{"id":284,"date":"2011-06-20T14:01:08","date_gmt":"2011-06-20T12:01:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.vordenker.de\/blog\/?p=284"},"modified":"2011-12-22T19:09:13","modified_gmt":"2011-12-22T17:09:13","slug":"gute-lyrik-ist-prazise","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vordenker.de\/blog\/284\/gute-lyrik-ist-prazise\/","title":{"rendered":"Gute Lyrik ist pr\u00e4zise"},"content":{"rendered":"<p>anl\u00e4sslich der 15, jetzt 16 Thesen Dirk Baeckers zur n\u00e4chsten Gesellschaft.<br \/>\nDer Beitrag fand sich <a title=\"Gute Lyrik ist pr\u00e4zise - ein Beitrag von Nick Haflinger \" href=\"http:\/\/editiondaslabor.blogspot.com\/2011\/06\/gute-lyrik-ist-prazise.html\" target=\"_blank\">hier<\/a>. Der Blog wurde geschlossen. Daher hier das Update vom 22.12.2011<\/p>\n<p><span id=\"view-post-btn\"><span class=\"button\">Gute Lyrik ist pr\u00e4zise. Dies gelegentlich aus dem Blick lassend haben sich Wissenschaftler aller Zeiten im Spielfeld der Poeten versucht, wenn <!--more-->die Fachkontexte in ihren Pr\u00e4zisionsanforderungen allzu qu\u00e4lend wurden, oder wenn sich technische und gesellschaftliche Wirklichkeiten einer verstehenden Modellbildung allzu energisch widersetzten.<br \/>\nDas allerdings produziert noch keine gute Lyrik. Denn f\u00fcr den Poeten gebiert sich die Sinn-Absicht nicht &#8211; nie &#8211; durch Reduktion des Konnotationsfeldes eines Begriffs, einer Zeichenkombination, sondern vielmehr durch Erweiterung und\/oder Verschiebung, durch Aufbrechen der vom Autoren angenommenen vorg\u00e4ngigen Bedeutungen und Assoziationsfelder im Interpretationsraum des Lyrik-Users.<\/span><\/span><\/p>\n<p>Der profunde Luhmann-Epigone Dirk Baecker schlug j\u00fcngst mit <a title=\"Baeckers 16 Thesen\" href=\"http:\/\/www.dirkbaecker.com\/16_Thesen.pdf\" target=\"_blank\">16 Thesen zur n\u00e4chsten Gesellschaft<\/a> auf, die auf den ersten lesenden Blick den Eindruck erwecken, ihre begrifflichen Elemente aus der Fachterminologie der Systemtheorie gewonnen zu haben. D.h. sie erwecken den Eindruck, als Einzelelemente Produkte wissenschaftlichen Nachdenkens zu sein, die &#8211; warum auch nicht &#8211; hernach einer literarisch-lyrischen Verschraubung unterworfen wurden.<\/p>\n<p>Kann man machen, gleichwohl muss man das nicht.<br \/>\nNehmen wir einmal These Nr. 3:<br \/>\n<em>&#8222;Die Strukturform der n\u00e4chsten Gesellschaft ist nicht mehr die formale Differenzierung, sondern das Netzwerk. An die Stelle sachlicher Rationalit\u00e4ten treten heterogene Spannungen, an die Stelle der Vernunft das Kalk\u00fcl, an die Stelle der Wiederholung die Varianz.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Die Strukturform der n\u00e4chsten Gesellschaft ist also der Brei. Denn &#8222;Netzwerk&#8220; lebt auch begrifflich und zwingend davon, formal differenzier- und identifizierbare Komponenten zu haben. Und an die Stelle der Vernunft tritt das Kalk\u00fcl (hier Neutrum, also &#8222;die \u00dcberlegung&#8220;),<br \/>\nBaeckers Kalk\u00fcl.<\/p>\n<p>Und hier kommt These 8:<br \/>\n<em>&#8222;Die Wissenschaft der n\u00e4chsten Gesellschaft ist poetisch und mathematisch. Sie entwirft und berechnet das autonome Objekt. Sie allein ist zust\u00e4ndig f\u00fcr das Neue. Ihre Mathematik einer rekursiven Komplexit\u00e4t tritt an die Stelle des Kalk\u00fcls, der Geometrie und der Linie.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Lassen wir das autonome Objekt einmal autonom ganz Objekt f\u00fcr sich sein und wenden uns dem dritten Satz zu, die Mathematik &#8211; der Wissenschaft der n\u00e4chsten Gesellschaft &#8211; ist eine der rekursiven Komplexit\u00e4t &#8211; also der auf sich gewendeten Komplexit\u00e4t, die per Definitionem in sich schon Rekursivit\u00e4t tr\u00e4gt, sonst w\u00e4r&#8217;s ja &#8217;ne Tautologie, die an die Stelle des Kalk\u00fcls &#8211; hier wahrscheinlich Maskulinum, also der Kalk\u00fcl &#8211; tritt. Wie w\u00e4r&#8217;s mit einem rekursiven Kalk\u00fcl der Komplexit\u00e4t? Mathe ohne Kalk\u00fcl, ohne den Kalk\u00fcl, die Kalk\u00fcle, geht gar nicht. Ob sich allerdings die Bedingung der wohlgeformten Formel in der Selbstreferenz eines Kalk\u00fcls aufrecht erhalten lassen wird, ist eine andere Frage. Und die Geometrie schenken wir uns, samt Linie, beide sollen hier eh &#8211; und ganz sicher &#8211; neben der Komplexit\u00e4t Statisten sein, poetisierende Platzhalter f\u00fcr eine Linearit\u00e4t, die es so nie gegeben hat.<\/p>\n<p>Und weiter zu These 11:<br \/>\n<em>&#8222;Die Organisation der n\u00e4chsten Gesellschaft ist kenogrammatisch. Sie definiert<\/em><br \/>\n<em> Leerstellen, die jederzeit anders besetzt werden k\u00f6nnen. Sie motiviert zu einer Arbeit, die nur in diesem Moment nicht austauschbar ist. Sie engagiert sich f\u00fcr Produkte, die den Kunden binden, indem sie ihn freisetzen.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Eine Organisation also, die entsprechend der wortgem\u00e4\u00dfen \u00dcbersetzung dieses Neu-Kompositums Keno-Grammatik aus dem Altgriechischen, in der Kunst des Lesens und Schreibens (Grammatik) im Leeren (Kenos) bewandert ist. Dabei wei\u00df Baecker, dass der Begriff Kenogrammatik aus der wissenschaftlichen Kreativit\u00e4t des Logikers Gotthard G\u00fcnther stammt, der diese Bezeichnung f\u00fcr seine klassischen Logik- und Formkonzeptionen vorg\u00e4ngige Strukturtheorie w\u00e4hlte, die noch nicht durch die Differenz von Form und Inhalt belastet ist und in der insbesondere weder das logische noch das semiotische Identit\u00e4tsprinzip g\u00fcltig ist. Orga ohne Form und Inhalt. Was meint Baecker, etwa die aktuelle Bundesregierung? Die aktuellen Wechsel innerhalb der FDP-Rollen legen durchaus einen bestimmten gleichwohl falschen Schluss nahe, was Baecker mit Leerstellen gemeint haben k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Den Rest dieser sowie die restlichen Thesen schenke ich mir.<br \/>\nVon These zu These springende Begriffe, die sich und andere Begriffe referenzieren und sogleich vergessen, was sie vorg\u00e4ngig gerade eben noch referenziert haben. Das funktioniert nicht mal als Lyrik.<\/p>\n<p>Es besteht dennoch kein Grund, Baeckers 16 Thesen nicht als Teaser, als Provokation zu lesen. Schlie\u00dflich wurden sie vorg\u00e4ngig zu einem Kongress zur Scharfstellung der n\u00e4chsten Gesellschaft ver\u00f6ffentlicht, der von seinen Besuchern je eine Entrittsgeb\u00fchr von 1250 Euronen erheben m\u00f6chte. Von daher gibt es sicher einen gewissen Originalit\u00e4tszwang &#8211; ganz so wie man es aus der Werbung kennt.<br \/>\nKlar, ich habe mich teasen und hier zu diesem kleinen Kommentar hinrei\u00dfen lassen. Dennoch steht es mir immer noch frei, jetzt und hier abzubrechen. Gute Lyrik geht anders. Gute Wissenschaft auch.<\/p>\n<p>Ich sehe &#8211; in meinem eigenen, das sei zugegeben &#8211; ebenfalls nach Originalit\u00e4t gierenden Imaginationsraum &#8211; vor mir einen immer noch einsamen Zarathustra im Bewusstsein Nietzsches, der sich traurig von seinem Internetschirm ab- und seinem Borges&#8217;schen Weltalter-B\u00fccherregal zuwendet, um &#8211; ein weiteres Mal &#8211; Heideggers Holzwege vom Bord zu nehmen.<\/p>\n<p>Und ich sehe den seinsvergessenen Software-Ingenieur, der sich darum einen Dreck schert und iterativ ein weiteres Mal seinen Compiler anschmei\u00dft, um den neuen Supercash-Algorithmus einem letzten Test zu unterziehen. Dieses Mal wird er wieder die Welt ver\u00e4ndern &#8211; ganz ohne Lyrik &#8211; im Kontingenzraum des formal M\u00f6glichen &#8211; oder besser &#8211; des m\u00f6glichen Formalen.<\/p>\n<p>Nick Haflinger<br \/>\nEingestellt von Nick am 19.06.2011 bei editiondaslabor.blogspot.com &#8211; Dieser Blog wurde geschlossen. Daher hier das Update.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>anl\u00e4sslich der 15, jetzt 16 Thesen Dirk Baeckers zur n\u00e4chsten Gesellschaft. Der Beitrag fand sich hier. Der Blog wurde geschlossen. Daher hier das Update vom 22.12.2011 Gute Lyrik ist pr\u00e4zise. 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