Totale Überwachung und Gegenwartsblindheit

kamera300In ihrem bemerkenswerten Buch „Autonomie – Eine Verteidigung“, siehe auch hier, schildern und kommentieren Michael Pauen und Harald Welzer ein Erlebnis, das mich sehr nachdenklich gemacht hat. Einer der beiden Autoren – ich nehme an es war Welzer, aus dem Buch geht das aber nicht hervor – sprach vor einiger Zeit auf einer Veranstaltung über die Gefahren der totalen Überwachung und brachte als Beispiel die zwischen 1941 und 1945 in Berlin untergetauchten Juden. Diese konnten nur überleben mit Hilfe von „ höchst komplexen und verletzlichen konspirativen Hilfenetzwerken“, so der Vortragende.

Dann wurde ein Vergleich zu heute gezogen und gesagt, dass unter den gegenwärtigen Bedingungen der informationsindustriellen Überwachung keiner der „Untergetauchten“ hätte gerettet werden können. Diese Sicht wurde auf der Veranstaltung in die Worte gefasst: „Dagegen war die Überwachung der Nationalsozialisten ein Spaziergang.“ Ein auf den Unterschied der technologischen Möglichkeiten zur Nazizeit und heute bezogener Vergleich also.

Anschließend schildern die Autoren, dass sich ein junger Mann aus dem Publikum erhob und rief: „Ich fordere Sie auf, sich zu entschuldigen!“ Auf die irritierte Frage des Vortragenden, wofür denn die Entschuldigung sein solle, rief der Mann voller Empörung: „Sie verhöhnen die Opfer des Nationalsozialismus!“

Wirklich bemerkenswert ist nun, wie Pauen und Welzer dieses Erlebnis kommentieren:

„In dieser Episode scheint die ganze Dialektik der Freiheits- und Demokratiebedrohungen auf, wie sie aus dem staatlich informationsindustriellen Komplex resultieren: Statt über die Potentiale eines gegenwärtigen, in ganz neutral-technoidem Gewand daherkommenden Totalitarismus besorgt zu sein, verließ sich der junge Mann auf die rituelle Macht des nachholenden Widerstands: Um nicht gegen das sein zu müssen, was heute Freiheit und Demokratie bedroht, trat er lieber öffentlich gegen das auf, was vor einem dreiviertel Jahrhundert geschehen war. Solche historisch munitionierte Gegenwartsblindheit erwartet Unheil offenbar nur dann, wenn es in Uniform auftritt.“

Die „rituelle Macht des nachholenden Widerstands“ beseteht hier also darin, dass dieser junge Mann ganz offenbar für den Begriff Totalitarismus bildhaft das einsetzt, was er schon kennt aus der Geschichte, nämlich den Nationalsozialismus. Geschichte aber, das wissen wir, wiederholt sich nicht. [Womit Neonazi-Netzwerke, Pegida- und AfD-Schwampf ausdrücklich nicht verharmlost werden sollen.] Aber die Empörung greift hier zurück auf den Erfahrungsbestand der Geschichte des 20. Jahrhunderts. Sie verstellt sich somit den Blick auf wirklich neue Entwicklungen und führt dazu, dass die Kraft des gemeinsamen Widerstands, die Kraft der Bewegungen gegen dieses Neue, geschwächt wird.

Was ist nun das Neue, wodurch drückt sich diese neue Form des Totalitarismus aus? Kurz gesagt speist sich die Motivation für die aktuelle Überwachung aus zwei Momenten, die eine wird als erhöhte Wachsamkeit zum Schutze der „freien Welt“ und als Sicherheitsbedürfnis der Kapitaldemokratien mit Bezug auf die Ängste der BürgerInnen verkauft. Die andere speist sich aus dem unter Druck geratenen Kapitalmarkt, der über die totale Vermessung der Individuen und ihrer Interessen nach neuen Absatzmärkten und Wachstumsmöglichkeiten sucht.

Es wird in Zukunft eher darauf ankommen, die Entartung des Neoliberalismus als Turbo-Neoneoliberalismus, das Bestreben, die Welt, ihre Bestandteile und menschlichen Individuen vollständig und total nach ökonometrischen Prinzipien zu vermessen und zu beschreiben, als den eigentlichen, jetzt postmodernen Totalitarismus zu demaskieren und darzustellen.

In diesem Sinne,

Kopf hoch und weitermachen,

Nick H. aka Joachim Paul

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2 Responses to “Totale Überwachung und Gegenwartsblindheit”

  1. Idahoe sagt:

    Früher ™ als Männer den Frauen pfiffen, war Frau (völlig zurecht) empört und beschwerte sich, daß sie doch schließlich kein Hund sei…

    …die gleichen Frauen heute zu beobachten, wenn ihr Smartphone nach ihnen pfeift…und sie diesen Pfiff ganz selbstverständlich klaglos hinnehmwn…gar freudestrahlend erwartet…ist schon erstaunlich…die Wandlung…wie Technik die Dressur perfektioniert…aber Sprache gendern…wer braucht schon Verständigung…Übereinkünfte…Vereinbarungen…zum Glück beinhalten Regeln Anweisungen..das erspart das Denken…Denk Selbst…mein geliebter Roboter…

  2. Idahoe sagt:

    Kommt es nicht vielmehr darauf an, zu erkennen, daß eine Wissensgesellschaft nicht auf Glauben aufbauen kann?

    Ist die Vermessung, die Ökonomisierung der Welt nicht eher die Verregelung, sprich die Bürokratisierung der Menschenwelt?

    Lag etwa Moritz Schlick vom Wiener Kreis richtig, als er meinte, jeder Tropfen Tinte wäre verschwendet, wenn von Freiheit geredet wird und nicht erkannt wird, daß alle Regeln nur den einen Zweck haben, die Verhaltenssteuerung der Menschen?

    Haben Menschen, die Rechte und damit Regeln fordern, überhaupt die Konsequenz der eigenen Versklavung begriffen?

    Ist Menschen überhaupt klar, daß Regeln den Menschen zum Roboter, zum willenlosen Zombie machen?

    Ist Menschen klar, daß Regeln Kreativität und Innovation verhindern?

    Ist den Menschen klar, das das beibehalten der Regelgläubigkeit zu Degeneration führt, da das menschliche Hirn sich selbst überflüssig macht?

    Liebe Herrscher, gebt den Menschen endlich ihre KI und eure Kybernetik, auf daß sie glücklich werde in ihrer geistigen Trägheit…Amen…

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