{"id":42,"date":"2010-06-25T09:42:10","date_gmt":"2010-06-25T07:42:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.vordenker.de\/blog\/?p=42"},"modified":"2020-06-16T09:51:28","modified_gmt":"2020-06-16T07:51:28","slug":"die-neuen-postmodernen-verwirrten-folge-1-david-weinberger","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vordenker.de\/blog\/42\/die-neuen-postmodernen-verwirrten-folge-1-david-weinberger\/","title":{"rendered":"Die neuen postmodernen Verwirrten, Folge 1: David Weinberger"},"content":{"rendered":"<p>In der letzten Zeit beobachten wir auf dem Buchmarkt ein interessantes Ph\u00e4nomen. Bestimmte &#8222;Fachautoren&#8220; werfen popul\u00e4rwissenschaftliche B\u00fccher zu Zeitproblemen und Zeitgeist auf den Markt, deren Markterfolg in krassem Gegensatz zu ihrem Gehalt steht. <!--more--><\/p>\n<figure id=\"attachment_43\" aria-describedby=\"caption-attachment-43\" style=\"width: 159px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/Das-Ende-Schublade-digitalen-Unordnung\/dp\/3446412212\/ref=sr_1_2?ie=UTF8&amp;s=books&amp;qid=1277450186&amp;sr=8-2\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-43 \" title=\"weinberger_nh\" src=\"http:\/\/www.vordenker.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2010\/06\/weinberger_nh.jpg\" alt=\"\" width=\"159\" height=\"258\"><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-43\" class=\"wp-caption-text\">Buchcover - David  Weinberger - Die Macht der neuen digitalen Unordnung<\/figcaption><\/figure>\n<p>Dabei soll das schriftstellerische Verm\u00f6gen keinesfalls in Abrede gestellt werden. Es ist schon bewundernswert, wie wortgewaltig die Autoren ihre eigenen gedanklichen Nebelkerzen als Ausdruck maximaler Inkompetenz und mangelnder Denkkultur in S\u00e4tze fassen und unters Volk, i.e. die Leser werfen und damit die eigene Verwirrtheit in Bares umm\u00fcnzen. Insofern re\u00fcssieren die Autoren ihrerseits als Ausdruck eines Zeitgeistes, den sie eigentlich beschreiben m\u00f6chten.<\/p>\n<p>Den Aufschlag machte 2007 der US-amerikanische Akademiker David Weinberger mit seinem Buch &#8222;Everything is Miscellaneous. The Power of the New Digital Disorder&#8220;, das 2008 unter dem Titel &#8222;Das Ende der Schublade : Die Macht der neuen digitalen Unordnung&#8220; auf Deutsch erschien. Grund genug, es hier einer versp\u00e4teten Rezension zu unterwerfen.<\/p>\n<p>Weinbergers Buch beginnt mit einer l\u00e4ngeren Betrachtung dar\u00fcber, dass gegenst\u00e4ndliche Waren, z.B. in einem Kaufhaus, immer nur einen Ort einnehmen k\u00f6nnen und damit immer nur einem Ordnungsprinzip unterworfen sind. K\u00e4se findet sich eben im K\u00e4sek\u00fchlfach in der Lebensmittelabteilung und nicht neben den Krawatten bei der Herrenoberbekleidung. Die Realisierung eines anderen Ordnungsprinzips, etwa die Gruppierung nach Herstellern, hat eine Umordnung der Waren zur Folge. Soweit, so gut, das Ordnungsprinzip der Waren ist f\u00fcrgew\u00f6hnlich Gegenstand eines bestimmten Kontextes und Kontexte k\u00f6nnen bei Bedarf ge\u00e4ndert werden.<\/p>\n<p>In der &#8222;digitalen Welt&#8220; aber, so Weinberger, sei eine grunds\u00e4tzliche Unordnung ein bestimmendes Element. Nichts hat mehr einen festen Platz und man kann den digitalen Objekten mehrere Orte zugleich zuweisen (S. 16f). Die Grundthese seines Buches besagt nun, dass die digitale Welt von der Physischen v\u00f6llig verschieden sei, da im Digitalen keine Ordnung mehr bestehe. Weinberger f\u00fchrt am Beispiel von Fotoalben weiter aus, dass wir nun im Computer beliebig viele Alben, also Ordnungen nebeneinander bestehen lassen k\u00f6nnen und der Ort des einzelnen Bildes keine Rolle mehr spielt. Sp\u00e4testens hier stehen dem gestandenen IT-ler die Haare zu Berge. Denn selbstverst\u00e4ndlich muss jedes Album die Links, die Adressen zu seinen Bildern kennen und damit auch den physikalischen Ort, an dem die Bilder gespeichert sind. Dar\u00fcber hinaus lassen sich auch zu physischen Objekten, z.B. zu Gem\u00e4lden, die &#8211; als Unikate &#8211; nur einmal existieren und daher nur einen eindeutigen Ort haben, abz\u00e4hlbar viele Kataloge &#8211; also Ordnungen &#8211; erstellen, die die Bilder auffindbar machen. Zum kopfsch\u00fcttelnden IT-ler gesellt sich hier nun auch der Bibliothekar. F\u00fcr ihn geh\u00f6rt die Anfertigung von verschiedenen Katalogen zu unterschiedlichen Bed\u00fcrfnissen, also Kontexten, zum Kerngesch\u00e4ft seines Berufes.<\/p>\n<p>Thomas Hilberer bemerkt hierzu in seiner <a title=\"Hilberers Rezension\" href=\"http:\/\/tobias-lib.uni-tuebingen.de\/volltexte\/2008\/3587\/pdf\/weinberger_miscellaneous_unordnung.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Rezension<\/a> des Weinberger-Buches:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Dass das Digitale sich sehr viel einfacher kopieren l\u00e4\u00dft, so da\u00df ein Foto in vielen Alben pr\u00e4sent sein kann, das Buch aber (meist) nur einmal vorhanden ist &#8211; dieser Unterschied ist kein grunds\u00e4tzlicher, denn er \u00e4ndert nichts an der M\u00f6glichkeit der mehrfachen Ordnung: jedes Buch hat virtuell mehrere Pl\u00e4tze. Sp\u00e4ter scheint Weinberger dann doch noch begriffen zu haben, was Kataloge leisten, und damit widerlegt er seine Grundthese selber (S. 68).&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Warum also das Ganze? Wer es ohne einzuschlafen geschafft hat, sich durch alle 286 Seiten zu beissen, ist keinen Deut schlauer als zuvor. Dennoch kann das Durchbl\u00e4ttern des Buches f\u00fcr denjenigen ein Gewinn sein, dem die lesende und verstehende Aufmerksamkeit (noch) nicht abhanden gekommen ist. Ihm wird klar, dass die gedanklichen Nebelkerzen Weinbergers dadurch entstehen, dass er zwei ineinander verschlungenen Verwechslungen zum Opfer f\u00e4llt und es bis zum Schluss nicht schafft, sich davon zu l\u00f6sen. Stattdessen verr\u00fchrt er sie zu einem argumentativen Irrgarten und verstrickt sich in die selbst gestellten Fallen.<\/p>\n<p>Erstens ist der grunds\u00e4tzliche Charakter der Kopie bei ihm nicht verstanden. Der Ort eines jeden digitalen Objekts im Datennetz, unabh\u00e4ngig davon, ob es nur einmal oder vielfach vorliegt, ist immer eindeutig definiert, eine zwangsl\u00e4ufige Voraussetzung daf\u00fcr, das Objekt \u00fcberhaupt referenzieren zu k\u00f6nnen. Die Zusammenf\u00fchrung verschiedener z.B. Fotos von unterschiedlichen Orten \u00fcber Links in einer Fotokatalog-Webseite stellt informationstechnisch gesehen eben keine neue &#8222;Ortschaft&#8220; der Bilder her. Der Autor verbleibt hier an der Benutzeroberfl\u00e4che. Die Tiefenstruktur des Netzes, die erst die M\u00f6glichkeit einer solchen Webseite liefert, wird von ihm vernachl\u00e4ssigt. Dar\u00fcber hinaus ist eine Vielfalt von Referenzierungen in unterschiedlichen Katalogen kein Merkmal des Datennetzes, die oben erw\u00e4hnten Bibliothekare praktizieren dies seit Jahrhunderten.<\/p>\n<p>Zweitens verwechselt Weinberger das Objekt selbst mit seiner Beschreibung in Form von Metadaten und auf einer h\u00f6heren Ebene die Dingwelt mit der Welt ihrer Repr\u00e4sentation f\u00fcr die Nutzer. Konsequenterweise m\u00fcsste er jedem raten, im Restaurant die Speisekarte zu essen, sie ist ja dasselbe wie das Men\u00fc. So macht er die Beziehung eines Objektes und seiner Beschreibung zu einer und nur einer Sache, die keine innere Struktur besitzt, der Prozess der Abbildung selbst wird in seinem Schreiben nicht sichtbar.<\/p>\n<p>Ganz wirr wird es, wenn Weinberger im letzten Drittel seines Werkes (S. 219f) die alten Griechen Aristoteles und Platon bem\u00fcht und ihren Versuchen der Kategorisierung der Dingwelt in v\u00f6lliger Unkenntnis der historischen Tatsachen einen absolutistischen Charakter vorwirft und sogleich auf diesen einpr\u00fcgelt. H\u00e4tte ein Philosoph es \u00fcberhaupt geschafft, bis hier vorzudringen, w\u00fcrde er nun das Buch teils gelangweilt, teils angewidert in den Papierkorb werfen.<\/p>\n<p>F\u00fcr Weinberger ist die Welt eine Benutzeroberfl\u00e4che. Sein Denken &#8211; wenn man dieses Wort \u00fcberhaupt verwenden kann &#8211; erweist sich damit als nicht zukunftsf\u00e4hig. Und sein Schreiben als Selbstzweck, wenn, ja wenn der monet\u00e4re Aspekt nicht w\u00e4re.<\/p>\n<p>F\u00fcr denjenigen, der sich selbst ein Bild machen m\u00f6chte, verbirgt sich hinter dem Bild der Link zum Amazon-Bestellservice.<\/p>\n<p>Bleibt die Frage zu stellen, wenn diese Autoren hier als die neuen postmodernen Verwirrten bezeichnet werden, wer sind dann die Alten? Damit muss ganz selbstverst\u00e4ndlich die 68er-Bewegung und ihr politischer Arm, B\u00fcndnis 90\/Die Gr\u00fcnen gemeint sein. Dort wurde das &#8222;Ich habe fertig!&#8220; mit der Aufkl\u00e4rung vergessen, aber das ist eine andere Geschichte.<\/p>\n<p>Demn\u00e4chst: Die neuen postmodernen Verwirrten, Folge 2:&nbsp; Frank Schirrmacher<br \/>\nStay tuned!<\/p>\n<p>Nick H.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der letzten Zeit beobachten wir auf dem Buchmarkt ein interessantes Ph\u00e4nomen. 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