Cyber-Voodoo?

~7 min Lesezeit,
akustische Untermalung gewünscht? Tipp: Jimi Hendrix, Voodoo Child (Slight Return)

Es gehört zur Symptomatik unserer Zeit, dass fast täglich irgendwo auf der Welt der Rubikon überschritten wird, aber ebenso, dass wir davon wissen können. Überschreitungen neben offensichtlichen Lügen und Klitterungen auch in Form von postmodernen Sprachspielen, Dehn- ungen, Stauchungen, Verzerrungen bis hin zu Beschwörungen.

Im gleichnamigen Online-Magazin rubikon.news tummeln sich Beiträge zum Zeitgeschehen, die eine große qualitative Bandbreite zeigen. Eher am oberen Ende dieser Bandbreite angesiedelt sind Texte von Matthias Burchardt.

In einem Beitrag von Matthias Burchardt mit dem meiner Auffassung nach vertretbaren kritischen Titel „Digitalisierung von Bildung als neoliberales Projekt“ [1] vom 21.07.2017 wird quasi im schreibenden Vorbeigehen der Begriff des militärisch-kybernetischen Komplexes eingeschlichen. Das nähere textliche Umfeld dieses Begriffs besteht u.a. aus dem Text-Term „Interessen der IT-Lobby“ sowie einem Zitat des neuen alten NRW-Ministers Pinkwart, der eigenen Aussagen zufolge „digital im Kopf“ ist.[2]

Ich widerstehe hier der Versuchung, näher auf die ohne Zweifel aufschlussreiche ministeriale Auskunft zur eigenen intellektuellen Hohlraumversiegelung einzugehen.

Stattdessen frage ich mich, was dieser Burchardtsche Text-Term „militärisch-kybernetischer Komplex“ für eine Bedeutung haben könnte. Ganz eindeutig abgeleitet ist er vom Eisenhower-Wort vom militärisch-industriellen Komplex.[3] In seiner Abschlussrede als US-Präsident machte er den Begriff populär, als Warnung.

Vielleicht wird deshalb aus dem sattsam bekannten militärisch-industriellen Komplex ein militärisch-kybernetischer Komplex, weil das jetzt neue Böse auch einen neuen Namen braucht. „Industriell“ allein reicht nicht mehr. Allerdings, die Formulierungen militärisch-informationeller oder militärisch-informationstechnologischer Komplex hätten es inhaltlich um einiges besser getroffen.

Warum also kybernetisch? Warum wird hier seitens der – und ich kann das nur betonen – sinnvollen Digitalisierungs- und Turboneoliberalismuskritik auf eine wissenschaftliche Querschnittsdisziplin Bezug genommen, aus deren reichhaltigem Textkorpus einem geradezu haufenweise verbündete Argumente zur Kritik am Bestehenden entgegen springen? Warum schießt man sich ins eigene Knie? Warum diskreditiert, ja entwaffnet man sich selbst?

Was wird angestrebt, und um welchen Preis, etwa so was wie Diskurshoheit?

Und Burchardt ist nicht der einzige, auch Ralf Lankau sieht in der Kybernetik ein Übel der Zeit [4] – ich schrieb darüber. Und ich befürchte, es gibt noch einige mehr.

Eben dort in meiner Kritik an Lankau sagte ich, Kybernetik sei im Kern subversiv – prompt warf mir ein ehemaliger Parteifreund – augenzwinkernd – Cyberfetischismus vor.[5]

Schon 1945, ein Jahr vor Beginn der sogenannten Macy-Konferenzen, bricht der Physiologe Warren McCulloch, der kurz zuvor zusammen mit dem Mathematiker Walter Pitts in einem Aufsatz die Neuroinformatik begründet hatte, mit dem Alleinanspruch der Hierarchie als Ordnungsschema – am Beispiel der platonischen Begriffspyramide, quasi der Mutter aller Hierarchien – und stellt ihr die Heterarchie als „gleichberechtigtes“ Komplementärprinzip an die Seite.[6] Subversiver geht es wirklich nicht mehr.

Seit über 30 Jahren fristete die Kybernetik, die nie ganz zu einer eigenen wissenschaftlichen Disziplin werden konnte, jedoch mit einem geradezu revolutionären und ungleich umfassenderen Erkenntnisanspruch als die Informatik antrat, ein Randdasein eben neben jener Informatik, die ihr, basierend auf der Informationstheorie von Shannon und Weaver, gewissermaßen den Rang abgelaufen und es inzwischen zu eigenen Fakultäten gebracht hatte.

Und nun, wo spätestens nach dem Snowden-Schock die dunklen Seiten des Datennetzes auch in breiteren gesellschaftlichen Debatten deutlicher zutage treten, taucht dieser Begriff wieder auf. Im Zuge von Big Data, künstlicher Intelligenz, kurz KI, den neuen Erfolgen computersimulierter neuronaler Netze, Stichwort „deep learning“, Robotik, Drohnen, Überwachung, five eyes alliance, usw.

Möglicherweise fungiert hier der Begriff der Kybernetik, dem bisweilen auch der Nimbus des Gefährlichen, des kalten Technischen und Seelenlosen zugesprochen wird, als eine Art Leerstelle, als Suppentopf, in den sich all diese o.g. Dinge hineintun und zu einem Begriffsbrei verrühren lassen.

Gregory Bateson hätte vermutlich dazu geäußert, dass der Mythos eines Begriffs wesentlich korrumpierender wirkt, als der Begriff selbst.[7]

Oder als Projektionsfläche. Dehn- und zerrbar in alle Richtungen, damit Dies, Das und Jenes auch noch drauf passt. Die Textkomposition Burchardts lässt das annehmen.

„Politisches Handeln, das auf dieser Welle“ (Anm.: Digitalisierung) „schwimmt“, sei „per se legitimiert“, so Burchardt. „Skeptiker und Kritiker“ kämen „gegen die Macht der großen Erzählung kaum an“, heißt es weiter in seinem Beitrag. In der Tat, dem kann man zustimmen. Aber rechtfertigt das Dehnungen und Zerrungen eines Begriffs bis hin zur Unerträglichkeit? Ist das überhaupt – strategisch gesehen – ein richtiges Mittel gegen diese „Macht der großen Erzählung“?

Mehr noch, der schon inflationär – fast lustvoll gruselnd – zu nennende Gebrauch des Präfixes „cyber-“, 30mal und meist als Kompositum „cyberspace“ – das Zitieren des Cyberspace-Manifestes von John Perry Barlow allein rechtfertigt diese Wiederholungen nicht – hat eher etwas von einer Beschwörung. Diese Vorgehensweise ähnelt übrigens zahlreichen denkbefreiten Sprechakten der großen Erzählung, z.B. Stichwort „Industrie 4.0“ [8] und kann vielleicht gar als ihr Komplement bezeichnet werden.

Nochmal, ist das das rechte Mittel im Diskurs? Ein Text, der vielleicht mal eine Erörterung sein sollte, mutiert zu einer Beschwörung. Man lädt die Kybernetik entsprechend auf und steckt ein paar Nadeln rein? Und was ist mit der Verantwortung des Wissenschaftlers?

Was also tun? Sich mit Beschwörungen bewaffnet an den Strand stellen und auf die Konquistadoren warten? Wir wissen doch, wie das ausgegangen ist.

Oder lieber dorthin gehen, wo sich Technik und Dialektik treffen sollten, ohh pardon, schon einmal getroffen haben? Und wo ist das? Möglicherweise im „Vorhof“ [9] der Technik von morgen.

Hmm. Welchen Namen dieser Vorhof wohl haben könnte?

Der Begriff „Kybernetik“ taugt nicht als Fetisch, weder so noch so. Das wird klar, wenn man sich damit nur etwas eingehender auseinandersetzt.

Vielleicht muss auch endlich mal die – ja Unverschämtheit! – ketzerische Frage gestellt werden, was, liebe Leute, habt ihr denn an kybernetischen Primärquellen – ich fordere hier einfach mal das Autopsie-Prinzip der Wikipedia, nachdem nur das zitiert oder erwähnt wird, was man als Quelle auch selbst in Augenschein genommen hat – bspw. der Autoren Gregory Bateson, Heinz von Foerster, Warren McCulloch, Norbert Wiener, Gotthard Günther, Gordon Pask, Lars Löfgren, Humberto Maturana, W. Ross Ashby, Stafford Beer, Ranulph Glanville, Paul Pangaro usw. eigentlich gelesen?

Ich fürchte, die Antwort fällt eher mau aus. Im 19. Jahrhundert wäre man damit – z.B. in einer Philosophieprüfung – durchgefallen. Aber heute scheint’s reichen ja postmoderne Sprachspiele, Aufladungen oder Beschwörungen.

Und beim fleißigen Begriffe-Dehnen und Beschwören entgeht einem so ganz nebenbei mal wieder, was US-IT-Monopolisten – besonders im Bereich Hardware – in der Zwischenzeit so alles für Patente angemeldet haben ….

Was sagte der Kybernetiker Gordon Pask doch gleich auf die Frage eines Studenten, welche der vier Auswahlmöglichkeiten er wähle? „Ich ziehe Nr. 5 vor.“ Student: „Aber die ist doch gar nicht da!“ Pask: „Ja genau, weil sie nicht da ist!“

Habt Spaß. Trotzdem.

Nick H. aka Joachim Paul
der nach wie vor das Mühen um die Aletheia über die doxa stellt.

Quellen:

[1] https://www.rubikon.news/artikel/digitalisierung-von-bildung-als-neoliberales-projekt

[2] http://www.rp-online.de/nrw/landespolitik/andreas-pinkwart-ich-bin-digital-im-kopf-aid-1.6925268

[3] https://de.wikipedia.org/wiki/Milit%C3%A4risch-industrieller_Komplex

[4] http://www.vordenker.de/blog/?p=1786

[5] Cemo, Dr. Seditious oder wie ich lernte, die Kybernetik zu lieben, 09.07.2017 – https://kybernethik.com/?p=567

[6] Warren S. McCulloch, ‚A Heterarchy of Values Determined by the Topology of Nervous Nets‘, Bull. Math. Biophys., 7, 1945, p. 89-93, Abdruck in: Embodiments of Mind, Warren S. McCulloch, MIT Press, Cambridge Mass., 1970, online: http://www.vordenker.de/ggphilosophy/mcculloch_heterarchy.pdf

[7] Gregory Bateson, Geist und Natur. Eine notwendige Einheit, Frankfurt a.M., 1982, S. 272

[8] Andreas Syska, Videomitschnitt zum Vortrag von Prof. Dr. Andreas Syska auf dem V. Symposium „Change to Kaizen“ in Mannheim, 07.11.2016, https://www.youtube.com/watch?v=uFEBXiElXwk

[9] Gotthard Günther, Martin Heidegger und die Weltgeschichte des Nichts; In: U. Guzzolini (Hrsg.), Nachdenken über Heidegger, Hildesheim 1980; sowie in Günther, Gotthard; Beiträge zur Grundlegung einer operationsfähigen Dialektik, Bd. 3, Hamburg 1980, S. 260-296; online: http://www.vordenker.de/ggphilosophy/gg_heidegger-weltgeschichte-nichts.pdf

 

Be Sociable, Share!

Tags: , , , , , , , , , , , ,

Leave a Reply