Liebe Vordenkerinnen, liebe Vordenker,
es hat sich Einiges getan seit dem letzten Newsletter im Dezember 2025.
Am 01. September 1996 wurde vordenker.de online geschaltet.
30 Jahre sind in Zeiten der von permanenten Hypewellen getriebenen Turbotaktung des Internet eine Ewigkeit.
Wir machen aber so weiter und veröffentlichen – ohne Hast – in garantiert unregelmäßigen Abständen neue und manchmal auch alte Beiträge.
Für dieses Mal gibt es ein mehrteiliges Werk von Claus Baldus und Republikationen – oder, wenn man so will – Umzüge von zwei recht umfangreichen Aufsätzen von Gotthard Günther.
Claus Baldus hat sich in seinem Beitrag „Einige Takes zur Ablösung vom Triebfix – ein tabellenspiel für menschliche und eventuell allzumenschliche“ mit der Möglichkeit von Strategien zur Ablösung, bzw. Überwindung von Triebfixierungen beschäftigt. Diese haben die unangenehme Eigenschaft, die betroffenen Individuen in bestimmten Mentalitäts-, bzw. Kognitions- und Handlungsmustern festzusetzen.
Sein Tabellenspiel geht zunächst von Günthers Matrizen aus, schlägt dann aber einen neuen Kurs ein. Trieb wird als Basis von Leben – auch physiologisch – verstanden, von Praxis und von Bewusstsein. Das Spiel will die Möglichkeit der Transformation von Trieb, besonders vom Triebfix aufzeigen, dem Verfallen an ein dominantes, das Subjekt selbst beherrschendes Triebmotiv.
Günthers recht abstrakter Reflexionsüberschuss dient der grundlegenden Betrachtung der Struktur des Weltbezugs und stellt somit eine erhebliche Reduktion dar. Er wird hier ergänzt zu einem Geviert der Überschüsse, ihm sind Perzeptions-, Antriebs- und poetischer Überschuss an die Seite gestellt, um den Theoriebezug zum Dasein lebensweltlicher und damit realistischer zu gestalten. Somit sind neben der Ratio Wahrnehmungs-, Antriebs- und Kreativitätsüberschüsse mit einbezogen.
Baldus‘ bewusst reduzierter, streckenweise telegrammartiger Stil sowie die Komposition des Beitrags als Kette von 28 Takes, quasi als Filmproduktion, gibt Raum für eigene Assoziationen und Sprünge zwischen den Szenen. Der Beitrag beginnt mit dem Vorwort, das realiter immer zuletzt entsteht und daher hier konsequent PostScriptum genannt ist.
Gotthard Günthers „Die Amerikanische Apokalypse“ ist nun auch auf vordenker.de zu finden. Es lässt sich als ein Versuch der Fortschreibung und Überwindung von Oswald Spenglers Kulturzyklentheorie aus dessen Werk „Der Untergang des Abendlandes“ verstehen.
Der Text muss in den 50er-Jahren entstanden sein, wie aus einem Brief Günthers an Ernst Jünger 1958 hervorgeht, ist jedoch zu Günthers Lebzeiten nicht publiziert worden. Die ersten beiden der fünf diesem Werk zugrundeliegenden Mappen A und B aus dem Nachlass Günthers wurden 2000 von Kurt Klagenfurt et al, einer interdisziplinären Gruppe um den Soziologen Arno Bammé, als Buch herausgegeben. Eine erste Version des alle fünf Mappen und insgesamt 646 Seiten umfassenden Dokuments wurde 2007 von Gernot Brehm aus seinen privaten Aufzeichnungen heraus auf seiner Homepage an der FU Berlin bereitgestellt. 2009 überarbeitete Eberhard von Goldammer die Datei. Aufgrund einer veränderten user policy steht an der FU Berlin nunmehr kein Webspace für Externe zur Verfügung. Auf Initiative von Gernot Brehm wird das Dokument nun hier bereitgestellt.
Ganz denselben Bearbeitungsweg nahm ein weiteres, ebenfalls großes, bislang unveröffentlichtes Werkfragment von Gotthard Günther, betitelt mit „Metaphysik der Institution„. Auf der Basis der Spätwerke von Hegel und Schelling beschreibt Günther darin den steten Prozess der Distanzierung des menschlichen Bewusstseins von der objektiven Welt durch ständige Abbildungsvorgänge. Er arbeitet u.a. heraus, dass das klassische Konzept von Denken und Sein an Grenzen stößt, sobald das Verhältnis zwischen Ich und Du zum Thema wird. Ein zentraler Aspekt ist dabei die Erkenntnis, dass Subjektivität kein einsames Phänomen ist, sondern ein komplexes ontologisches Verhältnis, das eine Vermittlung durch das Objektive erfordert. Diese philosophische Auseinandersetzung kann als Grundlage für ein tieferes Verständnis gesellschaftlicher Institutionen und menschlicher Existenz dienen. In diesem Text finden sich recht weit ausgearbeitete Ansätze und Vorüberlegungen, in denen die Grundstruktur von Günthers Philosophie der Technik bereits erkennbar ist.
Mein besonderer Dank gilt Gernot Brehm für die Bereitstellung beider Texte, online gestellt bereits Mitte August.
Abschließend möchte ich noch einmal auf einen Beitrag meinerseits hinweisen,
„Über Frames und Hohlräume, blinde Flecken, semantische sowie methodische Fouls und affirmative Befindlichkeiten„, eine Klarstellung zu einer Publikation zu Gotthard Günther von Christoph Görlich:“Im Hohlraum der Negativität – Gotthard Günther und die Krisen des Idealismus„.
Anregung und Spaß beim Stöbern, Lesen und Denken wünscht, Ihr
Nick H. aka Joachim Paul (Hg.)
