{"id":1473,"date":"2016-07-17T19:17:37","date_gmt":"2016-07-17T17:17:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.vordenker.de\/blog\/?p=1473"},"modified":"2016-07-19T08:50:22","modified_gmt":"2016-07-19T06:50:22","slug":"a-few-remarx-zu-arbeit-und-wert-inspired-by-michael-seemann","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vordenker.de\/blog\/1473\/a-few-remarx-zu-arbeit-und-wert-inspired-by-michael-seemann\/","title":{"rendered":"A few Remarx zu Arbeit und Wert \u2013 inspired by Michael Seemann"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_1475\" aria-describedby=\"caption-attachment-1475\" style=\"width: 155px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-1475\" src=\"http:\/\/www.vordenker.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/Marx_upsidedown.jpg\" alt=\"Wikimedia Commons - CC-BY-SA-3.0\" width=\"155\" height=\"198\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1475\" class=\"wp-caption-text\">Wikimedia Commons &#8211; CC-BY-SA-3.0<\/figcaption><\/figure>\n<p>Neulich las ich den Blogbeitrag von Michael Seemann aka mspr0 mit dem Titel \u201e<a href=\"http:\/\/mspr0.de\/?p=4605\" target=\"_blank\">Ich lehne Marx\u2018 Arbeitswerttheorie ab und hier ist warum<\/a>\u201c. Ich fand ihn recht schl\u00fcssig, und \u2013 auch emotional ber\u00fchrend und tr\u00f6stlich. Also erst mal danke, mspr0!<\/p>\n<p>Warum? Weil\u2018s mir oft genauso geht. Freunde von mir, die sich nach dem althergebrachten, eindimensionalen und ziemlich kaputten Polit-Kompass eher links einordnen w\u00fcrden, tja, sie m\u00f6gen diese Theorie, manche schw\u00f6ren sogar drauf.<\/p>\n<p>Und schlimmer noch, der beste Platz ist sowieso zwischen den St\u00fchlen. Freunden gegen\u00fcber, die<!--more--> sich eher nicht als \u201elinks\u201c bezeichnen, aus den unterschiedlichsten Gr\u00fcnden, yep, davon \u2013 ja Schimpf und Schimmel \u00fcber mich \ud83d\ude09 &#8211; habe ich auch ein paar, und diese Theorie vollst\u00e4ndig ablehnen, gerate ich fast jedes Mal in einen Verteidigungsmodus, um ihnen gegen\u00fcber zumindest die historische Wichtigkeit dieser Theorie hervorzuheben, denn sie wollen nicht mal diese Relevanz wenigstens anerkennen. Dabei hat es was mit der Renaissance und der b\u00fcrgerlichen Renaissance-Revolution zu tun. Hier ist m\u00f6glicherweise eine gewollte, leicht genervte Form der Geschichtsvergessenheit im Spiel.<\/p>\n<p>Dazu kann ich nur sagen, dass das verstehende Erinnern, die Anamnesis, mehr ist als blo\u00dfes Speichern, es ist ein kognitiver Prozess, der lebenden Systemen, also uns Menschen vorbehalten ist und bleibt. Und es hilft nichts, auf das Internet zu verweisen, da st\u00fcnde doch sowieso schon alles. Das entbindet einen nicht von der Verantwortung, sich den kognitiven Prozessen des Verstehens auszusetzen. Die Wikipedia n\u00e4mlich \u2013 f\u00fcr sich betrachtet &#8211; \u201ewei\u00df\u201c nichts, sie ist nur eine Speicherfunktion \u2013 aber auch nicht weniger.<\/p>\n<p>Seemann sagt nun, dass ihm schon in den Grunds\u00e4tzen der Arbeitswerttheorie etwas aufst\u00f6\u00dft. Dem kann ich mich anschlie\u00dfen. Denn, nach Marx ist die Arbeit die Quelle aller Werte. Das hat er mit den B\u00fcrgern der Renaissance-Revolution gemeinsam, die Arbeit und Flei\u00df &#8211; als Werte &#8211; dem nicht arbeitenden Adel und der klerikalen vulgo kirchlich-platonischen Idee der reinen Form entgegensetzten. Der Wert als Kategorie, im Gegensatz zum Glauben an die g\u00f6ttlichen Formen. Und, der Begriff der Arbeit, insbesondere der k\u00f6rperlichen Arbeit, mutierte von einer Form der Strafe \u2013 im Schwei\u00dfe deines Angesichts sollst du \u2026 &#8211; zu einer Tugend.<\/p>\n<p>Als kleine Erg\u00e4nzung zu Seemanns Beitrag m\u00f6chte ich zwei weitere Aspekte in die Diskussion bringen \u2013 just my 2 cents.<\/p>\n<p>Erstens, nehmen wir beispielsweise mal einen Klavierbauer. Er baut und verkauft Klaviere, damit leistet er gesellschaftlich relevante Arbeit, er produziert Tauschwerte. Kauft nun ein Pianist ein solches Klavier und gibt damit Konzerte, f\u00fcr die er Eintritt nimmt, produziert auch er die Dienstleistung \u201eKlavierkonzert\u201c als Tauschwert. Das Klavier ist f\u00fcr ihn ein Produktionsmittel.<\/p>\n<p>Wenn aber, sagen wir, eine Ingenieurin oder ein Handwerker ein Klavier kauft, um sich und vielleicht andere abends im h\u00e4uslichen Wohnzimmer durch eigenes Klavierspiel zu erfreuen und zu entspannen, dann hat dies nach Marx lediglich einen individuellen Gebrauchswert. Das Klavier ist nicht mehr Produktionsmittel sondern \u201eLuxusgut\u201c. Hier bricht die \u00f6konomische Wertsch\u00f6pfungskette ab, &#8211; die, wie Viele schon wissen, ja eigentlich keine Kette sondern ein Kreislauf sein sollte. Aber tut sie das wirklich? Denn sicher tr\u00e4gt das individuelle Klavierspiel zum Erhalt oder gar zur Steigerung der beruflichen Produktivkraft und Kreativit\u00e4t der Ingenieurin und des Handwerkers bei.<\/p>\n<p>Das l\u00e4sst sich jedoch nicht mehr vordergr\u00fcndig \u201emessen\u201c, denn es gibt keinen Preis, keinen Tauschwert.<\/p>\n<p>Und auf einmal bewegen wir uns argumentativ auf ganz gef\u00e4hrlichem Boden. Denn es gibt, wie wir inzwischen wissen, die Bestrebungen, auch das zu messen, jenseits soziologischer Stichproben- und Feldforschungen per Fragebogen. Diese Bestrebungen stecken beispielsweise in der \u2013 ohne Zweifel \u00f6konomisch motivierten &#8211; Frage von Zuckerbergs Facebook: \u201eWas tust du gerade?\u201c Und es murmelt weiter in den social networks, \u201eauch du bist interessant, zeige doch der Welt, wie toll du bist. Kriege Likes und verteile Likes!\u201c So funktioniert unerfragte Messung heute.<\/p>\n<p>Informationsgesellschaft und Digitalisierung bringen einen ganz neuen Ansatz hinein, den des Versuchs der totalen Vermessung der Welt per Big Data. Das Dilemma besteht hier darin, dass auf der einen Seite Freiheit und damit auch Zweckfreiheit im Tun als Menschenrecht betrachtet wird und andererseits diese Freiheit wieder als Zweck recycelt werden soll, als Prozess der Selbstoptimierung, zu dem \u2013 ganz nat\u00fcrlich \u2013 auch bspw. die musikalische Entspannung z\u00e4hlt, n\u00e4mlich dann, wenn sie quantitativ erfassbar gemacht wird, die Apple Watch l\u00e4sst gr\u00fc\u00dfen &#8230;.<\/p>\n<p>Also Holz-, \u00e4h, Digitalauge sei wachsam.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-1476\" src=\"http:\/\/www.vordenker.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/flusser2_250.jpg\" alt=\"flusser2_250\" width=\"250\" height=\"173\" \/>Der zweite Aspekt ist grunds\u00e4tzlicher und f\u00fchrt zu Vil\u00e9m Flusser (1920 \u2013 1991) \u2013 womit ich ein weiteres Mal in einen Verteidigungsmodus gerate. \u201eDu und dein Flusser!\u201c &#8211; \u201eWann zitierst du den denn das n\u00e4chste Mal im Landtag?\u201c &#8211; \u201eDein Lieblingsphilosoph!\u201c<\/p>\n<p>Nee, stimmt nicht. Ich habe keinen Lieblingsphilosophen und einen Guru schon gar nicht. Damit wird man diesen ohne Zweifel klugen Leuten nicht gerecht. Verherrlichung hat noch nie irgendwas Sinnvolles hervorgebracht.<\/p>\n<p>Das Sinnvolle bei Flusser hingegen besteht in der au\u00dfergew\u00f6hnlichen Kombination aus seinem ph\u00e4nomenologischen Ansatz, mit dem er sich klar in die Tradition Edmund Husserls stellt, seinen kulturhistorischen und sprachbezogenen Blickwinkeln sowie seinem Verm\u00f6gen, ausgepr\u00e4gt assoziativ und springend zu denken, gepaart mit Charisma im Live-Vortrag. Im Arbeitskreis Medienphilosophie an der FH D\u00fcsseldorf sagte mal jemand respektlos, man k\u00f6nne den Flusser \u201enur als Komiker\u201c lesen. Ich kann das bis zu einem gewissen Punkt nachvollziehen, jedoch nicht guthei\u00dfen. Wildes Denken wie bei Flusser hat in der Wissenschaft genauso seinen Platz, sollte seinen Platz haben, wie akribisches Ableiten.<\/p>\n<p>Nicht umsonst hat Friedrich Kittler 1991 Flusser an die Ruhruniversit\u00e4t Bochum geholt. Die Bochumer Vorlesungen, unter dem Titel \u201eKommunikologie weiter denken\u201c als Buch erschienen, sind ein Kracher, ebenso wie sein Vortrag 1991 auf der CulTec in Essen, \u201eInformationsgesellschaft, Phantom oder Realit\u00e4t?\u201c. Womit seine anderen Publikationen nat\u00fcrlich nicht ins Abseits geschoben werden sollen.<\/p>\n<p>Flussers Argumentation l\u00e4uft gerafft dargestellt so ab: Arbeit, herstellende Arbeit, die Produktion von Gegenst\u00e4nden, Artefakten, besteht darin, dass Menschen Materie in eine bestimmte Form bringen. Sie \u201einformieren\u201c also die Materie. Und das Resultat ist K\u00fcnstliches, Her-Gestelltes. Um es anschaulicher zu machen, k\u00f6nnen f\u00fcr dieses in-Form-bringen die T\u00e4tigkeiten des Gie\u00dfens, Pressens oder Pr\u00e4gens als Beispiele herangezogen werden.<\/p>\n<p>Dabei lassen sich zwei Phasen der Arbeit unterscheiden. In der ersten Phase wird die Form ausgearbeitet, entworfen, und in der zweiten wird die Form auf den oder die Rohstoffe angewandt.<\/p>\n<p>Man stelle sich eine Presse vor, die metallene Schreibfedern f\u00fcr F\u00fcller produziert. Der Wert einer Schreibfeder ergibt sich nun aus der Tatsache, dass man damit schreiben kann. Und das verdankt sie ihrer Form, die Form ist aber Sache des Designers!<\/p>\n<p>Der Wert steckt in der Form, in der <strong>In-form-ation<\/strong>.<\/p>\n<p>Die Quelle der Werte ist also nicht die Arbeit aus Phase 2 des Aufpr\u00e4gens der Information auf die Materie. Die Quelle der Werte ist der Designer. Und dieser Designer, der Entwerfer, so Flusser, hat bei Marx nie ganz reingepasst.[1]<\/p>\n<p>Au\u00dferdem l\u00e4sst sich feststellen, dass diese Phase 2 des Pr\u00e4gens, Gie\u00dfens, Pressens, des Informierens der Materie sich ganz wunderbar zur Automatisierung eignet. Maschinen k\u00f6nnen das besser als wir. Und die Arbeit, als menschliche, entfremdete Arbeit, ist futsch.<\/p>\n<p>In \u201eKommunikologie weiter denken\u201c dr\u00fcckt Flusser es am Beispiel eines Werkzeugmachers noch drastischer aus [2]:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eEin Mensch macht einen Blueprint, eine Blaupause, eines Schl\u00fcssels. Dann nimmt er eine Maschine, die diese Zeich\u00adnung in ein Stahlwerkzeug \u00fcbertr\u00e4gt. Eine andere Maschine schiebt das Stahlwerkzeug in die dritte Maschine. Dann kommt eine Maschine und schiebt die Stahlplatte hinein, und es geht \u201etak-tak-tak\u201c, und auf der anderen Seite fallen die Schl\u00fcssel heraus. Der Mensch, der das gezeichnet hat, ist gar nicht mehr dabei. Das ist das Ende des Marxismus. Der Mann ist gar nicht mehr beteiligt daran. Er hat die Sache irgendwo formal entworfen. Weder das Material noch die Arbeit ist et\u00adwas wert, sondern nur der Entwurf. Darum habe ich so lange auf dem Platonismus bestanden. Das ist doch eine au\u00dferordentlich platonische Idee. Dieser Designer ist doch eigentlich jener Philosoph, der die Form betrachtet, die \u201eSchl\u00fcsselheit\u201c.<\/p>\n<p>Aus seiner theoretischen Sicht entstehen automatisch das Stahlwerkzeug und die Stahlindustrie und die Industriegesell\u00adschaft. Unsere Vorurteile, was die menschliche Arbeit betrifft, zerbrechen unter dieser Analyse.<\/p>\n<p>Der Wert liegt in der Information. Das Wichtige am Be\u00adgriff der Information ist, sie ist nichts Materielles. Informati\u00adon ist \u00fcbertragbar von Materie zu Materie. [\u2026.] Wenn man die infor\u00admatische Gesellschaft verstehen will, muss man das voll\u00adkommen intus haben. Man muss den Unterschied zwischen soft und hard im Bauch haben, um das zu verstehen. Der Wert des Kuchens liegt im Rezept.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Daraus l\u00e4sst sich auch ein schl\u00fcssiger Vorschlag f\u00fcr ein m\u00f6gliches Definitionselement f\u00fcr den Begriff \u201eInformationsgesellschaft\u201c ableiten:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eIn der Informationsgesellschaft wird immer mehr Gewicht auf das Erzeugen und Bearbeiten von reinen Informationen gelegt und immer weniger Gewicht auf das Erzeugen informierter Gegenst\u00e4nde.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Das mag nun das Ende des Marxismus als schl\u00fcssige Arbeitswerttheorie sein, wie Flusser behauptet, es ist jedoch keinesfalls das Ende im Kampf um menschenw\u00fcrdige Lebensbedingungen.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus kann man auch \u2013 im eingehenden Informationszeitalter &#8211; die very big question stellen nach dem Sinn und Zweck alles Maschinellen.<\/p>\n<p>Der Mathematiker und Philosoph Rudolf Kaehr sagte dazu mal [3]:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eAlso, man kann das so weit sich ausdenken, dass wir m\u00f6glichst alles, was wir heute \u00fcberhaupt haben, an die Maschine abgeben k\u00f6nnen, um an etwas &#8218;ranzukommen, was uns bis dahin immer verdeckt war, n\u00e4mlich sozusagen die reine Faktizit\u00e4t unserer Existenz.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>In diesem Sinne, zum weiter Draufrumdenken, just my 2 cents.<\/p>\n<p>Nick H. aka Joachim Paul<\/p>\n<h3>Quellen:<\/h3>\n<p>[1] Flusser, Vil\u00e9m; Die Informationsgesellschaft, Phantom oder Realit\u00e4t?; Vortrag auf der CulTec in Essen vom 23.11.1991, Suppose-Verlag, K\u00f6ln 1999<\/p>\n<p>[2] Flusser, Vil\u00e9m; Kommunikologie weiter denken \u2013 Die Bochumer Vorlesungen; Frankfurt a.M. 2009, S. 142ff<\/p>\n<p>[3] Kaehr, Rudolf, &amp; Schmitt, Thomas; FREISTIL, oder die Seinsmaschine, Mitteilungen aus der Wirklichkeit, Interview, WDR, K\u00f6ln, 1993, online: <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/ggphilosophy\/freistil.htm\" target=\"_blank\">http:\/\/www.vordenker.de\/ggphilosophy\/freistil.htm<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Neulich las ich den Blogbeitrag von Michael Seemann aka mspr0 mit dem Titel \u201eIch lehne Marx\u2018 Arbeitswerttheorie ab und hier ist warum\u201c. 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