Eine Welt im Umbruch, eine Welt der Chancen. Eine Welt? Unsere Welt!

Gastbeitrag von Teiler Döhrden – ein außenpolitisches Mission-Statement zum Anstoß zur Entwicklung eines außenpolitischen Profils der Piratenpartei

Umbrüche in der Welt

Wie keine andere Generation leben wir in einer Zeit des Umbruchs und des gesellschaftlichen Wandels. Es ist eine Zeit der Extreme, eine Zeit, die von großen Unterschieden geprägt ist. Bislang wurde versucht die daraus entstehenden Spannungen zu überspielen, um die alten, bekannten Prozesse und Konfliktlösungsstrategien aufrechtzuerhalten. Doch je mehr die Last der Veränderung am bestehenden politischen System zehrt, desto  mehr wird deutlich, dass diese Verdrängungsmechanismen der alten Politik zum Scheitern verurteilt sind. Wie die Revolutionen in Nordafrika zeigen, lässt sich Geschichte nicht aufhalten. Daher müssen wir jetzt die bisherige Politik überdenken und den Wandel in der Welt aktiv mitgestalten.

Chancen, eine neue Welt zu gestalten

Unsere Generation steht vor großen Aufgaben, die aber gleichzeitig die Möglichkeit eröffnen, überkommene Strukturen zu verlassen und das Tor zu einer anderen Gesellschaft aufzustoßen. Die hierfür nötigen Innovationen und Impulse müssen von uns kommen, weil sie in unserem ureigensten Interesse liegen. Nur wer die Chancen des Netzes begriffen hat, kann sie effektiv nutzen.

Eine glaubhafte Politik muss sich daher den Herausforderungen des neuen Zeitalters stellen. Denn obwohl die akuten wirtschaftlichen und sozialen Probleme zahlreich sind, haben wir doch auf der anderen Seite Dank des Netzes einzigartige Möglichkeiten, um  auf diese Herausforderungen zu reagieren.

Dazu ist auch ein neuer Blick auf die Welt erforderlich. Ebenso ein Diskurs über die Werte der westlichen Welt bzw. die Rückbesinnung auf diese.

Unsere Welt: Dialog und Partnerschaft

Wir Piraten sind eingebunden in eine weltweite Bewegung von Menschen, die sich eine  tolerante und offene Gesellschaft wünschen, und die dieses  Ziel  konsequent verfolgen.

Probleme aus entfernten Teilen der Welt, die  auch in hiesigen Lebensgewohnheiten ihre Ursache haben, werden durch das Netz insofern besser erfahrbar. Die globalen Auswirkungen von lokaler Politik können aufgrund der weltweiten Vernetzung wesentlicher schneller, direkter und  ungefilteter von den Betroffenen mitgeteilt werden. Dies ermöglicht es den Verursachern von Konflikten oder Krisen ihr Verhalten bzw. ihre Entscheidungen besser zu reflektieren und einfacher zu revidieren. Mit dieser Bewusstwerdung der globalen Zusammenhänge von Problemen eröffnen sich auch neue Wege der Konfliktlösung und der Völkerverständigung.

Gleichzeitig  rücken mit zunehmendem Verständnis eines neuen globalen Miteinanders  Konfliktlösungen mittels Gewalt in den Hintergrund, und es werden  kollaborative und partnerschaftliche Lösungsstrategien wichtiger werden:

Das Grundmotiv der Piratenpolitik setzt daher auf Empathie.

Der Grundtenor unser Poltik ist konsens- und kompromissorientiert und bedeutet bereits vom Ansatz her eine Abkehr von imperalistischen und militaristischen Denkmustern. Wir Piraten gehen davon aus, dass alle internationalen Bündnisse, die auf diesen alten Denkmustern  beruhen, langfristig ihre Bedeutung verlieren werden. Vor diesem Hintergrund kritisieren wir die gegenwärtige Erosion des Völkerrechts, die ihren Ausdruck in dem um sich greifenden Interventionismus findet. Diese Entwicklung muss als rückwärtsgewandt und nicht zukunftsfähig eingestuft werden.

So wie im Netz bereits erfahrbar, werden wir Piraten uns auch in der realen Welt für die Minimierung und Abschaffung von künstlichen Grenzen einsetzen. Um dieses langfristige Ziel zu erreichen, setzen wir uns für die Schaffung von Bedingungen ein, die Schritt für Schritt Grenzen überflüssig machen. Unterschiedliche Schutzniveaus, die auf einem unterschiedlichen Zugang zu Resourcen und auf einer unterschiedlichen Gewährung von universellen Menschenrechten basieren, sind für uns nicht akzeptabel und nicht verhandelbar. Sobald diese bestehenden Gegensätze  ausreichend nivelliert sind, entfallen im gleichen Maße die Ursachen für  internationale Konflikte. Dies ist die oberste Prämisse unserer Politik.

Damit diese skizzierte, neue Welt entstehen kann, ist zwar nicht nur, jedoch vor allem ein zensurfreies, jedermann zugängliches Netz zwingend erforderlich. Dafür werden wir Piraten uns weiterhin mit all den uns zur Verfügung stehenden Mitteln einsetzen.

Venceremos!

Teiler Döhrden

Update vom 24.05.11, 15.00 Uhr:
@inforrupt hat eine Liquid-Feedback-Initiative für diesen Text gestartet. Wer sich daran beteiligen möchte, klickt bitte hier.

PS: Ich möchte mich ganz herzlich bei DosOz_ und Nick Haflinger für die konstruktive Kritik und die hilfreichen Anregungen bedanken. Zusätzlich möchte ich mich bei Nick Haflinger für die freundliche Aufnahme in sein Blog bedanken.

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10 Responses to “Eine Welt im Umbruch, eine Welt der Chancen. Eine Welt? Unsere Welt!”

  1. Nick_Haflinger sagt:

    Hallo Herr Wehmeier,

    den Worten von A. C. Clarke kann ich zustimmen. Allerdings sind religiös motivierte Ansätze, die auf Letzterklärungen basieren, m.E. fundamentalistisch und wenig zielführend.
    Es gilt im Gegenteil, diese Überzeugungen als das zu demaskieren, was sie sind, als historisch einmal notwendig gewesene Elemente, die es konstruktiv und miteinander zu reflektieren gilt. Das ist für Viele sicher schmerzhaft, scheint mir aber der einzige Weg zu etwas zu sein, was man in hoffentlich nicht allzu ferner Zukunft als Menschheit wird bezeichnen können.

    LG, Nick H.

  2. „Ich glaube – und hoffe – auch, dass Politik und Wirtschaft in der Zukunft nicht mehr so wichtig sein werden wie in der Vergangenheit. Die Zeit wird kommen, wo die Mehrzahl unserer gegenwärtigen Kontroversen auf diesen Gebieten uns ebenso trivial oder bedeutungslos vorkommen werden wie die theologischen Debatten, an welche die besten Köpfe des Mittelalters ihre Kräfte verschwendeten. Politik und Wirtschaft befassen sich mit Macht und Wohlstand, und weder dem einen noch dem anderen sollte das Hauptinteresse oder gar das ausschließliche Interesse erwachsener, reifer Menschen gelten.“

    Arthur C. Clarke (Profile der Zukunft)

    Ob Politiker oder Theologen die dümmsten Menschen der Welt sind, ist eine müßige Frage. Sicher ist, dass für beide Berufsgruppen nur solange eine Nachfrage besteht, wie das arbeitende Volk daran glaubt, die Vertreibung aus dem Paradies müsse ein einmaliges Ereignis vor langer Zeit gewesen sein:

    http://www.deweles.de/willkommen/cancel-program-genesis.html

  3. Boomel sagt:

    SIGNED!

    Danke für das Engagement.

  4. TeilerDoehrden sagt:

    Hallo Herr von Goldammer,

    Danke, für ihre ausführlichen Erläuterungen.

    Es gibt hier also zwei Aspekt, was die “Sprachbarrieren” anbelangt, nämlich einmal den Aspekt der unmittelbaren Kommunikation, die jeder selbst auf Reisen in und durch Europa erleben kann, wenn er nicht mit TUI oder ähnlichen Veranstaltern, sondern ganz individuell und privat auf Reisen geht, um Land und Leute kennen zu lernen(!).

    Der zweite Aspekt ist das Internet. Wenn Sie da “googeln”, dann ist die Frage in welchen Sprachen Sie das machen, um das Gefundene anschließend auch lesen zu können. Es sind nicht alle Beiträge nur in Englisch und in Deutsch, sondern auch in Französisch, Spanisch, Italienisch und …

    Ich möchte da gar nicht widersprichen. Dieses Thema wurde hier im Blog bestimmt auch schon einmal behandelt. Bei der Diskussion um „postprivacy“ läuft das unter dem Schlagwort „Filtersouveränität“.

    Würden alle Europäer in der Schule zwei Ethno(fremd)sprachen lernen (also für Deutsche beispielsweise Englisch und Französisch) und dazu eine Plansprache (da kommt eigentlich nur Esperanto in Betracht – siehe weiter unten), dann könnten sie innerhalb Europas reisen wohin sie wollen und sich nicht nur verständigen, sondern auch an beliebigen Orten in Europa arbeiten. Eine Plansprache zu erlernen wäre etwa so, wie wenn man neben der normalen Schrift auch Stenografie erlernt, um schneller schreiben zu können. Man kann das in ca. 60 Stunden erlernen.

    Ich wollte die Bedeutung von Sprache bei der Völkerverständigung auf gar keinen Fall kleinreden. Und ich würde diese Entwicklung ausdrücklich begrüßen.

    Zu_1) Ich denke schon, dass das “Politikversagen” auch ein sprachliches Problem als Ursache hat.

    Ich habe lediglich angezweifelt, dass es sich dabei um die Hauptursache handelt.

    Wenn man sich das, was in diesem Artikel beschrieben wird, vor Augen hält, dann kann man nicht erwarten, dass auf dieser Basis vernünftige Politik betrieben werden kann – das ist unmöglich. Und heute haben wir in den EU-Ländern noch mehr verschiedenen Sprachen als 1999, wenn ich mich nicht irre. Das alles ist keine gute Ausgangsbasis für eine wirkliche Demokratie.

    Auch da muss ich Ihnen (leider) zustimmen. Aber die EU ist ja im Regelfall so schlau und bedient sich für ihre Verwaltungstätigkeit des Verwaltungsapparates der Mitgliedsländer. Lediglich im Rahmen der „Wirtschaftsverwaltung“ kommt man (als Unternehmer) mit der EU direkt in Kontakt. Darüber hinaus möchte ich zu bedenken geben, dass eine Demokratie ein Parlament voraussetzt. Dies ist entgegen anders lautenden Gerüchten in der EU ja nun gerade nicht der Fall. Jedenfalls falls man bedenkt, welche Eigenschaften ein Parlament auszeichnen. Solange ein Parlament keine Gesetzesinitiativen ergreifen kann, verdient es in meinen Augen nicht seinen Namen. Diese zentralistische EU-Gesetzgebung schafft es dann doch relativ gut mittels des personalintensiven Übersetzungsdienstes, die jeweiligen Verordnungen und Richtlinien den Nationalparlamenten in Landessprache zukommen zu lassen, damit diese dann die jeweiligen nationalen Gesetze verabschieden. Die Kommunikatinsfehler im „Parlament“ fallen da kaum ins Gewicht.

    Zu_2) Wenn Sie sich allein auf Europa beziehen, dann ist das sicherlich richtig – aber global gesehen stimmt es wohl eher nicht. Und das hat sehr wohl etwas mit der Sprache zu tun. Ohne eine Sprache (oder Schrift!!) mit deren Hilfe man sich verständigen kann, gibt es keine Kommunikation und damit ist ein derartiges soziales System äußerst instabil. Deshalb ist der gesamte Globalisierungsprozess heute nur ein ökonomisch orientierter Prozess und als solcher eher menschenfeindlich. Das gilt in gewissen Grenzen auch für Europa, wie das zur Zeit durch die Euro-Krise und die damit verbundenen Begleiterscheinungen (Einfluss rechts-nationaler Gruppen in den verschiedenen EU-Ländern etc.) sehr deutlich wird.

    Auch hier stimme ich weitgehend zu. Nur bei Einordnung der Protestbewegung wäre ich vorsichtig. Was wir auf internationaler Ebene erleben, nämlich die Erosion des Völkerrechts in Form von Verlust an staatlicher Souveränität (wie im Artikel angeprangert), vollzieht sich auch (schleichend) auf europäischer Ebene. Nur geschieht der Eingriff im Zuge der Finanzkrise mit Hilfe der Kapitalmärkte verdeckter. Dieser Verlust von Souveränität und der fortschreitende Kompetenzverlust zugunsten von Brüssel ist es, was den nationalen Widerstandsreflex nährt. Man könnte ihn aber auch als demokratischen Reflex interpretieren. Nur ist es andererseits auch nicht von der Hand zu weisen, dass sich rechte/nationalistische Strömungen dieses Protestpotential zu Nutze machen. Zusammen mit einer wachsenden anti-liberalen, anti-freiheitlichen Haltung, die in der westlichen Welt – geschürt und unterstützt von Terrorhysterie (Schneeball läßt grüßen) – um sich greift, formieren sich in der EU gerade gesellschaftliche Kräfte, die unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung auf eine harte Probe stellen werden.

    Ich habe einige Zeilen weiter oben “Schrift” in Klammern hinzugefügt. Die Kommunikation kann auch über die Schrift erfolgen – ein Beispiel dafür ist das alte und neue China. – Mit anderen Worten: Hier besteht die Aufgabe der jüngeren Generation heute darin, die Vision des großen Vordenkers des Abendlandes, nämlich Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) und seine Idee einer “characteristica universalis” – einer Universalschrift – zu realisieren. Aber das ist ein Thema, das ich an anderer Stelle zu bearbeiten habe.

    Klingt spannend.

    Zu_3) Die “Ohnmacht der Sprache und/oder der Schrift” erzeugt die “Macht der Bilder”. Ist das wirklich so falsch?

    Falsch nicht. Aber es trifft nicht ganz, was ich meine: Eine Information in Text hat nicht die gleiche Wirkungsmacht wie ein Video. Das beruht mMn. auf zwei Gründen. Einerseits kann ein Video (derzeit noch) eine höhere Glaubwürdigkeit für sich beanspruchen, weil das Gehirn diesen audiovisuellen Reiz eher als Realität akzeptiert als eine Übermittlung per Text oder Sprache. Der Wahrheitsgehalt wird nicht so sehr hinterfragt, wie bei einem Text. Vielleicht hängt dies damit zusammen, dass der Mensch gewohnt ist, dass ihn Lügen eher in Sprach- oder Textform erreichen, er aber darauf vertrauen kann, was er sieht. Die Fälschung eines Videos ist ja auch noch relativ schwierig. Sollte sich die Technik aber weiter verbessern, dann ist davon auszugehen, dass man auch Videos (vernünftigerweise) nicht mehr trauen kann. Dann ist man noch viel mehr als bisher darauf angewiesen, dass man der Quelle/dem Mediär vertrauen kann. Der wesentliche Unterschied liegt jedoch darin, dass Bilder viel besser emotionalisieren können. Tatsächlich ist es in der heutigen Nachrichtenwelt ja so, dass wenn es von einem Geschehen keine Bilder gibt, dann ist es quasi nicht passiert.

    Ich gebe gern zu, dass meine Sichtweise von den aktuellen Geschehnissen in Nordafrika und dem nahen Osten geprägt ist. Insofern lege ich mehr Wert auf die Möglichkeit des Sendens. Dass es grundsätzlich sinnvoll ist und die Kommunikation in beide Richtungen verbessert, wenn man auf beiden Seiten eine gemeinsame Sprache beherrscht, will ich damit überhaupt nicht anzweifeln. Dies ist langfristig wünschenswert, und es würde zu der Erreichung des genannten Ziels sicherlich wesentlich beitragen.

    Diesen Gedanken werde ich mir für meine Anmoderation für die Sommer-Edition des Vordenkers zum Thema “Universalschrift” aufheben, denn sonst werde ich hier an dieser Stelle nie zu einem Ende kommen.

    Ich bin gespannt.

    Viele Grüße
    Teiler Döhrden

    PS: Weil Sie Interesse an meinem beruflichen Hintergrund gezeigt haben: Ich bin Jurist.

  5. eberhard von goldammer sagt:

    Lieber Herr Döhrden,

    ich kann nahezu alle Ihre Argumente akzeptieren, allerdings einige nur mit Einschränkung und letzteres möchte ich an drei Ihrer Aussagen begründen. Sie schreiben:

    1) „Sprachprobleme dürften nicht die Hauptursache für das derzeitige Politikversagen sein.“
    2) „… das Ziel der Friedenssicherung konnte trotz Sprachbarrieren (bislang) erreicht werden. Von daher bin ich optimistisch gestimmt, dass die Sprachbarrieren überbrückbar sind.“
    3) „… Um diese Macht [Macht der Bilder] zu brechen, braucht es mMn. kein besonders ausdifferenziertes Sprachgefühl bezüglich fremder Sprachen.“

    Bevor ich auf diese Aussagen eingehe, möchte ich ergänzend zu meinem Beitrag vom 24.05.11 noch einige Anmerkungen zu der Verwendung von Plansprachen und zur Sprachenpolitik der EU machen:
    Bereits 1979 hat Toon Witkam mit einem Projekt angefangen, bei dem Esperanto als Interlingua für maschinelle Sprachübersetzungen (damals vom Französischen ins Englische und umgekehrt) eingesetzt wurde – damals gab es noch kein Internet so wie wir es heute kennen und die Allerwenigsten hatten auch nur eine blasse Ahnung von dem, was sich dann in der Folgezeit entwickelt hat. – Das Projekt wurde, nachdem ein Prototyp entstanden war, nicht mehr weiter finanziert – leider, kann man da nur sagen! Näheres dazu finden Sie bei Klaus Schubert, der an diesem Projekt mitgearbeitet hatte: http://www.klausschubert.de/forschung/fo_dlt.htm sowie auf dem Server der Uni Bremen: http://www.fb10.uni-bremen.de/linguistik/khwagner/mt/ppt/DLT.ppt
    Es gibt hier also zwei Aspekt, was die „Sprachbarrieren“ anbelangt, nämlich einmal den Aspekt der unmittelbaren Kommunikation, die jeder selbst auf Reisen in und durch Europa erleben kann, wenn er nicht mit TUI oder ähnlichen Veranstaltern, sondern ganz individuell und privat auf Reisen geht, um Land und Leute kennen zu lernen(!).
    Der zweite Aspekt ist das Internet. Wenn Sie da „googeln“, dann ist die Frage in welchen Sprachen Sie das machen, um das Gefundene anschließend auch lesen zu können. Es sind nicht alle Beiträge nur in Englisch und in Deutsch, sondern auch in Französisch, Spanisch, Italienisch und …

    Würden alle Europäer in der Schule zwei Ethno(fremd)sprachen lernen (also für Deutsche beispielsweise Englisch und Französisch) und dazu eine Plansprache (da kommt eigentlich nur Esperanto in Betracht – siehe weiter unten), dann könnten sie innerhalb Europas reisen wohin sie wollen und sich nicht nur verständigen, sondern auch an beliebigen Orten in Europa arbeiten. Eine Plansprache zu erlernen wäre etwa so, wie wenn man neben der normalen Schrift auch Stenografie erlernt, um schneller schreiben zu können. Man kann das in ca. 60 Stunden erlernen. Außerdem hat das Erlernen einer solchen Sprache durchaus auch einen didaktischen Vorteil, denn man versteht die Grammatik seiner eigenen und der erlernten Ethno(fremd)sprachen viel besser; – die Grammatik von Esperanto ist nämlich sehr logisch aufgebaut und es handelt sich um eine agglutinierende Sprache, zu der weder Deutsch, Englisch und Französisch gehören.

    Wer schon einmal einen Forschungsantrag im Rahmen von EU-Förderprojekten (also zusammen mit andren europäischen Partnern) geschrieben hat, weiß, dass man diesen Antrag am besten in Englisch verfasst, obwohl man ihn auch in Deutsch abliefern könnte, aber da sind die Chancen immer geringer, denn zum Einen können die anderen europäischen Projekt-Partner in aller Regel kein Deutsch und die Gutachter, die von der EU-Verwaltung eingesetzt werden, können das in der Regel auch nicht, sodass der Projektantrag erst einmal übersetzt werden müsste – das ist nicht nur Umstand_hoch_zehn sondern verhindert mit hoher Wahrscheinlichkeit auch eine Bewilligung des beantragten Projekts. Englisch als Lingua Franca in Europa ist aber nicht die Lösung, das will selbst die EU-Bürokratie nicht. Würde man eine Plansprache wie Esperanto als Arbeits- oder Verwaltungssprache haben, dann müssten alle Antragsteller ihren Projektantrag in dieser Sprache einreichen und die Gutachten würden ebenfalls in dieser Sprache abgefasst sein. Esperanto eignet sich deswegen ganz gut, weil es, wie schon erwähnt, über eine sehr logisch aufgebaute Grammatik verfügt und damit Mehrdeutigkeiten (Ambiguitäten) leichter vermieden werden können – siehe dazu auch „Internationale Plansprachen – Möglichkeiten und Grenzen“ von Detlev Blanke:
    http://www.europe-citizen.net/documents_symposium/plansprachen_europa.rtf
    (Über den Autor Detlev Blanke, einem Esperantologen, finden Sie nähere Informationen bei Wikipedia)

    Sie werden mir sicherlich Recht geben, dass das oben erwähnte Computerprojekt (Distributed Language Translation, DLT) auch wirtschaftlich interessant gewesen wäre – da rede ich noch nicht einmal von den Kosten der Übersetzungen, die heute in der EU anfallen. Und was hätte es für die Benutzung des Internet bedeuten können? Aber das alles ist Geschichte – Vergangenheit eben.

    So nun zu meinen Bedenken, was Ihre Aussagen betrifft.

    Zu_1) Ich denke schon, dass das „Politikversagen“ auch ein sprachliches Problem als Ursache hat. Lesen Sie dazu, wenn Sie es noch nicht getan haben, den von mir zitierten Artikel aus DIE ZEIT. An dem was da beschrieben wird, hat sich bis heute nichts geändert – im Gegenteil. Ich kenne Ihren beruflichen Hintergrund nicht. Ich kann also nur von meiner Warte aus argumentieren. Als Naturwissenschaftler habe ich kein Problem eine Seminar oder einen Tagungsvortrag über ein physikalisches Thema in Englisch abzuhalten. Auch das Schreiben einer Veröffentlichung in Englisch über ein physikalisches oder physikalisch-chemisches Thema ist kein Problem. Es wird aber sofort ein Problem, wenn ich zusammen mit einem Philosophen oder generell einem Geisteswissenschaftler einen Text in Englisch verfassen soll oder muss – da spreche ich aus Erfahrung. In dem Beitrag von Daniela Weingärtner „Capito? Verstanden? Compris?“ findet sich folgender Satz: „Weil kaum jemand Englisch wirklich beherrscht, redet die EU-Kommission oft nur über die technischen Ebenen der Probleme; da gehen kulturelle und historische Facetten leicht unter.“ – daran wird auch deutlich, was ich oben gemeint habe – technisch-naturwissenschaftliche Texte sind wesentlich dekontexturalisierter als kulturelle Texte, d.h. weniger abhängig von verschiedenen Kontexten. Ansonsten kann ich nur noch einmal auf diesen Artikel von Daniela Weingärtner verweisen: http://www.zeit.de/1999/25/199925.reden_europa_.xml
    Wenn man sich das, was in diesem Artikel beschrieben wird, vor Augen hält, dann kann man nicht erwarten, dass auf dieser Basis vernünftige Politik betrieben werden kann – das ist unmöglich. Und heute haben wir in den EU-Ländern noch mehr verschiedenen Sprachen als 1999, wenn ich mich nicht irre. Das alles ist keine gute Ausgangsbasis für eine wirkliche Demokratie.

    Zu_2) Wenn Sie sich allein auf Europa beziehen, dann ist das sicherlich richtig – aber global gesehen stimmt es wohl eher nicht. Und das hat sehr wohl etwas mit der Sprache zu tun. Ohne eine Sprache (oder Schrift!!) mit deren Hilfe man sich verständigen kann, gibt es keine Kommunikation und damit ist ein derartiges soziales System äußerst instabil. Deshalb ist der gesamte Globalisierungsprozess heute nur ein ökonomisch orientierter Prozess und als solcher eher menschenfeindlich. Das gilt in gewissen Grenzen auch für Europa, wie das zur Zeit durch die Euro-Krise und die damit verbundenen Begleiterscheinungen (Einfluss rechts-nationaler Gruppen in den verschiedenen EU-Ländern etc.) sehr deutlich wird.
    Ich habe einige Zeilen weiter oben „Schrift“ in Klammern hinzugefügt. Die Kommunikation kann auch über die Schrift erfolgen – ein Beispiel dafür ist das alte und neue China. – Mit anderen Worten: Hier besteht die Aufgabe der jüngeren Generation heute darin, die Vision des großen Vordenkers des Abendlandes, nämlich Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) und seine Idee einer „characteristica universalis“ – einer Universalschrift – zu realisieren. Aber das ist ein Thema, das ich an anderer Stelle zu bearbeiten habe.

    Zu_3) Die „Ohnmacht der Sprache und/oder der Schrift“ erzeugt die „Macht der Bilder“. Ist das wirklich so falsch? Diesen Gedanken werde ich mir für meine Anmoderation für die Sommer-Edition des Vordenkers zum Thema „Universalschrift“ aufheben, denn sonst werde ich hier an dieser Stelle nie zu einem Ende kommen.

    Viele Grüße
    Ihr,
    Eberhard von Goldammer

  6. Hallo Oliver,

    das ist ein guter Punkt:

    „Sind nicht-westliche Werte schlecht ? Schwingt da nicht ein imperialistischer Zug mit, die Welt mit westlichen Werten zu “beglücken” ? “

    Nein, so wollte ich das nicht verstanden wissen. Das war eher als Selbstkritik gemeint und gehörte quasi noch zur Beschreibung der Ausgangslage. Es war nicht als Politikziel gemeint. Aber gut, dass Du mich darauf hingewiesen hast, damit ich es klarstellen konnte.

    Vielen Grüße
    Teiler

  7. Hallo Herr von Goldammer,

    ich freue mich sehr über die positive Resonanz, die der Text bei Ihnen (und anderen) erzeugt hat.

    Natürlich ist die kulturelle Beherrschung eines Raumes ein wesentlicher Aspekt für die Dominanz über diesen Raum. Und natürlich spielt die Sprache dabei eine wesentlichen Rolle. Insofern ist der „taktische“ Vorteil in Europa für die französische/britische Politik nicht von der Hand zu weisen. Aber ich denke, mit diesem Wettstreit der Kulturen muss man leben und ihn akzeptieren.

    Und internationale Abkommen wie TRIPS oder jetzt die Verhandlungen über ACTA gestalten sich ja auch deshalb so schwierig, weil sie gegen die Interessen der eigenen (!) Bevölkerungen abgeschlossen werden (sollen). Hier wäre eine offene Informationspolitik notwendig, um den Druck auf die handelnden Politiker zu erhöhen. Sprachprobleme dürften nicht die Hauptursache für das derzeitige Politikversagen sein.

    Mein/unser oberstes Politikziel wäre zunächst die Friedenssicherung. Dies hat in Europa soweit trotz der Sprachdifferenzen funktioniert. Die europäische Politik ist darauf ausgerichtet, wirtschaftliche/soziale Unterschiede unter den europäischen Nationalstaaten auszugleichen. Diese Entwicklung wurde nun dadurch konterkariert, dass sich das soziale Gefälle innerhalb der Nationalstaaten ausgeweitet hat. Dies führte zu den aktuellen Protesten, die sich vorerst auf die besonders hart getroffenen Länder Europas beschränken. Aber das Ziel der Friedenssicherung konnte trotz Sprachbarrieren (bislang) erreicht werden. Von daher bin ich optimistisch gestimmt, dass die Sprachbarrieren überbrückbar sind.

    Dieses (eigentlich sehr rudimentäre) Ziel wäre aber auf internationaler Ebene um so mehr ein Riesenerfolg. Der Traum von Generationen von Diplomaten würde in Erfüllung gehen: Weltfrieden.

    Nun möchte ich nicht als komplett naiv erscheinen und unterstellen, dass es keine echten Konflikte in der Welt gäbe, und dass im Grunde genommen alle Kriege nur Einzelinteressen geschuldet waren, die in der Lage waren, sich der Politik zu bemächtigen. Aber im allgemeinen ist ein Volk nicht besonders kriegslüstern, es sei denn, dass man es dazu aufstacheln kann. Hierfür sind wiederum Bilder sehr entscheidend. Es ist die viel zitierte Macht der Bilder. Um diese Macht zu brechen, braucht es mMn. kein besonders ausdifferenziertes Sprachgefühl bezüglich fremder Sprachen.

    Es ist entscheidend, unter allen Umständen den Informationsfluss aufrecht zu erhalten. Und dazu gehören hauptsächlich Bild- und Videoaufnahmen. Dies hat man in Ägypten gesehen, wo das Regime an einem bestimmten Punkt entschieden hat, den Fluss der Bilder und Kommentare zu stoppen und das Internet komplett abzuschalten, weil die Machthaber realisierten, dass sie die Bedeutungshoheit über das Geschehen verloren hatten. Und dies, obwohl sie über einen funktionierenden Propagandaapparat verfügten. Von den Demonstranten wurden die Bilder/Videos ja nicht nur dazu genutzt, um das Unrecht zu dokumentieren und weitere Unterstützer innerhalb des Landes zu mobilisieren. Es ging ihnen mindestens genauso sehr darum, dass das Ausland von den Gräueltaten in Ägypten erfuhr, in der Hoffnung, dass der dadurch entstehende Druck von außen weitere Gewalttaten gegen die Bevölkerung verhindert. Die Möglichkeit Bilder/Videos zu veröffentlichen, wurde also von den Demonstranten als Schutz empfunden, und hat sie zu weiteren Aktionen ermutigt. Deswegen hat die Gruppe Telecomix zusammen mit einigen Piraten versucht, den Demonstranten Modem-Einwahlknoten in der ganzen Welt zur Verfügung zu stellen, damit sie diese Informationen verbreiten konnten.

    Natürlich ist es schwieriger, Aufmerksamkeit für nicht so spektakuläre Probleme wie eine „Revolution“ zu bekommen. Aber je mehr persönliche Kontakte über den Globus verteilt entstehen, desto schwieriger wird es, Informationsflüsse zu ignorieren oder zu unterbinden. Und mit einem Netz von derzeit über 50 Piratenparteien weltweit sind wir auf einem guten Weg, eine solche Infrastruktur aufzubauen.

    http://www.pp-international.net/about

    Zum Schluss noch eine Bemerkung zur Eine-Welt-Partei. Ich sehe viele Überschneidungen mit der Eine-Welt-Partei. Allerdings gerade beim Punkt Internet besteht dort noch Nachbesserungsbedarf (siehe Urheberrecht). Davon, ob eine Weltregierung tatsächlich erstrebenswert ist, bin ich auch noch längst nicht überzeugt. Aber die Differenzen sind sicherlich nicht unüberbrückbar. Wir stehen jedermann zur Mitarbeit offen. Sogar Doppelmitgliedschaften sind bei uns möglich.

    Viele Grüße
    Teiler Döhrden

  8. Slash sagt:

    Wohlüberlegter, gelungener Vorstoß. Grundsätzlich ist ihm meine Unterstützung sicher, allerdings gibt es vereinzelt meinerseits Kritikpunkte.

    Ich schreib‘ gerad‘ zwischen Tür und Angel; deshalb nur der dringlichste:

    In einem Absatz heißt es „Dazu ist auch ein neuer Blick auf die Welt erforderlich. Ebenso ein Diskurs über die Werte der westlichen Welt bzw. die Rückbesinnung auf diese.“

    Sind nicht-westliche Werte schlecht ? Schwingt da nicht ein imperialistischer Zug mit, die Welt mit westlichen Werten zu „beglücken“ ? Ich denke, dass man beim globalen Konsens immer nur bei den Menschenrechten landen wird, und diese von daher als außenpolitisch unterstützenswert von uns gehandelt werden sollten; so wie wir bereits mit der Unterstützung von Ägypten, Tunesien, Spanien, etc. quasi bereits schon piratige Außenpolitik gelebt haben !
    Nur mal so als Stoßrichtung… ist auch eine schlüssige Skalierung unseres Kernthemenbereichs „Bürgerrechte“. Bürgerrechte -> national; Menschenrechte -> international.

    Wünsch‘ euch allen lebhaftes Diskutieren !
    Danke für die Ausarbeitung, so weit.

    Viele Grüße,
    / aka Oliver

  9. eberhard von goldammer sagt:

    Hallo,

    „Chancen, eine neue Welt zu gestalten“ und „Unsere Welt: Dialog und Partnerschaft“ und …

    Das alles klingt gut! Aber, wie soll der Dialog, die Partnerschaft realisiert werden, wenn man sich noch nicht einmal in Europa sprachlich vernünftig verständigen kann? …
    – Siehe dazu:
    Daniela Weingärtner: „Capito? Verstanden? Compris?“ in: DIE ZEIT 1999, URL: http://www.zeit.de/1999/25/199925.reden_europa_.xml

    … und es kommt noch dicker …
    – Siehe dazu:
    Detlev Blanke: „Plansprachen und europäische Sprachenpolitik“, in: Sprachenpolitik in Europa (Red.: Detlev Blanke), Interlinguistische Informationen (Berlin), Beiheft 6, Oktober 2001, S. 85-105, URL: http://plansprachen.de/blanke.html#1

    Indignez-vous! Get Organized ! – Raise Hell !

    Vielleicht wird man ja gemeinsam stärker …
    – Siehe dazu:
    Ulrich Matthias: „Esperanto – eine Chance für Europa“, URL: http://www.u-matthias.de/chance/chance_r.rtf
    sowie „Eine-Welt-Partei“: http://www.eineweltpartei.de/ gefunden auf der Homepage von Ulrich Matthias http://www.u-matthias.de/

    Weiter so … das System kann man nur von unten her durchlöchern und verändern …

    Eberhard von Goldammer

  10. DosOz sagt:

    Text wurde als Initiative ist im lqfb.
    https://lqfb.piratenpartei.de/pp/initiative/show/1568.html

    wobei ich mich frage was es als Mission-Statement dort soll, Legitimierung der Ziel Richtlinie für AG Aussenpolitik?

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