Rudolf Kaehr (1942 – 2016) – Versuch eines Nachrufs

(geb. 20.02.1942 in Biel, Schweiz – verstorben 04.07.2016 in Glasgow, Schottland)

Dieser Beitrag ist Rudolf Kaehr gewidmet, seiner Lebensgefährtin, seiner Familie, seinen Freundinnen und Freunden, seinen Bekannten, seinen Kolleginnen und Kollegen, die ihn schätzen und lieben und die in Trauer miteinander verbunden sind.

Am 4. Juli 2016 verstarb Dr. Rudolf Kaehr plötzlich und unerwartet in seiner Wohnung in Glasgow. Er wurde mitten aus seiner Arbeit gerissen.

Manchmal dauert es eine kleine Weile, bevor überhaupt realisiert werden kann, wer da gerade von uns gegangen ist. Der Verlust des Freundes schockt und wirkt unmittelbar und umso schwerer wenn nicht gar unmöglich ist es dem Menschen Rudolf Kaehr und seinem außergewöhnlichen Leben in einem Nachruf überhaupt gerecht werden zu können.


Ausschnitte (16 min) aus FREISTIL VIII oder Die Seinsmaschine –
Mitteilungen aus der Wirklichkeit – von Thomas Schmitt – TAG/TRAUM / WDR / 1991 / 44 Min.

Wir haben einen großen, warmherzigen Menschen und brillianten Wissenschaftler verloren, einen herausragenden und dabei ausnahmslos dialektischen Denker des 20. und 21. Jahrhunderts.

Rudolf Kaehr studierte u.a. an der FU Berlin Psychologie, Linguistik, insb. Philosophie, mathematische Logik (in Münster bei Herbert Stachowiak) und Mathematik und promovierte bei dem Logiker, Philosophen und Grundlagenforscher der Kybernetik, Gotthard Günther (Biological Computer Laboratory, Urbana, USA), in Hamburg mit summa cum laude.

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Rudolf Kaehr und Gotthard Günther

Noch als wissenschaftlicher Hilfsassistent vertrat er 1968 den Philosophen Paul Feyerabend bei seinen Seminaren an der FU Berlin, der in London gerade mit den Beatles in einer Bar versackt war.[1]

Ab 1972 organisierte Kaehr an der FU Berlin Vorträge von Gotthard Günther, der zu dieser Zeit von den USA nach Hamburg übersiedelte und begleitete den Philosophen zu weiteren Vorträgen an die Akademie der Wissenschaften der DDR nach Ostberlin.[2] Die Zusammenarbeit resultierte in einem Promotions-verhältnis.

Sein Doktorvater Gotthard Günther schreibt über ihn in einem Brief an Heinz von Foerster am 25.07.1978:

„Zu dem, was Mieke (Anm.: Marie, die Ehefrau Günthers) über Kaehr geschrieben hat, will ich noch einiges hinzufügen. Kaehr ist ein crackpot von astronomischen Größenmaßen. („crackpot“, engl.: Spinner, Verrückter, Irrer, Anm. JP) Aber er kann etwas. Er hat die proemielle Relation, die Dir aus meiner Arbeit „Cognition and Volition“ bekannt sein sollte, genommen und auf ihrer Basis eine mehrwertige Logik mit Morphogrammen aufgebaut. Das ist im Wesentlichen auf der Basis meines Buches „Idee und Grundriss einer nicht-aristotelischen Logik“ geschehen. [….] Jedenfalls ist bei Kaehr – wenn er geruht, sich mit Dir in Verbindung zu setzen, was ich nicht weiß, Neues zu finden.“

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Rudolf Kaehr und Heinz von Foerster

Damit würdigt Günther die Entwicklung wesentlicher formaler Anteile seiner Polykontexturallogik als Leistung von Rudolf Kaehr. Mehr noch, er ehrte seinen Promovenden zusätzlich, indem er Kaehrs Dissertation „Materialien zur Formalisierung der Dialektischen Logik und der Morphogrammatik 1973-1975“[3] in die 2. Auflage seines Werkes „Idee und Grundriss einer nicht-aristotelischen Logik“ als Anhang mit hinein nahm. Kaehr war es letztlich auch, der herausfand, dass es neben der von Günther entwickelten offenen Proemialrelation auch noch eine geschlossene Form geben muss.

1985 besuchte Eberhard von Goldammer Rudolf Kaehr in seiner Wohnung in der Goethestraße in Berlin. Laut Rolfs glaubhaft-humorvoller Versicherung war Eberhard, „der einzige Mann, der mir jemals einen Strauß Blumen mitgebracht hat“. Von Goldammer überzeugte Kaehr, die Leitung des Instituts für theoretische Biowissenschaften an der Universität Witten/Herdecke (1987 – 1990) zu übernehmen.

1987 bis 1993 waren wissenschaftlich und menschlich sehr fruchtbare Jahre, es entstanden lange darüber hinaus andauernde Freundschaften, Kooperationen und nicht zuletzt auch ein ganzes Bündel an innovativen Publikationen [4]. Jedoch, und das muss hier ganz unverhohlen gesagt werden, warf die ideologisch motivierte Universitätsleitung Rudolf Kaehr und Eberhard von Goldammer immer wieder Knüppel zwischen die Beine. Der damalige Präsident der UWH, Konrad Schily, bemerkte Kaehr gegenüber einmal, seine Logik sei ihm, Schily, „zu kristallin“. Dies führte letztlich zum Ende beider Institute von Kaehr und von Goldammer und ihrer Arbeitsgruppen, nicht jedoch zum Ende ihrer Zusammenarbeit.

Es folgten Projekte an der Kunsthochschule für Medien in Köln zu den Themen anthropomorpher Schnittstellen und Kreativität, eine Gastprofessur für Philosophie an der Städelschule Frankfurt sowie zahlreiche Seminare und Vorträge. Ende der 90er Jahre übersiedelte er nach Glasgow, Schottland. Mit Ausnahme einer Gastprofessur an der Goldsmith University London war er in seinem „Thinkartlab“ als freier Grundlagenforscher tätig. In dieser Zeit entwickelte er auch die Diamond Theory, eine formal-applikative Umsetzung der Proemialrelation, die darüber hinaus auch als eine polykontexturale Erweiterung des Tetralemma-Verfahrens (Catuṣkoṭi) verstanden werden kann.

Rudolf Kaehr war frei von jeglicher doktoraler oder professoraler Arroganz und ertrug in seinen Seminaren mit Höflichkeit und Engelsgeduld noch die allerblödeste Zwischenfrage: im Gegenteil, oft nutzte er Zwischenfragen, um sich in andere Kontexte tragen zu lassen und den gerade zu erläuternden Sachverhalt aus einem neuen Blickwinkel zu beleuchten.

Seine didaktische Virtuosität bestand u.a. auch darin, seinen Gegenüber aus seinem geistigen Zuhause – bei mir war das Mitte der 80er ein dezenter, gleichwohl noch recht unreflektierter Physikalismus – in eine andere Denkwelt zu katapultieren und ihn den Weg nach Hause allein finden zu lassen. Hatte man den Weg dann endlich gefunden, musste man feststellen, dass sich das Zuhause inzwischen verändert hatte. Diese Vorgehensweise kann auch kritisiert werden, jedoch lässt sie dem Gegenüber immer die individuelle Freiheit, sich darauf einzulassen – oder auch nicht. Diejenigen, die sich darauf einließen, erfuhren in der Kommunikation mit ihm ein zunehmendes Maß an eigener Freiheit im Denken und Handeln, an Inspiration und eigenen Möglichkeiten.

Auf meine Frage, was denn sein eigentliches wissenschaftliches Ziel sei, antwortete er mir einmal in seiner humorvoll-lakonischen Art, mit Letztfragen umzugehen: „Mein Ziel ist die Erweiterung des Nichts“. Ich habe 10 Jahre gebraucht, um zu kapieren, was er damit sagen wollte.

Anderen ging es offenbar ähnlich. So schrieb Hans-Jörg Rheinberger, damals Executive Director des Max-Planck-Institutes für Wissenschaftsgeschichte in Berlin, als Kommentar zu Rudolf Kaehrs Beitrag Zur Verstörung des (H)ortes der Zerstörung [5,6]:

„Ich vermag nur zu ahnen, was sich in Rudolfs Text abspielt, worauf er hinaus will. Das war ja schon damals, vor über dreißig Jahren „Auf dem Grat“, sein vergebliches Bemühen, Leuten wie mir die mehrwertige Logik von Gotthard Günther nahezubringen. „Das Novum der Kenogrammatik gegenüber der Semiotik“, heißt es in seinem Essay, „besteht darin, dass die transzendentalen Voraussetzungen der Semiotik, d.h. die kognitiven Prozesse der Abstraktionen der Identifizierbarkeit und der Iterierbarkeit, also die Bedingungen ihrer Möglichkeit in einen innerweltlichen, d.h. konkret-operativen Zusammenhang gebracht werden.“ Dennoch meine ich, etwas hinter diesem ungeheueren Satz vermuten zu können. Identifikation und Iteration als konkret-operativer, innerweltlicher Zusammenhang? Ja! Da stellt sich ein Bild ein. So ungefähr stelle ich mir den Prozess der experimentellen Erkenntnisgewinnung vor, den material-vermittelten Forschungsvorgang. Auch er ist im Prinzip unabschließbar und hat keinen sinnvoll angebbaren singulären Ausgangspunkt. Das heißt, dass es ihn nur gibt in der ihm eigenen Rekursivität, in seiner Getriebenheit durch seine eigene Bewegung. Er läuft in sich zurück aufgrund einer konstitutiven Identitätsverfehlung, und das ist genau das, was ihn im Gang hält. Der Semiosis der Forschung kommt man weder auf klassisch erkenntnistheoretischem noch auf klassisch logischem Wege bei.“

Rekursivität und Selbstreferenz als wesentliche Themen und Beweger des eigenen Denkens, Forschens und Schreibens stellen Kaehr ebenso wie seinen Doktorvater Gotthard Günther – und andere – außerhalb eines wissenschaftlichen Mainstreams, der lediglich auf die positivsprachlichen Aspekte unseres Denkens zurückgreift, in denen Rekursion ganz zwangsläufig immer wieder auf das simple Feedback zurückfällt.

Gleichwohl genießt Rudolf Kaehr innerhalb der wissenschaftlichen Szene höchstes Ansehen und große Wertschätzung. Der Soziologe Dirk Baecker bewundert ihn für seine Unbestechlichkeit und Präzision. Friedrich Kittler empfand Zeit seines Lebens größten Respekt für Rudolf Kaehr und seine Arbeit, obwohl Kaehr Kittlers medienphilosophischen Ansatz als „etwas zu militärisch geprägt“ kritisierte.

Dieses „Außerhalb“ ist simultan dazu auch ein „Mittendrin“ – wie etwa auf der/den Seite(n) eines Möbiusbandes für diejenigen, die eine „eher graphische Metapher“ bevorzugen – denn Kaehr hielt mit seiner Kritik sowohl am FuE-Mainstream als auch an der kontinentalen sowie an der analytischen Philosophie keineswegs hinter dem Berg. In seinem Aufsatz Einschreiben in Zukunft[7] sagt er:

„Dass in der positivsprachlichen Konzeption von Operativität, Strukturalität, Prozessualität usw. das exakte und operative Denken und Handeln überhaupt zu seinem konzeptionellen Abschluss ge­kommen sei, es kann dabei auf die Limitationstheoreme von Gödel-Rosser‑Church‑Markov hingewiesen werden  und dass daher das einzige non‑restriktive Medium einer Dekonstruktion der abendländischen Metaphysik die Dichtung sei, da nur sie ohne Referenz auf eine vorgegebene Präsenz sich voll­ziehe, ist ein seit Hegels Attacken gegen den Formalismus in der Philosophie ge­läufiger Topos, der nichtsdestotrotz ohne Beweis geblieben ist.“

Bringt man dies zusammen mit den einleitenden Worten zu seinen Dortmunder Betrachtungen zu Selbstreferentialität und Kalkül [8], in denen er auf eine ernste Warnung Heinz von Foersters zurückgreift:

„Heinz von Foerster hat immer wieder darauf hingewiesen, dass die neuen Bewegungen des Denkens, der Übergang etwa von der Selbstorganisationstheorie zur Autopoiese, der Paradigmawechsel, den der Radikale Konstruktivismus beansprucht, eines operativen Organons bedarf, wenn sie sich nicht wieder in der Inflation des Geredes auflösen sollen.“

– dann wird deutlich, dass es Kaehr seine ganze wissenschaftliche Vita hindurch um eben jene Entwicklung eines Organons geht, das eine formale Einschreibung von Selbstreferentialität ermöglicht.

Mehr noch, er bringt die kenogrammatischen Strukturen in Bezug zu sprachtheoretischen Ansätzen, etwa der differánce von Jacques Derrida.[9]

rudolf445Und es war diese „Inflation des Geredes“, von der er Heinz von Foerster sprechen lässt, die ihn in seinen letzten beiden Lebensjahrzehnten immer mehr von der zeitgenössischen philosophischen „Poetik“ abstieß. Auf meine Frage nach neueren medienphilosophischen Ansätzen, etwa dem Bernhard Stieglers, antwortete er mir am Telefon aus dem fernen Glasgow: „Jochen, ich mag das ganze Zeugs gar nicht mehr lesen.“

Gleichwohl haben wir alle es seiner ihm eigenen Ambiguität zu verdanken, dass er für den Dialog, auch den philosophischen, immer offen war und ich verdanke ihm ganz persönlich, dass er mich zum – auch philosophischen – Schreiben ermutigt und geradezu aufgefordert hat.

Er wendet sich nunmehr formalen und technischen Aspekten zu, das von Leon Chua 1971 erstmals geforderte passive elektronische Bauelement „Memristor“, des Widerstandes, der sich „an den Strom erinnert, der zuletzt durch ihn geflossen ist“, und dessen technische Realisierung durch Hewlett-Packard inspirieren ihn zur Memristik, einer Theorie der memristiven Systeme.

Gleichwohl setzt er dem aufkommenden Hype um den neuen elektronischen Baustein eine Kritik entgegen, in der er sich gegen die in der Informatik vorherrschende Konzeption von Lernen wendet. Er weist auf zwei bislang in der Informatik übersehene Probleme hin: das der Selbstreferentialität und das sog. Lokalisierungsproblem.

Die Memristik, die formal auf der Polykontexturalitätstheorie aufbaut, steht damit auch in einem scharfen Gegensatz zu den modernen Unternehmungen einer Artificial Life Bewegung und den Bestrebungen zum Quantum Computing.

Wenn nun die Hardware anstatt der Software „lernen“ soll, so wie dies von Jianhua Yang von HP angekündigt ist, dann muss der Lernprozess, so Kaehr, seinen materialen Ort, seine eigene Raum-/Zeit-Struktur haben. Dem widerspricht aber jegliches klassisch herkömmliche Konzept von „software“, das prinzipiell keinen Ort kennt.[10]

„The learning matter (or the materiality of learning) is not a bowl of porridge. The ‘materiality of learning’ has its own time/space-structure. Hence any behavioral pattern, like a logical implication, in such a system is marked by the place it takes. Any design of a ‘cognitive’ pattern in a memristive system has to be addressed by the place it takes. The structural laws are designed by the memristive matter and not by a program of a theoretical formal system from the outside.“

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v.r.n.l. Rudolf Kaehr, Eberhard von Goldammer, Joachim Paul, Treffen anlässlich eines Kolloquiums am ZKM, Karlsruhe, „Was wird denken heißen?“ am 18. Juli 2010 – Foto: Oliver Bandel

Zuletzt arbeitet er an der Konstruktion zellulärer Automaten auf Basis der Morphogrammatik mit Hilfe der in Stephen Wolframs Programmpaket Mathematica enthaltenen Programmiersprache. Diese Simulationen zellulärer Automaten vermögen als Output Pixelfelder und Klangsequenzen zu produzieren, die weit über das hinausgehen, was von herkömmlichen zellulären Automaten bekannt ist. Einige der Audiopatterns erinnerten ihn an die Spielweise des Jazzpianisten Cecil Taylor.

Rudolf Kaehr lehnte Personenkulte – beispielweise die um Internet-“Gurus“ wie Jaron Lanier – strikt ab als rückwärtsgewandte und die lebendige Auseinandersetzung blockierende Kulturelemente. Es ist daher lediglich eine Frage der Fairness und der Vollständigkeit, wenn seinem Geviert der Weltmodelle an Position 4 sein Name hinter dem Günthers eingefügt wird.

„Zwischen Welt und Logik-Kalkül gibt es in der Graphematik prinzipiell nur vier Stellungen:
1. eine Welt/eine Logik (Tarski, Scholz),
2. eine Welt/viele Logiken (Grosseteste, Wilson),
3. viele Welten/eine Logik (Leibniz, Kripke) und
4. viele Welten/viele Logiken (Günther, Kaehr, Derrida).
Nach dieser Schematik regelt sich das Verhältnis von Realität(en) und Rationalität(en).“

Rudolf Kaehr bereicherte das Leben Vieler. Und ich bin dankbar, einer dieser Vielen zu sein.

Joachim Paul, Neuss, den 09. August 2016

Quellennachweise

[1] http://www.thinkartlab.com/Feyerabend/Feyerabend-Telegram.htm

[2] Kaehr, Rudolf; Computation and Metaphysics; in: ARIFMOMETR – An Archaeology of Computing in Russia; Georg Trogemann, Alexander Nitussov, Wolfgang Ernst (Eds.), Vieweg 2001 http://www.vordenker.de/rk/rk_comp_meta.htm

[3] Kaehr, Rudolf; Materialien zur Formalisierung der Dialektischen Logik und der Morphogrammatik 1973-1975; in: Günther, Gotthard; Idee und Grundriss einer nicht-Aristotelischen Logik; 2. Aufl., Hamburg 1978, Anhang mit eigener Nummerierung

[4] Goldammer, Eberhard von; Historischer Rückblick und Anmerkungen zu einem Projekt, das an einer Privat-Universität unerwünscht war …; www.vordenker.de 2007; http://www.vordenker.de/vgo/vgo_ein-ungeliebtes-forschungsprojekt.pdf

[5] Rheinberger, Hans-Jörg; Kommentar zu: „Zur Verstörung des (H)ortes der Zerstörung“ von Rudolf Kaehr; in: Kümmel, Schüttpelz (Hsg.), Signale der Störung, W. Fink-Verlag, Paderborn 2003; http://www.vordenker.de/rk/hj_rhein-kommentar.htm

[6] Kaehr, Rudolf; Zur Verstörung des (H)ortes der Zerstörung; in: Kümmel, Schüttpelz (Hsg.), Signale der Störung, W. Fink-Verlag, Paderborn 2003; http://www.vordenker.de/rk/rk_stoerung.pdf

[7] Kaehr, Rudolf; Einschreiben in Zukunft, publiziert in: ZETAH 01, Zukunft als Gegenwart, Rotation Zukunft, Berlin 1982, http://www.vordenker.de/ggphilosophy/kaehr_einschr-in-zukunft.pdf

[8] Kaehr, Rudolf; Kalküle für Selbstreferentialität oder selbstreferentielle Kalküle?; in: Forschungsberichte 288, S.16-36, FB Informatik, Universität Dortmund 1990 – http://www.vordenker.de/rk/rk_dortmund.pdf

[9] Khaled, Sandrina; Kaehr, Rudolf; Über Todesstruktur, Maschine und Kenogrammatik – Rudolf Kaehr im Gespräch mit Sandrina Khaled; Information Philosophie, 21.Jahrgang, Heft 5, Dez 1993, Lörrach;
http://www.vordenker.de/ggphilosophy/kaehr_tdstruktur_maschine_kenogr.pdf

[10] Kaehr, Rudolf; Memristics: Why memristors won’t change anything – Remarks to Todd Hoff’s “How will memristors change everything?“ Thinkartlab 2010 – http://www.vordenker.de/rk/Why-Not.pdf

 

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8 Responses to “Rudolf Kaehr (1942 – 2016) – Versuch eines Nachrufs”

  1. Oliver sagt:

    @Siegfried Kruppa:

    Ja, „Ideenaustausch in ungezwungem Zusammentreffen“ klingt gut.
    Es gab ja mal eine deutsche Gesellschaft für Kybernetik (oder so ähnlich), die scheint vor ein paar Jahren plötzlich verschwunden zu sein.
    In dem Rahmen hat sich leider nichts ergeben. Es gab zwei Vorträge von Eberhard von Goldammer dort. Aber das war vermutlich alles viel zu weit weg aus dem „Alltag“.

    Auch meine Versuche bzgl. Stoff-Sammlungen die Koryphäen zur Mitarbeit zu aktivieren, wurde nicht aufgegriffen.
    Ein Lehrbuch, das klingt gut, auch wenn es wohl ein Leerbuch ist, wenn es thematisch mal fertig ist, und noch ist es ein Leerbuch, weil es nicht existiert.

    Mit scheint, das ist ein solipsistisches Problem.
    Da sind einerseits die wenigen unverstandenen Kenner der Materie, die nicht wissen, wie sie verstanden werden können, und sie sind fernab vom Mainstream.
    Auf der anderen Seite, der wiss. Mainstream, der blendend eingebunden ist, schön viel forscht und beruflich damit weiter kommt, aber von den zugrundeliegenden Problemen keine Ahnung hat (und kein Bedarf, weil es ja auch ohne PKL alles schön weiter läuft).
    Die Dritte Spezies (dazu gehören wir beide wohl), hat Interesse und auch schon partiell Einblicke in die Thematik, könnte womöglich einiges auf die Beine stellen, ihm fehlt aber „diesbezüglich“ ein „intellektuell unterstützendes Umfeld“ und das Problem der Finanzierung (Grundeinkommen? Hartz-IV? Gewurschtel von Job zu Job?) kommt wohl noch dazu.

    So sehe ich da nur allgemeines Hocken in den solipsistischen (Filter-?)Blasen und kein weiterkommen in der Thematik (allgemein und individuell).

    Es bräuchte einen Kristallisationspunkt; jährliche Treffen wären sicherlich sinnvoll, zum Ideensammeln und -austauschen.
    Ich hatte das auch mehrfach versucht, irgendwie mal was anzuschieben, aber vermutlich fehlt mir da die Leithammel-Qualität, und so wird’s dann wohl nichts mehr mit der Verbreitung dieser Thematik.

    Die derzeitige Forschung ist vermutlich doch noch nicht ausgereizt genug, als daß sie die PKL-Thematiken für wichtig ansehen könnte.
    Vielleicht ist es daher auch – geschichtlich gesehen – viel zu früh dafür, daß Günther und Kaehr eine Bedeutung erlangen.

    Das wird sie im Nachhinein um so mehr schillern lassen – als „diejenigen, die die aktuellen, akuten Probleme der Wissenschaft schon zweihundert Jahre vorher gesehen haben…“.

  2. Siegfried Kruppa sagt:

    @Fabian Kostadinov:
    Will man ernsthaft die Werke Günther als auch die von R.Kaehr in einer „Online Vorlesung“ darlegen, reicht eine Webcam überhaupt nicht aus. Vorher gilt es, die auf viele Orte verteilte Gedanken(-fragmente) systematisch in einem Knotenpunkt ([Universal-]Kontextur?!) zusammen zu führen und einzeln in ihrem Zusammenhang grundlegend auseinander zu entfalten. Will man ernsthaft überzeugend Wissenschaftler aller Coleur erreichen, ist dazu ein noch zu schreibendes Lehrbuch auszuarbeiten. Youtube kann hier nur eine Werbeplattform sein.
    Eine gewaltige Aufgabe, die man von einzelnen nicht so ohne weiteres abverlangen kann,ohne selbst etwas „inhaltlich“ beizusteuern.
    Die jetzigen Kenner der Materie sind sicherlich nicht viele und auch nicht mehr so jung, dies ohne „Schweiss“ von der leichten Schulter zu stemmen.
    Ich bin selber kein Akademiker. Schon seit 1981 im Philosophie-Leistungskurs habe ich „Gotthard Günther und R.Kaehr“ stets auf meinem „Radar“. Meine intellektuelle Entwicklung hat mich dennoch leider nie in die Lage gesetzt, in diese nötige Richtung einzuschwenken.
    Habe dank Internet und dem Vordenkerforum aka Dr.J.Paul u.a. – hier ist ein großes Lob bes. an dieHerren Paul und von Goldammer angebracht – alles linkmäßig für meine „Bibliothek“ sammeln können. Eine konzentrierte Sammlung auf den zentralen Punkt hin konnte ich nicht wie erhofft nicht leisten, auch wenn es weiterhin für meine erhofften letzten 30 Jahre noch ein Herzenswunsch bleibt. Diese Aufgabe erwarte ich nicht von anderen. Aber hoffe, dies noch für mich einigermassen erreichen zu können. Leider habe ich diesbezüglich kein eigenes intellektuell unterstützendes Umfeld!
    Wäre schon froh, wenn man die Werke Günthers und Kaehr in einer webmässigen Gesamtedition bzw. textuellem Framework (ähnlichFacebook,aber anders!) zusammen führen könnte. Habe da zwar bestimmte Vorstellungen, aber noch nicht die durchgehende Zeit, dies fruchtbringend auszuarbeiten. Vielleicht in der nächsten anstehenden Arbeitslosigkeit.
    Ob ein „bedingungsloses Grundeinkommen“ (!besser statt bedingungsloses hier „wählbare existenz- und sozialsichernde Grundversorgung“ als Hartz4 ) dieser und anderer Sache besser nützlich sein könnte, als das bisher Gegebene wäre??? Eine gesellschaftlich nützlich Tätigkeit wäre dies alle Mal, als im „Park Blätter aufzufegen“, auch wenn dies eine sinnvolle wäre.
    Sicherlich drängt die Zeit, der Nachwuchs-Wissenschaftler-Generation, beider Denker näher zu bringen. Ein soziologisches Ausschlachten a la Luhman und Schule ist noch verfrüht. Zeigt auch nur deren bisherige Wirklosigkeit für die Sache.
    Wäre für einen Anfang nicht eher ein lockeres jährliches ZusammenTreffen zu planen, besonders mit diejenigen, die noch einen direkten Kontakt zu Günther und Kaehr hatten, die uns „Jüngeren“ – nicht Jünger, noch einiges vermitteln könnten? Ein Ideenaustausch in ungezwungem Zusammentreffen wäre doch netter, anfänglich hilfreicher!?

    P.S.: Schade, dass ein solcher Denker wie Dr.Rudolf Kaehr nicht mehr auf seine Art weiter wirken kann!!!!

  3. Sehr geehrter Herr von Goldammer,

    Ich möchte das Thema doch noch einmal kurz aufgreifen. Ein Vorschlag, den sie selbstverständlich ablehnen können. Wie wäre es denn, wenn Sie oder jemand anderer, der des Themas genügend kundig ist (oder auch ein Gemeinschaftswerk, warum denn nicht?), einfach mal eine Serie von Youtube-Einträgen erzeugen würden, um die wichtigen Ideen Günthers, und womöglich sogar Kaehrs, systematisch in einer Online-Vorlesung darzulegen? Das wäre nun wirklich eine tolle Sache. Da wäre ich sofort auch bereit, eine Webcam beizusteuern, wenn das denn tatsächlich die einzige Hürde darstellte.
    Mir ist selbstverständlich klar, dass eine solche Vorlesung eine ganze Menge Arbeit darstellt. Aber das tut ja das Verfassen von Online-Artikeln oder von einem Blog ebenfalls. Es ginge also darum, für einmal nicht unbedingt etwas ganz neues zu verfassen, also nicht unbedingt neue Blog-Einträge oder Artikel, sondern das bereits bestehende so aufzubereiten, dass ein Masterstudent mit genügend Vorwissen in etwa Logik, Computerwissenschaften oder allenfalls Philosophie den Ideen so weit folgen könnte, dass er/sie danach ein Paper von Kaehr hervornehmen und dann selbständig durcharbeiten könnte. Dass er/sie dann also jene dort enthaltenen Figuren und Diagramme, aber auch die diversen Gotthard’schen oder Kaehr’schen Begrifflichkeiten („Morphogram“, „Kenogrammatik“, „Transjunktion“, „Diamond“ etc.) nachvollziehen könnte.
    Ich finde das auch nicht so toll, wie das heutige akademische Umfeld gewisse hier angepsrochene Themen schlichtweg ausblendet, aber mit dem Hinweis darauf ist ja noch keine Hilfe den Interessierten geboten. Ich würde auch gar nicht unbedingt mit einer Kritik an der heutigen Computerwissenschaft beginnen (die Kritiker werden, wie Sie richtig sagen, wohl kaum zuhören), sondern mit jenen ungelösten Fragen, die in der Kybernetik aufgeworden wurden, und mit den Ansätzen, die entworfen wurden, um diese Fragen zu lösen.

    Freundliche Grüsse (und ein gutes neues Jahr!),
    Fabian Kostadinov

  4. Eberhard von Goldammer sagt:

    Lieber Oliver:
    nachdem Du nun diesen Kommunikationskanal gewählt hast, will ich auch hierüber kurz antworten: Es gibt doch einiges, was man als Einführung lesen kann. Ich verstehe die Kritik (auch die von Fabian Kostadinov) nicht – es sei denn, letzterer glaubt mit etwas mehr Hintergrundwissen gleich ein Projekt starten zu können. Das geht schon deshalb nicht so mal eben, weil es einige Zeit braucht bis es einmal KLICK im Kopf gemacht hat und dann kommt in aller Regel die Krise, denn man muss Vieles neu durchdenken. Dazu kommt, dass das ganze Gebiet nicht nur mächtig ist, denn es ist der Ausgangspunkt in eine andere Wissenschaftlichkeit (wissenschaftliche Rationalität) wie die uns heute vertraute monokontexturale logisch-mathematische Rationalität; – das auszuarbeiten wird Generationen in Anspruch nehmen – das Gebiet ist darüber hinaus extrem interdisziplinär (mit den heutigen Bachelor-und-Master-„Quatsch“ bildet man eher Fachidioten aus, d.h. heute läuft das aus polykontexturaler Sicht in eine völlig falsche Richtung – kurz, ich möchte heute nicht studieren).

    Nun zu Deinem Einwand:
    Ich zitiere mich nicht gerne selber, aber ich hatte mir einmal große Mühe mit einigen Übersichtsartikeln gegeben. In zeitlicher Reihenfolge sind das:

    1.) Zeit-Mehrzeitigkeit-Polyrhythmie oder das polylogische orchestrion

    Etwas mehr Formeln findest Du in

    2.) Vom Subjekt zum Projekt oder vom PROJEKT ZUR SUBJEKTIVITÄT!

    Beide sind im Vordenker und über den Autorenindex und die Liste „weiterführende Publikationen“ aufzufinden.

    Und dann ist da die Paralleldatei zu:

    3.) Leibniz … reloaded — UniversalSCHRIFTsprache – Vision oder Illusion?

    Da kann man, wenn man sich diese beiden _a und _b Dateien in einen Ordner (off-line) abgespeichert hat von den Bildern (_b Text ab Folie_005 – die Stelle der Verlinkung wirst Du ja finden … ) in den Text (dort sind dann einige Erklärungen) hin und zurück klicken – also das ist schon etwas an Service – oder etwa nicht? Mit dem Adobe-Reader funktioniert das alles ziemlich gut.

    Auch diese Texte stellen Vereinfachungen dar – beispielsweise ist die Ortswertlogik eben eine Sicht von außen auf die Kontexturen .Über die Logik, d.h. die logischen Operationen aus der Sicht von innen, habe ich aus didaktischen Gründen nichts geschrieben – da gibt es nur einen Link zu einer Arbeit von Rudolf Kaehr. Das kommt sicherlich auch noch einmal.
    Und last but not least ist da die Anmoderation zu einem Thema, das bei Günther zentral ist, nämlich die Beziehung von ICH-DU-Es:

    4.) Anmerkungen zu …. John Cullberg – Das Du und die Wirklichkeit

    Und schließlich gibt es da noch und das in deutscher und englischer Version (auch wieder bestehend aus zwei Dateien):

    5.) Heterarchie – Hierarchie, zwei komplementäre Beschreibungskategorien

    Wenn Du Heterarchie oder Heterarchy in eine Suchmaschine eingibst, dann sind diese Beiträge immer ganz oben mit vertreten.

    Also Stoff wäre schon da, habt ihr das den alle schon verarbeitet, wenn ja, dann verstehe ich nicht, warum ihr euch noch auf dem Niveau des Büchleins von Petra Sütterlin bewegt – das als erster Einstieg völlig ok ist.

    Viele Grüße, Eberhard

  5. Oliver sagt:

    Lieber Eberhard und anderen Mitleser,

    das Buch von Petra Sütterlin habe ich auch gelesen, und fand das prima. Wenn es Fehler enthält, wäre da nicht sinnvoll, auf die Fehler einzugehen, und da einen ergänzenden Text dazu zu schreiben? Das wäre womöglich einfacher, und viel konkreter, als ein komplett neues Essay…

    …oder in Zusammenarbeit mit Petra Sütterlin eine überarbeitete Neuauflage erstellen?

    …ich hatte Rudolf in Karlsruhe nach dem Buch gefragt, und er meinte, als Einstieg sei das garnicht so schlecht.

    Und wenn es denn Fehler enthält, nun, das Buch hat zwar keine numerierten Abschnitte, aber Überschriften und, wie üblich in Büchern, nummerierte Seiten.
    Da könnte man also schon recht konkret die Punkte adressieren, die unklar oder gar falsch sind. (Ist ja mit seinen ca. 80 Seiten in kleinem Format auch nicht so umgfangreich…)

    Auch in Wikipedia sind ja einige Links und Erklärungen, wo man sich verbessernd austoben kann… oder könnte, wenn man denn genug von der Materie versteht, und in der Lage ist, das auch zu formulieren… das können aber nur sehr wenige, und es wäre schön, die würden das tun, denn die vielen Anderen können es trotz Interesse nicht in Worte fassen, weil ihnen genau der Zugang fehlt, der nur durch erläuternde Worte der Experten in absehbarer Zeit schaffbar wäre.

    Und so, wie es scheint, sterben die Experten weg.
    Bleiben noch die Interessierten übrig, die (noch) keine Experten sind.

    Wenn die auch aussterben, bleiben nur noch die übrig, die im Mainstrem schwimmen.

    War Günthers Werk aus seiner Sicht noch „a work in progress“, kann man ja defätistisch sagen: aussterbender Wissenszweig.
    Kurzes Aufleuchten von Erkenntnis in der menschlichen Spezies, bevor dieses Wissen und bald darauf diese Spezies (nicht zuletzt deshalb) vom Erdboden verschwand.

    Und wozu das Ganze mit der PKL?
    Nun, man möge mal hier schauen:

    https://de.wikipedia.org/wiki/Selbsterf%C3%BCllende_Prophezeiung

    Da wird darauf verwiesen, daß die klassische Logik nicht ausreicht,
    selbsterfüllende Prophezeiungen zu formalisieren.
    Es wird auf eine „Günther-Logik“ verwiesen, die aber,
    wenn man den Links folgt, wieder mit Fuzzy-Logik verwurstet wird usw.

    Da ist dann Petra Sütterlin doch wesentlich weiter gewesen.
    Insofern finde ich den Hinweis auf dieses Büchlein nach wie vor eine gute Idee…

    …hmhh, vielleicht werde ich das Buch mal bei Wikipedia als Literatur eintragen, es kann den Zugang zu der Thematik sicherlich erleichtern, und motivieren, sich auch durch das andere Zeugs durch zu beißen…

  6. Ein Liebender hat die Kontextur gewechselt.

    So hätte es Rolf, Rudolf Kaehr, möglicherweise selbst ausgedrückt. Denn gefragt, was er im wesentlichen sei, antwortete er mir einst „ein Liebender“. Ein Liebender wiederum ist im wesentlichen eines, nämlich ein Verbundener. Was dies nun sei, eine Verbindung, die als Bedingung ihrer Möglichkeit immer eine Grenze benötigt, da es sonst nichts zu verbinden gäbe, war ein zentraler Inhalt seiner Forschung und damit seines Lebens. Denn er war auch ein Hingegebener, ein Hingegebener an ein Forschungsgebiet, das heutzutage noch immer nicht und wohl auch noch lange nicht die Anerkenntnis in der Welt erhält, die sein weltveränderndes Potenzial mehr als begründet.

    Ich bin Rolf zutiefst dankbar, denn ich lebe durch ihn in einer anderen Welt, bzw. kann die Welt in der ich lebe auf eine völlig andere Art und Weise, eine erweiterte, eine grundsätzlich erweiterte Art und Weise nicht nur fühlen, sondern auch denken. Die Anstrengung, der es bedurfte dorthin zu gelangen hingegen ist sehr schwer zu beschreiben. Nach einem dreitägigen Seminar mit einigen der besten Köpfe der damaligen NLP-Szene, während dessen wir nur wenige Stunden schliefen und in jeder freien Minute miteinander diskutierten was dieser seltsame kleine Mann mit viel zu leiser Stimme in den Seminarstunden kundtat, schlief ich anschließend zehn Tage am Stück. In diesen zehn Tagen stand ich nur für das Allernotwendigste auf, war für niemanden erreichbar und hatte nur einen einzigen Fokus der Aufmerksamkeit: Polykontexturale Logik und ihre Integration in mein Denken und Fühlen. Ich hatte dabei den deutlichen Eindruck, dass sich die neuronale Struktur meines Gehirns von der aristotelischen zu polykontexturalen umorganisierte. Als sich nach zehn Tagen wieder zu einem normalen Schlaf-Wach-Rhythmus zurückkaehrte, war ich ein anderer. Diese Wandlung zu einer grundsätzlich anderen Weltwahrnehmung, einer anderen Welt-Denkung und –Fühlung, ist das Angebot der Polykontexturalen Logik für jeden Menschen, der sich damit ernsthaft beschäftigt.

    Die mehrwertige Logik von Gotthard Günther, die von seinem Schüler Rudolf Kaehr ein Leben lang weiter entwickelt wurde, ist für mich so etwas wie der Heilige Gral der Erkenntnismöglichkeit der Welt. Da sie in allen Forschungsgebieten der Menschheit – von Biologie über Quantenmechanik bis zur Kunst – eine wesentlich tiefere und angemessenere Modellbildung der Welt ermöglicht, wird sie sich auf lange Zeit und auf breitester Basis durchsetzen. Da aber in der anerkannten Wissenschaft alles auf den Nullen und Einsen der Aristotelischen Logik beruht und dies auch in unserer Sprache eingeschrieben ist, sodass wir uns Dinge immer in ihrer Abgrenzung zu ihren Gegenteil vorstellen, statt die Komplexität aller verbundenen Kontexturen und die Bedeutungsänderung der Objekte und Subjekte in ihrer Überdetermination wahrnehmen, wird dies noch sehr, sehr lange dauern.

    Das war auch Rolf klar. Und doch diente er ein Leben lang der Manifestation dieser neuen Ebene der Realität. Danke, danke und nochmals aus tiefstem Herzen danke, Rolf. Es war mir eine große Freude, dass ich mit ihm zusammen die Grundlage für das im NLP bekannte Diamond-Format legen durfte. Ich vergesse niemals den Moment, als ich mit ihm als Klient ein Core-Transformation Format durchführte und er mich unterbrach, als ich ihn nach der nächsten Stufe der Ermöglichung fragte und er mich aufforderte, ihn zu fragen was denn die nächste Verunmöglichung sei. Damit war nicht nur die Polykontexturale Version des Core-Transformation Prozesses geboren, sondern es hatte eine Denkform Einzug in das NLP genommen, aus der das Format “Der Diamond“ entstand.

    Rolf Kaehr hat natürlich noch sehr viel mehr hinterlassen. Es wird Aufgabe seiner Nächsten sein, all dies zu ordnen und zu veröffentlichen. Für mich wird er immer ein leuchtendes Beispiel und damit ein Vorbild sein, zu dem zu stehen, was man als richtig erkannt hat, auch wenn nahezu niemand auf der Welt auch nur im Ansatz versteht, worum es sich handelt und einen möglicherweise sogar dafür bekämpft.

    Danke, Rolf und: viel Spaß im Transzendenten, denn ich bin von der Struktur des Körperlosen zutiefst überzeugt und dein Wechsel in diesen Kontext war sicher äußerst spannend für dich. Ich bleibe noch eine Weile, dann stelle ich mich, wie alle, diesem Kontexturwechsel ins Ungewisse …
    Und für alle Hinterbliebenen: Trauert nicht zu viel, denn Rolf forscht, denkt und fühlt als Liebender … für immer …

  7. Eberhard von Goldammer sagt:

    Lieber Herr Kostadinov,
    ich kann Ihren Frust nur zu gut verstehen – aber dazu muss man erst einmal das (akademische) Umfeld ansehen, in dem diese von Gotthard Günther und Rudolf Kaehr in die Wissenschaft eingeführte Polykontexturalitätstheorie ihr „Dasein fristet“ – wobei letzteres eigentlich schon viel eher für alle diejenigen gilt, die sich in der Vergangenheit mit dieser Theorie aktiv beschäftigt haben.
    Wie es mit dem akademischen Umfeld aussieht, das kann man experimentell herausfinden: Fragen Sie doch einmal ihre Dozenten (aus dem Fach Informatik speziell Künstliche Intelligenz) an der Uni, was sie unter autonomen technischen Systemen, unter lernfähigen technischen Systemen oder unter kommunizierenden technischen Systemen verstehen. Oder anders gewendet: Was sie unter „Autonomie“, „Lernen“, „Kommunikation“ und so weiter verstehen.
    Hier fängt das Problem nämlich schon an: Es gibt bis heute weder autonome technische, noch lernfähige technische Systeme und erst recht keine technischen Systeme, die miteinander kommunizieren. Wenn Sie das Ihren Dozenten unverblümt sagen, dann machen Sie sich im Allgemeinen nicht unbedingt beliebt. Und noch eins: Die gesamte Neuroinformatik und ihre Modelle haben nichts – aber auch wirklich nichts – mit der Funktion des Gehirns zu tun; das alles ist purer Etikettenschwindel – aber auch das sollte man besser für sich behalten, wenn man noch Karriere machen will oder muss. Man kann auch nach dem Modell fragen, mit dem analoge und digitale Prozesse, die wie im Gehirn parallel-simultan ablaufen, formal beschrieben werden können … oder wie neue Begriffe in einer Maschine (aus eigener Leistung der Maschine) entstehen können … usw.
    Ich schreibe gerade an einem kleinen Essay und habe die Begriffsschlampereien der Informatiker etwas unter Beschuss genommen, denn wenn diese oben genannten Eigenschaften bei technischen Systemen nicht erfüllt sind, welche Begriffe wären dann an ihrer Stelle korrekt? Meine Antwort in dem Essay ist einfach (Zitat): „Für „Autonomie“->“Heteronomie“, für „Lernen“->„Adaption“, für „Kommunikation“->„Datenaustausch“, usw. – also schlicht: „Elektronische-Daten-Verarbeitung“ – EDV eben! Es ist dieses Begriffswirrwarr, diese Schludrigkeit, die heute jede Art von wirklich technischem Fortschritt von vornherein blockiert. Saubere Begrifflichkeit, ist jedoch eine wesentliche, eine unabdingbare Voraussetzung für jede Art von Wissenschaft.“ (Zitat-Ende)
    Wie wollen Sie ein Buch darüber schreiben, ohne beispielsweise auf diesen „Etikettenschwindel“ einzugehen? Das Buch nimmt ihnen (heute) niemand ab – auch das kann man experimentell herausfinden: Sie brauchen nur einmal zu versuchen auf einer Tagung der Informatiker einen Vortrag anzumelden, um das, was ich eben kritisiert habe, begründet vorzutragen. Da bekommen Sie mit hoher Wahrscheinlichkeit schon von vornherein eine Absage, d.h. ihr Beitrag wird schon im Vorfeld gar nicht angenommen – das habe nicht nur ich in den 90ern schon erlebt – allerdings gehöre ich nicht der Zunft der Informatiker an, sondern bin Naturwissenschaftler, das war für mich immer noch eine mögliche Erklärung, was mich und meine Erfahrungen angelangt.
    Das von Ihnen zitierte Büchlein von Petra Sütterlin ist sicherlich gut gemeint, aber vieles ist nicht verstanden und daher auch nicht korrekt – das werfe ich der Autorin nicht vor, denn GGs Oeuvre ist leider nicht so leicht zugänglich, weil es immer „work in progress“ war und das gilt auch für die Arbeiten von Rudolf Kaehr. Wären die Biografien von beiden, die jeweils sehr unterschiedlich sind, aber dennoch vieles gemein haben, anders verlaufen, dann würden auch ihre Arbeiten, ihr Erbe, etwas anders aussehen – but such is life.
    Nur zu Ihrer Information: Der Logiker und Philosoph Gotthard Günther wird von den heutigen Mainstream Philosophen als „Spinner“ angesehen und die Informatiker kennen weder seinen Namen noch seine Arbeiten, sogar die Kybernetiker – oder was von ihnen noch übrig geblieben ist – kennen häufig noch nicht einmal seinen Namen und erst recht nicht sein Oeuvre und das liegt nicht daran, dass es kein Buch über seine Arbeiten gibt, denn im Web gibt es alle seine Arbeiten und eine Fülle von Sekundärliteratur. Die ganze Geschichte ähnelt eben sehr dem Henne-Ei-Problem, bei dem die Henne aus dem Ei schlüpft, das sie gerade legt. Wir stehen am Anfang einer neuen wissenschaftlichen Epoche und diese Umbrüche waren schon immer mit viel Reibung verknüpft.
    Mit freundlichen Grüßen
    Eberhard von Goldammer

    PS: Gotthard Günther (1900-1984) war, als er Anfang der 70er nach Deutschland zurückkam, längst emeritiert. Weder Rudolf Kaehr noch meine Person – und ich weiß nicht, wen Sie mit den “wenigen Erleuchteten“ meinen – haben bei Gotthard Günther (oder Rudolf Kaehr) Vorlesungen gehört. Das Problem liegt nicht bei den „wenigen Erleuchteten“ – wer immer das sein soll – sondern beispielsweise bei Ihren Professoren. Wenn Sie Informatik studiert haben sollten, dann fragen Sie diese Herrschaften doch einmal nach den Arbeiten von Warren Sturgis McCulloch und speziell nach der Arbeit „A Heterarchy of Values Determined by the Topology of Nervous Nets“ aus dem Jahr 1945 und dann fragen Sie, wie die heterarchischen Prozessstrukturen in den neuronalen Netz-Modellen umgesetzt werden. Schließlich sind seit der Veröffentlichung dieser Arbeit 70 Jahre vergangen, da sollte man diese Arbeit ja mittlerweile kennen – oder werden hier auch „Erleuchtete“ benötigt, um erklärt zu bekommen, was in dieser Arbeit steht und welche Bedeutung das alles für die Neuroinformatik und Hirnforschung hat?

  8. Ich muss sagen, ich bin ein wenig traurig. Ich hatte lange Zeit gehofft, dass Herr Kaehr vielleicht einmal irgendwo in meiner Nähe weilen würde (Schweiz oder Deutschland), aber dieser Fall trat nie ein. Nun bin ich konfrontiert mit einem, Verzeihung, Haufen von Dokumenten verstreut im Netz, die ohne eine mündliche Erläuterung nur extrem schwierig zu verstehen sind. Von denen ich zwar genug verstehe, um zu erkennen, dass hier – immer noch – etwas fundamental Neues beschrieben ist. Das ich aber in Ermangelung einer geduldigen und mündlichen Erklärung schlichtweg nicht nachzuvollziehen vermag.

    Solange sich nicht einige der mittlerweile nicht mehr ganz jungen Herren aufmachen, um sich einmal hinzusetzen, und all ihr Wissen auf systematische Weise jenen zu erklären, die einer jüngeren Generation angehören, und nicht in den Genuss kamen, bei Günther oder Kaehr Vorlesungen zu besuchen, so besteht wohl nur wenig Hoffnung, dass diese Sammlung von Aufsätzen in absehbarer Zeit als dieses fundamental Neue und Aufregende erkannt wird, das es ist.

    Eine der wenigen Ausnahmen ist wohl Petra Sütterlins Buch „Dimensionen des Denkens“, das angenehm kurz die wichtigsten Fakten zur Morphogrammatik und Proemialrelation auf den Punkt bringt. Das ist aber lediglich ein kleiner Teil dieser Forschung, der weitaus grössere ist wie erwähnt ohne Ordnung im Netz verstreut abgelegt. Und ehrlich gesagt wenig verständlich.

    Ich habe den Wunsch, dass sich doch jemand endlich mal die Zeit nehmen möge, um das Werk Günthers und Kaehrs in einfacheren Worten zu erklären, als jene es selbst getan haben. Es kann sich nun mal nicht jeder gleichzeitig mit formaler Logik, Semiotik und was auch immer sonst beschäftigen.

    Es wäre wirklich schade, wenn das Vermächtnis von Kaehr und Günther einfach mehr und mehr vergessen wird, weil es jene wenige Erleuchteten es nicht fertigbrachten, ihr Wissen mit anderen zu teilen.

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