Spackeria: infomationelle Selbstgestaltung vs. Inkontinenz?

Vom Standpunkt des Web 2.0 aus betrachtet bin ich ein alter Sack.

Herrje, ich war Fünf, als meine Eltern ihren ersten Fernseher kauften. Meine erste Email habe ich 1988 verschickt, da sind die Menschen von der Spackeria noch mit dem Trömmelchen um den elterlichen Christbaum gerannt … 😉 Meine Spur im Netz ist so breit, wie der Santa Monica Freeway – unter meinem Realname. Einziger Vorteil ist, dass er recht häufig vorkommt, selbst mit Titel. Der 123Peoplefinder belustigt mich immer wieder, ich stelle mir vor, welchen Aufwand es macht, „händisch“ herauszufinden, was da im Netz zu welcher Identität gehört. Man kann also sagen, ich operiere unter dem Tarnschirm einer multiplen Persönlichkeit – wer bin ich, und wenn ja, wieviele ;-)? Allerdings, ohne mir Illusionen über die Leistungsfähigkeit automatischer Systeme zu machen.

Wenn man sich’s also genau überlegt, mache ich eigentlich schon das, was die Post-Privacy-Apologeten jetzt unter diesem Begriff verstanden wissen wollen, jedoch selbst nicht tun. Nicht leicht rauszufinden: Wer ist Fasel im Reallife? Welchen Beruf/Ausbildung hat C. Heller/plomlompom? Einige Dinge jedoch tue ich nicht, dazu später mehr. Darüber hinaus waren mir überengagierte, übermotivierte Extrem-Datenschützer, die Daten schützen wollen vor Menschen und vor sich selbst, bis hin zum Preis der schieren Nichtexistenz der Daten, schon immer suspekt, das habe ich ebenfalls vielleicht mit den Post-Privacy-Leuten gemeinsam. Ein Datum ist schließlich nur dann ein Datum, wenn jemand davon weiß.

Was soll also die ganze Kirmes?

Ist es nur ein Medien-Hack, das äußerst billige Bedienen einer gierenden Aufmerksamkeitsökonomie, das Herumspielen am Skandalon, ggf. zur Vorbereitung einer eigenen Karriere/ Prominenz? Heller hat ja ein Buch angekündigt. Ein mediales Aufmotzen des eigenen, vielleicht allzu langweiligen Lebens? Oder ist es der tiefer begründete Ausdruck eines Denkfails, einer Krise des Denkens an sich, der/die wieder und wieder gebetsmühlenartig die Kulturpessimismus/ Technikeuphorie-Variante bedient, diese uralte, über 2000-jährige Dichotomie, dieser billige in einen Schwarz-Weiß-Manichäismus – ein Pleonasmus, ich weiß 😉 – mündende Digitalismus, es gibt nix außer 0 und 1? (Selbst in der dem Digitalismus folgenden Technik sind wir schon weiter, Stichwort Memristor …)

Ja und ja.

Und was ist in, sagen wir, 10 Jahren? Jetzt wird die Frage nach der konsequenten Preisgabe der eigenen Einkünfte seitens der Spackeria mit dem Umstülpen der leeren Hosentaschen bedient, wer aus dem studentischen Milieu kommt, kann sich das immer leisten, er gibt ja nicht wirklich etwas preis. Und in 10 Jahren, wenn man ein bisschen zu Finanzmitteln gekommen ist, und sich an die typisch deutsche Verhaltensweise des „Wir reden nicht über Geld“ angepasst hat, heißt es dann als Antwort auf dieselbe Frage, was interessiert mich mein Geschwätz von gestern?

Polemik beiseite.

In den Neunzigern war ich im Usenet sehr aktiv. Diverse Rants und Shitstorms, damals nannte man das noch Flamewar, in diversen Usenet-Gruppen. Dann kam 1995 Dejanews, ein Service, der Newsposts archivierte und recherchierbar machte und 2001 an Google verkauft wurde, heute zu finden unter groups.google.com. Natürlich gab es auch den Befehl X-noarchive-yes. Dennoch, ich änderte mein Verhalten in Richtung zur Vorsicht, also weitgehendes Befolgen der Netiquette, Höflichkeit, Vermeiden von ad-hominem-Angriffen und das Entwickeln der Kunst des Sich-nicht-provozieren-Lassens, was übrigens Spass macht. Kurz, ich habe mir bewusst gemacht, dass ich mich in einer gewissen Öffentlichkeit bewege, die gerade im Zeitfenster der 90er immer breiter wurde. Ich habe also mein Verhalten dem mir bewussten Teil meines Relationenfeldes im Usenet angepasst. Diese Möglichkeit ist mir heute in der Form nicht immer gegeben, da Social Networks wie Facebook in der Backline Algorithmen einsetzen, die mein Kommunikations-Relationen-Feld manipulieren, meine Timeline verändern, ohne dass ich davon weiß. Facebook nutzen heißt, eine kommunikative Entmündigung zulassen, vermittels Algorithmen, die Lernprozesse behavioral auslagern in die Maschine. Behaviorales oder konditioniertes Lernen – richtig, Pavlov! – ist übrigens das einzige Lernen, das Maschinen bis heute können. Kurz: Facebook entmündigt. Ich nutze Facebook nicht.

Auf der Post-Privacy-Diskussion der Piratenpartei in Düsseldorf am 16.04.2011 assoziierte der der Spackeria nahestehende mspr0 – die meisten sind da scheint’s eh nur „nahestehend“ – zu meiner Usenet-Anekdote unmittelbar die obligatorischen Ausrutscher-Alkfotos von SchülerVZ, Facebook und Co, und dass er nichts von Lebenslauf-Design und angepasstem Verhalten halte, gleichwohl solle ich das nicht persönlich nehmen. Das tue ich auch nicht, an meinem Lebenslauf, der ja schon ein ganzes Stück „gelaufen“ ist, gibt’s sowieso nichts mehr zu designen und zu einer retrospektiven zu-Guttenberg-Pirouette fehlt’s mir sowohl an Ehrgeiz als auch an Notwendigkeit.

Lieber mspr0, allein diese Assoziation nur auf die Reaktion des Users im Netz als single-point-of-controversy sowie die Filtersouveränität des jeweils Anderen bezogen demonstriert eindrucksvoll die ganze Schwäche einer Schieflage, einer monopolaren, nur auf den Einzelnen und sein Verhalten gerichteten Diskussion des Post-Privacy-Gedankens. Sie ist mehr als arm und verkennt das Problem. Es offenbart nicht nur eine dünne theoretische Basis, sondern auch ein eingeengtes Blickfeld auf das Faktische, nämlich, dass Userdaten vermittels vorstellbarer IT-Power von Datensammlern zu neuen Daten verknüpft werden, zu denen der User sich eben nicht mehr verhalten kann, weil ihm entweder das Wissen um diese Verknüpfungen vorenthalten wird, oder er das Vermögen dazu nicht hat. Selbstverständlich kann ich nicht verhindern, dass ich auf der Straße von meinen Mitmenschen gesehen werde, hier hat informationelle Selbstbestimmung ihre natürliche Grenze. Für vieles im Netz, etwa eine Homepage, gilt dasselbe. Dieses „Wissen um“ ist aber eher belanglos. Die Verknüpfungen von Useraktionen jedoch sind es nicht, denn sie bedeuten zuallererst einen geldwerten Vorteil für den Datenerheber. Und zweitens stellt sich die Frage nach einem Gleichgewicht der Macht, vor allem dann, wenn es sich bei dem Datensammler um den Staat handelt.

Post-Privacy ist eine Innovationsbremse

Die vollständige Interferenz aller Relationenfelder im Netz – alle können im Prinzip an alles Wissen über alle gelangen – ist totalitär. Julia Schramm gibt selbst die Antwort: „Die Hoheit ist mir sehr wohl gegeben, sie hat nur eine Menge negativer Effekte – z.B. Nicht-Beteiligung (am Netz).“
[Korrektur: (am Netz) ist falsch. Tatsächlich bezog Julia Schramm diesen Satz auf Social Networks und nicht auf das Internet an sich. Sorry.]

Auch diese Antwort ist totalitär, da sie allzuschnell aufgibt und nicht einmal versucht, die Bedingungen der Möglichkeit von Alternativen in den Blick zu nehmen. Hier entpuppt sich der Post-Privacy-Gedanke als echte Innovationsbremse. Denn setzt man dies voraus, akzeptiert man implizit, dass ein privates Leben im Netz – also unter Miteinbeziehung der telematischen Möglichkeiten, über geographische Gegebenheiten hinweg – gar nicht möglich ist. Ich will aber die Möglichkeit haben, und zwar ebenso, wie ich die Möglichkeit habe, über eine öffentliche Straße zu gehen, ohne angefahren zu werden. Ich will im Netz private Dinge tun, private Relationenfelder pflegen, Freundschaften schließen und Allianzen bilden können, und natürlich ebenso, Dinge öffentlich machen, etwas preisgeben. Kann ich dies nicht, dann beraube ich das Konzept der Privatsphäre der Chance einer echten kulturellen Transformation ins Netz. Die Folge wären angstbesetzte Vermeidungsstrategien, ein Verhärten der Privatsphärengrenzen in der Offline-Welt, wie man sie aus totalitären Regimes kennt oder von Menschen, die sich länger in Gefangenschaft befunden und daher schizoide Verhaltensprofile entwickelt haben, deren Kernelement das Mißtrauen gegenüber der Umgebung ist.

Privatsphären, Institutionen oder biologisch-kulturelle Determinanten

Im Video des BR – dem „Dialog“ mit Rena Tangens – bezeichnet Christian Heller Privatsphäre als eine Institution. Das ist schlichtweg falsch. Institutionen wird zu Recht die Eigenschaft einer gewissen Starrheit zugesprochen. Institution wie Organisation sind im Rapoport’schen Sinne gefrorene Information.

Für eine offene, freie Persönlichkeit jedoch ist Privatsphäre ein durchaus dynamischer Bereich, eher eine Überlappung von Bereichen mit vielen graduellen und qualitativen Unterschieden, deren Umgrenzungen durch Membranen gebildet werden, die eine eigene Kulturgeschichte haben. Unsere letzte und innerste Grenze ist die zwischen Innen und Außen, also die Haut. Da wir aber als Menschen „Kulturtiere“ sind, gehört dazu, dass wir unsere Membranen zum „Draußenhalten von Welt“ – anders wären wir gar nicht in der Lage, die Signale der Welt zu prozessieren – erweitern und um uns herum weitere Membranen und Grenzen ganz wie die Schalen einer Zwiebel ziehen, die auch Teile unseres Relationenfeldes umfassen. Diese Membranen können sich überlappen und durchdringen, weswegen das Beispiel mit den Zwiebelschalen etwas hinkt. Nun sind alle höheren, i.e. komplexeren Lebewesen immer einer mehr oder weniger ausgeprägten Neotenie unterworfen. D.h. wir sind gezwungen, den Uterus zur Vervollständigung der Entwicklung des Nachwuchses nach draußen in die Wiege und die Wohnung zu verlagern, da unsere Nachkommen nach der Geburt noch nicht alleine lebensfähig sind, eine Art Conditio cultura.

Öffentliche Scheiße und private Wissenschaft

Das läßt sich bereits an Gorilla-Familien beobachten, die sich durch den Urwald bewegen. Hier bilden die jungen Männchen die lebendigen Palisadenzäune um die Weibchen und die Kinder herum, die später beim Menschen duch die Holzpalisaden des Dorfes ersetzt sind. Dies ist die Privatheit der Familie und des Stammes. Noch im Mittelalter und in ländlichen Regionen sogar in der frühen Neuzeit haben Männer und Frauen die Tagesereignisse rekapitulierend gemeinsam auf dem Donnerbalken gesessen und in den Dorfgraben geschissen. Die Privatheit des Individuums, die später zum Fanal der bürgerlichen Gesellschaft wurde, war hier lediglich dem Blutadel und den Mönchen in den Lese- und Singzellen der Klöster vorbehalten, wo letztere sich nach und nach anstatt vor Gott über die Dinge beugten, die allmähliche Geburt der Wissenschaft im Abendland. Neuzeitliche Wissenschaft, Privatheit und Öffentlichkeit sind in ihrem Entstehungsprozess unauflöslich miteinander verknüpft in dem Sinne, dass die wissenschaftliche Denk- und Experimentier-Anstrengung des Autors, das Prozessieren von Welt in der gefilterten Privatheit des Studierzimmers eine gewisse Ergebnis- und Erlebnisqualität erreicht, bevor man damit nach draußen tritt und das Erarbeitete durch Präsentationen rekapitulierend noch einmal öffentlich in einer Inszenierung prozessiert und damit dem kritischen Urteil einer Öffentlichkeit unterwirft. Die frühen Humanisten etwa, Erasmus, Beatus Rhenanus, sowie die Großen des 17. Jahrhunderts von Descartes über Spinoza bis Newton und Leibniz sind hier gute Beispiele. Das heißt, die Grenze zwischen Privatheit und Öffentlichkeit ist eine Membran, dessen Durchlässigkeit dem Willen des Urhebers unterworfen ist, wirtschaftliche Zwänge einmal außen vor, bestimmt allein er, wann er womit an die Öffentlichkeit tritt. Ist aber etwas einmal öffentlich, dann ist es auch öffentlich.

Membranen, Prozesse und Veränderungen

Wir brauchen diese Membranen, denn Persönlichkeit von außen gesehen, so sagt man, ist ein Zeitstrom erfolgreicher Gesten, optisch-kinaesthetischer und akustischer in der physischen Präsenz z.B. einer Rede sowie schriftlicher und weiterer in medialen Produktionen. Im heutigen Normalfall wird ein Individuum seine Gesten immer der jeweiligen von der aktuellen Membran umschlossenen Gruppe, dem Kontext, dynamisch anpassen, sich also an den Konventionen seiner Zielgruppe orientieren, wobei mit eben diesen Konventionen auch kreativ – evolutiv und/oder revolutionär – gespielt werden kann, um sie Veränderungen zu unterwerfen. Das produziert eine Vielfalt von Verhaltensweisen und Spielräumen, die im Falle einer Post-Privacy einem Gleichschaltungsdruck unterworfen wären. Wollen wir das? Oder wollen wir vielmehr eine reiche Netzkultur, die vor Vielfalt, Ideen und kulturellen Konzepten nur so strotzt?

Die Öffentlichkeit im klassischen Sinne, die Agora-Öffentlichkeit, ist auch offline stark auf dem Rückmarsch begriffen, wie Richard Sennett schon im auslaufenden 20. Jahrhundert eindrucksvoll belegte. Post-Privacy wäre also auch Post-Public. Warum sagt man das dann nicht laut? Weil die argumentative Selbstunterwerfung unter nur einen Pol dieser Dichotomie öffentlichkeitswirksamer und daher (sic!) einfacher zu kommunizieren ist. Das ist – in diesem Kontext – die Krise des Denkens. Hannah Arendt und Niklas Luhmann in diesem Zusammenhang als Kronzeugen anzurufen, reduziert die genannten nicht nur unzulässig, es verkommt zu bloßem Name-Dropping, seht her, ich kann auch auf intellektuell, weil ich die Namen kenne. Andererseits ein relativ sicherer Weg in die Feuilletons der Print-Domäne ;-). Womit nichts, rein gar nichts, über die Qualität der Feuilleton-Diskurse ausgesagt ist.

Wir haben aktuell die Situation, dass zu den strong ties der Offline-Welt, die für den Einzelnen vielleicht jeweils zwei Dutzend Menschen umfassen, nun auch die von Mark Granovetter erstmal so benannten weak ties kommen, die um ein vielfaches zahlreicher sein können. Die Leistungsfähigkeit dieser weak ties auch im politischen Raum hat sich jüngst in der arabischen Welt eindrucksvoll gezeigt. Hier sind Verschiebungen von Membranen und Sphären im Gange, die das nie wirklich exisitiert habende Gleichgewicht von den auferlegten, z.T. angeborenen Bindungen hin zu gewählten Bindungen verschieben – ok, hab ich von Flusser geklaut ;-), dank des weltumspannenden elektromagenetischen Feldes, ein Aspekt von Freiheit. Und ich will, dass es hier eine Vielfalt von Membranen, Sphären und Zugehörigkeiten gibt, die zu schützen sind, und die sich aus sich selbst heraus dynamisch verändern können – ohne einem homogenisierenden Verflüssigungsdruck von außen unterworfen zu sein. Letzeres wäre informationelle Inkontinenz. Nehmen wir – gewollte Exhibition außen vor – z.B. den Sex, der ist eine öffentliche Angelegenheit, bei Fischen. Nicht bei uns. Wir leben nicht im Wasser.

Privatsphäre und Datenschutz einerseits sowie Post-Privacy andererseits stehen auf dem Boden desselben Menschenbildes. Dieses ist ein Kollateralschaden der Dominanz hierarchischer Strukturen, die an anderer Stelle schon kritisch hinterfragt wurden.

Es gilt, den Teppich wegzuziehen und den Blick auf unsere Membranen, unsere Grenzen zu richten. Das müssen wir diskutieren und ggf. neu gestalten. Ein Totalverzicht auf Membranen im Netz, angesichts der Allgegenwart von Teraflops, nützt eben genau jene Teraflops nicht aus – im Sinne einer Kulturtechnik.

Eine Bemerkung am Rand

Oben war noch von einer grundsätzlicheren Krise des Denkens die Rede. Es gibt viele Beispiele, etwa das von der Finanzkrise und ihrer unverstandenen Komplexität. Ein weiteres, tiefer liegendes Symptom zeigt sich in „Zukunft“ projezierenden Publikationen, die meist aus den USA stammen oder nach dem US-amerikanischen Prinzip des Story-Telling in populärwissenschaftlichen Büchern verfasst sind. Womit ich gegen das Story-Telling an sich oder gegen die USA als Kulturnation – Hail, hail, Rock’n Roll! – nichts gesagt haben will. Bei uns fehlt es ein wenig an Leuten mit Mut zur visionären Großerzählung. Frappierend für mich ist nur manchmal die Betriebsblindheit, nehmen wir dazu das Beispiel Transhumanismus und dort den Upload, den Gedanken, menschliche Bewusstseine in einen Supercomputer hochzuladen, um prinzipielle Unsterblichkeit zu erlangen. Dazu, so die Spekulation, müssten die Rechner nur genügend Flops haben, eine superschnelle Turing-Maschine reiche dazu also aus. Halten wir fest, vor 50 Jahren war noch vom Elektronengehirn die Rede, heute reden wir von unserem Gehirn als einem biologischen Computer. Die Metaphernbildungsrichtung hat sich also um 180 Grad gedreht. Das führt dazu, dass die Upload-Spekulanten zum einen von einem recht kruden Materialismus fern von jeder Dialektik ausgehen, sich auf der anderen Seite aber mit der Upload-Hardware-Software-Dichotomie die klassische Leib-Seele-Zweiheit durch die Hintertür wieder einhandeln, ohne das zu merken! Eine Verunbewusstung der Leiblichkeit, die vor Schmerzen schreit.

Für die Entwicklung klarer Visionen gehört der Blick auf nicht- oder vorsprachliche Strukturen, das Denken in Strukturen und Prozessen und eben nicht in Zuständen, reine Erzählung – unhöflicher, Geschwätz – reicht da nicht aus, sondern endet in einem ex principio unerfüllbaren Heilsversprechen. Die Menschheitsgeschichte ist voll davon.

Spack-ex, das war’s. Wenden wir uns Wichtigerem zu. Zunächst raus an die Sonne.

Nick H.

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10 Responses to “Spackeria: infomationelle Selbstgestaltung vs. Inkontinenz?”

  1. […] zur Idee der sogenannten Postprivatheit (Postprivacy), die ich in zwei Blogbeiträgen “Informationelle Selbstgestaltung vs. Inkontinenz” und “Filtersouveränität schon am Ende” in April und Mai 2011 veröffentlicht […]

  2. […] Nick Haflinger: Spack­e­ria: info­ma­tionelle Selb­st­gestal­tung vs. Inkontinenz? […]

  3. Danke! Ja, damit wrd mir klarer, was Du meinst. Und, ja, ich halte auch das Schwarz-Weiß Denken Vieler nicht für zielführend. „Die Spackeria“ z.B. spricht davon, daß niemand derzeit eine echte Antwort auf den „Kontrollverlust“ habe. Dabei fing das Problem des „Kontrollverlustes“ gar nicht erst mit dem „Internet“ an, das fing an, als der Mensch begann, Dinge zu schaffen, die „ein Eigenleben“ entwickeln können. Und dazu gehört z.B. das „Feuer“ genauso wie der Revolver. Auch dafür gab es gesellschaftliche Antworten, warum also muß es „eine Antwort“ auf „den Kontrollverlust“ geben? Können wir nicht das, was als Antwort auf den Kontrollverlust bei der „Beherrschung“ des Feuers oder auch bei der „Beherrschung“ von Waffen entstand, ebenfalls nutzen, um mit dem „wahrgenommenen Kontrollverlust“ (der ja nun wirklich nichts Neues ist! Und ich fange an, einwenig abzuschweifen!) durch das Internet zu einer „Antwort“ zu kommen? Oer, anders gesagt: Ist nicht die klassische Idee des „Datenschutzgesetzes“, nämlich, den einzelnen Menschen vor dem „Mißbrauch“ von Daten zu schützen, schon die Antwort? Genausowenig wie ich Morde oder Brandstiftung verhindern kann, kann ich den Mißbrauch von „Daten“ verhindern. Aber, ich kann den Mißbrauch sanktionieren. Aber, das würde eine andere Diskussion werden…

    Und ich denke, daß eben nicht erst mit Leuten wie der von Dir genannten Mae-Wan Ho solche Naturwissenschaftler existieren, da gab es schon sehr viel mehr von, auch vorher, in der IT bspw. der immer wieder von mir gerne genannte Jospeh Weizenbaum.

    Also: Nochmals Danke!

    Matthias

  4. Nick_Haflinger sagt:

    Hallo Matthias,

    Du schreibst:

    „Großartig, gefällt mir sehr, und kann ich auch alles sehr genau nachvollziehen sowie bestätigen, […]“

    Zunächst Danke für Deine Anerkennung.

    Du zitierst mich:

    „Es gilt, den Teppich wegzuziehen und den Blick auf unsere Membranen, unsere Grenzen zu richten. Das müssen wir diskutieren und ggf. neu gestalten. Ein Totalverzicht auf Membranen im Netz, angesichts der Allgegenwart von Teraflops, nützt eben genau jene Teraflops nicht aus – im Sinne einer Kulturtechnik.“

    als auch:

    „Für die Entwicklung klarer Visionen gehört der Blick auf nicht- oder vorsprachliche Strukturen, das Denken in Strukturen und Prozessen und eben nicht in Zuständen, reine Erzählung – unhöflicher, Geschwätz – reicht da nicht aus, sondern endet in einem ex principio unerfüllbaren Heilsversprechen. Die Menschheitsgeschichte ist voll davon.
    Spack-ex, das war’s. Wenden wir uns Wichtigerem zu.“

    Du schreibst:

    „Wie darf ich das verstehen? Möchtest Du ein neues Menschenbild (um mal das aktuelle, mir überhaupt nicht behagende „Modewort“, das in diesem Kontext häufig genutzt wird, ins Spiel zu bringen) (ich interpretiere Dich so, daß Du hier „Nein“ antworten würdest), oder möchtest Du auf der Grundlage und unter Beibehaltung des aktuellen Menschenbildes (was auch immer das sein mag, jeder hat sicherlich ein anderes, eigenes!) eine Diskussion über Visionen (auch hier interpretiere ich Dich so, daß Du das eher nicht möchtest, weil diese „unerfüllbare Heilsversprechen“ sind), oder ist Deine Aussage eben, dass, wenn überhaupt an Visionen gearbeitet werden soll, dann nur unter Einbeziehung von Strukturen und Prozessen (also, wer kann was mit welchen Daten warum wie anstellen?) und eben nicht nur als Folge eines Postulates (Daten sind eh nicht zu schützen) zu kapitulieren, und eine Vision herbeizuträumen?
    Konkret gefragt: Wie möchtest Du mit dem Problem umgehen?“

    Danke für Deine Fragen, die mir die Gelegenheit geben, Einiges ein wenig zu präzisieren.

    Dass Du ein „Nein“ zu einem „neuen Menschenbild“ aus meinen Ausführungen schließt, damit kann ich nicht ganz einverstanden sein. Menschenbilder, d.h. unsere Selbstbilder waren und sind ja zu allen Zeiten Entwicklungen unterworfen. Es geht mir da um eine konstruktive Weiterentwicklung unseres Menschenbildes. Denn der Datenschutz sowie die Post-Privacy-Thesen stehen m.E. auf dem Boden desselben Menschenbildes, das ich mal die „Gehlen-Schiene“ nennen möchte. Gehlen benutzte mehrfach die Formulierung vom Menschen als Mängelwesen, „das zum Zwecke seines Überlebens gezwungen ist, „die Mängelbedingungen seiner Existenz eigentätig in Chancen seiner Lebensfristung umzuarbeiten.““ [Castella, 1998; Gehlen, 1940]
    D.h. Technik wird hier interpretiert als ein Zwang zur Technik, der uns bei Heidegger extrem, sogar blind für uns selbst macht, und dem sofort ein Täter-Opfer-Verhältnis folgt. Entweder wir sind Täter – i.e. die „bösen“ Betreiber von Suchmaschinen und Social Networks und sonstwas, oder Opfer, die Privatleute und -Gruppen, mit deren Daten Schindluder getrieben wird. Ich würde nun gern diese Entweder-Oder-Logik mit einer Sowohl-als-auch-Logik ergänzen, die uns aus dieser Klammer einer Ideologie der Ohnmacht herausführt im Sinne einer Freiheit zur Verantwortung. Denn menschheitsgeschichtlich folgt für mich, wir sind unsere Technik, unser Urahn war schon längst ein homo technicus bevor er ein homo sapiens wurde (wenn er das überhaupt schon ist, man kann ja auch sagen, die Hominisation, die Menschwerdung ist noch gar nicht abgeschlossen 😉 ). Technik also als Freiheit zur Technik und nicht als Zwang, in dem Sinne, dass wir demokratisch/gemeinsam darüber entscheiden sollten, wie, was und ob wir eine Technologie einsetzen oder nicht. Wobei wir nicht davon ausgehen sollten, dass es immer zu einem Konsens kommt.

    Mein zweiter Aspekt dabei ist ein struktureller. Inspiriert durch Internet oder Netzwerk schlechthin, reden wir mittlerweile über dezentrale Energieversorgung und vieles andere, netzwerkartige Distributionen niederschwelliger Technologien, aber Datenschutz ist – sowohl in den Augen der Datenschützer als auch bei den Post-Privacy-Leuten – immer noch eine monolithische Ganz-oder-Garnicht-Angelegenheit, bei den Posties ist das durch ihre leider sehr öffentlichkeitswirksame Mono-Argumentation sogar noch ausgeprägter. Ich finde das arm.

    Nun zum ersten Teil Deiner Fragen, da wird’s grundsätzlicher. Man kann vielleicht von vier Arten des Verstehens sprechen, von den Methoden der 1. Narration/Erzählung, der 2. Formalisierung (durchaus im mathematisch-logischen Sinne), 3. der Simulation (des softwaretechnischen Experiments) und 4. der Implementierung (technische Umsetzung, Hardware). Nur eine dieser Methoden allein muss zu einer Problem- oder Fragenbehandlung unzureichend bleiben. Das meine ich mit dem Blick auf nicht- oder vorsprachliche Strukturen, bzw. dem Denken in Strukturen und Prozessen. Wir haben m.E. zur Zeit die Konfiguration, dass speziell im kulturwissenschaftlichen Bereich unsere Erkenntnisproduktion in einer exzessiven Masse der Erzählungen und Meinungen, angereichert mit einem sprachlichen Metaphernhaufen des postmodernen, post- und trans- oder wie auch immer -humanen implodiert. Unsere Reflexion ist auf sich selbst zurückgeworfen. Die alten Griechen hatten dafür ein eigenes Wort, doxa, was sich zugegeben etwas respektlos mit Geschwätz oder Geschwafel übersetzen läßt. Ich will damit die Erzählung nicht grundsätzlich verdammen, im Gegenteil, wir sollten sie retten, indem wir sie eben nicht inflationär und allein einsetzen, sondern ihr ihren angemessenen Platz in dem o.g. Geviert zuteilen.
    Konkret heißt das, dass sich insbesondere Ingenieure, Mathematiker und Naturwissenschaftler, also Leute, die die Erfahrung des Machens und Bauens aus ihrem eigenen unmittelbaren Erleben kennen, aufwachen und reflektieren sollten, um sich den Boden von 1. ein Stück weit zurück zu erobern, um die armen, in postmoderen Säften kochenden Kulturwissenschaftler dort nicht allein zu lassen ;-). Aber es hat ja schon angefangen, ich bin da zuversichtlich, nehmen wir z.B. die asienstämmige Britin Mae-Wan Ho, die einen etwas anderen Blick auf Genetik und Evolution pflegt. Solche Leute hat es zu allen Zeiten gegeben, sie sind nur meist etwas leiser und weniger populistisch. Und ich? Ich bemühe mich, und manchmal denke ich, es gelingt mir was.

    LG, Nick H. aka Joachim

  5. […] Spackeria: Informationelle Selbstgestaltung vs. Inkontinenz? – Nick Haflingers Blog […]

  6. Teiler Döhrden sagt:

    Danke, Joachim,

    dass Du Deine Gedanken von Samstag noch einmal etwas ausführlicher dargelegt hast.

    Ich hoffe, der eine oder die andere schafft es, auf Deinen Artikel inhaltlich einzugehen.

  7. Nick_Haflinger sagt:

    Liebe Julia,

    habe in der Mail nochmal nachgelesen und das Zitat im Beitrag korrigiert. Sorry für den falschen Bezug.
    Inszenieren tun wir uns alle. Diesbezüglich mache ich mir keine Illusionen. Eine Inszenierung als was hättest Du denn vorgezogen?
    Und ob ich das Wort „totalitär“ in seiner allgemeineren oder eingeschränkten politischen
    Konnotation benutze, überlässt Du bitte mir.

    Liebe Grüße,
    Joachim

  8. […] Eine Antwort zu: Spackeria: infomationelle Selbstgestaltung vs. Inkontinenz?: […]

  9. Richard sagt:

    Moin Joachim!

    Um die Post-Privacy-Spackos zu entlarven hätte es wohl weitaus weniger als das oben gebraucht, interessant ist der Text aber trotzdem. Danke.

    Liebe Julia,

    Gibt es auch inhaltliche Argumente zu Joachims Text? Die würden mich durchaus interessieren.

    Ansonsten: Der Vorwurf „ad hominem“ mag ja hin und wieder angebracht sein. Aber nicht wenn man selber direkt danach den gleichen rhetorischen Move vorzeigt. Sollte die Spackeria tatsächlich an einer inhaltlichen Auseinandersetzung interessiert sein ist das jedenfalls nicht der richtige Weg.

    Beste Grüße an euch beide.

    Richard

  10. laprintemps sagt:

    Lieber Joachim,

    ich verstehe dich nicht – wirklich nicht. Nicht nur zitierst du mich falsch (ich habe die nicht-Teilnahme an SN angesprochen, nicht am Netz an sich!!!), sondern du machst die ganze Sache persönlich, gehst auf meine Punkte in der Mail nicht ein und wirfst die oben genannten Menschen alle in einen Topf.

    Das enttäuscht mich sehr. Du hast gute und wichtige Punkte und deine Kritik auf sachlicher Ebene hat mich sehr inspiriert, aber deine überhebliche Art und der Glaube besser zu sein, was mit jedem Satz durchschimmert und was du auch mit „NE, IST NICHT SO“ nicht einfach wegwischen kannst, macht mich wirklich traurig. Sorry, aber eigentlich schätze ich deine Meinung sehr und es irritiert mich, dass du dich hier als Großväterlich inszenierst – inklusive Ignoranz gegenüber den Ideen und Anliegen anderer.

    Und wenn du schon totalitär benutzt, dann doch bitte in der Tradition des Wortes und nicht einfach so, wie du es gerade beliebst zu definieren.

    Schade, aber deine Vorurteile sind wohl doch stärker als die Reflektion. 🙁

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