{"id":306,"date":"2011-07-21T08:58:14","date_gmt":"2011-07-21T06:58:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.vordenker.de\/blog\/?p=306"},"modified":"2011-07-21T18:06:23","modified_gmt":"2011-07-21T16:06:23","slug":"mcluhan-weiter-denken-sprache-technik-menschwerdung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vordenker.de\/blog\/306\/mcluhan-weiter-denken-sprache-technik-menschwerdung\/","title":{"rendered":"McLuhan weiter denken &#8211; Sprache, Technik, Menschwerdung"},"content":{"rendered":"<p>zu Herbert Marschall McLuhans 100stem Geburtstag<\/p>\n<h3>Sprachliche Insuffizienz<\/h3>\n<p>Technik &#8211; im Sinne der griechischen Techn\u00e9 als Kunst, Kunstfertigkeit, Handwerk beschreibt unser Verh\u00e4ltnis zur Welt als Relation. Wir sind es, die wir in dieser vertrackten Relation namens Technik drinstecken, nicht als irgendein abstrakter Begriff eines einsamen Ich, <!--more-->das sich der \u00fcberw\u00e4ltigenden Vielgestaltigkeit der Welt gegen\u00fcbersieht, so wie das in unserer auf die alten Griechen zur\u00fcckgehenden Ontologie immer wieder dargestellt wurde. Vielmehr ist es ein konkretes Wir, das in der Technik steckt, wo in einer Art streitender Gemeinsamkeit die alte Beziehung des einsamen Ichs zur Welt f\u00fcr jedes menschliche Individuum mit je individueller F\u00e4rbung und Formung und daher immer neu wiederholt und somit in einer Vielheit aufgehoben ist.<\/p>\n<p>Unsere modernen westlichen indogermanischen Sprachen sind es, die die Wirklichkeit und Vielgestaltigkeit dieser Relation geradezu systematisch vor uns zu verbergen scheinen, in dem sie uns S\u00e4tze und ein Sprechen abverlangen, die beide allzeit dem Subjekt-Objekt-Schema zu gen\u00fcgen haben. Hier bemerken wir, dass Sprache allein nicht oder nicht mehr ausreicht, um Sachlagen und Relationen ad\u00e4quat darstellen und vermitteln zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Der Medienphilosoph Vil\u00e9m Flusser kritisierte dies einmal in einem Interview am Beispiel der T\u00e4tigkeit von Hirten. Denkt man diese Hirten-Technik vom menschlichen Subjekt aus, ergibt sich eine Weltsicht, die als Konstruktivismus bezeichnet wird und die bei uns in Deutschland insbesondere in p\u00e4dagogischen Kontexten weit verbreitet ist. Wir konstruieren unsere Welt, sagt der radikale Konstruktivismus, ergo folgert Flusser, muss es f\u00fcr die Konstruktivisten hei\u00dfen: Hirten weiden Schafe. Der Mensch steht ganz auf der aktiven Seite des Satzes.<br \/>\nIm Gegenzug w\u00fcrden ding-fixierte Positivisten, die Objektivit\u00e4t in allgemeing\u00fcltigen S\u00e4tzen anstreben und Subjektivit\u00e4t sehr gern aus der Wissenschaft und \u00fcberhaupt aus allem anderen heraushalten wollen, die auf den Waren-Fetisch bezogene passivische Form bevorzugen und sagen: Schafe werden von Hirten geweidet. Das sind die einzigen direkten M\u00f6glichkeiten des Ausdrucks in unserer Sprache.<\/p>\n<p>Flusser schl\u00e4gt nun vor, um unserer Erkenntnissituation bezogen auf die auszudr\u00fcckenden Relationen gerecht zu werden, den Fokus der Betrachtung gewisserma\u00dfen zu verschieben und zu sagen: Es gibt ein Weiden von Hirten und Schafen, also gibt es Hirten und Schafe, die in einem Weideverh\u00e4ltnis zueinander stehen. Dieses Verh\u00e4ltnis, so Flusser, sei eher als mathematische Funktion F(x,y) ausdr\u00fcckbar, denn als Subjekt-Objekt-Satz. Der linguistische Diskurs w\u00fcrde also der Konkretheit des Weidens nicht mehr gerecht.<br \/>\nFlusser selbst verweist desweiteren darauf, dass dieses Ich &#8222;nie allein da sein&#8220; k\u00f6nne, und dass es immer ein Du gebe, woraus ein seltsames Wir entst\u00fcnde, das nicht genau dasselbe ist wie die erste Person Plural, sondern eher so etwas wie &#8222;die vierte Person Einzahl&#8220;. Dieses Wir, so Flusser, sei &#8222;das Gegenteil des Es&#8220; [1], der Welt als Ansammlung von Dingen.<\/p>\n<p>Die Konkretheit der Weideverh\u00e4ltnisse ist jedoch in der Regel noch viel komplexer. F\u00fcrgew\u00f6hnlich ist der Hirte nicht einmal w\u00e4hrend des Weidens allein mit den Schafen, sondern Teil eines Wir, in das seine tierischen Kollegen, seine H\u00fctehunde, mit einbezogen sind. Dies besagt, dass wir konsequenterweise das Wir auch \u00fcber den rein menschlichen Bereich hinaus ausgedehnt denken k\u00f6nnen, dass &#8222;Leben an sich&#8220; in einem weiteren Sinn in ein &#8222;Wir in der Welt&#8220; mit einbezogen werden muss. Ein solcher Schritt beinhaltet jedoch eine weitere Entthronung des Menschen &#8211; letztlich den Tod des Humanismus.<\/p>\n<h3>Das Entstehen des Relationenfeldes Technik &#8211; Menschwerdung<\/h3>\n<p>In dieselbe Richtung zeigt der franz\u00f6sische Philosoph Jean-Luc Nancy, indem er zun\u00e4chst auf &#8222;die Zwecklosigkeit der Zwecke&#8220; hinweist, die am Anfang aller unserer Technik steht.[2] Dort steht ganz im griechischen Wortsinn der techn\u00e9 die Kunst. Denn &#8222;schon im Pal\u00e4olithikum produzierten die Leute massenweise Farbpigmente und transportierten sie \u00fcber Hunderte von Kilometern. Wir Menschen waren von Anfang an verr\u00fcckt.&#8220;\u00a0 Kunst &#8211; und damit Technik &#8211; kommt aus einer Zwecklosigkeit, sagt Nancy. Sie erzeugt ihren Zweck selbst. Dies steht im strengen Gegnsatz zu einer im 20. Jahrhundert sehr popul\u00e4ren Auffassung, die Technik als Mittel des Menschen sieht, einen Anpassungsmangel gegen\u00fcber den optimal an ihre Umgebung angepassten Tieren zu kompensieren. Technik als Notwendigkeit, als Zweck des M\u00e4ngelwesens Mensch, seine M\u00e4ngel k\u00fcnstlich auszugleichen. [3]<\/p>\n<p>Einen weiteren Erkenntnisbaustein bringt der erst durch Dieter Claessens und dann durch Peter Sloterdijk wiederentdeckte j\u00fcdische Anthropologe und Arzt Paul Alsberg ins Spiel. Er f\u00fchrt in seinem 1922 erstmals\u00a0 erschienenen Werk &#8222;Das Menschheitsr\u00e4tsel&#8220; den Begriff der K\u00f6rperausschaltung [4] ein und liefert damit neben Anpassung einen notwendigen zweiten Begriff, mit dessen Hilfe nun an eine Weichenstellung innerhalb der menschlichen Evolution gedacht werden kann.<\/p>\n<p>Wiederum Vil\u00e9m Flusser gab uns das Bild des \u00e4ffischen Baumbewohners, der durch das Auseinandertreten der B\u00e4ume im ostafrikanischen Becken beim Hangeln pl\u00f6tzlich vom Baum fiel und auf seinen zwei Beinen landete.[5] Wir wissen nicht, warum\u00a0 dieser fr\u00fche Primat sich aufrichtete, vielleicht um \u00fcber das hohe Steppengras hinweg seine Feinde und Fressfeinde schneller entdecken zu k\u00f6nnen.\u00a0 Als Konsequenz jedoch hatte er die H\u00e4nde frei. Ein Moment, den wir zun\u00e4chst &#8211; was die H\u00e4nde betrifft &#8211; als zweckfrei bezeichnen k\u00f6nnen. Die Vorderl\u00e4ufe, die bis dahin steten Kontakt mit dem Erdboden, mit Baum\u00e4sten hielten, sind ihres Zweckes im Wortsinn ab-handen gekommen. F\u00fcr Flusser ist dieser Fall vom Baum der Ur-sprung, der Fall aus dem Paradies, das Sich-\u00d6ffnen eines M\u00f6glichkeitsraums, den wir vielleicht mit Alsberg als den Beginn eines anderen Weges der Evolution betrachten k\u00f6nnen, dem Weg der K\u00f6rperausschaltung. Dies stellt zun\u00e4chst einen Verlust dar, die vorderen Gliedma\u00dfen verlieren den Kontakt zur Welt. Infolgedessen wird versucht, diesen Kontakt wieder herzustellen.<\/p>\n<p>Eine erste, einfache keineswegs vollst\u00e4ndige Antwort auf die metaphysische Frage Nancys, &#8222;wie es m\u00f6glich ist,\u00a0 dass [&#8230;]\u00a0 ein Seiendes wie der Mensch herausgekommen ist, der der Techniker par excellence ist.&#8220; [6]<br \/>\nWenn wir \u00fcberhaupt von einem Anfang sprechen k\u00f6nnen, lag er m\u00f6glicherweise darin, dass unsere Hominiden-Ahnen die H\u00e4nde frei hatten und sodann den Weg der Menschwerdung beschritten, ein Weg, der direkt in dieses Relationenfeld Technik f\u00fchrt, es im Beschreiten des Weges erzeugt und im geschichtlichen Prozess ausweitet.<\/p>\n<p>Lassen wir noch einmal Nancy zu Wort kommen, der mit Wittgenstein sagt: &#8222;Das Bedeutende ist, dass wir hier sind.&#8220; In einer Welt, &#8222;die aus Nichts und f\u00fcr Nichts gegeben ist, aber zugleich wirklich gegeben ist, und wir sind Teil der Gegebenheit&#8220;[7].<\/p>\n<p>Halten wir also zun\u00e4chst zwei Aspekte fest, erstens den der Technik als uns beinhaltendes Relationenfeld und zweitens den des Wir.<br \/>\nUnd &#8211; in einem gewissen Sinn &#8211; haben wir immer noch die H\u00e4nde frei. Das hei\u00dft, dass wir immer noch im Ur-sprung sind. Daher haben wir eine ganze Welt auszubauen, aber vor dem Hintergund des hier Ausgef\u00fchrten nicht mehr, so Nancy, &#8222;in der Weise, wie wir das bis hierher getan haben.&#8220;<\/p>\n<p>Dem ist nichts hinzuzuf\u00fcgen.<\/p>\n<p>Nick H.<\/p>\n<p>[1] Flusser, Vil\u00e9m; <a title=\"Flusser Interview\" href=\"http:\/\/tubuk.com\/assets\/pdf\/leseprobe_flusser.pdf\" target=\"_blank\">Interview mit Florian R\u00f6tzer<\/a>, M\u00fcnchen 1991<br \/>\n[2] Nancy, Jean-Luc; <a title=\"Videomittschnitt des Vortrags\" href=\"http:\/\/www.kolloquium-medienwissenschaft.de\/?page_id=674\" target=\"_blank\">Destruktion als Erinnernung oder Struktion der Techn\u00e9<\/a>, Vortrag am Bochumer Kolloquium Medienwissenschaften, 08.12.2008, time code 01:15:00<br \/>\n[3] Gehlen, Arnold; Der Mensch. Seine Natur und seine Stellung in der Welt. Berlin 1940.<br \/>\n[4] Alsberg, Paul; <a title=\"Das Menschheitsr\u00e4tsel - von Paul Alsberg\" href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/blog\/?p=270\" target=\"_blank\">Der Ausbruch aus dem Gef\u00e4ngnis &#8211; zu den Entstehungsbedingungen des Menschen<\/a>, Bearbeitete Neuauflage von &#8218;Das Menschheitsr\u00e4tsel&#8216; von Paul Alsberg; Hrsg.: Dieter Claessens, Gie\u00dfen, 1979<br \/>\n[5] Flusser, Vil\u00e9m; Vom Subjekt zum Projekt &#8211; Menschwerdung, Frankfurt 1998, S. 24ff<br \/>\n[6] Nancy, Jean-Luc; a.a.O. timecode 01:04:00ff<br \/>\n[7] Nancy, Jean-Luc; a.a.O. timecode 00:50:00ff<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>zu Herbert Marschall McLuhans 100stem Geburtstag Sprachliche Insuffizienz Technik &#8211; im Sinne der griechischen Techn\u00e9 als Kunst, Kunstfertigkeit, Handwerk beschreibt unser Verh\u00e4ltnis zur Welt als Relation. 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