{"id":139,"date":"2010-12-27T14:52:46","date_gmt":"2010-12-27T12:52:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.vordenker.de\/blog\/?p=139"},"modified":"2020-06-16T10:03:28","modified_gmt":"2020-06-16T08:03:28","slug":"uber-exaktheit-in-den-humanwissenschaften","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vordenker.de\/blog\/139\/uber-exaktheit-in-den-humanwissenschaften\/","title":{"rendered":"\u00dcber Exaktheit in den Humanwissenschaften"},"content":{"rendered":"<p>Zwei- bis dreimal im Jahr leiste ich es mir, einen halben Tag in D\u00fcsseldorf im Stern-Verlag zu verbringen auf der altmodischen Suche nach B\u00fcchern, von denen ich noch gar nicht wei\u00df, dass es sie gibt. Auch dieses Mal &#8211; am 22. Dezember &#8211; wurde ich f\u00fcndig. So erstand ich u.a. das B\u00e4ndchen &#8218;Die ungeliebte Freiheit &#8211; Ein Lagebericht&#8216; des Philosophen Norbert Bolz. Bolz und auch Sloterdijk beteiligen sich ja rege an den R\u00fcckzugsgefechten <!--more-->des nicht erst seit der Finanzkrise schwer unter Beschuss stehenden Liberalismus und der ihm verwandten Ideensysteme. Da mich der Begriff &#8218;Freiheit&#8216; &#8211; auch im Kontext der modernen Hirnforschung &#8211; stark interessiert und ich Herrn Bolz als Produzenten einiger gleicherma\u00dfen am\u00fcsanter wie scharfsinniger Gedanken im Bereich Medienphilosophie sch\u00e4tzen gelernt habe, war ich umso mehr gespannt auf das B\u00fcchlein. Doch seit eben hat mich die Lust verlassen, ich mag nicht mehr und wei\u00df nicht, inwieweit ich den Ausf\u00fchrungen von Norbert Bolz noch trauen kann. Schuld daran ist eine Kleinigkeit. Auf Seite 29 spricht Bolz vom Gehlen-Sch\u00fcler Gotthard G\u00fcnther:<\/p>\n<blockquote><p>Doch Menschen k\u00f6nnen nein sagen, sich gegen Einfl\u00fcsse sperren, Motive verwerfen und mit Triebimpulsen fertig werden. Das sind die anthropologischen Hebelpunkte der Freiheit. Der Gehlen-Sch\u00fcler Gotthard G\u00fcnther hat in diesem Zusammenhang von den Rejektionswerten gesprochen, die den Charakter als den Ort der Freiheit bilden.<\/p><\/blockquote>\n<p>Einmal abgesehen davon, dass letztere Formulierung \u00fcber den Charakter als Ort der Freiheit zu schwammig ist, um \u00fcberhaupt etwas auszusagen, ist die Floskel &#8218;Gehlen-Sch\u00fcler&#8216; schlicht falsch. Allerdings ist sie auch nicht neu. Der Ausdruck von dem Gehlen-Sch\u00fcler Gotthard G\u00fcnther tauchte zuerst in der bei Sloterdijk eingereichten und sp\u00e4ter als Buch ver\u00f6ffentlichten Dissertation von Cai Werntgen &#8218;Kehren: Martin Heidegger und Gotthard G\u00fcnther&#8216; auf, und zwar im Klappentext.<\/p>\n<p>L\u00e4sst sich die Floskel vielleicht als pseudointelligentes Dawkins-Mem begreifen, ggf. mit einer eingebauten Copy &amp; Paste-Fortpflanzungsmechanik? Ich denke schon, denn so einfach kommt man da nicht drauf, auf den Gehlen-Sch\u00fcler. Allein ein Vergleich der Lebensdaten ergibt, dass Arnold Gehlen um etwa vier Jahre j\u00fcnger als G\u00fcnther ist, nicht gerade ideale Voraussetzungen f\u00fcr ein Lehrer-Sch\u00fcler-Verh\u00e4ltnis. Es steht fest, dass G\u00fcnther 1935-1937 Assistent bei Gehlen war. Desweiteren kann man im Werk G\u00fcnthers an diversen Stellen nachlesen, dass ihn Arnold Gehlens Werk &#8218;Theorie der Willensfreiheit&#8216; nachhaltig beindruckt habe. Aus beidem kann jedoch kein Lehrer-Sch\u00fcler-Verh\u00e4ltnis abgeleitet werden. Sp\u00e4tere Korrespondenz und <a title=\"Helmut Schelskys Text\" href=\"http:\/\/userpage.fu-berlin.de\/~gerbrehm\/gg_schelsky.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Helmut Schelskys Laudatio zu Gotthard G\u00fcnthers 70stem Geburtstag<\/a>, gehalten auf einem Kongress am 28\/29. Mai 1970 in Rheda, belegen etwas anderes. Der Assistent G\u00fcnther bereicherte die anderen mit seiner \u00fcberdurchschnittlichen Belesenheit. Man kommunizierte auf Augenh\u00f6he.<\/p>\n<p>Insofern muss es verwundern, es kann m.E. sogar als Schw\u00e4che des aktuellen akademischen Systems in den Geistes- oder Humanwissenschaften verstanden werden, dass bei solchen Leuten auf das Beziehungs-Stereotyp Lehrer-Sch\u00fcler zur\u00fcckgegriffen wird. Was soll die explizite Nennung des Verh\u00e4ltnisses eigentlich zum Ausdruck bringen? Dass G\u00fcnthers Arbeiten zum Kontext Gehlens zu z\u00e4hlen sind? Weit gefehlt. Gehlen bet\u00e4tigte sich in erster Linie anthropologisch und sozialwissenschaftlich, G\u00fcnther philosophisch und logisch.<\/p>\n<p>Sowohl Werntgens Klappentext als auch Bolz&#8216; eher lapidare &#8211; etwas anders wollen wir zur Rettung von Herrn Bolz jetzt mal nicht annehmen &#8211; Nennung des Attributs &#8218;Gehlen-Sch\u00fcler&#8216; kann einfach auch als Ausdruck einer gewissen Schlampigkeit oder Nachl\u00e4ssigkeit im Recherchieren verstanden werden. Das ist aber kein wissenschaftliches Arbeiten. Es mangelt an Strenge und Exaktheit des Denkens, Strenge des Denkens im Heidegger&#8217;schen und Exaktheit in der Ausf\u00fchrung im G\u00fcnther&#8217;schen Sinn. W\u00fcrde ein ingenieurm\u00e4\u00dfiges Pendant in seiner Arbeit vergleichbar vorgehen, dann w\u00fcrden im ICE die T\u00fcren rausfliegen. Was sie ja gelegentlich tats\u00e4chlich tun. Also Schlamperei \u00fcberall. Schlamperei auch bei der kleinsten Schwei\u00dfnaht ist eben keine Kleinigkeit.<\/p>\n<p>Und was gibt&#8217;s sonst zu sagen zu Bolz&#8216; B\u00fcchlein? Ich mag jetzt nicht mehr &#8211; ein andermal vielleicht. Und da ich manche andere im Buch behandelten Kontexte nicht so genau kenne, wie den G\u00fcnther-Kontext, woher soll ich wissen, ob Herr Bolz da nicht noch anderswo geschlampt hat?<\/p>\n<p>Aber vielleicht haben die Geisteswissenschaftler innerlich l\u00e4ngst akzeptiert, dass sie vielerorts f\u00fcr Schwafelbacken gehalten werden? Jedenfalls ich habe mich damit nicht abgefunden. Denn meine Steuern zahlen deren Lehrst\u00fchle &#8211; unter anderem.<\/p>\n<p>Gru\u00df, Nick H.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwei- bis dreimal im Jahr leiste ich es mir, einen halben Tag in D\u00fcsseldorf im Stern-Verlag zu verbringen auf der altmodischen Suche nach B\u00fcchern, von denen ich noch gar nicht wei\u00df, dass es sie gibt. Auch dieses Mal &#8211; am 22. 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