{"id":85,"date":"2010-09-11T12:03:22","date_gmt":"2010-09-11T10:03:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.vordenker.de\/blog\/?p=85"},"modified":"2020-06-16T09:59:01","modified_gmt":"2020-06-16T07:59:01","slug":"ein-nachwort-zur-loveparade-2010-todesparade-und-politische-hutchenspieler","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vordenker.de\/blog\/85\/ein-nachwort-zur-loveparade-2010-todesparade-und-politische-hutchenspieler\/","title":{"rendered":"Ein Nachwort zur Loveparade 2010 &#8211; Todesparade und politische H\u00fctchenspieler"},"content":{"rendered":"<h4>von Peter Rath-Sangkhakorn<\/h4>\n<p>Zwischenzeitlich haben sie es kleinlaut eingestanden: Die gro\u00dfm\u00e4uligen Zahlenangaben waren ein Werbeschwindel. Nach den Duisburger Ereignissen wird die Frage nach &#8222;Sicherheitsversagen&#8220;, Schuld und Verantwortung gestellt und in einem Schwarze-Peter-Spiel \u2013 mit und ohne Medienberater \u2013 zwischen <!--more-->Stadt, Polizei, Veranstalter und Politikern hin- und hergeschoben. Ein unbeholfener Kommunalpolitiker bietet sich als Bauernopfer an. Die Frage, ob es nicht Ausdruck unverantwortlicher Politik war, ein ausgelaufenes Steuerabschreibungsmodell als Kulturevent aufzubrezeln, wird nicht gestellt. Das l\u00e4\u00dft f\u00fcr die Priorit\u00e4ten der Jugend- und Kulturpolitik in der M\u00f6chte-Gern-Metropole Ruhr keinen Lernproze\u00df erwarten &#8230;<\/p>\n<p>Die Duisburg Death-Parade steht f\u00fcr Gr\u00f6\u00dfenwahn, Profitgier und kulturelle Naivit\u00e4t der leitenden Angestellten unserer Republik. Und viele, die jetzt mit dem Finger der ausgestreckten Hand auf den Duisburger Oberb\u00fcrgermeister Herrn Sauerland zeigen und ihn zum Bauernopfer machen, sollten bedenken, wieviele Finger auf sie zur\u00fcck zeigen. Oder hat mann\/frau schon vergessen, wer alles unter dem Etikett &#8222;Event&#8220; und &#8222;Jugendkultur&#8220; so KRAFTvoll f\u00fcr das Loveparade-Spektakel geworben hat, was schon seit Jahren nur noch der &#8222;kommerziellen Verwertung und der Werbung einer Marke diente&#8220; (Motte). Ein Steuerabschreibungsmodell als Kulturevent und Standortfaktor zu verkaufen, steht f\u00fcr den weiteren Niedergang der vorherrschenden Kulturpolitik.<\/p>\n<p>Die Loveparade unter dem Motto &#8222;The Art of Love&#8220;, also die Kunst der Liebe, war schon ein aufdringlicher Massenschwindel und wenn unsere Piet\u00e4tsheuchler und Kondolenzkamerilla jetzt nur \u00fcber Sicherheitskonzepte und Sicherheitsl\u00fccken nach&#8220;denken&#8220;, offenbaren sie nur, das postindustrielle Elend weiter &#8222;kulturell&#8220; \u00fcberformen zu wollen.<\/p>\n<p>Jugendliche machen heute zunehmend die Erfahrung, wie ihnen Lebens- und Erfahrungs(spiel)r\u00e4ume beschnitten werden und sie im Wartestand gesellschaftlicher \u00dcberfl\u00fcssigkeit verharren m\u00fcssen. Jugend war stets gepr\u00e4gt von Neugier und Kreativit\u00e4t, Erkenntnisgewinnung und Abenteuerlust, der Infragestellung bestehender Normen und dem Bed\u00fcrfnis nach Erfahrungslernen \u2013 auch im Bereich von Kommunikation und Sexualit\u00e4t. War Jugendkultur fr\u00fcher eine mehr regional konzentrierte &#8222;Lausbubenkultur&#8220;, hat sie heute die M\u00f6glichkeit des weltweiten Vergleichs, Trends wahrzunehmen und zu \u00fcbernehmen. Der zunehmende Medienkonsum aber auch die soziale Konstruktion von Wirklichkeit durch Medienmanipulation bestimmt ein gewandeltes Bild der Jugendkultur: so gibt es nicht nur Kontinuit\u00e4ten von Woodstock bis zur Loveparade, sondern auch Unterschiede. Was als grenzenloser Spa\u00df mit prallen Beats und sch\u00f6nen K\u00f6rpern am Anfang der Techno-Szene stand, ist von Loveparade zu Loveparade mehr zu einem<\/p>\n<p>Konsumspektakel verkommen, indem auf den &#8222;Floatern&#8220; nicht mehr Raver, sondern Go-Go-Girls tanzten und die urspr\u00fcngliche Subkultur lieber zuhause blieb als sich dem Massenauftrieb anzuschlie\u00dfen.<\/p>\n<p>Von einer Gesellschaft, die es nicht schafft ein Menschenrecht auf menschenw\u00fcrdige Arbeit und menschenw\u00fcrdiger Mu\u00dfe miteinander zu verbinden, in der das Menschenrecht auf offene Bildung zur \u201eEmployability\u201c der Standortkonkurrenz im globalen Wettbewerb verkommt, kann keine kulturelle \u201eBreitenarbeit\u201c erwartet werden. Wenn die&nbsp; allgemeine Kommerzialisierung voranschreitet und unter dem Etikett &#8222;Sparen&#8220; im Bereich der Kultur- und Sozialpolitik zu Gunsten des gro\u00dfen Geldes und der Banken gek\u00fcrzt wird, braucht man sich auch \u00fcber den Run auf (kostenlose) Gro\u00dfereignisse nicht zu wundern. Und es \u00fcberrascht dann auch nicht, wenn Jugendliche ins &#8222;second life&#8220; str\u00f6men, weil das &#8222;first life&#8220; so beschissen und erlebnisarm ist. PR-Spektakel,&nbsp; die von Medien dann auch unter dem Etikett Kultur 2010 als &#8222;Event&#8220; gro\u00dfgeschrieben werden, sind dann die Plomben f\u00fcr die&nbsp; Erlebnisl\u00f6cher einer nur noch als Konsumenten ernst genommen Jugend.<\/p>\n<p>Wenn Jugendzentren vor sich hin d\u00fcmpeln, Schulen zu Bildungsvollzugsanstalten verkommen, Kulturarbeit gek\u00fcrzt und Kultur ein kommerzialisiertes Wirtschaftsgut wird, wenn statt Werten und Inhalten nur noch &#8222;Kompetenzen&#8220; in Schulen und Bildungseinrichtungen vermittelt werden, um im globalen Wettbewerb andere nieder zu konkurrenzieren, der Sozialdarwinismus gef\u00f6rdert wird, warum wundert man sich dann noch, wenn es nur noch Identit\u00e4t durch Selbstaufbl\u00e4hung gibt? Dann geht es doch ohne jedwede Handlungsfolgenabsch\u00e4tzung immer nur noch nach dem Motto &#8222;immer gr\u00f6\u00dfer \u2013 immer schneller \u2013 immer weiter&#8220;.<\/p>\n<p>H\u00e4tten Jugendliche &#8222;vor Ort&#8220; M\u00f6glichkeiten jugendgem\u00e4\u00dfer Entfaltung, br\u00e4uchte es keiner Mega-Events, die sich dann doch als Massenschwindel und Beitrag zur gesamtgesellschaftlichen Verbl\u00f6dung erweisen.<\/p>\n<p>Die Frage einer allen Menschen zug\u00e4nglichen kulturellen Infrastruktur hat das Projekt Ruhr 2010 bislang nicht gestellt. \u00dcber jeden Spielsalon im Ruhrgebiet das Schiller-Wort &#8222;nur wo der Mensch spielt, ist er Mensch&#8220; anzubringen, w\u00e4re vielleicht die letzte sinnvolle Subventionsverwendung, die als Nachdenkhilfe auf den Weg gebracht werden k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Die Skala des Politik(er)versagens ist lang und oft in ihren Auswirkungen grausamer als der spektakul\u00e4re Tod von 21 Jugendlichen auf dem Altar des Kultur-Kapitalismus. Was im letzten Jahrhundert \u00fcber neue Priorit\u00e4ten st\u00e4dtischer Kultur- und Jugendpolitik diskutiert wurde, ist bei den Platzhirschen der Medien- und Kreativwirtschaft im Revier noch nicht angekommen. Roland G\u00fcnter, Vorsitzender des Deutschen Werkbundes, hat schon zu Beginn des Un-Kulturspektakels Ruhr 2010 den &#8222;Jahrmarkt der Eitelkeiten&#8220; kritisiert: Das Feuerwerk der Nichtigkeit geht vorbei, auch f\u00fcr die Leute, die &#8222;ihren aufgebl\u00e4hten Busen f\u00fcr den Blasebalg der Gottheit halten&#8220; (Friedrich Nietzsche).<\/p>\n<p>Peter Rath-Sangkhakorn<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Peter Rath-Sangkhakorn Zwischenzeitlich haben sie es kleinlaut eingestanden: Die gro\u00dfm\u00e4uligen Zahlenangaben waren ein Werbeschwindel. Nach den Duisburger Ereignissen wird die Frage nach &#8222;Sicherheitsversagen&#8220;, Schuld und Verantwortung gestellt und in einem Schwarze-Peter-Spiel \u2013 mit und ohne Medienberater \u2013 zwischen<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[6,5,73,1],"tags":[77,75,364,74,365,79,76],"class_list":["post-85","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","category-kultur","category-kulturpolitik","category-politik","tag-kommunalpolitik","tag-kulturevent","tag-kulturpolitik","tag-loveparade","tag-peter-rath","tag-roland-gunter","tag-steuerabschreibungsmodell"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.vordenker.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/85","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.vordenker.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.vordenker.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.vordenker.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.vordenker.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=85"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.vordenker.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/85\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2170,"href":"https:\/\/www.vordenker.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/85\/revisions\/2170"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.vordenker.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=85"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.vordenker.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=85"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.vordenker.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=85"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}