der Literatur nicht
wiedererkennen, sondern wesentlicher :
sein Menschsein erkennen, Erkenntnis produzieren und daraus das
originäre Potential seiner Handlungen ziehen.
Damit wird ihr Mikrokosmos der Sprache zum Medium existentielle Fragen an
das Sein zu stellen, deren Antworten nur individuell im Menschen und den
Anlagen seiner „humanitas“ selbst zu finden sind.
„Gefangen
in den Geschichten aus der Geschichte,“ [31] wie es
in „Massaker“(2001) heißt und in dem Wittgensteinschen Wissen, dass „das
Unaussprechliche – unaussprechlich – in dem Ausgesprochenen enthalten
ist,“ [32] entlarvt sie die Welt als Konstrukt der
ewigen Wiederkehr unendlicher, archetypischer Geschichten vom Menschsein
mit alten, unvergänglichen Wahrheiten, die in uns liegen und uns zum
Ursprung, zu unseren Wurzeln zurückführen.
Meine Damen und Herren,
mit meinen besten Wünschen für alle 3 Preisträger verbindet sich die
Hoffnung, dass sie uns weiterhin mit der „inventio“ von Geschichten, bzw.
auf dem Felde der Kunst und Musik mit Sujets oder musikalischen Themen –
ob schöner oder trauriger sei dahin gestellt - beglücken mögen,
angesichts der Tatsache, dass oftmals
nur ein einziges, treffend gewähltes Wort, eine einzige in sich stimmige
Komposition zum richtigen Zeitpunkt die Kraft besitzt, uns staunend eine
ganze, neue Welt eröffnen zu können,
zum Trost, Hoffnung und Rettungsanker in dunklen Momenten am Abgrund des
Seins zu werden, mit denen es gelingt, uns über die Konditioniertheiten
des Lebens zu erheben und hinwegsetzen zu können,
dergestalt, wie Gottfried Benn
(1886-1956) diese Gewalt, diese faszinierende Macht der Sprache, anwendbar
auf den Wert des Kunstwerks im allgemeinen, in ihrer Qualität der
Transzendierung von Wahrheit einmal formulierte :
Ein Wort, ein
Satz, aus Chiffren steigen,
erkanntes Leben jäher Sinn,
die Sonne steht, die Sphären schweigen,
und alles ballt sich zu ihm hin.
Ein Wort, ein Satz, ein Flug,
ein Flammenwurf, ein Sternenstrich –
und wieder Dunkel, ungeheuer,
im leeren Raum um Welt und Ich. [33]
(„Ein Wort“/1941)
Maya Nolte
Dorsten im Oktober 2001
Maya Nolte
Hetkerbruch 12
D- 46 286 Dorsten
Tel. : 02369/ 21 489
Mobil : 0177/97 25 740
Email : mayanolte@gmx.net
Quellen:
[1] Gottfried Benn, „Worte“
(1955), in : Gottfried Benn, Gedichte, In der Fassung der Erstdrucke,
hg.v. Bruno Hillebrand, Frankfurt a. Main 1988, S. 466.

[2] Ludwig Wittgenstein,
Philosophische Untersuchungen, 1947-49, hg.v. G.E.M. Anscombe u. R. Rhees,
in : Schriften 1, 1960.

[3] Balthasar Klossowski de
Rola (1908-2001), genannt Balthus : „Wenn ich male, versuche ich nicht
mich auszudrücken, sondern vielmehr die Welt.“

[4] André Derain (1880-1954)
: „Wir malen heutzutage nur, um die verloren gegangenen Geheimnisse
wiederzuentdecken.“

[5] „Kaffeehausgespräche mit
Barbara Ester“, Unveröffentlichte Interviews, Wanne-Eickel 1999-2001.

[6] Ebenda.

[7] Hannah Arendt, Vita activa oder Vom tätigen Leben,
München 1967, S. 12.

[8] Barbara Ester &
A.J.Weigoni, Massaker, ein Cranger Cirmes Crimi, Köln 2001, S. 14.

[9] Ebenda, S. 29.

[10] Barbara Ester-Schellhase, Hörspiel „Mörder“,
WDR/Köln 1993, S. 6.

[11] Ester & Weigoni, (wie Anm. 8), S. 63.

[12] Ester-Schellhase, (wie Anm. 10).

[13] Ester & Weigoni, (wie Anm. 8), S. 64.

[14] Barbara Ester, „dame in blau oder der sanfte
schrecken der normalen verhältnisse“, Wanne-Eickel 1997, S. 2.

[15] Ester & Weigoni, (wie Anm. 8), S. 60 u. 46.

[16] Ebenda, S. 16.

[17] Ebenda, S. 38 u. 54.

[18] Ebenda, S. 52.

[19] Ebenda, S. 62.

[20] Ester-Schellhase, (wie Anm. 10), S. 21/22.

[21] Ludwig Wittgenstein, (wie Anm. 2).

[22] Ester & Weigoni, (wie Anm. 8), S. 32.

[23] Ebenda, S. 61 u. 46.

[24] Ebenda, S. 43.

[25] Ebenda, S. 30.

[26] Ester, (wie Anm. 14), S. 4.

[27] Ester & Weigoni, (wie
Anm. 8), S. 41.

[28] Barbara Ester & A.J.Weigoni, Die zauberhafte
Rabenfee, Kinderhörspiel, Wanne-Eickel/Düsseldorf 1998, S. 29.

[29] Ebenda, S. 42.

[30] Ebenda, S. 44.

[31] Ester & Weigoni, (wie Anm. 8), S. 58.

[32] Ludwig Wittgenstein, Briefe an Engelmann 6, in : P.
Engelmann, Ludwig Wittgenstein-Briefe und Begegnungen, München/Wien 1970.

[33] Gottfried Benn, „Ein Wort“ (1941), in : (wie Anm.
1), S. 304.

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