{"id":270,"date":"2011-06-02T01:11:51","date_gmt":"2011-06-01T23:11:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.vordenker.de\/blog\/?p=270"},"modified":"2011-07-14T21:00:37","modified_gmt":"2011-07-14T19:00:37","slug":"ein-offener-brief-an-die-biologen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vordenker.de\/blog\/270\/ein-offener-brief-an-die-biologen\/","title":{"rendered":"Ein offener Brief an die Biologen"},"content":{"rendered":"<p>Gastbeitrag von Eberhard von Goldammer<\/p>\n<h3>Betrifft: Vortrag vom 30.05.2011\/ Macht die Natur Fehler?\/<\/h3>\n<p>Am 30.05.2011 fand an der Universit\u00e4t Dortmund im Rahmen der &#8222;Interdisziplin\u00e4re Veranstaltungsreihe \u2013 Biologie und Gesellschaft&#8220; ein Vortrag statt \u00fcber das Thema &#8222;<a title=\"externer Link zur Veranstaltung\" href=\"http:\/\/www.biologie.uni-dortmund.de\/biologieundgesellschaft\/kolloquium.html \" target=\"_blank\">Macht die Natur Fehler?<\/a>&#8222;.<\/p>\n<p>Im Anschluss an diesen Vortrag fand dann \u2013 wie in diesem Kreis \u00fcblich \u2013 eine sehr offene und l\u00e4nger andauernde Diskussion statt, was bedeutet, dass das Thema sowie der Vortrag im Publikum auf gro\u00dfe Resonanz gesto\u00dfen ist. Ich selbst habe gegen Ende der Diskussion die Frage aufgeworfen, ob der Begriff des Fehlers unter Umst\u00e4nden auch vom jeweiligen Standpunkt der Betrachtung einer Situation\/Entscheidung abh\u00e4ngt. Ich war erstaunt, dass dies zu ziemlicher Verwirrung <!--more-->gef\u00fchrt hat \u2013 was mir bei Geisteswissenschaftlern \u2013 etwa Psychologen oder Juristen \u2013 vermutlich nicht passiert w\u00e4re. Da ich der Ansicht war und bin, dass dies eine sehr grunds\u00e4tzliche Frage ist, habe ich den folgenden (offenen) Brief an die Biologen verfasst, der einfach zum Nachdenken und zur Diskussion \u00fcber diese Fragestellung anregen soll \u2013 mehr nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">* * * *<\/p>\n<p><strong>Liebe Biologen,<\/strong><\/p>\n<p>ich war und bin immer noch \u00fcberrascht, dass ich im Rahmen der Diskussion nach dem Vortrag &#8222;Macht die Natur Fehler?&#8220; mit meinem Einwand einer m\u00f6glichen Standpunktabh\u00e4ngigkeit von Fehlern auf soviel Nicht- oder (Un-?)Verst\u00e4ndnis gesto\u00dfen bin.<\/p>\n<p>Im Jahr 1947 hat der bekannte Computer-Pionier und Mathematiker Alan M. Turing vor der Londoner Mathematischen Gesellschaft in einem Vortrag folgende (sehr nachdenkenswerte) Aussage gemacht: &#8222;&#8230; if a machine is expected to be infallible, it cannot also be intelligent.&#8220; Das kann doch nur hei\u00dfen, dass eine intelligente Maschine eine Maschine sein muss, die in der Lage ist,<em> aus eigener Leistung<\/em> Fehler machen zu d\u00fcrfen \u2013 oder, anders ausgedr\u00fcckt:\u00a0 Eine Maschine kann dann, wenn erwartet wird, dass sie unfehlbar ist, nicht auch intelligent sein. Diese Aussage gilt selbstverst\u00e4ndlich nicht nur f\u00fcr technische Artefakte: Unfehlbarkeit und Intelligenz schlie\u00dfen sich gegenseitig aus.<\/p>\n<p>Fairerweise muss man hinzuf\u00fcgen, dass es bis heute derartige intelligente Maschinen noch gar nicht gibt, auch wenn die Gemeinde der K\u00fcnstlichen-Intelligenz-Forscher mitunter behauptet, diese Maschi\u00adnen bereits konstruiert zu haben. Eine intelligente Maschine m\u00fcsste zumindest lernf\u00e4hig sein um auf\u00adgrund ihrer Wahrnehmungen (aus der Umgebung) ihr Verhalten (aus eigener Leistung !!) ver\u00e4ndern oder eben nicht ver\u00e4ndern zu k\u00f6nnen. Das kann aber nur hei\u00dfen, dass eine Maschine (aus eigener Leistung, also nicht vorprogrammiert!) in der Lage sein muss, ihren Algorithmus (das Programm) um\u00adzuschreiben oder eben nicht. Dazu muss diese Maschine nicht nur \u00fcber kognitive sondern auch \u00fcber volitive Eigenschaften verf\u00fcgen, d.h. aus eigener Leistung eine Entscheidung dar\u00fcber treffen zu k\u00f6nnen, ob sie ihr Verhalten (ihr Programm) ver\u00e4ndern soll oder eben nicht. Bis heute gibt es derartige Maschinen nicht \u2013 warum es so ist, wie es ist, das will ich jetzt nicht n\u00e4her begr\u00fcnden, denn das w\u00fcrde hier zu weit f\u00fchren.<\/p>\n<p>Nun zeichnen sich lebende Systeme ja gerade dadurch aus, dass sie \u00fcber kognitiv-volitive F\u00e4higkeiten <em>per se<\/em> verf\u00fcgen und das gilt selbstverst\u00e4ndlich auch f\u00fcr die Pflanzen \u2013 ich betone &#8222;Kognition <span style=\"text-decoration: underline;\">und<\/span> Voli\u00adtion&#8220; \u2013 nicht umsonst gibt es heute Biologen, die den (umstrittenen) Namen &#8222;Pflanzen-Neurobiologie&#8220; eingef\u00fchrt haben. \u2014 \u00dcber das Verh\u00e4ltnis &#8222;Lebender Systeme zu ihrer jeweiligen Umwelt&#8220; verweise ich auf Namen wie: Jakob von Uexk\u00fcll, Adolf Portmann, Joachim Illies, &#8230;, Humberto Maturana, Francesco Varela, &#8230;., Imanishi Kinji\u00a0 &#8230; und so weiter &#8230; \u2013 um nur einige Namen zu nennen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">&#8212; Ich hoffe, dass sie mir bis hierher noch zustimmen k\u00f6nnen &#8212;<\/p>\n<p>Unter Kognition verstehe ich dabei die F\u00e4higkeit eines Systems \u2013 aus eigener Leistung(!) \u2013, eine Unter\u00adscheidung zwischen sich und seiner Umgebung treffen zu k\u00f6nnen; \u2013 das ist eine kybernetische und keine psychologische Beschreibung von Kognition, die aber in jeder psychologischen Beschreibung von Kognition mit Sicherheit enthalten sein muss; \u2013 wenn man also diese offensichtliche und relativ einfache Beschreibung von Kognition zugrunde legt, dann wird deutlich, dass lebende Systeme \u2013 von ihrem Standpunkt aus betrachtet \u2013 immer eine Umgebung haben (m\u00fcssen), denn sonst verf\u00fcgen sie \u00fcber keine kognitiven F\u00e4higkeiten! Allerdings unterscheidet sich diese Umgebung von der Umgebung, die der Beobachter des von ihm betrachteten lebenden Systems infolge <em>seiner<\/em> kognitiven F\u00e4higkeiten erh\u00e4lt. Wir k\u00f6nnen n\u00e4mlich nicht wahrnehmen, wie Bienen die rote oder gelbe Farbe einer Blume wahrnehmen \u2013 schlimmer noch, wir k\u00f6nnen noch nicht einmal wahrnehmen, wie unser\/unsere (Lebens-)PartnerIn das Abendrot der untergehenden Sonne wahrnimmt, wenn wir mit ihm\/ihr gemeinsam einen Sonneuntergang beobachten. Dar\u00fcber m\u00fcssen wir kommunizieren. Was folgt daraus?<\/p>\n<p>Die wahrgenommene Umgebung einzelner Lebewesen ist selbst dann unterschiedlich, wenn diese Lebewesen zur selben Art (was immer Art im Einzelnen bedeuten mag) geh\u00f6ren. Bei uns Menschen liegt das schon an den verschiedenen sozialen, kulturellen, etc. Hintergr\u00fcnden jedes Einzelnen. Wie das im Volk der Bienen aussieht, also von Biene zu Biene \u2013 das wei\u00df ich nicht, aber auch sie kommuni\u00adzieren untereinander und das hat seinen Grund, warum es so ist, wie es ist.<\/p>\n<p>Wenn sie mir bis hierher folgen konnten, was ich hoffe, dann m\u00fcssen sie mir Recht geben, wenn ich sage, dass f\u00fcr die (formale) Beschreibung kognitiv-volitiver Prozesse eine standpunktabh\u00e4ngige Theo\u00adrie notwendig ist. Eine (formale) Beschreibung derartiger Prozesse bedeutet nichts anderes als die Ent\u00adwicklung (formaler oder semi-formaler) Modelle mit dem Ziel, diese letztendlich einmal in eine Maschine zu implementieren. Sie k\u00f6nnen als Biologen ja schlie\u00dflich nicht unter Zuhilfenahme von (schon fertigen?) Proteinen, DNA, Wasser und anderen Ingredienzien das Innen- und Au\u00dfenleben einer biologischen Zelle in der Retorte nachbilden, so wie man in der anorganischen Chemie die Knallgas\u00adreaktion im Labor ablaufen lassen kann und nicht als Simulation im Computer \u2013 kein Mensch k\u00e4me auf die Idee, die Knallgasreaktion im Computer zu simulieren, f\u00fcr eine biologische Zelle sieht das voll\u00adkommen anders aus \u2013 oder irre ich mich da vielleicht? Hier trifft sich die Biologie mit den Computer\u00adwissenschaften \u2013 das wussten bereits die Altvorderen Norbert Wiener, Warren St. McCulloch, Ross Ashby und viele andere und zwar schon vor ca. 60 bis 70 Jahren \u2013 dass es bis heute noch nicht gelun\u00adgen ist, die Organisationsstruktur und Funktion einer biologischen Zelle im Computer darzustellen, muss ja wohl tief liegende (schwerwiegende) wissenschaftslogische Gr\u00fcnde haben \u2013 und das ist auch so!<\/p>\n<h3><strong>Und nun zur\u00fcck zur Standpunktabh\u00e4ngigkeit von Fehlern.<\/strong><\/h3>\n<p>Dazu m\u00f6chte ich wieder auf ein technisches Beispiel zur\u00fcckgreifen. Nehmen wir an, sie fahren im Auto vom Ort A zum Ort B. Wenn sie wissen, dass sie bei der n\u00e4chsten Kreuzung nach rechts abbiegen m\u00fcssen und dazu das Lenkrad entsprechend drehen und das Auto trotzdem geradeaus weiter f\u00e4hrt, dann ist das ein Fehler, der standpunkt<strong><em><span style=\"text-decoration: underline;\">un<\/span><\/em><\/strong>abh\u00e4ngig ist \u2013 das w\u00e4re zwar ein fataler mechanischer Fehler in der Lenkung, aber vom wissenschaftstheoretischen Standpunkt aus gesehen, ist das eine banale Ange\u00adlegenheit.<\/p>\n<p>Stellen wir uns jetzt ein Automobil der Zukunft vor, das eigenst\u00e4ndig f\u00e4hrt und \u00fcber gewisse kognitiv-volitive F\u00e4higkeiten verf\u00fcgt. Wenn sie also in einem derartigen Fahrzeug an die besagte Kreuzung gelangen, an der das Fahrzeug, um auf dem direkten Wege nach B zu gelangen, nach rechts abbiegen m\u00fcsste und das Fahrzeug wiederum geradeaus weiter f\u00e4hrt anstatt nach rechts abzubiegen, dann wissen sie nicht, ob hier ein Fehler vorliegt oder nicht \u2013 jedenfalls wissen sie es solange nicht, solange sie keine Information von diesem technischen Artefakt bekommen, oder eben solange nicht, bis sie am Ort B \u2013 wenn auch auf Umwegen \u2013 schlie\u00dflich eintreffen. Das Fahrzeug hat dann von seinem Standpunkt aus keinen Fehler begangen, wenn es aus seiner Umgebung Funk- und\/oder andere Signale beim Errei\u00adchen der besagten Kreuzung erhalten hat, aus denen es schlie\u00dfen musste, dass es auf der urspr\u00fcnglich geplanten Fahrstrecke einen Verkehrsstau gab. Wenn also das intelligente Fahrzeug aus dieser Nach\u00adricht \u2013 aus eigener Leistung(!) \u2013 die Entscheidung trifft, einen Umweg zu fahren, so hat es \u2013 von seinem Standpunkt aus \u2013 logisch-rational entschieden und gehandelt. Erf\u00e4hrt der Fahrgast, wenn er denn am Ort B (z.B. am Bahnhof) angekommen ist, und seinen Zug infolge des gemachten Umwegs \u2013 als Folge der Entscheidung des autonomen Fahrzeugs \u2013 verpasst hat, dann mag er diese Entscheidung als eine Fehlentscheidung des Fahrzeugs interpretieren, vor allen Dingen dann, wenn er erf\u00e4hrt, dass der Stau zwar existiert hat, aber eben nur relativ kurzzeitig. Die Entscheidung des technischen Arte\u00adfakts bleibt dabei von dem Standpunkt dieses Fahrzeugs aus betrachtet immer noch logisch-rational und ein Fehler ist es nur vom Standpunkt des Fahrgastes aus gesehen in Relation zur Dauer der Stau\u00adsituation.<\/p>\n<p>An dieser Stelle sollte zumindest die Bemerkung von Alan Turing vor der Londoner Mathematischen Gesellschaft aus dem Jahr 1947 verst\u00e4ndlich geworden sein und zwar auch dann, wenn es derartige technische Artefakte, die \u00fcber gewisse kognitiv-volitive F\u00e4higkeiten verf\u00fcgen m\u00fcssten, bis heute noch gar nicht gibt. Wer aber glaubt, dass es die nie geben wird, der irrt sich gewaltig. Wenn es sie denn gibt, dann werden auch die Biologen, die Soziologen \u2013 kurz alle Wissenschaftler, die sich irgendwie mit lebenden Systemen und deren (wissenschaftlicher) Beschreibung besch\u00e4ftigen, es gar nicht mehr verstehen, dass im Jahr 2011 ihre Altvorderen die Notwendigkeit der Entwicklung und Einf\u00fchrung einer standpunktabh\u00e4ngigen Systemtheorie noch nicht einmal im Ansatz f\u00fcr notwendig erachtet haben \u2013 die oben erw\u00e4hnten Biologen Uexk\u00fcll, Portmann, Illies, &#8230;, Maturana, Varela, &#8230; Imanishi &#8230;und viele andere &#8230; ausgenommen! \u2013<\/p>\n<p>Wem das alles als unsinniges Geschw\u00e4tz erscheint, der sollte sich einmal beispielsweise die Arbeiten des Biochemikers\/Genetikers James A. Shapiro ansehen, z.B. &#8222;<em>Genome Informatics: The Role of DNA in Cellular Computations<\/em>&#8222;, da liest man bereits im Abstract folgende Aussage:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Cells are <strong><em>cognitive<\/em><\/strong> entities possessing great computational power. DNA serves as a multivalent infor\u00admation storage medium for these computations at various time scales. \u2026&#8220; [Hervorhebung_EvGo]<\/p><\/blockquote>\n<p>Ich erw\u00e4hne Shapiros Namen \u2013 viele andere w\u00e4ren auch m\u00f6glich \u2013 weil er derjenige ist, der \u2013 meiner bescheidenen Meinung nach \u2013 die Begrenztheit unseres heutigen Wissenschaftsparadigmas zur Beschreibung zellul\u00e4rer Vorg\u00e4nge in lebenden Systemen am deutlichsten auf den Punkt bringt. Auch seine konstruktiv-kritischen Arbeiten \u00fcber den Stand der heutigen Evolutionstheorie \u2013 vor allen Dingen was das Zufallsprinzip anbelangt \u2013 geh\u00f6rt zu den lesenswerten Beitr\u00e4gen, die man auf seiner Home\u00adpage finden kann: <a title=\"WebSite von J. A. Shapiro\" href=\"http:\/\/shapiro.bsd.uchicago.edu\/\" target=\"_blank\">http:\/\/shapiro.bsd.uchicago.edu\/<\/a> Ich vermute \u2013 nein, eigentlich bin ich sicher \u2013, dass Shapiro einer Aussage wie &#8222;ohne Kopierfehler keine Evolution&#8220; vehement widersprechen w\u00fcrde \u2013 ich widerspreche \u00fcbrigens auch, aber meine Meinung ist vielleicht nicht sonderlich ma\u00dfgebend.<\/p>\n<h3><strong>Nun noch etwas zur der Evolutionstheorie selbst im Kontext von Standpunktabh\u00e4ngigkeit.<\/strong><\/h3>\n<p>Der Philosoph Morton Beckner schrieb 1959 in seinem Buch &#8222;The Biological Way of Thought&#8220; (im Kapitel &#8222;Selection Theory&#8220;):<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;\u2026 My own view is that evolution theory consists of a family of related models; that most evolutionary explanations are based upon assumptions that, in the individual case, are not highly confirmed; but that the various models in the theory provide evidential support for their neighbors. The subsidiary hypotheses and assumptions that are made for the sake of particular explanations in one model recur again and again in other related models, with or without modification and local adaption. To use the metaphor of Agnes Arber, biological theory is less &#8218;linear&#8216; than, e.g., physical theory, and is more &#8218;reticulate&#8216; (Agnes Arber: The Mind an the Eye, p. 46)&#8220;.<\/p><\/blockquote>\n<p>Ich wurde vor etwa 10 Jahren von einem Kollegen auf Morton Beckners Zitat aufmerksam gemacht, nachdem ich auf einer Kybernetiker-Tagung \u00fcber die M\u00f6glichkeiten einer standpunktabh\u00e4ngigen Systemtheorie vorgetragen hatte. Damals habe ich mich aber noch nicht sehr intensiv mit Evolution und der Struktur einer Evolutionstheorie besch\u00e4ftigt, so dass ich der Sache nur halbherzig nachge\u00adgangen bin \u2013 dank meines Computers hatte ich diese Information aber abgespeichert und vor einigen Monaten wieder &#8222;ausgegraben&#8220;. Eine Recherche hat dann ergeben, dass Beckner in dem Buch von Mahner\/Bunge (<em>Foundations of Biophilosophy<\/em>) zitiert wird und siehe da in einem ganz \u00e4hnlichen Kontext, wie er mir vorschwebte. Beckners Zitat hat Ende der 1970er Jahre zu einigen weiterf\u00fchrenden Publikationen gef\u00fchrt, die sie, wenn sie sich mit der Struktur der Evolutionstheorie wissenschaftstheo\u00adretisch auseinandersetzen, eigentlich kennen sollten. Hier die Literaturstellen, auf die ich mich beziehe:<\/p>\n<p>Arthur Caplan, Testability, Disreputability, and the Structure of the Modern Synthetic Theory of Evolu\u00adtion, Erkenntnis 13 (1978) 261\u2011278.<\/p>\n<p>Ralph W. Lewis, <em>Evolution: A System of Theories<\/em>, Perspectives in Biology and Medicine, 23 (1980) p. 551-572.<\/p>\n<p>Juha Tuomi, Structure and Dynamics of Darwinian Evolutionary Theory, Syst. Zool., 30(1), 1981, pp. 22\u201131.<\/p>\n<p>Diese Literaturstellen habe ich dem Buch von Mahner\/Bunge entnommen, einem Buch, das es \u00fcbrigens auch in deutscher \u00dcbersetzung gibt; dort schreiben die Autoren:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Es sieht also so aus, als g\u00e4be es verschiedene Partialtheorien \u00fcber Evolution, von denen jede einen ande\u00adren Aspekt des Evolutionsgeschehens behandelt. Doch es scheint keine allgemeine oder hyperallgemeine Theorie der Evolution aller Organismen zu geben. Folglich scheint die Evolutionstheorie eher eine Sammlung von Theorien darzustellen, bestenfalls ein System von Theorien (Beckner 1959; Caplan 1978; Lewis 1980).&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Und einige Abschnitte weiter hei\u00dft es dann:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Obwohl es also keine (hyper)allgemeine ET [ET: Evolutionstheorie, EvGo] f\u00fcr alle Organismen zu geben scheint, so verf\u00fcgen wir doch \u00fcber zwei allgemeine Theorien, n\u00e4mlich die Selektionstheorie und die Theo\u00adrie der Populationsgenetik. Deren Allgemeinheit und deren Kapazit\u00e4t, abh\u00e4ngige Modelle zu generieren, d\u00fcrfte einer der Gr\u00fcnde f\u00fcr deren weite Verbreitung und Anerkennung in der Evolutionsbiologie sein.<\/p>\n<p>Zur ET sollten aber mehr als nur diese zwei Theorien geh\u00f6ren: Wir brauchen nicht nur eine Theorie der generationen\u00fcbergreifenden Verteilung von Genotypen, sondern auch eine Theorie \u00fcber die Entstehung neuer Ph\u00e4notypen, d.h. eine Theorie der organismischen Speziation. So brauchen wir eine Theorie der Mutation und eine Theorie der Entwicklung. Man beachte, dass wir hier mit &#8218;Theorie&#8216; eine Theorie \u00fcber die allgemeinen Mechanismen dieser Vorg\u00e4nge meinen und nicht nur eine Beschreibung von ihnen. Wir m\u00fcssen diesen Punkt hervorheben, weil blo\u00dfe Beschreibung allzu oft als Theorie durchgeht. Obwohl wir z.B. \u00fcber h\u00f6chst detaillierte Beschreibungen der Proteinsynthese verf\u00fcgen, gibt es keine Theorie der Pro\u00adteinsynthese. [&#8230;]<\/p>\n<p>Einer der ersten, die sich mit dieser Frage besch\u00e4ftigten, war Beckner (1959), der glaubte, die ET sei eine &#8218;Familie verwandter Modelle&#8216; (S. 160). Diese von Beckner eher beil\u00e4ufig formulierte These wurde von Caplan (1978) ausgearbeitet, der seine Version die &#8218;Geordnete\u2011Mengen\u00ad-Konzeption&#8216; der ET nannte. Lewis (1980) betrachtete die ET als ein System von Theorien, und Wassermann (1981, S. 419) als eine &#8218;Hyper\u00adtheorie, die eine Menge subordinierter Theorien umfa\u00dft&#8216;. Die miteinander in Beziehung stehenden Theo\u00adrien bzw. Modelle in diesen Auffassungen geh\u00f6ren alle in etwa zur gleichen Ebene, d.h. es handelt sich dabei nicht um eine Familie abh\u00e4ngiger Modelle, sondern entweder um eine Menge un\u00adabh\u00e4ngiger Modelle oder um eine Menge allgemeiner Theorien, die abh\u00e4ngige Modelle generieren k\u00f6n\u00adnen. Sie passen somit eher zu dem, was Tuomi (1981, 1992) das &#8218;Netzmodell&#8216; der ET genannt hat. Diese Theorien scheinen in der Tat referentiell und evidentiell verwandt, d.h. sie bilden ein System von Konsilienzen (Whewell 1847; Ruse 1988). Zudem sind sie miteinander vertr\u00e4glich und schr\u00e4nken daher die Theorie\u2011 und Modellbildung in den verschiedenen Disziplinen ein (Caplan 1978), d.h. sie lenken sie in bestimmte Bahnen und gestatten keine Beliebigkeiten. Sie liefern mit anderen Worten ein einheitliches Bild der Evolution, aber sie stellen keine vereinheitlichte allgemeine Theorie der Evolution dar.<\/p>\n<p>Die ET kann also gegenw\u00e4rtig als ein System von Theorien betrachtet werden. Dann sind die einzelnen Theorien als Komponenten dieses Systems aber keine Subtheorien: Eine Subtheorie ist eine Teilmenge der Haupttheorie (siehe Abschn. 3.5.3). Doch dem System von Theorien, das wir &#8218;Evolutionstheorie&#8216; nennen, fehlt die logische Einheitlichkeit einer Theorie im eigentlichen Sinne, so da\u00df die Teiltheorien nicht aus anderen Teiltheorien oder aus dem System als Ganzem abgeleitet werden k\u00f6nnen, wie dies bei einer Sub\u00adtheorie der Fall ist.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Wer sich etwas mit dem Aufbau und der Struktur wissenschaftlicher Theorien besch\u00e4ftigt hat, kommt sehr schnell zu dem Schluss, dass eine Evolutionstheorie kein deduktiv geschlossener Kontext \u2013 also keine axiomatisch aufgebaute einheitliche Theorie sein kann. Und genau das geht auch aus dem obigen Zitat, das ich bewusst in dieser L\u00e4nge gew\u00e4hlt habe, deutlich hervor. Es macht aber auf Dauer auch keinen Sinn, einen Sack voll Partialtheorien zu besitzen, die aus formaler Sicht unvermittelt neben\u00adeinander stehen \u2013 auf diese Weise kann die Biologie niemals zu einer &#8222;strengen&#8220; Wissenschaft, geschweige denn zu einer &#8222;exakten&#8220; Wissenschaft mutieren. \u2013 Aber vielleicht wollen die Biologen das auch gar nicht.<\/p>\n<p>Dieses Zitat bzw. die von Mario Bunge und Martin Mahner zitierten Arbeiten &#8222;schreien&#8220; f\u00f6rmlich nach einer standpunktabh\u00e4ngigen ET oder allgemeiner nach einer standpunktabh\u00e4ngigen Systemtheorie, in der die einzelnen Theorien logisch vermittelt (&#8222;mediation&#8220;) werden k\u00f6nnen. Wie diese Theorie aus\u00adsehen wird, das ist aber eine andere, eine eigene Geschichte hinter der sich Begriffe wie &#8222;Polykontex\u00adturalit\u00e4t&#8220;, &#8222;polykontexturale Logik&#8220;, &#8222;Morpho- und Kenogrammatik&#8220; und\/oder &#8222;nebengeordnete Zah\u00adlen&#8220; verbergen \u2013 alles Begriffe, die im heutigen Scientific Mainstream noch nicht einmal im Ansatz angekommen sind, aber das alles ist nicht mein Problem. Es wird aber f\u00fcr die Biologen zu einem Problem, wenn nach dem Mechanismus der Evolution gefragt wird. Auf der Basis eines monokontex\u00adturalen Wissenschaftsansatzes, wie er durch die Mathematik und die klassische Logik gegeben ist, k\u00f6nnen die Biologen als &#8222;Antrieb&#8220; f\u00fcr evolutive Prozesse eben immer nur das Prinzip des Zufalls anf\u00fchren. Aus einer poplykontexturaler Sicht der Welt sieht das ganz anders aus, da\u00a0 bilden evolutiv-emanative Prozesse gerade die Basis f\u00fcr die Existenz einer derartigen Theorie.<\/p>\n<p>Ich hoffe, sie nehmen meinen Beitrag, den ich nicht als Kritik sondern als einen kleinen Denkansto\u00df ansehe, nicht pers\u00f6nlich und vor allen Dingen nicht \u00fcbel.<\/p>\n<p><strong>Mit den freundlichsten Gr\u00fc\u00dfen,<\/strong><br \/>\n<strong>Eberhard von Goldammer<\/strong><\/p>\n<p><strong>PS<\/strong>_1: Da f\u00e4llt mir noch ein, dass Sie, lieber Herr Kollege R. am Ende der Veranstaltung erz\u00e4hlt haben, dass Sie &#8222;evolution\u00e4re Algorithmen&#8220; verwenden. Ich m\u00f6chte Sie da auf ein kleines Problem hinweisen. Alle Varianten, die unter dem Etikett der &#8222;evolution\u00e4ren Algorithmen&#8220; versammelt sind, ben\u00f6tigen immer eine Ziel- oder Fitness- oder Optimie\u00adrungsfunktion \u2013 das sind nur unterschiedliche Namen f\u00fcr ein und dieselbe Idee, n\u00e4mlich daf\u00fcr zu sorgen, dass das heuristi\u00adsche Verfahren auch konvergiert, also zu einer (optimalen) L\u00f6sung f\u00fchrt \u2013 ohne eine solche Funktion w\u00e4re das Selektions\u00adverfahren, das bei diesen heuristischen Algorithmen durchgef\u00fchrt wird, gar nicht m\u00f6glich. Diese Zielfunktion muss vom Programmierer vorgegeben werden \u2013 und damit taucht ein Problem auf, denn als Modell f\u00fcr eine Evolutionstheorie taugen die &#8222;evolution\u00e4ren Algorithmen&#8220; nicht und zwar einfach deshalb, weil die Zielfunktion die Existenz eines &#8222;intelligenten Designer&#8220; impliziert. Ich habe sehr gelacht als ich in dem Buch &#8222;Evolutionsbiologie&#8220; von U. Kutschera auf Seite 228f. die &#8222;evolution\u00e4ren Algorithmen&#8220; als (experimentellen) Beleg f\u00fcr die Evolution entdeckt habe. Der Kampf gegen Kreationismus und Intelligent Design (ID) macht eben manchen manchmal blind \u2014 J.<\/p>\n<p><strong>PS<\/strong>_2: Eine kleine \u2013 wirklich nur sehr kleine, aber immerhin \u2013 &#8222;Einf\u00fchrung in die Theorie der Polykontexturalit\u00e4t&#8220; findet man in &#8222;Vom Subjekt zum Projekt oder <em>vom Projekt zur Subjektivit\u00e4t!<\/em>&#8222;. Das war ein Beitrag f\u00fcr ein Buch \u00fcber eine Ringvorlesung, die von Studenten der Universit\u00e4t Oldenburg unter dem Titel &#8222;Wozu noch Geisteswissenschaften&#8220; im Jahr 2005 organisiert worden war. Der Text ist entweder im BIS-Verlag der Univer\u00adsit\u00e4t Oldenburg (Titel: &#8222;Wozu noch Geisteswissenschaften&#8220;) oder unter &lt;<a title=\"Link Publikationsliste\" href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/vgo\/vgo_publications.pdf\" target=\"_blank\">http:\/\/www.vordenker.de\/vgo\/vgo_publications.pdf<\/a>&gt; erh\u00e4ltlich<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gastbeitrag von Eberhard von Goldammer Betrifft: Vortrag vom 30.05.2011\/ Macht die Natur Fehler?\/ Am 30.05.2011 fand an der Universit\u00e4t Dortmund im Rahmen der &#8222;Interdisziplin\u00e4re Veranstaltungsreihe \u2013 Biologie und Gesellschaft&#8220; ein Vortrag statt \u00fcber das Thema &#8222;Macht die Natur Fehler?&#8222;. 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