{"id":2119,"date":"2019-12-15T18:37:59","date_gmt":"2019-12-15T16:37:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.vordenker.de\/blog\/?p=2119"},"modified":"2024-11-13T20:45:14","modified_gmt":"2024-11-13T19:45:14","slug":"einduesterungen-zum-identitaetsproblem-rudolf-heinz-live-aus-dem-buchladen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vordenker.de\/blog\/2119\/einduesterungen-zum-identitaetsproblem-rudolf-heinz-live-aus-dem-buchladen\/","title":{"rendered":"Eind\u00fcsterungen zum Identit\u00e4tsproblem \u2013 Rudolf Heinz &#8211; Live aus dem Buchladen"},"content":{"rendered":"\n<p>Am Samstag, den 23. November 2019 hielt der Philosoph, Psychoanalytiker und Begr\u00fcnder der Pathognostik, Prof. em. Dr. <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Rudolf_Heinz\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\"Rudolf Heinz (\u00f6ffnet in neuem Tab)\">Rudolf Heinz<\/a>, einen Vortrag im Rahmen eines interdisziplin\u00e4ren wissenschaftlichen Kolloquiums zum Thema \u201eIdentit\u00e4t: das Eigene, das Andere und das Fremde\u201c, veranstaltet vom Verlag \u201e<a rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\"Die blaue Eule (\u00f6ffnet in neuem Tab)\" href=\"http:\/\/www.die-blaue-eule.de\/\" target=\"_blank\">Die blaue Eule<\/a>\u201c in Kooperation mit dem Gemeinn\u00fctzigen Recherchezentrum <a rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\"CORRECTIV \u2013 Recherchen f\u00fcr die Gesellschaft (\u00f6ffnet in neuem Tab)\" href=\"https:\/\/correctiv.org\/\" target=\"_blank\">CORRECTIV \u2013 Recherchen f\u00fcr die Gesellschaft<\/a> im CORRECTIV-Buchladen in Essen. Rudolf Heinz titelte seinen Beitrag \u201eEind\u00fcsterungen zum Identit\u00e4tsproblem, pathophilosophisch\u201c. <\/p>\n\n\n\n<p><iframe loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/yCCynFaYwdU\" allow=\"accelerometer; autoplay; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture\" allowfullscreen=\"\" width=\"455\" height=\"255\" frameborder=\"0\"><\/iframe><\/p>\n\n\n\n<p> Wir pr\u00e4sentieren die bereits zureichend im Netz beworbene Veranstaltung hier noch einmal separat in einem Blogbeitrag mit Timecodes und stichpunktartigen Kurzzusammenfassungen, denn Rudolf Heinz\u2018 Referat kann ohne weiteres und \u00fcber den philosophischen Rahmen hinaus eine soziopolitische und allgemeinpolitische Relevanz unterstellt werden. Die von ihm begr\u00fcndete <a rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\"Pathognostik (\u00f6ffnet in neuem Tab)\" href=\"http:\/\/www.pathognostik.net\/index.html\" target=\"_blank\">Pathognostik<\/a> als radikalisierende Fortschreibung der Psychoanalyse war immer auch Mittel einer differenzierten Diagnostik gesellschaftlicher Verh\u00e4ltnisse.  <\/p>\n\n\n<p><strong>Timecode 0:00:00 \/\/<\/strong> Rudolf Heinz begann seine Ausf\u00fchrungen zun\u00e4chst mit einer Entschuldigung. Er k\u00f6nne seinen vorbereiteten Text nicht ablesen, sondern m\u00fcsse improvisieren aufgrund multipler Augenleiden. Er \u00e4u\u00dferte sich grunds\u00e4tzlich \u00fcber das Altern, das Ausleiern der Organe und bemerkte, er komme sich vor wie eine Karikatur des \u00d6dipus auf Kolonos, blind, lahm und w\u00fctend, <!--more-->allerdings ohne Antigone.<\/p>\n<p><strong>Timecode 0:03:12 \/\/<\/strong> Nach ein paar grunds\u00e4tzlichen Erl\u00e4uterungen zum Begriff der Identit\u00e4t \u2013 unter Vermeidung allzu eingrenzender definitorischer Elemente \u2013 weist er ausgehend vom Identit\u00e4tssatz auf die Axiome der Logik hin, nicht ohne zu bemerken, dass diese mehrfach und zurecht einer grunds\u00e4tzlichen Kritik unterzogen wurden.<\/p>\n<p><strong>Timecode 0:08:35 \/\/<\/strong> Dar\u00fcber hinaus weist er ausdr\u00fccklich auf den gelungenen Titel der Veranstaltung hin, der allerdings auch den Haken habe, die Gefahr einer Pr\u00e4judizierung dessen sein zu k\u00f6nnen, was die Veranstaltung ethologisch ergeben k\u00f6nne.<\/p>\n<p><strong>Timecode 0:09:50 \/\/<\/strong> Thesenhaft verk\u00fcrzt stellt Heinz dar, dass das Eigene eo ipso entfremdet ist. Er f\u00fchrt als zus\u00e4tzliches Indiz sein Vermissen der Einmischung der Psychoanalyse in gesellschaftliche Debatten an, so wie dies fr\u00fcher die Mitscherlichs praktiziert h\u00e4tten und weist noch einmal deutlich auf Freuds basale Erkenntnis hin: \u201eWir sind nicht Herr im eigenen Hause\u201c, sein Einspruch gegen das Eigene als die autonome Verf\u00fcgung \u00fcber das Selbst.<\/p>\n<p><strong>Timecode 0:13:20 \/\/<\/strong> Fremdheit begegne uns neben dem Inneren im Au\u00dfen, so Heinz. Und zwar immer dann, wenn man sich motiviert sieht, sich kritisch zu \u00e4u\u00dfern, die moralische Option zu w\u00e4hlen. Dies k\u00f6nne aber auch moralistisch gescholten werden, der Moralismus als paranoische Seuche, als Epidemie, und als Pseudokultur der Begr\u00fcndung der eigenen moralischen Optionen. Schwarzwei\u00df-Malerei setze sich durch, teilweise recht sublim.<\/p>\n<p><strong>Timecode 0:17:33 \/\/<\/strong> Was dagegen gehalten werden k\u00f6nne, sei atopisch, es habe keinen Ort. Heinz schl\u00e4gt als Strategie des Umgangs mit sich selbst vor, zu \u00fcberlegen, ob das, was man am Anderen kritisiert, etwas ist, das einen selber bewegt, bzw. das man loswerden will und liefert damit ein ledienschaftliches Pl\u00e4doyer f\u00fcr ein Moratorium der Besinnung darauf, ob der betreffende kritische Gehalt nicht ein solcher in mir selber ist, den ich desavouiere, den ich loswerden m\u00f6chte.<\/p>\n<p><strong>Timecode 0:19:20 \/\/<\/strong> Heinz identifiziert dies als Projektion: das was ich selber loswerden will, dem Anderen anlasten, dem sei eine Bereitschaft zur Pause, zum \u00dcberlegen entgegen zu setzen. Die projektive Identifikation sei ein Abwehrvorgang, der wie alle Abwehrvorg\u00e4nge unvermeidlich immer wieder kollabiere. Die Bescherung des Ganzen sei ein Verfolgungsverh\u00e4ltnis, das wesentlich paranoisch ist. Man gerate mit diesem Moralismusvorgang in die Sph\u00e4re einer kollektiven Pathologie, genannt Paranoia, die von Heinz zudem als die Universalpathologie unserer kapitalistischen Verh\u00e4ltnisse gesehen wird. Dazu merkt er an, dass diese These eigentlich trivial sei.<\/p>\n<p><strong>Timecode 0:22:50 \/\/<\/strong> Zur Frage \u201eWie halten Sie\u2018s denn selber?\u201c bemerkt Heinz, dass Bescheiden sein sich darin ausdr\u00fccke, zu wissen, dass man selber auch dem Moralismus verf\u00e4llt. Als Gegenstrategie empfiehlt er eine wiederholte Selbst-Neuverordnung des Moratoriums, das sei aber ein m\u00fchseliges Gesch\u00e4ft. &#8211; In diese Richtung k\u00f6nnen wir weiterdenken, was die Kritik unseres Wertungstheaters angehe.<\/p>\n<p><strong>Timecode 0:25:05 \/\/<\/strong> Zu unserem Wertungstheater sagt er, dass es verdorben paranoisch bis zum Geht-nicht-mehr sei, aber es sei etabliert und kollektiviert, dann sei es nach Freud angeblich unschuldig. Die Kollektivierung sorge daf\u00fcr, dass die Abtr\u00e4glichkeit \u2013 nur scheinbar &#8211; verschwindet.<\/p>\n<p><strong>Timecode 0:25.30 \/\/<\/strong> Vielleicht sei es nicht ganz so schlimm bestellt um den Moralismus. Es gebe immerhin kritische Einspr\u00fcche von Seiten der Psychoanalyse, die heutzutage auch nicht so weit gehe, wie er es hier versuche. Es scheint so zu sein, dass wir Gegenf\u00fchrungsm\u00f6glichkeiten im Umgang mit unseren Artgenossen haben. Und die Psychoanalyse sagt, dass das zu betonen ist. Die Aufkl\u00e4rungsm\u00f6glichkeiten der Psychoanalyse liegen aber einfach brach. Denn wir haben, so die Psychoanalyse, die Chance Reaktionsbildungen an den Tag zu legen, im Sinne von Verkehrungen ins Gegenteil. Wenn es nicht Mord und Totschlag gebe, dann gr\u00fcnde, so Heinz, sich das auf habitualisierten Abwehrvorg\u00e4ngen. Und diese Abwehrvorg\u00e4nge seien labil.<\/p>\n<p><strong>Timecode 0:29:10 \/\/<\/strong> Zur Behauptung der absoluten Werte sagt Rudolf Heinz: \u201eVergessen Sie\u2018s!\u201c Wenn Werte als absolut behauptet werden, seien das immer Substrate von Gewalt. Empirisch-geschichtlich sei das verifizierbar bis zum Geht-nicht-mehr. Absolute Werte seien die Grundlage von Gewalt, das gelte sogar f\u00fcr die Menschenrechte. Denen w\u00fcrde er es besonders w\u00fcnschen, dass sie gesch\u00fctzt w\u00fcrden vor ihrer Absolutheitsbehauptung.<\/p>\n<p><strong>Timecode 0:30:10 \/\/<\/strong> Wo sei er jetzt hingeraten? Die Modi der Konterkarierung unserer Identit\u00e4t will er ansprechen. Es gehe um Komponenten, die das Eigene fragw\u00fcrdig machen m\u00fcssen. Das Geschlecht, die Generation, der Tod und die Dinge. Es sehe nicht gut aus mit dem Eigenen, so dass man sich selbst zu eigen w\u00e4re, das Eigene wird ja schon unterh\u00f6hlt durch den psychoanalytischen Begriff des Unbewussten. Aber inwiefern durch das Geschlecht?<\/p>\n<p><strong>Timecode 0:32:12 \/\/<\/strong> Rudolf Heinz f\u00fchrt aus, dass die Dramatik bereits im Mutterleib beginne, und dass da heute Vieles \u00fcbersehen w\u00fcrde. Von der Zeugung an wird das Geschlecht genetisch festgelegt. Hormonell gesehen seien wir armen M\u00e4nner auf l\u00e4ngere Zeit weiblich. Die Dramtik im Mutterleib bestehe darin, dass sich das genetische Geschlecht gegen das hormonelle durchsetzen muss. Gelinge dies nicht, dann stehe die genetische m\u00e4nnliche Identit\u00e4t auf dem Spiel. Die Geschlechtsidentit\u00e4t bis hin zum Phantasma des reinen Manns m\u00fcsse ein narzisstischer Gewaltakt sein, das ginge gar nicht anders. Und er fragt: \u201eWo ger\u00e4t man hin, wenn man diesen konstitutiven narzisstischen Gewaltakt zu vermeiden w\u00fcsste? Nat\u00fcrlich in Homosexualit\u00e4t.\u201c Dies sei bitte nicht misszuverstehen, er sei Consiliarius einer homosexuellen Interessensgemeinschaft gewesen. Was er allerdings nicht duldete, obwohl man da sehr aufpassen m\u00fcsse, sich nicht verd\u00e4chtig zu machen, das sei die Aufkl\u00e4rung der Homosexualit\u00e4t, bzw. deren Vermeidung. Die Homosexualit\u00e4t sei tats\u00e4chlich ein Angang der Geschlechtsidentit\u00e4t. Die Conclusio sei jedenfalls, dass die Geschlechtsidentit\u00e4t so nicht behauptet werden k\u00f6nne.<\/p>\n<p><strong>Timecode 0:36:08 \/\/<\/strong> Zum Aspekt Generation bemerkt er, es sei doch wunderbar, sich narzisstisch duch Nachkommen zu tradieren, dies sei ja oft das Argument. Dabei w\u00fcrde aber vergessen, dass die Nachkommen zugleich eine Todesverk\u00fcndigung seien. Dabei sei die Identit\u00e4t beeintr\u00e4chtigt durch den Einbruch der Sterblichkeit. In Klammern gesagt, sei seine Hauptbefassung mit Psychoanalyse eine Revision des Todestriebs, der sp\u00e4ten Freud\u2018schen Triebtheorie. Erf\u00fcgt an, man k\u00f6nne manchmal meinen, wir h\u00e4tten nichts anderes im Sinn, als tats\u00e4chlich den Tod zu imitieren, so zu tun, als h\u00e4tten wir die Potenz des Todes, indem wir durch Gewalt meinen, uns selbst der Sterblichkeit zu entheben. Dies sei eine Kurzfassung des Todestriebs seinerseits.<\/p>\n<p><strong>Timecode 037:35 \/\/<\/strong> Zu den Dingen: Es sei schwierig, die Dinge als Hemmnis der Selbstidetit\u00e4t geltend zu machen, er setze das hier aus, avidiere jedoch, dass das in den letzten Jahren einer seiner Arbeitsschwerpunkte gewesen sei, bzw. eine Einbeziehung der gesamten Dingsph\u00e4re in eine Art einer erweiterten Psychoanalyse vorzunehmen. Als Hinweis, wenn das so sei, dass wir darauf aus sein m\u00fcssen, projektiv identifikatorisch uns unserer Sterblichkeit zu begeben, dann seien die Dinge die Garanten daf\u00fcr, dass dies wie immer auch nur befreiend vor\u00fcbergehend m\u00f6glich ist. Aber wie sind die Dinge dann, sie seien eo ipso Waffen \u2013 wenn das zutrifft. Es gehe um die Projektion, das Loswerden, die Selbstbereinigung von Sterblichkeit, wenn daf\u00fcr die Dinge stehen, dann sind die Dinge tats\u00e4chlich wie sie sind \u2026 wir r\u00fcsten dann. Wir h\u00e4tten dann keine andere Wahl als zu r\u00fcsten und im Endeffekt dann auch Kriege zu f\u00fchren. Der Tod als die Enteignung schlechterdings sei von sich selbst her plausibel.<\/p>\n<p><strong>Timecode 0:41:00 \/\/<\/strong> Ob dies Eind\u00fcsterungen der Identit\u00e4t genug seien? Ihm gehe es darum, dass man um Himmels willen nicht auf Illusionskurs geht. Er wende sich gegen die Moral als paranoische Seuche. Zwei Punkte habe er noch zum Schluss, die Volte direkt sei marxistisch. Er meine das aber nicht freudomarxistisch. Allerdings sei der Marxismus eine Option \u2026 dass unsere zivile Identit\u00e4t f\u00fcr alle, die wir hier sitzen, er sei da nicht ausgenommen, dass unsere zivile Identit\u00e4t in unserem Tauschwert bestehe, in nichts anderem. Andere Schlupfl\u00f6cher seien in unserer gesellschaftlichen Verfassung nicht m\u00f6glich. Wenn das m\u00f6glich w\u00e4re, w\u00e4re es eine Subversion, und diese bleibe aus.<\/p>\n<p><strong>Timecode 0:45:20 \/\/<\/strong> Zum Schluss machte Rudolf Heinz eine Bemerkung zur Kritischen Theorie, sie sei auch von der Bildfl\u00e4che verschwunden, Philosophie habe nur dann ihre Stunde, wenn da ein gesellschaftlicher Kairos (\u2026 ein Gott der Gelegenheit, Anm. d. Hrsg.) best\u00fcnde. Philosophie habe meistens Konjunktur nach Katastrophen. Die Kritische Theorie konnte sich behaupten als Nachkriegsph\u00e4nomen von j\u00fcdischen Emigranten. Man solle nicht meinen, wir h\u00e4tten noch Mitscherlichs, Adornos, Marcuses oder Horkheimers Zeiten.<\/p>\n<p>Ein Verdikt von Adorno: \u201eUtopie w\u00e4re die opferlose Nicht-Identit\u00e4t des Subjekts.\u201c Da w\u00fcrde man sofort sagen, das sei eine verfehlte Formulierung f\u00fcr Psychose. Nach Adorno: Das menschliche Leid ist so unermesslich gro\u00df, dass wir die Neigung haben, aus der Menschheit selber zu fliehen. Er, Rudolf Heinz, w\u00fcrde darauf insistieren, dass das menschliche Leid tats\u00e4chlich so gro\u00df ist und dass auch Adorno wusste, dass die Flucht in ein Niemandsland f\u00fchrt.<\/p>\n<p>Dies sei der Schluss der Rede, hell geworden sei es nicht.<\/p>\n<p>Entsprechend individueller kognitiver Verfassungen von uns Individuen r\u00e4t der Heraugeber, das Video anzuschauen und sich nicht allein auf seine schriftliche Verdichtung zu verlassen, die ganz zwangsl\u00e4ufig immer auch eine Reduktion sein muss.<\/p>\n<p>Mit besten Gr\u00fc\u00dfen, Ihr<\/p>\n<p>Joachim Paul (Hrsg.)<\/p>\n\n\n<p>  <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Samstag, den 23. November 2019 hielt der Philosoph, Psychoanalytiker und Begr\u00fcnder der Pathognostik, Prof. em. 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