Eine Krise unserer Rationalität? – Zur Dialektik der Beziehungen zwischen Ökonomie, Umwelt und Technik

Der oben betitelte, hier folgende Aufsatz entstand Frühjahr/Sommer 2020 als Beitrag für den Band über Digitalisierung und Technik, herausgegeben von Heinz-Josef Bontrup und Jürgen Daub.

Buchcover

Publikationsdaten: Joachim Paul, Eine Krise unserer Rationalität? – Zur Dialektik der Beziehungen zwischen Ökonomie, Umwelt und Technik,

in: Heinz-J. Bontrup, Jürgen Daub (Hg.), Digitalisierung und Technik – Fortschritt oder Fluch? Perspektiven der Produktivkraft- entwicklung im modernen Kapitalismus, PapyRossa Verlag,

Köln, November 2020, S.74-113 (ISBN 978-3-89438-742-6)

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Hinweis: Das Nachträgliche Vorwort sowie das Inhaltsverzeichnis sind abweichend von der Buchpublikation im Juni 2022 hinzugefügt worden.

0. Nachträgliches Vorwort, Juni 2022

Das Fragezeichen im Titel ist mittlerweile sicher durch ein Ausrufezeichen ersetzbar.

Eine geoökologische Interpretation der aktuellen Ereignisse, des völkerrechtswidrigen Angriffs Russlands auf die Ukraine, fällt sehr kurz aus: es ist eine Katastrophe!

Zugleich ein Rückfall in das imperial-nationalistische Ideologiengefüge des 19. Jh. und das Blockdenken des Zwanzigsten. Die – gleichwohl verständlich – zunehmend aggressive Antwort des Westens auf die russische Aggression, beides wird von manchen als einem US-amerikanischen Drehbuch folgend interpretiert (Dobbins et al 2022), komplettiert diesen Rückfall.

Ansätze zu planetarischem Denken, zur gemeinschaftlichen Sorge und Übernahme von Verantwortung für uns und unseren Planeten haben – so scheint es – aktuell keine Chance. Dabei ist dies dringend erforderlich, denn gerade suchte eine weitere Naturkatastrophe in Gestalt einer Rekordhitzewelle Südasien heim.

Historisch motivierte Interpretationen, wie zum Beispiel die des Osteuropaexperten Wolfgang Eichwede, sehen in dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine eine möglicherweise letzte und entscheidende Phase des Zerfalls der ehemaligen Sowjetunion. Die Auflösung großer Machtblöcke zieht sich aus historischer Perspektive immer über eine längere Zeitstrecke hin und produziert dabei „Kosten“ in jeglicher Hinsicht (Eichwede 2022). Das ist eine überaus gefährliche Lage.

In einer ökonomisch und kommunikationstechnologisch durch und durch verflochtenen und vernetzten Welt voller interdependenter Nationen, Wirtschaftsbereiche und Wirtschaftsräume sind Finanz- und Handelssanktionen die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln. Deutschland, Europa, die USA, die Nato sind nicht nur durch Lieferungen an die Ukraine Kriegsparteien. Ihre Sanktionsbomben „explodieren in Zeitlupe“ (Schulz 2022) und rufen unkalkulierbare und möglicherweise irreparable Langzeitwirkungen in den russischen Gesellschaften und ebensolche Dominoeffekte hervor wie z.B. die durch den Krieg bedingten Nahrungsmittelengpässe und Hungersnöte in Afrika und weiteren Abnehmerländern von russischen oder ukrainischen Agrarprodukten.

Der aktuelle Streit der Ökonomen zu den möglichen Konsequenzen eines Russland-Embargos offenbart ein weiteres Mal, dass die neoliberal-neoklassisch dominierte ökonomische Rationalität, abzulesen an ihren Argumenten und Handlungsvorschlägen, offensichtlich kein hinreichendes Wissen, bzw. hinreichende Informationen über die Realitäten und ihre Komplexitäten hat. Ihre Vertreter sind sich dieses Mangels an Informationen vielfach noch nicht einmal bewusst, gleichwohl beraten sie die Politik oder üben über ihre medialen Reichweiten politischen Druck aus. Das birgt doppelt Gefahren. So bemerkte Wirtschaftsminister Robert Habeck unlängst sehr richtig, dass es eine erhebliche Diskrepanz gebe zwischen den ökonomischen Simulationsmodellen und zum Beispiel der Physik des Gasversorgungsnetzes in Europa.

Diese aktuelle Diskrepanz mag als Sprungbrett in den Beitrag zu Digitalisierung und Technik dienen. Sie findet dort ihre Begründung in anderen Diskrepanzen, die, wie versucht wird zu zeigen, weitaus tiefer liegen und Elemente unserer krisenhaften Rationalität(en) bilden.

Der Beitrag kann auch als Plädoyer für eine dringendst erforderliche Befreiung von uns und unserer Technik aus den Zwängen der vorherrschenden ökonomischen Ordnung gelesen werden.

In der Hoffnung, dass der Text als Anregung und Bereicherung dient,

Nick H. aka Joachim Paul

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Quellen/ Vorwort

Dobbins, J. et al, Overextending and Unbalancing Russia – Assessing the Impact of Cost-Imposing Options, https://www.rand.org/pubs/research_briefs/RB10014.html

Eichwede, W.; Jung & Naiv, Hg. Tilo Jung, Folge 562, 07.03.2022, https://www.youtube.com/watch?v=mBd8Jl3_FXo timecode ca. 00:53:30

Schulz, S., Fernsehmomente, 04.04.2022, https://www.youtube.com/watch?v=xuR_-OvZf_8 timecode 02:05

Inhaltsverzeichnis

0. Nachträgliches Vorwort, Juni 2022 – 3

1. Einleitung – 5

2. Planetare Problemdimension und Kontextualisierung – 6

2.1 Kontextualisierung – 7

2.2 Denkhaltungen – 8

3. Zur Krise unserer Rationalität(en) – Diskussion der Kontexte und ihrer bilateralen Relationenfelder – 9

3.1 Das Relationenfeld Umwelt – Ökonomie, zur Kritik der ökonomischen Handlungspraxis – 10

Die neoklassische Substitution – 12

Kreisläufe und Naturverbrauch, der neoklassische Umgang mit den Wertbegriffen – 13

Ordnung und Gleichgewicht als Vernunftreligion des freien Marktes 14

Markt, Information, Digitalisierung und „Big Data“ 15

Ein Clash der wissenschaftlichen Kulturen, Komplexität und Modellierbarkeit – 17

Jenseits des Mainstreams, Perspektiven aus der Heterodoxie – 18

3.2 Das Relationenfeld Umwelt – Technik – 19

Technik als Relationsbegriff und conditio humana – 19

Naturphilosophischer Exkurs zur Technik – 20

Zum Verhältnis Leben und Technik – 20

Technische Annäherung an Lebensprozesse? 21

3.3 Das Relationenfeld Ökonomie – Technik – 22

Ökonomie und Maschinenbegriff – 22

Technische Inventionen als Kipppunkte in der Ökonomie – 23

Informations- und Wissensgesellschaft und/oder Netzwerkkapitalismus? – 24

Maschinen, Algorithmen und Erkenntnisprozesse – 26

4. Schlussfolgerungen – 27

5. Literaturverzeichnis – 28

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