Glaubwürdige Digitalisierungskritik muss präzise sein

Über die zuweilen stumpfe Argumentations-“Logik“ in der Digitalisierungskritik

~ 14 min Lesezeit

Publizistische Vorbemerkung: Dieser Beitrag wurde am Montag den 26. Juni 2017 erstveröffentlicht auf rubikon.news unter diesem Link. Heute gegen 16 Uhr bemerkte ich, dass der Beitrag nicht mehr abrufbar war. Auf meine telefonische Nachfrage teilte man mir mit, dass meine Kritik allzu harsch und ad personam sei, ich solle etwas ändern, dann würde man ihn wieder online stellen.

Stimmt, ich habe im Beitrag einige Aussagen des Hochschullehrers Ralf Lankau öffentlich sehr hart kritisiert, sowohl polemisch als auch unter Hinzuziehung von Quellen, Aussagen, die Lankau selbst öffentlich und mehrfach – in Wort und Schrift – getätigt hat. So etwas nennt man auch Debatte oder Diskurs. Mich jetzt einfach so und offensichtlich ohne es nötig zu haben, mir das vorher mitzuteilen, zu depublizieren, weil irgendwas irgendjemand – aus was für Gründen auch immer – nicht so recht passt, das mag ich irgendwie gar nicht. Aber ich hab‘ ja glücklicherweise nen eigenen Blog ….

Nun aber zum Text, mögen sich die geneigten LeserInnen selbst ein Urteil bilden …

Bezogen auf die galoppierenden technologischen Entwicklungen scheint aktuell nichts wichtiger als eine profunde und scharfe Reflexion und Kritik der erwartbaren und spekulierten Auswirkungen der Digitalisierung auf nahezu sämtliche gesellschaftlichen Bereiche. Unter den gesellschaftlichen Gruppen und Interessenverbänden nimmt die Wissenschaft in der „Debatte Digital“ zweifellos eine Sonderrolle ein, da sie für sich gern eine größere Reflexionstiefe in Anspruch nimmt. Eine darauf basierende Kritik gehört gewissermaßen zum „Kerngeschäft“ von Wissenschaft überhaupt. Hierin dürften sich viele kritische Geister einig sein. Man darf also etwas erwarten können.

Und Reflexion und Kritik – sofern sie an der Gestaltung von Zukunft teilhaben wollen – sollten insbesondere die aus dem Silicon Valley heraus propagierten Visionen und Heilslehren samt ihrer turboneoliberalen Verschränkungen als auch ihre direkten und indirekten Einflüsse auf – hier z.B. die deutsche Bildungspolitik – in den Blick nehmen.

Um sich selbst argumentativ zu bereichern, sich zu munitionieren, die eigene Position gegenzuchecken, ist es natürlich sinnvoll, kritischen Kollegen aufmerksam zu lauschen und selbstverständlich auch die eigenen Blickwinkel in die öffentliche gesellschaftliche Debatte einzubringen. Daher besuchte ich am 07.06.2017 eine Vortragsveranstaltung der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, GEW, in Leverkusen mit Prof. Dr. phil. Ralf Lankau zum Thema „Bildung 4.0 – Heilserwartungen an die „Digitalisierung der Bildung“ und ihre Profiteure“.

Ich wurde bitter enttäuscht.

Aber stopp, es gab auch Positives, das gleich mal vorne weg. Ralf Lankau, Hochschullehrer in Offenburg, sagte in seinem Beitrag Vieles, dem nicht nur ich ohne weiteres zustimmen kann. So pflegt er im Rahmen seiner eigenen Lehrtätigkeit einen durchaus vertrauenswürdigen und differenzierten Einsatz digitaler Instrumente, insbesondere bei konsequentem Verzicht auf proprietäre Software der IT-Multis Microsoft und Apple und ihrer Satelliten.

Und er vertritt eine Sichtweise auf pädagogische Prozesse, die ich voll und ganz teilen kann: Die Didaktik soll führen und nicht die Technik. Ein Satz, der speziell politischen Entscheidungsträgern ins Stammbuch geschrieben gehört. Denn Politik sitzt nur allzu gern mit vor Wachstumshoffnungen leuchtenden Augen entsprechend unkritisch der landauf, landab gepflegten Innovationstrompeterei, diesen Marketing-Jubel-Sprechblasen auf, von denen z.B. „Industrie 4.0“ nur eine ist. Eine neue Technik darf aber andererseits durchaus auch neue didaktische Ideen stimulieren.

In der Mitte seines Vortrags wollte Lankau jedoch grundsätzlich werden und zeigte eine Folie, auf der er als Eckpunkte eines Dreiecks die seiner Sichtweise nach drei Übel unserer Zeit benannte. Eins sprang mir sofort ins Auge und hielt mich – aus persönlichen Gründen – auch emotional gefangen. An die beiden anderen kann ich mich daher – ich bitte um Verständnis – nur vage erinnern, da war irgendwas mit Neoliberalismus, Markt und Politik.

Dieses eine Übel jedoch wurde bezeichnet mit [Kybernetik/Behaviorismus], genau so, wie es hier steht, d.h. die beiden Begriffe, lediglich getrennt durch einen Schrägstrich. In seinem recht suggestiv vorgetragenen Wortbeitrag dazu bemerkte er sinngemäß, dass die von Norbert Wiener und Kollegen entwickelte Kybernetik neben militärischen Anwendungen die Steuerung und Programmierung! von Gesellschaften zum Ziel habe. Den Begriff Programmierung verwendete er im Sinn des konditionierten Reflexes, den wir alle ja aus den Pavlovschen Hundeversuchen kennen. In diesem Zusammenhang fiel auch der Begriff Systemtheorie und der Name des Soziologen Niklas Luhmann. Des Weiteren sagte Lankau, die Kybernetik vertrete ein deterministisches Menschenbild.

Damit dies nicht als bloßes Hörensagen abgetan werden kann, zitiere ich eine andere Passage aus einem im Web verfügbaren Text des Vortragenden:

„Es sind zum anderen auto- und technokratische Denkschulen der Nachkriegszeit. Dazu zählen seit den 1940er Jahren die Kybernetiker. Dazu gehören, in den 1950er Jahren in den USA, zu Beginn der 1960er Jahre in Europa, die Behavioristen mit ihrem (schon damals falschen) „programmierten Lernen“, das im „digitalen Lernen“ aufersteht, aber eher als Dressur und Drill bezeichnet werden muss. (Lernen wird über extrinsische Reize, d.i. Belohnung, gesteuert wie bei Tierversuchen.) Dazu gehören die neoliberalen Modelle, bei denen das Individuum sich als Produkt definiert, das sich durch entsprechende Aktivitäten für einen Arbeits- oder Personalmarkt selbst optimiert. Es sind heute die Digitalisten aus dem Silicon Valley, die glauben machen wollen, die ganze Welt mit Software neu programmieren zu können.“[1]

Es ist übrigens m.W. das zweite Mal, dass in der Debatte im deutschsprachigen Raum jemand so explizit „die Kybernetik“ auf‘s Korn nimmt. Das erste Mal war es Sascha Lobo in seiner Kolumne auf Spiegel online in einem Beitrag zur Überwachung.[2]

Sowohl im genannten Wortvortrag Lankaus als auch in obigem Textbeispiel geht so Vieles durcheinander, dass es schon eine Herausforderung ist, das aufzudröseln. Eine Dekonstruktion der hier kritisierten intellektuellen Verknotungen kann sogar mit einer erheblichen philosophischen Tiefe durchgeführt werden, die jedoch den Rahmen dieses Beitrags sprengen würde.

Eine Exkursbemerkung dazu sei aber gestattet. So ließe sich Ralf Lankau z.B. problemlos der Vorwurf machen, er unterstelle den von ihm abgelehnten Verfahren z.B. des konditionierten Lernens auf Dauer eine gewisse historische Erfolgswahrscheinlichkeit im „Programmieren“ von Gesellschaften. Schlussendlich würde er aber damit behaupten, dass die Anwendbarkeit dieses Verfahrens in gewisser Weise zur Natur des Menschen gehört. Sein Menschenbild entspräche folglich genau dem der turboneoliberalen Markt- und Konditionierungsgläubigen, die so eine „Gesellschaftsprogrammierung“ möglicherweise beabsichtigen. Dem kann ich nur vehement widersprechen.

Im Folgenden will ich mich jedoch auf eine Kritik hart an den Begriffen sowie den wissenschafts- und technikhistorischen Fakten beschränken.

Der Behaviorismus – bei Lankau lediglich durch einen Schrägstrich von der Kybernetik getrennt – hat mit der Kybernetik in etwa so viel zu tun wie Tennis mit Fußball, nämlich rein gar nichts. Er geht auf die Arbeiten des US-Psychologen John B. Watson zurück und entstand zu Beginn des 20. Jh. Eine seiner Kernthesen sagt, dass Verhalten, engl. Behavior, sich grundsätzlich als Reflex nach dem Schema Reiz – Reizverarbeitung – Reaktion als serielle Ereigniskette verstehen lässt, die in gewissem Sinne „programmiert“ werden kann, wie Ivan Pavlov in seinen berühmten Hundeversuchen zum konditionierten Reflex nachwies. Die vornehmlich in den USA einflussreiche behavioristische Schule der Psychologie wurde in den 50ern durch Burrhus F. Skinner noch einmal radikalisiert und ist heute glücklicherweise als allgemeines Beschreibungs- und Erklärungsschema von Verhalten längst abgehakt. Der Psychologe Julian Jaynes war sogar der Ansicht, dass der einzige wesentliche Sinn des Behaviorismus ein eher wissenschaftspolitischer war, eine Art Hausputz, ein Kehraus in den philosophischen Fakultäten der Universitäten, der dazu führte, dass die Psychologie sich von der Philosophie abnabeln und fortan eigene Fakultäten betreiben konnte.[3]

Dennoch, das, was heute unter KI, unter künstlicher Intelligenz – hier auf der Basis computersimulierter neuronaler Netze – als deep learning bezeichnet wird, ist ganz präzise eine Simulation konditionierter Reflexe. Es ist das trivialste Lernverfahren und gleichzeitig auch das einzigste, das sich bislang überhaupt algorithmisieren und damit maschinell implementieren lässt. Das „deep“ in „deep learning“ hat nichts mit Intelligenz oder gar einer Form der Erkenntnistiefe zu schaffen sondern sagt hier nur, dass es sich um „tiefe“ Netze mit mehreren Layern, also mehreren Schichten aus simulierten Neuronen handelt. Das ist alles. Es lässt sich also mit Recht sagen, dass der Kern des Behaviorismus und damit der Behaviorismus selbst „maschinisierbar“ ist. Insofern kann man Lankau noch zustimmen.

Bei der Kybernetik jedoch überschlagen sich seine Fehlgriffe und Missinterpretationen. So bezeichnet er die Kybernetik ebenso wie den Behaviorismus als eine „auto- und technokratische Denkschule der Nachkriegszeit“. Das ist nicht nur grundfalsch, es ist auch diskriminierend.

Wahr ist lediglich die allgemein bekannte Tatsache, dass gegen Ende des 2. Weltkrieges der aus dem Militär stammende Wunsch bestand, Ziel- und Abschussvorrichtungen zu automatisieren. Eine auch an Kybernetiker herangetragene Frage lautete z.B.: „Unter welchem Vorhaltewinkel muss ein FLAK-Geschütz ausgerichtet werden, um ein angreifendes Flugzeug zielsicher treffen zu können, unter Berücksichtigung verschiedener Parameter wie Richtung und Geschwindigkeit des Flugzeuges, Fluggeschwindigkeit des Geschosses, Windgeschwindigkeit, usw. usf.“

Die Wissenschaftler, die die Kybernetik begründeten, wie der Physiologe Warren S. McCulloch, der Mathematiker Norbert Wiener und andere nahmen jedoch wesentlich grundsätzlichere an Biologie und Medizin orientierte Fragen in den Fokus. Wie „funktioniert“ Homöostase? Wie schafft es ein Lebewesen, dass beispielsweise seine Körpertemperatur selbst bei wechselnden Umweltbedingungen konstant bei 37°C bleibt?

In seinem Grundlagenwerk „Einführung in die Kybernetik“ stellt W. Ross Ashby unmissverständlich klar:

„Kybernetik untersucht alle Phänomene in Unabhängigkeit ihres Materials, so sie regelgeleitet und reproduzierbar sind.“[4]

In diesem Zitat ist implizit der Kern einer neuen wissenschaftlichen Denkschule enthalten, die den klassischen Methodendualismus zwischen den Geistes- oder Humanwissenschaften und den sui generis subjektlosen Naturwissenschaften in Frage stellt. Daher ist diese Denkschule weder auto- noch technokratisch zu nennen, wie Lankau behauptet. Sie hebt vielmehr ab auf Unabhängigkeit vom Material, auf Regelgeleitetheit von Prozessen und kritisiert zudem die Subjektlosigkeit der Naturwissenschaften!

Kybernetisches Denken präsentiert sich somit als eine wissenschaftliche Geste, die sich gegen die bestehenden – wissenschaftlichen und gesellschaftlichen – Verhältnisse richtet!

Insofern enthält sie gleich auch die Selbstthematisierung, Selbsthinterfragung, denn mit der Kybernetik zweiter Ordnung, der Kybernetik der Kybernetik – der Regelung der Regelung bringt Heinz von Foerster genau jene seltsame Schleife, die „strange loop“, ins Spiel, die Homöostase – als regelnde Verschränkung eines (lebenden) Systems mit seiner Umgebung – überhaupt erst ermöglicht.

So wurde das Subjekt – als Handelndes und als Beobachter – immer wieder thematisiert. Kybernetisches Denken in der Praxis führt uns Heinz von Foerster u.v.a. an folgenden beiden Aussagen, bzw. Anekdoten vor, die hier gerafft wiedergegeben sind.

Betrachtet sei erstens ein militärischer Trupp von z.B. zehn Soldaten, der vom Offizier auf einem Bahnhof den Befehl erhält: „Abmarsch, einsteigen in den Zug, es geht zum Kampfeinsatz nach Nicaragua!“ Neun befolgen nun den Befehl und steigen in den Zug, nur einer protestiert und wendet sich ab. Im Fall der Neun, so von Foerster, bezeichnen wir das als Signalübertragung, im Fall des Einen beobachten wir hingegen das Entstehen von Information!

Zweitens nahm von Foerster in seinen Vorträgen immer wieder die klassische subjektlose Naturwissenschaft aufs Korn, und das ausgerechnet am Beispiel der Pavlovschen Hundeversuche zum konditionierten Reflex! So berichtete er gern über ein Experiment des polnischen Psychologen Jerzy Kornosky, der die Pavlovschen Versuchsreihen samt ihrer Bedingungen akribisch wiederholte.[5]

Pavlov hat einem Hund in der Trainigsphase jedesmal sein Futter zusammen mit dem Klingeln einer Glocke verabreicht. In der Testphase ergab sich, dass der Hund auch dann Speichel fürs Fressen erzeugt, wenn er nur die Glocke hört. Er nannte dies Konditionierung. Der geniale Versuch Kornoskys jedoch zeigte, wer wirklich konditioniert wurde. Das Pavlovsche Setting wurde exakt wiederholt. Aber in der Testphase wurde dem Laborassistenten ohne sein Wissen der Klöppel aus der Glocke entfernt, die so natürlich keine Geräusche verursachte. Der Hund erzeugte trotzdem Fressspeichel! Mit Kornosky schließt von Foerster daraus: Das Läuten der Glocke war das Signal für Pavlov und nicht für den Hund! Der Beobachter also sieht Zusammenhänge, die der Beobachtete nicht sieht. Dass der Pavlovsche Hund ausschließlich auf das Glockengeräusch reagiert, ist eine Projektion von Pavlov.

Das ist kybernetisches Denken! Mit Schwejkschem Charme und fast schon kabarettistisch zu nennender Subversion gemahnt uns einer der Väter der Kybernetik, Heinz von Foerster, Wirkzusammenhänge zu hinterfragen, und zwar, bevor man sie interpretiert. Von Technokratie keine Spur, eher vom Witz und von der Souveränität eines dialektisch – dialegesthai – durch die Dinge hindurch – bewusst argumentierenden und nach echter Erkenntnis strebenden Individuums.

Homöostase als komplexer Regelungsvorgang, der in einen stabilen Prozessmodus führt, z.B. den der konstanten Körpertemperatur, ermöglichte es in der Evolution des Lebens auf unserem Planeten den Säugetieren und Vögeln, Lebensräume zu erobern, die wechselwarmen Tieren nicht zugänglich sind.

Abstrahiert man einmal davon, dann ist Homöostase eine Erweiterung des Möglichkeitsraums, eine notwendige Voraussetzung für Freiheit! Und Kybernetik wird damit zu einer Denkschule, die Freiheit ermöglichen will. Und das ist im Grunde das Sensationelle. Ein Teil dieser Freiheit ist als fester Bestandteil in unserer Physiologie, unserer Biologie verankert.

Damit ist auch der Behauptung, die Kybernetik vertrete ein deterministisches Menschenbild, jegliche Grundlage entzogen. Gotthard Günther schreibt dazu in seinem „kybernetischen“ Aufsatz „Erkennen und Wollen“:

„An dieser Stelle soll hervorgehoben werden, dass es eigentlich nicht richtig ist, von zwei Kausalketten zu sprechen – eine entsprungen im unbelebten Objekt und die andere im Lebendigen – und zwar deshalb, weil alle lebendigen Systeme ursprünglich aus eben der Umwelt aufgetaucht sind, von der sie sich dann selbst abgeschirmt haben. In der Tat gibt es nur eine Kausalkette, entsprungen aus und sich ausbreitend durch die Umwelt und zurückreflektiert in diese Umwelt durch das Medium des lebenden Systems. Das Gesetz der Determinierung drückt sich dabei jedoch in zwei unterschiedlichen Modalitäten aus. Wir müssen zwischen irreflexiver und reflexiver Kausalität unterscheiden. Damit meinen wir, dass die Kausalkette auf ihrem Weg durch ein lebendes System eine radikale Veränderung ihres Charakters erfährt.“[6]

Das ist Freiheit!

Nicht ohne Grund nannte der Kybernetiker und Managementlehrer Stafford Beer eines seiner Werke „Designing Freedom“! In der Spätzeit der Allende-Regierung in Chile arbeitete er an einem kybernetischen Projekt namens Cybersyn, dass die Wirtschaftsleistung Chiles steigern und die Versorgung der Bevölkerung mit Grundnahrungsmitteln verbessern sollte. Erste positive Ergebnisse wurden mit dem faschistischen Putsch Pinochets hinweggefegt.

Ihn und andere Kybernetiker wie z.B. Gregory Bateson, den Autor von „Ökologie des Geistes“ und „Geist und Natur“ oder Heinz von Foerster mit seiner KybernEthik implizit als Vertreter einer autokratischen Denkrichtung zu bezeichnen, wie Lankau dies getan hat, grenzt schon an Diffamierung und Geschichtsklitterung.

Nach Beendigung seines Vortrags stimmte Lankau mir auf meinen am Saalmikrofon geäußerten Einwand hin zu. Ich hätte wohl recht, aber eine differenzierte Betrachtung würde zu weit führen.

Ja was soll denn das?! Unterstellen wir mal, dass uns neoliberale, ökonomistische Missbräuche kybernetischer Erkenntnisse ins Haus stehen, was, so sie denn möglich sein sollten, gar nicht so unwahrscheinlich ist, dann hätte er auch Ross und Reiter nennen können, also konkrete Namen, statt eine ganze Denkschule und ihre Urheber zu versuchen zu diskreditieren. Missbrauch der Wissenschaft ist schließlich nahezu an der Tagesordnung, man schaue sich nur an, was heutzutage so alles als „Studie“ daherkommt.

Möglicherweise sind kybernetische Kontexte aber auch die Arenen der politischen Auseinandersetzungen der Zukunft. Und möglicherweise skizziert eine kybernetische Betrachtung global relevanter Kontexte diese Arenen der Zukunft wesentlich besser als andere Verfahren. Kybernetik würde damit zum Werkzeug der Erkenntnis und zum Element politischen Widerstandes!

Schon Vilém Flusser nutzt den kybernetischen Begriff der Rückkopplung in einem politisch-gesellschaftlichen Kontext. Es seien die kybernetischen Rückkopplungen, die fehlen, um große Systeme zu einem stabilen Verhalten zu führen. Frau/Mann könnte auch sagen, die demokratischen Rückkopplungen fehlen.

Flusser sieht für die Zukunft zwei mögliche „Schaltpläne“, der eine, die aktuell vorherrschende „Verbündelung der Massenmedien“ führe zu einer „gleichgeschalteten totalitären Massengesellschaft“.[7] Ok, der Weg dahin ist überdeutlich zu sehen, wobei man Flusser zugute halten muss, dass er nichts von dem Entzug gemeinschaftlicher öffentlicher Reflexionsräume, der Fraktalisierung in Filterblasen und Echokammern innerhalb der sogenannten „social“ media wie Facebook usw. wissen konnte. Verbündelung, Bündel, heißt auf Lateinisch Fascis. Was das auch bedeuten könnte, mag jeder selbst assoziieren …

Den anderen Schaltplan nennt er „Netzschaltplan“, er installiert die gesellschaftlich fehlenden kommunikativen und demokratischen Rückkopplungen und müsste laut Flusser in die Informationsgesellschaft führen, Vernetzung statt Verbündelung. Das war seine Hoffnung.

Von einem Hochschullehrer wie Herrn Lankau sollte man erwarten können, dass er seine Hausaufgaben macht und sauber recherchiert und argumentiert. Geschichtsklitterung sollte vielmehr Denjenigen überlassen werden, die das schon zur Genüge und aus Gründen des Machterhalts tun.

Eine allzu leicht diskreditierbare Kritik ist kontraproduktiv und spielt den ökonomischen Missbrauchsversuchen geradezu in die Hände. Eine solche Argumentation verbleibt ohne Tiefgang und wissenschaftliche Korrektheit hoffnungslos an der Nutzeroberfläche. Wischkompetenz!

Dabei brauchen wir unbedingt eine profunde Digitalisierungskritik. Das Denken und Argumentieren gefällt sich bei Lankau in der Falle der Polarität.

Wir dürfen jedoch dieser tumben Polarität von Technologieeuphorie und Kulturpessimismus nicht das letzte Wort überlassen. Das wäre erstens undialektisch und führt uns zweitens nicht zu einer souveränen Haltung.

Was wir hingegen anstreben sollten ist eine Position der Souveränität, und zwar jenseits von Euphorie und Entsetzen. Diese muss erst konstruiert werden, man findet sie – leider – nicht bei Ralf Lankau und schon gar nicht bspw. bei Jörg Dräger von der Bertelsmann-Stiftung.

Übrigens, das „Control“ im Titel von Norbert Wieners Grundlagenwerk „Cybernetics: or Control and Communication in the Animal and the Machine“ ist mit dem deutschen Wort „Kontrolle“ eher schlecht übersetzt.

Control leitet sich her vom Anglo-Französischen „contreroller“ aus dem frühen 14. Jh., der mittelalterlichen Überprüfung einer Rechnung durch ein doppeltes Register. Schauen wir ins Lateinische, dann haben wir contra, gegen und rotulus, das Röllchen, also Gegenrolle. Auch das darf ein Hochschullehrer durchaus wissen.

Kybernetik ist im Kern subversiv. Punkt.

Das musste mal sein. Bestes, Nick H. aka Joachim Paul

 

Quellen:

[1] Ralf Lankau; Bildung 4.0: Per Algorithmus automatisch klug?; in: Akademie 2016/2, Frankfurt a.M. 2016; online: https://www.vwa-akademie-online.de/wissenschaft-und-praxis/bildung-4-0-per-algorithmus-automatisch-klug/

[2] Sascha Lobo; S.P.O.N. – Die Mensch-Maschine – Was wirklich hinter der massenhaften Überwachung steckt; Spiegel Online 02.04.2014; online: http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/ueberwachung-und-kontrollwahn-dahinter-steckt-kybernetik-a-978704.html

[3] Julian Jaynes; Der Ursprung des Bewusstseins durch den Zusammenbruch der bikameralen Psyche; Reinbek 1988, S. 26f

[4] W. Ross Ashby; Einführung in die Kybernetik; Frankfurt a.M. 1985, S.7

[5] von Foerster, Heinz; Vortrag vor der ASC, American Society for Cybernetics; online: https://www.youtube.com/watch?v=E-J35j2jGeo

[6] Gotthard Günther; Erkennen und Wollen; in: Das Bewusstsein der Maschinen; Hrsg. Goldammer, Eberhard von & Paul, Joachim; Baden-Baden 2002, S. 244 – online: http://www.vordenker.de/ggphilosophy/e_und_w.pdf

[7] Vilém Flusser; ‚Verbündelung oder Vernetzung?‘ in: Kursbuch Neue Medien, Bollmann Verlag, Mannheim 1995, S. 15-23

Be Sociable, Share!

Tags: , , , , , , , , , , ,

One Response to “Glaubwürdige Digitalisierungskritik muss präzise sein”

  1. […] es den Artikel nie gegeben. Erst über eine Websuche sah ich, dass Joachim den Artikel auf seinem Blog gepostet hatte. Mit einer Vorbemerkung, dass dieser von Rubikon ohne Vorankündigung und […]

Leave a Reply