Vermessungen des Zeitgeistes

„2054“ und „Zombies“, Anmerkungen zu den neuen Werken der Videokünstler Hauser & Kessler und des Autors A. J. Weigoni

Alles und jedes Werk, mit dem beabsichtigt ist, unsere Gegenwart zu stellen, ist ein Versuch der Vermessung des Zeitgeistes. Selbstredend gibt es da qualitative Unterschiede. Diese hängen jedoch nicht notwendigerweise vom Produktionsbudget ab, sondern viel eher vom Grad der Reflexion  dessen, dass jedweder Vermessungsversuch lediglich als ein Fraktal einer als hyperkomplex angenommenen Wirklichkeit verbleiben muss.

Die beiden Videokünstler Hauser und Kessler warten mit einem neuen Kleinod auf. Das Werk „2054“ thematisiert die Zukunft des Ruhrgebietes. Vor dem Hintergrund einer bis in die Grenzbereiche des Möglichen getriebenen technisch-visuell-multimedialen Präzision gewinnt die Profanität des Seins völlig neue, stellenweise überraschende Facetten. Allerdings soll nicht davon abgelenkt werden, dass „2054“ zutiefst deprimiert. Genug der Worte,  sehen Sie selbst …

2054 from Hauser & Kessler on Vimeo.

A little story about the future of the Ruhrgebiet

Auch über den jüngst erschienenen und über „Edition Das Labor – Verlag der Artisten“ zu beziehenden Erzählungen-Band „Zombies“ des Autors A. J. Weigoni ließe sich viel sagen und schreiben. „Zombies“ wird dadurch jedoch keinen Deut besser oder schlechter. Ordern und lesen Sie ihn gefälligst selbst.

Zwei Aspekte jedoch sollen hier hervorgehoben werden. Erstens zeichnet sich gute Belletristik dadurch aus, dass der Raum der Erzählung gleichzeitig verlassen und doch nicht verlassen wird durch einzelne Sätze, die wie Eisbergspitzen aus der Horizontlinie der Buchstabenkette herausragen. Was nun genau herausragt, ist selbstredend und leserindividuell verschieden. Es darf jedoch vermutet werden, dass Sätze wie

Gewalt ist nicht in den Stahl einer Waffe eingegossen, sie ist ein Verhältnis der Menschen untereinander.

oder

Die hypermodernen Menschen bewegen sich durch eine durchrationalisierte Welt, die entmythologisiert ist, deshalb müssen sie fortwährend eigene Mythologien produzieren.

auf die Leser mehrheitlich eine übereinstimmende Wirkung haben. Der Autor A. J. Weigoni belegt hierdurch einen Hang zum Aphoristiker wenn nicht gar zum Philosophen. Aber eben nur einen Hang, denn zu keiner Zeit wirken die Erzählungen so, als seien sie um diese Sätze herum geschrieben. Dennoch schaffen sich diese Sätze eigene Konnotationen, werden sie vom Leser aus dem Text herausgelöst. Sätze wie Hammerschläge.

Lichtverhältnisse korrrespondieren mit Einkommensverhältnissen, je mehr Geld im Spiel ist, umso heller sind die Räume.

Identitäten sind höchst fragile Wesen, die meist auf Zuschreibungen beruhen.

Der Herbst schafft intensive Momente, wenn Schattenrisse zu einer Berührung finden und die Natur ihre jahreszeitlichen Wunden zeigt.

Zweitens gibt es heute das Phänomen, dass gute Literatur für Viele einer akustischen „Hintergrundfolie“ bedarf, die durch den Text hervorgerufen aufscheinende Emotionen entweder verstärkt oder ggf. umrahmt. Dies gilt insbesondere für Lesesituationen im öffentlichen Personennahverkehr, der mp3-Player bietet hier zusätzlich die Option, die umgebenden Zombies auch akustisch auszublenden. Daher seien hier ein paar unverbindliche Vorschläge zum zum Lesen Parallel-Hören genannt, a) nicht nur aufgrund des Titels – „All You Zombies“ – von den „Hooters“, b) die Alben „One Size Fits All“, „Overnite Sensation“ und „Zoot Allures“ von Frank Zappa, hervorzuheben sind hier ganz sicher die Titel „Fifty-Fifty“, „Zomby Woof“, „Florentine Pogen“, „San Ber’dino“, „Wind Up Workin‘ in a Gas Station“ und „The Torture Never Stops“. Jazzfans sind c) mit Keith Jarrett’s „The Out-Of-Towners“ oder Bill Frisells „East/West“ gut versorgt. Für Klassikfans ist d) die Fünfte von Bruckner sicher eine gute Wahl, nicht nur aufgrund des schrulligen Scherzos, auch die desolate, punktuell nölige Oboenmelodie und die abweichlerische Klarinette zu Beginn des Finales tragen zur Eignung als „Zombies“-Lesebegleitung bei.
Verspüren Sie immer noch keinen Drang, den Band zu erwerben und zu Lesen? Ihnen ist nicht zu helfen.

Nick H.

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