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Das Hungertuch

Erstmals verliehen
am 16. Dezember 2001 in Düsseldorf!

Laudatio von Maya Nolte,
verfasst für Barbara Ester

Hungertuch-Startseite

Die Texte der Verleihungsurkunden

Die Laudatio auf Barbara Ester, verfasst von Maya Nolte

 

Prolog
 

Liebe Preisträger, liebe Freunde, meine Damen und Herren,

In Anbetracht des Faktums, dass diese Preisverleihung zum ersten Mal stattfindet, war es mir wichtig, etwas Grundlegendes zunächst im Hinblick auf den Status, die Position, die die Kunst für uns heute im 21. Jahrhundert einnimmt, zu sagen.

In der Annahme, dass Kunst, der Künstler generell, das Verhältnis von Mensch und Welt problematisiert, erfolgt von diesem Standpunkt aus innerhalb eines größeren Zusammenhangs eine Zuordnung und Würdigung des Werkes unserer Preisträgerin.

Aber fangen wir an, lassen wir uns auf das Erlebnis Literatur ein, besser gesagt, beginnen wir mit Poesie...
 

Laudatio

 

Allein : du mit den Worten
und das ist wirklich allein
Clairons und Ehrenpforten
sind nicht in diesem Sein.

Du siehst ihnen in die Seele
nach Vor-und Urgesicht,
Jahre um Jahre- quäle
dich ab, du findest nicht.

Und drüben brennen die Leuchten
in sanftem Menschenhort,
von Lippen, rosigen, feuchten
perlt unbedenklich das Wort.

Nur deine Jahre vergilben
in einem anderen Sinn
bis in die Träume : Silben –
doch schweigend gehst du hin. [1]
 

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

Diese poetischen Zeilen eines Literaten, der angesichts der großen, weltumspannenden Katastrophen im 20. Jahrhundert hinsichtlich des Themas der Sprache und der daraus resultierenden Problematik der sogenannten Sprachkrise, einen Meilenstein in der Literatur der Moderne darstellt, skizzieren in künstlerischer Form den eigentlichen Grund unserer heutigen Zusammenkunft sehr treffend.

Bei dem Autor handelt es sich um Gottfried Benn (1886-1956) und die Zeilen, die ein gestörtes Verhältnis zum unbefangenen Gebrauch, den Verlust des Vertrauens in das Welt definierende, von Ideologien missbrauchte Wort problematisieren, kennzeichnen letztlich die Idee, aus der heraus der diesjährige, zum ersten Mal vergebene Kunst- und Literaturpreis „Das Hungertuch“, konstituiert wurde.

Warum diese Neueinführung eines künstlerischen Preises angesichts einer Fülle bereits existierender Auszeichnungen auf dem Kunst- u. Literatursektor ? Lassen Sie mich dazu kurz etwas ausholen.

Die Titulierung „Hungertuch“ erscheint mir in diesem Zusammenhang aufschlussreich zu sein.

Assoziationen aus dem ursprünglich religiösen Kontext, in dem der Begriff das mittelalterliche Fastentuch definiert, was den Altar in der Kirche während der Fastenzeit verhüllte und auf diese Weise dem Anblick der Gläubigen entzog, stellen sich ebenso ein wie Anklänge an Kafkas „Hungerkünstler“(1924) im literarischen Bereich. Da nimmt der Gedanke Gestalt an, dass der Text - in seiner originären, lateinischen Bedeutung verstanden – ein Gewebe ist, eine kunstvolle Verflechtung von Sprache.

Allgemeiner gesagt : Jede künstlerische Äußerung, ob in der Literatur, Musik oder der bildenden Kunst, gestaltet ein Gewirk mit einer bestimmten Struktur – der Maler Paul Klee (1879-1940) spricht in diesem Zusammenhang vom Prozess des „Zerwirkens“ - deren Sinn es zu decodieren und damit zu verstehen gilt.
In der Annahme, dass das menschliche Verhältnis zur Welt, als ein Bezugsgeflecht aufzufassen ist, versucht der Künstler gerade eben dieses Netz von Kontexten und voneinander dependenten Relationen in einen künstlerischen Mikrokosmos zu transformieren. „Wir sehen ein kompliziertes Netz von Ähnlichkeiten, die einander übergreifen und kreuzen“, wie es der Sprachphilosoph Ludwig Wittgenstein (1889-1951) formuliert. [2]

Der Kunstschaffende wird zu einem Demiurgen, der ein Abbild von Welt, eine Transfiguration von Sein erschafft. Dementsprechend sagte der Künstler Balthus (1908-2001) einmal : „ Quand je peins, je n’essaie pas de m’exprimer, mais plutôt d’exprimer le monde.“ [3] Das Kunstwerk der Moderne - in seinem höchsten Anspruch einen Status von universaler Gültigkeit aufzuweisen – wird zu einem Träger von Wahrheit, in Substitution einer Wahrheit, die früher der Gläubige unter Bedingungen eines geschlossenen Weltbildes im Heil der Religion fand.
Was bedingt dies aber seitens des Künstlers ?

Er muss zum Seismographen und Übersetzer existentieller Vorgänge werden und eine Sprache der selbstlosen, uneitlen Angemessenheit entwickeln.
Dem wahrhaftigen Kunstschaffenden ist dies eine Angelegenheit von großem Ernst, weil es bedingt, dass man fernab von schnelllebigen Moden, Trends und jeglicher Effekthascherei einen Ausdruck der Authentizität, der Aufrichtigkeit lebt und in der Kunst realisiert, den man vor sich selbst verantworten kann, weil er einem Ideengehalt Gestalt verleiht, der frei von der Konvention, vom Missbrauch durch Ideologien und materielle Instrumentalisierung besteht. In Anlehnung an den Kafkaschen „Hungerkünstler“(1924) hinsichtlich der Ausrichtung des Lebensprozesses nach dem Absolutheitsanspruch der Kunst, wird deutlich, dass dieses Ringen nach Wahrhaftigkeit im Ausdruck ein die Anstrengung aller Kräfte erforderndes, von Askese geprägtes Unterfangen darstellt.

Als Ersatz für die Deutung von Welt, die der von existentiellem Seelenhunger gepeinigte Mensch früher in der Religion und ihren Gott verherrlichenden Werken erblickte, schlüpft der Künstler der Moderne in die Rolle des „homo novus“ und wird zu einem Schillerschen Jüngling, der in seinem Schöpfertum den Schleier der Wahrheit vom verhüllten Bild zu Sais lüftet. Damit wird die sakrale Dimension, die die Kunst als Substitut innerhalb einer materiellen, profanisierten Welt in Form von Transformation ewiger, unveränderlicher Lebensprozesse übernimmt, angedeutet. Unweigerlich wird in diesem Zusammenhang der berühmte Satz des André Derain (1880-1954) lebendig: „Nous ne peignons aujourd’hui que pour retrouver les secrets perdus.“ [4]

Dabei entfällt angesichts einer komplexen Daseinserfahrung, die als Fragment erlebt wird, der Anspruch der Ganzheitlichkeit, auf allgemein verbindliche Wahrheiten. Kunst als Metamorphose einer entzauberten, aber nichts desto trotz für den Menschen verwirrenden Realität, wird zu einem Analogon, zu einer Transskription von Aspekten von Welt, indem sie abbreviaturartig, essentielle Fragen des Seins aufwirft, in der heutigen Zeit erscheint dies sogar notwendiger denn je zu sein.

Soviel – meine Damen und Herren - zu dem Assoziationsfeld des Titels der Auszeichnung, die letztlich die Intention der Preisvergabe klärt.
In Kongruenz mit dem bisher Dargelegten handelt es sich bei den Preisträgern um Kunstschaffende, die auf ihrem Sektor - leichtlebigen Zeitgeist und Trends, materiell-kommerziellen Zwängen, institutionellem – sowie in gleichem Maße – Erfolgsdruck widerstehend - versucht haben, sich, ihre Idee, ihre Art der Welterfahrung ehrlich und authentisch in ihren Werken zu realisieren. Zur Förderung dieser still und rastlos tätig im Schatten des Ruhmes wirkenden Avantgarde, die eingedenk des Schillerschen Ausspruches an der Wiener Sezession „Der Zeit ihre Kunst, der Kunst ihre Freiheit“ zeigen, dass – unter Betonung von Liberalismus und eigener Autonomie - künstlerische Produktion auch jenseits von Vereinnahmung, Manipulation und Funktionalisierung gedeihen kann, ist diese Ehrung kreiert worden.

Für das Verdienst eines verantwortungsvollen künstlerischen Umgangs mit Sprache, der die Freude am Experiment, das Ausloten von neuen Grenzen und Gesetzmäßigkeiten miteinschließt, sowie der Aufgabe der Sprache im 21. Jahrhundert eine neue Qualität verleiht - eine Position übrigens, die dem eingangs zitierten Gottfried Benn (1886-1956) für das 20. Jahrhundert zuzuerkennen ist - wird heute erstmalig die Autorin Barbara Ester (geb. 1958) mit dem Künstlerpreis ausgezeichnet.

So möchte ich Ihnen – meine Damen und Herren – die Person und das Werk Barbara Esters, für die ich hier als Laudator stehe, ein wenig näher bringen.
Natürlich könnte ich Ihnen jetzt Daten der Vita der gebürtigen Wanne-Eickelerin, wesentliche Werke wie 1992 die unter dem Titel “Tunnelarbeiten“ in der WAZ veröffentlichten Gedichte und Kurzprosa, die 1993 mit dem Hörspiel „Mörder“ beginnenden Projekte für den WDR, die 1997 mit dem Gedichtzyklus „dame in blau“ und dem 1998 in Kooperation mit A. Weigoni produzierten Kinderhörspiel „Die zauberhafte Rabenfee“ weitergeführt wurden, sowie das ebenfalls 1998 entstandene Kurzhörspiel „Missing Medea“ auf der CD „Ohryeure“ und den jüngst 2001 entstandenen Cranger Cirmes-Crimi „Massaker“ ebenso aufzählen, wie die 1994 und 2000 erlangten Hörspielstipendien der Filmstiftung NRW oder die 1998 von der Literaturzeitschrift „Passagen“ ausgezeichnete Kurzprosa „Maria lachte“.
Was dabei als Resultat herauskommt, ist eine endlose Aneinanderreihung von Fakten, die Sie – verehrte Zuhörer – ermüdet und Ihnen die Person der Autorin in keinster Weise näher bringt. Mir war es daher daran gelegen – da ich Barbara persönlich kenne – Ihnen Ihre künstlerische Qualität erfahrbar zu machen, indem ich das scheinbar tote Datenmaterial funktionalisiere und Ihnen Aspekte, die meines Erachtens für das Werkverständnis wesentlich sind, vorstelle. Da dies natürlich eine subjektive Ansicht darstellt, sind Sie in diesem Zusammenhang herzlich eingeladen durch ihre private Lektüre sich ein eigenes Bild von der besprochenen Literatur zu machen.

Neben der breiten Varietät auf der Palette der Ausdrucksmöglichkeiten und der Arbeit mit Sprache in Form von Epik, Lyrik und einer anderen Art der Auseinandersetzung mit Dramatik in Gestalt des Hörspiels, sollte nicht unerwähnt bleiben, dass es sich bei der Autorin um jemanden handelt, die sich autodiktatisch dem Schreiben zugewandt hat. Mal abgesehen davon, dass ich sowieso nicht davon überzeugt bin, dass künstlerisches Können unbedingt auf der Akademie erworben werden muss, ist die Titulierung „autodidaktisch“ in keinster Weise abqualifizierend gemeint. Im Gegenteil, ohne Weihen einer akademischen Vorbildung und somit auch in einer gewissen Weise „Verbildung“ des Geistes – da sie von einem Lesekanon ausgeht und damit für einen schöpferischen Menschen durchaus eher behindernd als förderlich sein kann – geht Ester mit dem, was sie aus der vielfältigen Bandbreite ihres privaten Leseinteresses an Stoffen für sich als relevant erachtet, in einer Form spontan-intuitiver Neugier an die Beschäftigung neuer literarischer Themen heran.
In einem Gespräch sagte sie mir einmal dem Sinngehalt entsprechend : „Weißt du, sobald ich auf die Straße trete und mir Menschen begegnen, kommen gleichzeitig unweigerlich und automatisch Geschichten auf mich zu, die ich am liebsten sofort verarbeiten würde.“ [5] Und aus einem anderen Zusammenhang zitiere ich sie sinngemäß, um zu zeigen, was den eigentlichen „furor poeticus“ des schöpferisch-kreativen Menschen an ihr ausmacht : „Im Laufe eines Tages entstehen so viele Ideen für Projekte, die ich – angesichts der Tatsache, dass eine Menge brauchbarer Entwürfe noch in meinen Schubladen ruhen – gar nicht alle realisieren kann. Aber ich will und muss weiterarbeiten, weil das, was ich in mir trage, einfach hinaus muss, mittels der Sprache in eine künstlerische Form der Aussage transponiert werden muss.“ [6]

Wesentlich an diesen Aussagen wird der unablässige gestalterische Drang Esters, Themen des Alltags literarisch zu verarbeiten. Dementsprechend sind ihre Figuren „Normalos“, Leute wie du und ich, die sich nur in besonderem Maße dadurch auszeichnen, dass bei ihnen ein Einbruch in die scheinbar regulären Strukturen der Normalität des täglichen Lebens stattgefunden hat, was insbesondere der Untertitel „der sanfte schrecken der normalen verhältnisse“ des Gedichtzyklus „dame in blau“(1997) deutlich macht.

Unmerklich ist da etwas aus dem Lot geraten, die Relationen zur Umwelt empfindlich gestört, das eingangs beschriebene Bezugsgeflecht, mit dem der Mensch in Beziehung zur Welt steht, derart brüchig, löchrig und locker geworden, dass er sich von dieser entfremdet hat und einsam auf sich zurückgeworfen ist. Man täuscht sich über diese Situation hinweg, wie in der 1993 entstandenen Kurzgeschichte „Clarissa“, indem nur noch eingespielte Floskeln, mechanische Gesten und repetierte Alltagsbanalitäten den eigentlichen existentiellen Schock einer Frau über die Totgeburt ihres Kindes verwischen, auf diese Weise die Anforderungen und Rituale des täglichen Lebens ohne Verarbeitung überhaupt ertragbar machen und so das zwischenmenschliche Verhältnis der Personen als steril-kalte Interaktion zwischen Marionetten aufdecken, die in ihrem Schicksal erstarrt sind, eingelegt und konserviert in Formaldehyd wie der Embryo.
Im Spannungsfeld dieser fragilen Gebrochenheit des Individuums zum Dasein wird das entscheidende Element der menschlichen Verbindung zur Welt und seiner Situierung in ihr relevant: Das Scheitern ergibt sich aus einer Disfunktionalität der Sprache, aus der Unfähigkeit des richtigen Gebrauches von ihr als des alleinigen Faktors Welterfahrung überhaupt zu konstituieren und mit der Umwelt zu kommunizieren. Fehlt dieses Fundament des sprachlichen Ausdrucks, wird der Mensch zur Referenz seiner Selbst, verharrt im begrenzten Kreis des eigenen Ich.
Hannah Arendt (1906-1975) hat dies einmal sehr anschaulich in ihrer Schrift „Vita activa“(1967) formuliert, was auf Esters Protagonisten durchaus anwendbar ist :

„...viel schwerwiegender ist, dass sie sich überhaupt in einer Welt bewegen, in der die Sprache ihre Macht verloren hat, die der Sprache nicht mächtig ist. Denn was immer Menschen tun, erkennen, erfahren oder wissen, wird sinnvoll nur in dem Maß, in dem darüber gesprochen werden kann. Es mag Wahrheiten geben, die jenseits des Sprechenden liegen, und sie mögen für den Menschen, sofern er auch im Singular, d.h. außerhalb des politischen Bereichs im weitesten Verstand, existiert, von größtem Belang sein. Sofern wir im Plural existieren, und das heißt, sofern wir in dieser Welt leben, uns bewegen und handeln, hat nur das Sinn worüber wir miteinander oder wohl auch mit uns selbst sprechen können, was im Sprechen einen Sinn ergibt.“ [7]

Dementsprechend existieren im Krimi „Massaker”(2001) die Figuren unter folgendem Fazit ihrer Existenz : „Frei davon sich Gedanken zu machen. Sprache transportierte für sie keine Inhalte mehr, nur noch Grooves in einem gehetzten Rhythmus, Rappelreime oder Rock’n Roll. Wer konnte das noch unterscheiden ? Wen interessierte eigentlich überhaupt noch Sinn?“ [8]

In der Annahme, meine Damen und Herren, – eingedenk der Sprechakttheorie – dass Kommunikation immer auch sprachliches Handeln bedingt, existieren Esters Figuren ohne ihre existentiell sie bedrohenden, emotionalen Probleme artikulieren zu können, im weitesten Sinne abgeschnitten von den Wurzeln ihres Menschsseins. Erkennbar wird dies anhand einer starken Dominanz parataktischer Satzstrukturen, die gleichsam in der Betonung der Sparsamkeit, des abbreviaturartigen Charakters, die Handlungsarmut, die sich nur mehr in sukzessiv aufeinander folgenden, einzelnen, in sich selbst kreisenden Tätigkeitsakten konkretisiert, vor Augen führt.

Wo latent unterdrückte Probleme des Menschen, die seine materielle Welt als allgegenwärtiges Abstraktum unauflösbar überschatten, weil bestimmte Seinsschichten – literarisch als Sehnsuchtsgefühl konstituiert - seiner Existenz zu Tage treten, über die er mangels Welterfahrung die Kontrolle verliert, kulminieren, entsteht Gewalt, die sich zunächst in der Brutalität des Verbalen manifestiert und in einem weiteren Schritt der Hilflosigkeit sich in der Konkreation des Tötungsaktes selbst realisiert.

Gewalt als kommunikativer Zweck, um die existentielle Einsamkeit und Leere des menschlichen Daseins, sein eigenes Versagen und Ausgesetztsein unheimlicher, weil nicht durchschaubarer Vorgänge des Lebens in einer scheinbar von der Wissenschaft und Technik ausgedeuteten Welt, zu überwinden. Dieses Moment findet sich bei Ester in der schillernden Gestalt der Massenmörderin Jaqueline des in Kooperation mit A. Weigoni geschaffenen „Massaker-Crimis“(2001), die „voll die Peilung verloren hat“ [9], ebenso wie in den verschiedenen Typologien von augenscheinlich geistig verwirrten Mördern im gleichnamigen Hörspiel(1993), deren Tötungssituation durch ein latentes Leiden an der Unerträglichkeit einer bestimmten Lebenssituation provoziert wurde, so dass sie nur durch die Vernichtung sich des Faktums erwehren können, sich wie eine „Ratte“ [10] zu fühlen und auf diese Weise einen letzten Teil ihres Menschseins, ihrer Selbstachtung bewahren.

Ebenso heißt es von Jaqueline in „Massaker“(2001) : „In einer gefühlsentleerten Welt, in der es allein um Fassaden und Objekte ging, konnte sie sich nur durch einen ultimativen Akt wie das Töten heraussprengen. Ihr blieb nur mehr eine Chance, in einer aus den Fugen geratenen Welt, einen Rest Würde zu bewahren.“ [11]

Die Befindlichkeit dieser Figuren stellt die Autorin im Hörspiel „Mörder“(1993) unter das aufschlussreiche Motto Alexander Puschkins : „Vor mir ist kein Ziel : das Herz ist leer, der Verstand müßig und mit Sehnsucht quält mich der eintönige Lärm des Lebens.“[12]

Nur in dem Moment des Tötungsaktes selbst, erwachen sie für einen Augenblick aus ihrer apathischen Lethargie, werden über das Handeln zu Herren ihres Selbst, ihres eigenen Schicksals und setzen sich auf diese Weise für die Dauer der Handlung außerhalb jeglicher Fatalität.

Ester schildert uns eine brutale, kalt–berechnende, materielle Welt, in der ehrliche Gefühle tiefer Innerlichkeit, des Mitgefühls und Mitleidens als Ausdruck von „humanitas“ schlechthin nicht mehr existieren, sondern in dem Wissen, dass „Aufklärung eine Erfindung ist, damit wir uns sicher fühlen“ [13] sämtliche scheinbare Errungenschaften derselben umgestoßen werden und gemäß der alten Hobbesschen These „die Menschen als des Menschen Wolf“, sich besitzergreifend, untereinander misstrauend, gnadenlos belauern. Ich verweise nur auf das zweite Gedicht der „dame in blau“ (1997), in dem es heißt :

sicher ist nur der ausdruck seiner augen :
lauernd, gefährlich.“ [14]

Diese Befindlichkeit der Gesellschaftssituation analysiert Ester nüchtern und kalt in „Massaker“(2001) : „Grausamkeit ist Teil der menschlichen Natur. Sie ist nicht zu trennen von den größten Dingen, die wir als Menschen erreicht haben...Es müssen Maßstäbe her, die im Lauf des 20. Jahrhundert gewonnen worden sind... Mir ist diese Erbarmungslosigkeit entsetzlich, aber sie gehört zutiefst zur Signatur dieser Zeit, elementare Kräfte kommen darin zum Ausdruck. Man muss das klar sehen. Muss logisch denken.“ [15]

Es ist dies – verehrte Zuhörer - die moderne Welt im 21. Jahrhundert des Massenkonsums, der Marktwirtschaft mit ihren eigenen Mechanismen der Korruption, der stark in die menschlichen Lebensstrukturen eingreifenden Innovation des Internets, der Telekommunikation, die in Form des „immer und überall Kommunizierens“ angeblich das Heil in der weltumspannenden Verbrüderung aller Menschen bringen sollen, letztendlich in realiter aber schleichend angesichts einer Abkapselung in der Illusion virtueller Räume die zunehmende Entfremdung, Vereinsamung, Gefühlskälte und Brutalität im gegenseitigen Umgang sowie die Sprachlosigkeit des Einzelnen fördern. Dementsprechend wird diese Lebenswirklichkeit in „Massaker“(2001) analysiert : „Die Welt war politisch korrekt geworden. Niemand durfte mehr etwas sagen, niemand wagte es, den Mund aufzumachen. Hier mochte man Menschen nicht, die gelitten haben, man bedauerte sie. Man mochte auch die Verrückten nicht, man bedauerte sie. Man wollte keine Irrenanstalt in der Nachbarschaft haben. Alle hatten Angst vor allen...Litten unter einer gewaltigen Repression, hassten diesen Zustand, aber sie hatten zu viel Angst, ihn zu verändern. Lebten in einer heimlichen Diktatur, waren Opfer einer massenpsychologischen Verschwörung. Durften das Unsagbare nicht mehr sagen.“ [16]

Wo Realität nur noch visuell in einer beliebig manipulierbaren Masse eines nicht mehr verarbeitbaren Bildersalates konsumiert wird, noch schlimmer, wo fiktive Realität zu einem wahllosen Konstrukt der eigenen unerfüllbaren Wünsche und Phantasien wird, findet die stetig wachsende Entfremdung des Menschen von der Wirklichkeit, das Absterben seiner ihm ureigensten Bedingungen des Menschseins statt : „Alles an ihnen ist eingefroren : Gefühle, Gesichtszüge, der Körper...Es interessierte niemanden, wohin die Menschen gingen. Sie liefen doch alle nur im Kreis, liefen einen Parcours ab, ohne wirkliche Hürden zu nehmen.“ [17]

Symptomatisch wird dies für eine Generation, die durch einen „klaustrophobischen Subjektivismus“ [18] gekennzeichnet ist, der „die Ziellosigkeit zum Lebenssinn erklärt hat.“ [19]

Wir sind mit diesen technischen Entwicklungen an einem neuen Punkt angelangt, wo wir, unser Leben und das, was wir außer materiellem Konsum daraus ziehen wollen, hinterfragen müssen, wenn wir uns als Menschen nicht noch weiter voneinander entfernen und in zukünftiger Vision als genmanipulierte, ferngesteuerte Roboter, die nach bipolaren Gesetzmäßigkeiten funktionieren, gefühllos dahinvegetieren wollen.

Die Welt einer überbordenden Faktizität und Informationsflut, in der wir leben, ist weitgehend von den Errungenschaften der Technik erobert, erschlossen und kontrollierbar gemacht worden. Scheinbar ist alles so einfach, das Leben in seiner Simplizität schon fast erschreckend : Ein Knopfdruck führt uns zu der gewünschten Information, zu dem benötigten Erklärungsansatz des Problems auf sachlicher Ebene.

Nur sobald wir mit uns selbst, mit Fragen, die existentielle Dinge des Lebens betreffen, konfrontiert werden, suchen wir vergebens nach kompatiblen Lösungen. Unsere Zeit heute gaukelt uns vor, dass sie Lösungspatente und – richtlinien für alles und jeden bereithält, dass Lebensmuster transparent und durchschaubar geworden sind. Alles von der Norm abweichende ist scheinbar durch gezielte Analyse der Einzelteile, durch Austausch der kranken Partien wieder reparabel.

Wie formuliert einer der Täter am Ende des Hörspiels „Mörder“(1993) im Therapiedialog mit der Psychologin so treffend diese Mentalität : „Sie, mit Ihrem Tonband. So wollen Sie mich verstehen ? Mich ? Einen Mörder ? Herauskitzeln ? Den Menschen knacken wie eine Nuss. Und dann liegen zwei Nussgehirnhälften vor Ihnen. Weiter sind Sie dann sowieso nicht. Mit zwei Nussgehirnhäften kann man keine Mörder verstehen. Mörder sind anders. Taube Nüsse ? Oder angefüllt mit Unglück?“ [20]

Man ist geneigt, der in dieser Metaphorik zum Ausdruck gelangenden, desillusionierenden Pragmatik im Hinblick auf das rätselhafte Phänomen Mensch, den Ausspruch des Sprachphilosophen Ludwig Wittgenstein(1889-1951) gegenüberzustellen : „Seltsamer Zufall, dass alle die Menschen, deren Schädel man geöffnet hat, ein Gehirn hatten.“ [21]

Nein, für die komplexe Situation des menschlichen Wesens, die sich in der Psyche offenbart, existieren keine allgemein verbindlichen Patentlösungen, an die man sich halten könnte. Genau die dunklen Seiten der menschlichen Existenz, die unsere analgetische Lach- und Spassgesellschaft eskapistisch ignoriert, ausspart und unterdrückt, werden von Esters Mördern mit den Tötungsdelikten auf den Plan gerufen und die Auseinandersetzung mit Furcht, Qual, Trauer, Leid, Schmerz, Trieb und Trauma bewusst wie in einem Befreiungsschlag und triumphierender Überwindung der Tabuzone gesucht.

So wird die Mörderin Jaqueline im „Massaker-Krimi“(2001) als ein Gesellschaftsphänomen charakterisiert : „Jaqueline war gar nicht so weit von ihnen entfernt. Sie ist der Schatten in uns allen. Die dunkle Seite in uns selbst, die tödliche, die kreative, verführerische, die sexuell attraktive Seite. Für Männer und Frauen gleichermaßen. All das, was in einer demokratischen Gesellschaft gern verdrängt wird, das, was unausgesprochen bleibt.“ [22]

Wenn wir ehrlich sind, müssen wir uns eingestehen, dass der Mensch des 21. Jahrhunderts trotz vermeintlicher Sicherheiten, wie dem Leben in rechtsstaatlichen Demokratien mit dem Auffangnetz eines Sozialsystems, noch nie so unbehaust, so ungesichert und dem Schicksal so ausgesetzt war, wie im Moment (auch angesichts der jüngsten Ereignisse).
Dementsprechend heißt es in „Massaker“(2001) illusionslos: „Das Leben ist nicht eingeschnürt in Gedankenmodelle, auch wenn wir es zu unserer vermeintlichen Sicherheit glauben wollen...Lauter Einzelteile und kein Ganzes mehr.“ [23]

Evident wird dabei, dass zwar Wissenschaft und Technik mit ihren Datenhighways in Ergründung des Daseins aus wirtschaftlichen Interessen das Universum erobert und damit entmystifiziert haben, dem Menschen aber in Wahrheit nie Antworten auf seine Fragen nach dem Rätsel des Seins zuteil wurden.

Ebenfalls mit Referenz auf „Massaker“(2001) wird dieser Zustand dort wie folgt analysiert : „Er...wollte die Teilsysteme verstehen: das Hören, Sehen, Fühlen, Schmecken. Das Gedächtnis, das Raum-und Zeitgefühl, die Fähigkeit des Assoziierens, Bewertens und Erinnerns. Suchte nach einer Theorie vom Ganzen, die erklären könnte, wie alle diese Funktionen zusammenlaufen und wie er es fertig brachte, schlüssig zu denken und zu handeln.“ [24]

Was bleibt dem Menschen jedoch dann als Korrelat der Welterklärung angesichts immer schwächer werdender Religionen, angesichts keiner fest verbindlichen, immer schneller sich wandelnden Ethik- und Moralvorstellungen ? Woran kann sich das Individuum in existentieller Angst, auf der Suche nach Erkenntnis des Daseins klammern ?

Die Realität sieht so aus: Der Mensch findet sein Heil, seinen Idealismus in dem marktwirtschaftlichen System der materiellen Dinge: Sie werden zu Ikonen, über die er sich definiert und mit denen er sich umgibt. Die Gegenstände in ihrer Art der Anordnung, sowie Form der Plazierung und Konstellation zueinander konstituieren seinen endlichen Raum des Diesseits, ein Terrain, auf dem er sich sicher bewegt.

Fragen an die Transzendenz existieren nicht, wenn man sie nicht stellt.
So wird die Verankerung des Individuums mittels des Bewusstseins innerhalb der Wirklichkeit im Krimi „Massaker“(2001) wie folgt beschrieben : „Mintfarbene Decke, Holzstühle, Theke grau marmoriert, Lampen in einer Reihe unter der Decke..., repetierte Giancarlo hastig in Gedanken, um sich auf die sichere Seite der Realität zu wiegen.“ [25] Angesichts dieser aktuellen Situation ist es notwendig, in diesem Stadium auch den Status der Sprache neu zu überdenken.

Meine Damen und Herren –
ebenso wie Gottfried Benn (1886-1956) im 20. Jahrhundert versucht hat, eine neue Sprachwertigkeit zu konstituieren, ist es das Verdienst Barbara Esters sich dieser neuen Funktion von Sprach- und damit Welterfahrung der Ausprägungen des Internetzeitalters in ihren Werken an der Schnittstelle zweier Jahrhunderte annähern zu wollen, indem sie die ursprüngliche Qualität des Erzählens in einen neuen Kontext mit aktuellen Themen stellt.

Dementsprechend sieht die Autorin ihre eigene Position als eine künstlerische Infragestellung von Realität, von der scheinbaren Simplizität im Umgang mit der komplexen Lebenswirklichkeit durch den heutigen Menschen, wie sie es in Gedicht 4 der „dame in blau“(1997) formuliert :

ich treibe auf einem sehr fremden meer
ich rede mit mir sehr fremden menschen.
ich bin ihnen gefolgt
ihre straßen entlang
und in ihre häuser
und in ihre zimmer und in die nacht ihrer betten
und ich habe darauf gewartet, dass sie sich lieben und darauf gewartet, dass sie sprechen
und wenn sie am ende sprechen
höre ich ihre letzte zuflucht
aber ich habe nichts mehr zu sagen über die wirklichkeit und
wie sie anzusehen sei und anzuhörn.
es ist gerade so als hätte mich die see ausgespien
wie ein lebendiges fragezeichen, das hineinäugt in die verwirrungen des daseins“ [26]

In einer Zeit, in der es keine allgemein verbindlichen Lösungen mehr gibt, sieht es die Autorin nicht als ihre Aufgabe an, Ausdeutungen der Realität über die alles bereits gesagt wurde, also in gewisser Weise Ersatzideologien, in ihrer Literatur zu offerieren.

Barbara Ester versucht wesentliche, verschüttete Teile der menschlichen Existenz, scheinbar hinderliche Dinge wie die Erinnerung, die Phantasie, das Träumen, die Reflexion, die Kreativität, die jedoch in entscheidenden Situationen die Erhebung über das Bewusstsein der eigenen Sterblichkeit überhaupt erst möglich und ertragbar machen, aus ihrem Dornröschenschlaf innerhalb einer trockenen Faktenwelt zu erwecken, eine neue Sensitivität dafür zu aktivieren, so wie die Figur des Giancarlo im „Massaker-Krimi“(2001) „verträumt auf die Lichtlinien in der Nacht sah, als wären es Botschaften aus einer anderen Welt.“ [27]

Sie tut das in der ursprünglichen Form und Funktion von Sprache, indem sie dem Menschen Geschichten vom Menschen schenkt. Geschichten aus dem Alltag, aus den Verwirrungen des Daseins, die metaphorisch auf Problemstellungen verweisen, eine geschilderte Welt in ihrer Daseinsberechtigung in Frage stellen und den Leser dazu anregen, in eigenverantwortlicher Autonomie selbstreflexiv tätig zu werden.

In dem gemeinsam mit A. Weigoni produzierten poetisch-fantastischen Kinderhörspiel „Die zauberhafte Rabenfee“(1998) – meine Damen und Herren – gelingt es Ester den Jüngsten wenigstens das Ideal einer funktionierenden Welt als Orientierung aufzuzeigen, die nur auf dem Fundament einer in die Praxis umgesetzten Humanität in Gestalt von „sympatheia“, Toleranz, Freundschaft, Liebe, Solidarität, das bedingungslose Eintreten für die Gemeinschaft, Respekt vor Andersartigkeit und das Wissen gerade daraus eine Bereicherung ziehen zu können, Bestand hat.

Nur diese Ideen der „humanitas“ erzeugen in der kleinen Räbin die Kraft, die Stärke, die Selbsterkenntnis und –gewissheit durch ihr aktives Handeln die „bunte Welt“ [28] mit ihrer Vielfalt, deren Schönheit man erst durch das richtige, bewusste Sehen gewahr wird, vor der Tod und Vernichtung ausstrahlenden, dunklen Gegenwelt des blinden Flugdrachen zu retten. Auch hier klingt das Thema des Ausgesetztseins gegenüber der Fatalität in den Worten der weisen Eule an: „Niemand kann den Lauf des Schicksals aufhalten...“ [29]

Nein, aber man braucht auch nicht zu verzweifeln, man kann sich ihm, wie es die Räbin vollzieht, mutig entgegenstellen, handelnd Widerstand leisten. Der Lohn, die Hoffnung der Anstrengung, die in den Worten : „Du musstest deinen Weg gehen.“ [30] zum Ausdruck kommt, ist die Erkenntnis, der Aufschluss über die eigene Position, den Standort in der Welt.

Auf diese Weise – meine Damen und Herren – gelingt es Barbara Ester mit ihrem literarischen Schaffen die gegenwärtige „condition humaine“ in Frage zu stellen, was parallel mit dem Wissen und der Forderung einhergeht, das Mysterium des Seins als ein Geheimnis zu leben.

Sprache gewinnt bei Ester zum einen die Aufgabe eines elementaren Indikators, der, wo sie versagt, hinter der glatten Oberfläche der scheinbar reibungslos ablaufenden Beziehungen die Disfunktion und Destabilität der Struktur des wechselseitigen Dialogs von Mensch und Welt aufdeckt. Zum anderen verleiht sie der Macht der Sprache eine neue Qualität von Magie in ihrer Dimension weltverändernd, weltkonstituierend wirken zu können.
Sie löst in ihren metaphorischen Geschichten als Abbild von Dasein einen wesentlichen hermeneutischen Prozess mittels der Sprache aus : Der Mensch soll sich – jenseits einer Identifikation - in der Literatur nicht wiedererkennen, sondern wesentlicher :

sein Menschsein erkennen, Erkenntnis produzieren und daraus das originäre Potential seiner Handlungen ziehen.
Damit wird ihr Mikrokosmos der Sprache zum Medium existentielle Fragen an das Sein zu stellen, deren Antworten nur individuell im Menschen und den Anlagen seiner „humanitas“ selbst zu finden sind.

Gefangen in den Geschichten aus der Geschichte,“ [31] wie es in „Massaker“(2001) heißt und in dem Wittgensteinschen Wissen, dass „das Unaussprechliche – unaussprechlich – in dem Ausgesprochenen enthalten ist,“ [32] entlarvt sie die Welt als Konstrukt der ewigen Wiederkehr unendlicher, archetypischer Geschichten vom Menschsein mit alten, unvergänglichen Wahrheiten, die in uns liegen und uns zum Ursprung, zu unseren Wurzeln zurückführen.

Meine Damen und Herren,

mit meinen besten Wünschen für alle 3 Preisträger verbindet sich die Hoffnung, dass sie uns weiterhin mit der „inventio“ von Geschichten, bzw. auf dem Felde der Kunst und Musik mit Sujets oder musikalischen Themen – ob schöner oder trauriger sei dahin gestellt - beglücken mögen,

angesichts der Tatsache, dass oftmals nur ein einziges, treffend gewähltes Wort, eine einzige in sich stimmige Komposition zum richtigen Zeitpunkt die Kraft besitzt, uns staunend eine ganze, neue Welt eröffnen zu können,
zum Trost, Hoffnung und Rettungsanker in dunklen Momenten am Abgrund des Seins zu werden, mit denen es gelingt, uns über die Konditioniertheiten des Lebens zu erheben und hinwegsetzen zu können,

dergestalt, wie Gottfried Benn (1886-1956) diese Gewalt, diese faszinierende Macht der Sprache, anwendbar auf den Wert des Kunstwerks im allgemeinen, in ihrer Qualität der Transzendierung von Wahrheit einmal formulierte :

 

Ein Wort, ein Satz, aus Chiffren steigen,
erkanntes Leben jäher Sinn,
die Sonne steht, die Sphären schweigen,
und alles ballt sich zu ihm hin.


Ein Wort, ein Satz, ein Flug,
ein Flammenwurf, ein Sternenstrich –
und wieder Dunkel, ungeheuer,
im leeren Raum um Welt und Ich. [33]


(„Ein Wort“/1941)

 

Maya Nolte
Dorsten im Oktober 2001

 

 

 

Quellen:

[1] Gottfried Benn, „Worte“ (1955), in : Gottfried Benn, Gedichte, In der Fassung der Erstdrucke, hg.v. Bruno Hillebrand, Frankfurt a. Main 1988, S. 466. zurück zum Text

[2] Ludwig Wittgenstein, Philosophische Untersuchungen, 1947-49, hg.v. G.E.M. Anscombe u. R. Rhees, in : Schriften 1, 1960. zurück zum Text

[3] Balthasar Klossowski de Rola (1908-2001), genannt Balthus : „Wenn ich male, versuche ich nicht mich auszudrücken, sondern vielmehr die Welt.“ zurück zum Text

[4] André Derain (1880-1954) : „Wir malen heutzutage nur, um die verloren gegangenen Geheimnisse wiederzuentdecken.“ zurück zum Text

[5] „Kaffeehausgespräche mit Barbara Ester“, Unveröffentlichte Interviews, Wanne-Eickel 1999-2001. zurück zum Text
[6] Ebenda. zurück zum Text
[7] Hannah Arendt, Vita activa oder Vom tätigen Leben, München 1967, S. 12. zurück zum Text

[8] Barbara Ester & A.J.Weigoni, Massaker, ein Cranger Cirmes Crimi, Köln 2001, S. 14. zurück zum Text
[9] Ebenda, S. 29. zurück zum Text
[10] Barbara Ester-Schellhase, Hörspiel „Mörder“, WDR/Köln 1993, S. 6. zurück zum Text
[11] Ester & Weigoni, (wie Anm. 8), S. 63. zurück zum Text
[12] Ester-Schellhase, (wie Anm. 10). zurück zum Text
[13] Ester & Weigoni, (wie Anm. 8), S. 64. zurück zum Text
[14] Barbara Ester, „dame in blau oder der sanfte schrecken der normalen verhältnisse“, Wanne-Eickel 1997, S. 2. zurück zum Text
[15] Ester & Weigoni, (wie Anm. 8), S. 60 u. 46. zurück zum Text
[16] Ebenda, S. 16. zurück zum Text
[17] Ebenda, S. 38 u. 54. zurück zum Text
[18] Ebenda, S. 52. zurück zum Text
[19] Ebenda, S. 62. zurück zum Text
[20] Ester-Schellhase, (wie Anm. 10), S. 21/22. zurück zum Text
[21] Ludwig Wittgenstein, (wie Anm. 2). zurück zum Text
[22] Ester & Weigoni, (wie Anm. 8), S. 32. zurück zum Text
[23] Ebenda, S. 61 u. 46. zurück zum Text
[24] Ebenda, S. 43. zurück zum Text
[25] Ebenda, S. 30. zurück zum Text
[26] Ester, (wie Anm. 14), S. 4. zurück zum Text

[27] Ester & Weigoni, (wie Anm. 8), S. 41. zurück zum Text
[28] Barbara Ester & A.J.Weigoni, Die zauberhafte Rabenfee, Kinderhörspiel, Wanne-Eickel/Düsseldorf 1998, S. 29. zurück zum Text
[29] Ebenda, S. 42. zurück zum Text
[30] Ebenda, S. 44. zurück zum Text
[31] Ester & Weigoni, (wie Anm. 8), S. 58. zurück zum Text
[32] Ludwig Wittgenstein, Briefe an Engelmann 6, in : P. Engelmann, Ludwig Wittgenstein-Briefe und Begegnungen, München/Wien 1970. zurück zum Text
[33] Gottfried Benn, „Ein Wort“ (1941), in : (wie Anm. 1), S. 304. zurück zum Text
 

 

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Die Texte der Verleihungsurkunden

Die Laudatio auf Barbara Ester, verfasst von Maya Nolte